Esra
- Journal
- Esra
- Volume
- 1 (1919-1920)
- Issue
- Heft 4
- Article
- Asien und Europa
- Date
- 1919-01-01
- Page
- 121 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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gesperrt hatte, um damit ganze riesenhafte Erdteile zu verschlingen, haben wir bereits Kriege, Plünderungen, Wechsel von Fürstenherrschaften gehabt und all die trostlosen Zustände, welche daraus folgen — aber noch niemals ein gleichartiges Schauspiel von schreckenerregender und hoffnungsloser Gefräßigkeit, von Ausbeutung im großen aller Nationen gegen alle, von gleich ungeheuerlichen Maschinen, um damit weite Erdstrecken in Hackfleisch zu verwandeln, niemals gleich fürchterliche Eifersüchteleien, mit ihren Hauern und ihren Krallen, bereit, sich gegenseitig -die Eingeweide aufreißen. Das ist eine wissenschaftliche nicht aber eine menschliche Zivilisation, Sie ist mächtig, weil sie alle ihre Kräfte auf ein einziges Ziel einstellt, wie ein Millionär, der um den Preis seiner Seele seinen Schatz vermehrt, Sie verrät ihren Glauben, sie spinnt schamlos ihre Lügengewebe, in ihren Tempeln errichtet sie dem Profit hünenhafte Götzenstandbilder und nährt ihren Stolz aus dem kostspieligen Feiergepränge seiner Gottesanbetung: dies nennt die Welt Vaterlandsliebe. Wir prophezeien ohne Zaudern, daß dieses so nicht weiter fortgehen kann. Denn es besteht in dieser Welt ein Sittengesetz, das gleichmäßig auf die Einzelpersonen wie auf die zusammengeschlossenen Gesellschaftsgefüge anwendbar sein muß. Es geht nicht an, daß sie dieses Sittengesetz im Namen ihrer Nation fortfahren zu verletzen, und daß sie gleichzeitig als Einzelpersonen aus ihm ihren Vorteil ziehen. Diese Tatsache, daß das sittliche Ideal öffentlich untergraben wird, übt ihren Einfluß allmählich auf jedes einzelne Glied der Gesellschaft aus und erzeugt Schritt für Schritt die Schwächung und die höhnische Beargwöhnung alles dessen, was .an der menschlichen Natur heilig ist, worin sich öffenkundig die Greisenhaftigkeit anzeigt. Man soll sich daran erinnern, daß diese politische Zivilisation, dieses nationale und patriotische Glaubensbekennen immerhin erst eine nur kurze Seinsprobe bestanden hat. Das Morgenland mit seinen mannigfaltigen Endzielen der Sehnsucht, in dessen Mutterschoße sich die Sonnenjahrhunderte und das Sternenschweigen aufgestapelt haben, kann geduldig abwarten, bis das Abendland, auf der Verfolgung des Unmittelbaren, den Atem verliert und haltmacht Das Morgenland weiß, daß es unsterblich ist und daß es noch gar manches Mal m der Menscheitsgeschichte erscheinen wird mit seinem Labeuunk des Lebens. Das geschäftetreibende Europa hetzt und jagt, um seinen Verbindlichkeiten nachzukommen und wirft aus dem Türschlage seines Wagens nur'einen verächtlichen Blick auf den Schnitter, der auf dem Felde seine Ernte schneidet: ihn kann es, verdreht von der Schnelligkeit, nur als ewig langsam und rückständig ansehen. Aber die Schnelligkeit endet mit .dem Haltmachen, das •Geschäft verliert seine Wichtigkeit, und das ausgehungerte Herz schreit nach der Nahrung, bis daß es endlich umkehrt zu dem späten Schnitter, der seine Ernte jn der Sonne schneidet. Denn -wenn die Geschäftsstube nicht warten kann, noch der Waren- 121