Mannheim
Compact Memory

Esra · 1919-01-01 · Heft 1 · p. Seite 24

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Esra
Volume
1 (1919-1920)
Issue
Heft 1
Article
Besinnung, Vergeistigung, Verantwortung
Date
1919-01-01
Page
Seite 24 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
97% known words query
IRI
…/2828641-2828642-2828643-2828674--041-2828725
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

führenden angepriesen haben. Über allen steht — früher sagte man Gott — die Unendlichkeit! Wenn ihr euer Volk wahrhaft lieben wollt, dann müßt ihr ihm seinen Glauben lassen, seinen Willen zur Erkenntnis, seinen Drang zur Gerechtigkeit, die Friedlichkeit seines Lebens, die Heiligkeit seiner Märtyrergeschichte. Wenn ihr, die künftigen Lenker und Prediger, in eurer Gedankenwelt lebt, die befruchtet sein möge vom Geist der Ahnen, kaum berührt vom Flügelschlag der gegenwärtigen unheiligen Zeit, worin sich die blassen Zeichen der Rückerinnerung erst ankündigen, wenn ihr euren eigenen Schaffens- und Reinigungsstunden euch hingebt, dann wirkt ihr tiefer und nachhaltiger als die Prediger auf dem Markte. Denn die Gefahr ist vorhanden, daß die Vision von der Tragödie eures Volkes euch entgleitet, bevor das Bild im blendenden Licht dasteht, bis es vom bewußten Kunstverstand geformt wird. Darin liegt auch die Gefahr für die kommenden Generationen, daß sie aus dem Resultat der gegenwärtigen politisch-verflachenden Epoche die Konsequenzen werden ziehen müssen, ohne den Sinn dieser Verelendung verstanden zu haben. Es ist gar nicht zu verwundern, warum in den Schöpfungen der Tageshelden sich so wenig findet, das die innersten, noch nicht anerkannten Strömungen ihrer Zeit wiederspiegelt, so wenig von den Erlebnissen des jüdischen Volkes, von dem Ringen um ein neues, will sagen, vergessenes, entwürdigtes Ideal. Zwar fühlen einzelne Begnadete, daß es rings um sie gärt, daß größere machtvollere Forderungen von den Besten ihres Stammes an sie gestellt werden, aber sie müssen zuerst selber mit sich fertig werden bevor ihre Entscheidung, ihre Tat die Zeitströmung befruchten kann. Gebt der Materie, den Geist wieder! Das ist ein vom Gewissen geweihtes Postulat. * ■* * Wenn die innere Stellung des Menschen in Ordnung ist, wird die äußere folgen können. Aber diese innere Stellung muß erst erobert werden. Man muß sich selber vergessen vor den Menschen, die man frei machen will, denen man ihr Eigenstes, den Glauben an ihre Mission, bewahren will und niemals sich ausgestoßen fühlen, wenn sie die Erlösung verschmähen, die man ihnen zugedacht hat Die Verleugnung des jüdischen Gedankens in der Welt, wie schmachvoll sie auch sein mag, ist noch leichter zu ertragen als seine Verfälschung und der heimtückische Trieb, sich aufzulehnen gegen die ewig vom Judentum ausgehende Revolution, oder feige beiseitezustehen. Ohne Wahrhaftigkeit und Gerechtigkeit kommt der Jude um seine heiligsten Aufgaben und schwerer wiegt noch die Pflicht der Verantwortung, die er von altersher auf sich genommen hat. Jude sein heißt die Verantwortung tragen für alles Unreine, das sich durch die Kanäle ergießt der Menscheit. P 0 S I 24

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.