Mannheim
Compact Memory

Esra · 1919-01-01 · Heft 2 · p. 44

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Esra
Volume
1 (1919-1920)
Issue
Heft 2
Article
Bolschewismus, Judentum und die Zukunft
Date
1919-01-01
Page
44 (sequence 4)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
93% known words query
IRI
…/2828641-2828642-2828644-2828748--082-2828779
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

direkte Ursache vielmehr ist jene europäische Masse, deren Be^ stialität gegen Schwache und Geschwächte stets Äusserung ihrer Existenz war, der Judentum gleich war, mit etwas, das unter* drückt werden muß, Nidits aber ist ewig zu unterdrücken, ohne daß es mit Gegendruck antworten würde. Wenn nun aber auch jene Juden, die ihr Volkstum verloren, in bolschewistischen Formen reagierten, kann der Bolschewismus natürlich nicht als eine jüdische Angelegenheit beieichnet werden, denn die ge* sunden Elemente des jüdischen Volkes reagierten in eine andere Richtung, in die des Zionismus, der in seinen Anfängen nichts anderes ist, als der elementare Freiheitsschrei der Unterdrückten, (und nur reiner Gedanke bleiben kann, solange er Schrei bleibt) die dem Geknechteten immanente Tendenz zur Revolutionierung seiner ihm gleichen Umgebung. Beide sind revolutionär, der ge* sunde und der kranke Jude5 der Eine aber blieb revolutionier rertd beim Volk, um es und die Menscheit zu erlösen, der Andere verließ das Volk, weil er in dem tragischen Irrtum befangen war, daß Volk ein überholter Begriff sei und die Menschheit aus einer mehrweniger homogenen Masse bestehe, die. man durch Anwendung gewisser Theorien innerlich und äußerlich zu einem Block zusammenschmelzen könne* In dieser falschen Ansicht scheint mir auch die schließliche Lebensunfähigkeit des Bolschewismus begründet zu sein, jenes von Bucharin festgelegten Programmes, das Individualität im Einzelnen wie in den Völkern nur als etwas zu überwindendes kennt Hier liegt der Irrtum des phantasiearmen Theoretikers, der am Schreibtisch die Menschheit ummodelnd, plötzlich faktische Macht in die Hände bekommt und nun seine Theorie in Tat umzusetzen versucht Fleischgewordene Rechenmaschine, die den Eintritt des glücklichen Zeitalters genau errechnet hat, hat ein System aufgebaut, das zwar folgerichtig entwickelt, aber an das der menschlichen Phantasie sich entringende Bedürfnis nach steter, auch äußerer Veränderung und an den unbrechbaren Willen des Individuums zur Individualität vergißt. Der Jude aber ist letzten Endes Romantiker und Individualist, mehr als ein Anderer, Ihn wird der Bolschewismus schließlich abstoßen > sein Materialismus (wenn er überhaupt existiert: eine Galutherrungen» schaft) ist nie so groß, als daß er ihn mit einer Welt versöhnen könnte, die aus genau konskribierten Produktions« und Kon« sumtionsmaschinen besteht Eines Tages würde er sich fragen: 44-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.