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Esra · 1919-01-01 · Heft 1 · p. Seite 19

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Esra
Volume
1 (1919-1920)
Issue
Heft 1
Article
Naivität im Judentum
Date
1919-01-01
Page
Seite 19 (sequence 4)
Language
German
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Wände, wenn die Gelehrten um die Halacha ftreiten, was habt ihr euch hineinzumifchen. Da neigten (ich aus Ehrfurcht vor R. Jehofchua die Wände nicht weiter, doch aus Ehrfurcht vor R. Eliefer richteten fie fich auch nicht wieder auf. Und fo ftehen fie fchräg, wie man noch heutigen Tages fehen kann. — Rabbi Eliefer ließ nicht nach und rief endlich: Wenn ich recht habe, fo möge Gott felbft dies beftätigen. Nun ließ fich eine himmlifche Stimme vernehmen: „Was ftreitet ihr wider R. Eliefer ben Hyrkanos, da doch in allen Punkten die Halacha nach ihm geht! Rabbi Jehofchua erhob fich: „Die Lehre ift nicht mehr im Himmel, Sie wurde auf dem Sinai öffentlich verkündigt, feither hört man nicht mehr auf Himmelftimmen. Und in der Lehre heißt es: Die Mehrheit foll entfeheiden! — Damit wurde die Verfammlung aufgehoben. Einige Zeit später traf R. Nathan, einen Teilnehmer jener denkwürdigen Sitzung, den Propheten Elia (der bekanntlich noch heute in Menfchengeftalt unter uns wandelt). „Was hat man damals im Himmel zu unferen Streit gefagt, fragte R. Nathan den Propheten- Es antwortete Elia: „Gott hat gelächelt und die Worte gefprochen! Meine Kinder haben mich befiegt . . ♦* „Meine Kinder haben mich befiegt!" — Ich glaube, die Welt» literatur hat kein Wort aufzuweisen, fo fußen Zutrauens voll, fo gleichfam mit dem Kopf an Gottes unendliche Bruft gelegt. — Wir aber laffen uns auffchwatzen, daß erft das Chriftentum den Begriff der Gotteskindfchaft gefchaffen hat. Indeffen dichteten fchon unfere Tannaim in Herzenseinfalt als rechte Kinder Gottes, ja, wie man fieht, zuweilen als Gottes unartige Kinder. Und wie dachten fich diefe reinen, herzlich*geradlinigen (alfo doch wohl naiven) Meifter das Tagewerk des göttlichen Vaters? Der Traktat Abodah Sarah gibt Auskunft darüber: „Der Tag befteht aus zwölf Stunden. Während der erften drei Stunden ftudiert Gott die Thoraj während der zweiten drei Stunden richtet er die Welt. Da er aber fieht, daß alle Menfchen die Verdammnis verdient haben, fteht er auf vom Stuhl der Gerechtigkeit und fetzt fich auf den Stuhl der Barmherzigkeit. In den dritten drei Stunden bereitet er allem, was da lebt, feine Speife. In den letzten drei Stunden fpielt er mit dem Leviathan^ denn es heißt ja: Den Leviathan haft du gefchaffen, mit ihm zu fpielen". — Diefe Legende von naivfter Schöpfer« und Künftlerfreude . . . Gott fpielt zu Tages« fchluß und Tag für Tag nach getaner Arbeit mit dem Ungetüm, dem herrlichen Fifchkoloß, den er aus überftrömter Kraftfülle 19

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