Esra
- Journal
- Esra
- Volume
- 1 (1919-1920)
- Issue
- Heft 2
- Article
- Verwandte Wege
- Date
- 1919-01-01
- Page
- 57 (sequence 2)
- Language
- German
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des gemeinsamen Glaubens sein kann und nicht umgekehrt, weil sonst niemals Kommunismus wirklich wird, sondern die Raubtierinstinkte letztlich siegreich bleiben. Immerhin hat der sozialistische Gedanke, dem wenigstens der Wille zum Neuen innewohnt, wenn auch dessen Bewußtsein durch die evolutionistische Doktrin veidrängt ist, die stärkste Anziehungskraft auf die Jugend. In diese Verwirrtheit und dieses Abweichen vom richtigen Wege Licht zu bringen, ist die Absicht einer Ansprache, die einer der besten Geister des jugendlichen Deutschland, Hans Blüh er, an die freideutscbe Jugend gehalten hat und die jetzt unter dem Titel «Deutsches Reich, Judentum und Sozialismus» im Verlag Georg C. Steinicke in München erschienen ist. Die Formel mit der Blüher der deutschen Jugend neue Ziele setzt, ist für uns Ueberraschung und Genugtuung zugleich: die Idee des Deutschen Reiches, sagt er, muß für die Deutschen das werden, was den Juden Zion ist. Das nationale Symbol muß mit dem geistigen zusammenfallen. Die Idee des Reiches und die Lehre 1 von den letzten Dingen, der Wille zum Volkstum und der Wille zur menschlich tiefsten und gewaltigsten Bewegung, das ist für den Juden der Name Zion, die Gottesburg, zu der hin er gerade in unserer Zeit, (während in der Volksseele irgend ein Dunkles sich ereignet) die für den außenstehenden Betrachter erstaunliche Rückkehr vollzieht. Denn im jüdischen Volk hat sich in antiker Zeit das beispiellose Geschichtswunder ereignet, daß schon das irdische Leben, das von Königen beherrschte Reich, der Schauplatz eines Geisteskampfes wurde, indem der Wille zur Durchsetzung des Geistes mit den entgegenstrebenden Lebenstendenzen rang. Diese religiöse Erfüllung des Volkslebens hatte aber die Folge, daß im Innern der Volksseele eine vernichtende Zweiteilung geschah: das heilige Volk mußte zugleich das verruchte sein, weil nirgends so wie in solchem Vorgang die Polarität der Menschenseele offenbar werden mußte. Blüher erkennt richtig, daß Auserwähltheit stets identisch ist mit höchster Verpflichtung, Erfüllung und Abfall, Gnade und Verworfenheit untrennbar verschlungen sind. Daher war auch der fürchterliche Leidensweg der Juden zugleich ein Missionsweg. Aus dieser ahnungsvollen Deutung des jüdischen Wesens ergibt sich für Blüher auch eine gerechtere Beurteilung des Judentums und des Zionismus. Im Zionismus erkennt er eine Bewegung von unbedingter geschichtlicher Größe, den Willen, aus einer Herde wieder Volk zu werden, .Volk: das immer nur 57