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Esra · 1919-01-01 · Heft 1 · p. Seite 17

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Esra
Volume
1 (1919-1920)
Issue
Heft 1
Article
Naivität im Judentum
Date
1919-01-01
Page
Seite 17 (sequence 2)
Language
German
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auf uns: mit den Augen der Fremden. Und wir glauben das, was die Fremden über uns aufgebracht haben* Wir fchieben die Mißverftändniffe der Fremden zwifchen uns und unfer lebenver* langendes Ich. Wir fchablonifieren uns. Aus lauter Befangenheit in fremde Wertungen, aus lauter Gewiffenhaftigkeit mißwerten, unterwerten wir uns. Und wenn wir uns, was noch peinlicher ift? manchmal überwerten, fo auch das nach uns inkommenfurablen Vorbildern. So etwa foll unfere „Auserwähltheit" oder unfere „Religiofität" just in derfelben Art „Auserwähltheit* oder „Religiofität" fein, wie diefe Begriffe von andern Völkern gebraucht werden. Und weil unfere Naivität von anderer Konfiftenz ift als die Naivität etwa eines Deutfchen oder Franzofen, foll es wahr fein, daß wir überhaupt keine Naivität befitzen . . .? In einem Kreife von Blondhaarigen ift man übereingekommen, von einem, der fchwarze Haare hat, zu behaupten, er habe überhaupt kein Haar* Und gehorfamft nimmt der Schwarzhaarige diefes Urteil an, zum Schluß glaubt er felbft nicht mehr an die Möglichkeit, daß auch fchwarze Haare Haar fein könnten * . . So verlangt eine ganze Reihe deutfchjüdifcher Kritiker (Julius Bab u. a.) vom jüdifchen Dichter Naivität von der Sorte etwa deutfcher Naivität und ohne nachzuforfchen,ob unfere Naivität nicht vielleicht von fchwärzlicherer Färbung ift, konftatiert man einfach: Juden haben keine Naivität.. * Zurück zu unfern heiligen Quellen! Welche Naivität erfchließt fleh in jenen Büchern, wo man fie am wenigften vermuten würde; in den Folianten des Talmud . . , Es ift freilich eine Naivität befonderer Art. Sie beruht auf der Vorftellung fittlicher Freiheit, die (in einer befonderen komplexen Verbindung mit dem Gnaden« begriff) das Wefen jüdifcher Religiofität ausmacht Der Menfch als Mitgenoffe Gottes bei den „Werken des Anfangs", bei der Weltfchöpfung. Mit welcher Innigkeit, welcher fußen Einfalt und Tiefe ift gerade in diefem Geifte die menfch=göttliche Beziehung im Judentum behandelt worden. Eine Vertrautheit und arglofe Vertraulichkeit mit dem göttlichen Urlicht, eine Naivität der Vor* ftellung fpricht aus der Überlieferung, nach der man fich unter Tranen zurückfehnt. Mofes fpricht mit Gott auf dem Sinai und, wie der Traktat Sabbath zu berichten weiß, findet er Gott damit befchäftigt, Kronen für die Buchftaben der Lehre zu verfertigen, »Ift es in euer Stadt nicht üblich zu grüßen?", redet Gott ihn an und Mofes erwidert: „Gewiß, aber ein Knecht darf doch den Herrn nicht grüßen". Darauf Gott: „Du hätteft mir wünfehen follen^ 17

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