Freie Tribüne
- Journal
- Freie Tribüne
- Volume
- 3 (1921)
- Issue
- 24 (15.11.1921)
- Date
- 1921-11-15
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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PPO/-5rAA/ffA A^^LS+AZ. ^ÄN©£A VffAflW/or Ic/c^r ^HliHliMiiiiiiiMimmHfmmttwwi^ IREII TRIBÜNE Organ der Jüdischen Kommunisfischen Partei Oesterreichs. Einzelnummer K 10. Bezugspreis: Ganzjährig K 240.— Halbjahrig K 120.— Vierteljährig K 60.- Redaktion und Verwaltung : Wien, IL, Glockengasse 6/17 Erscheintjzwei mal im Monat. Abonnentenpreis für Ausland t Deutschland M. 20.—, Tschechoslawakei K. 20.—, Polen M. 360.—, Amerika Dollar 1.—, andere Länder Frcs. 6.— jährlich. III. Jahrgang Wien, 15. November 1921. Nr. 24 November Revolutionen. Der Zeitenlauf fügle es so, dass die Daten der russischen und der mitteleuropäischen Revolutionen in einer Novemberwoche sich jähren. Als wollte die Geschichte dadurch der denkenden Menschheit den Unterschied zwischen den beiden Revolutionen veranschaulichen. In der Tat. Welch ein ungeheurer Uhter- schied zwischen dem Ergebnis der ru9ischen und der mitteleuropäischen Revolution. Während in Russland die proletarische Diktatur gesiegt, die sowjetistische Staatsform sich behauptet, und im Bewustsein des arbeitenden Volkes tiefe Wurzel gefast hat, sind die mitteleuropäischen Republiken täglich von Neuem in deren Exsistenz bedroht und die monarchistische Gesinnung der besitzenden Klassen gewinnt, in der Gestalt der organisierten, gutbewaffneten, gegenrevolutionären Miütärformationen, eine ernste, die gesammte Staatsmacht, unheimlich beeinflussende Kraft. Das russische Proletariat vermag in vierjährigem Ringen die wirtschaftliche Macht, ja selbst den Rahmen der wirtschaftlichen Betätigung der besitzenden Klassen, genau und strenge zu umgrenzen. Die Arbeiterschaft Mitteleuropas sieht sich nach dreijähriger Revolution gezwungen, nicht nur den Gedanken der sogenannten „wirtschaftlichen Demokratie" sondern auch jeden ernsten Versuch, einer Beeinflussung des wirtschaftlichen Aufbaues aufzugeben. Während das russische Proletariat üj)er die gesammte Sozialpolitik, wie Arbeitszeit, Arbeitslohn, Arbeitsbedingungen und dgl. — selbstherrlich entscheiden kann, gelang es der Bourgoisie Mitteleuropas, gar vieles von den bescheidenen Errungenschaften der November Revolution auf dem Gebiete der Sozialpolitik zu anulieren. Wohl währ es dem russischen Proletariat -nicht gegeben, in gradlinigen Anlauf zur kommunistischen Wirtschaftsordnung zu gelangen, wohl sieht sich die Sowjetrepublik gezwungen, an das in-und-ausländische Kapital bedeutende Konzessionen zu gewähren, allein die Arbeiterschaft Russlands ist in der' glücklicheren Lage, nicht nur das Ausmass der Konzessionen ,zu bestimmen, sondern auch Gegenkonzessiohen zu forderen und zu erreichen und dadurch die proletarische Diktatur nicht nur politisch, sondern auch wirtschaftlich zu befestigen. Ist demnach das Ergebnis der beiden November Revolutionen — der russischen und der mitteleuropäischen — so verschiedenartig, so wäre es verfehlt einzig and allein nach dem Schuldigen zu forschen. Es gilt vielmehr die Ursache dieser verschiedenartigen Resultate zu ermitteln und aus der Erfahrung die richtige Lehre für die Zukunft zu gewinnen. Und der Ursachen dieses Mißverhältnisses waren gar viele. Will man aber aus dieser Erfahrung die wichtigste Ursache erkennen, dann muss man bedenken, dass aller voraussieht nach, allen theoretischen Konzeptionen gemäss, das Ergebniss ein Umgekehrtes hätte sein sollen. Das kapitalistisch hochentwikelte Mitteleuropa mit seinen mächtigen, langjährig geschulten Arbeiterorganisationen hätte ohne Zweifel dem wirtschaftlich rückständigen, politisch unreifen Russland, in der Revolution voranschreiten und weiterkommen müssen. Es geschah jedoch anders. Warum? Die erste und hauptsächliche Ursache ist darin zu suchen, dass die mitteleuropäische Revolution, sich von Anbeginn keine weiteren Ziele gestellt hat. Die mächtigen Arbeiterparteien Deutschlands und Oesterreichs hatten die, zwischen dem Jahre 1848 und 1918 Hegende hochkapitalistische Entwicklung, fällig atisseracht gelassen. Sie wähnten Realpolitik zu machen, indem sie der Revolution das. bescheidene Ziel Errichtung der demokratischen Republiken Mitteleuropas—stellten. Für dieses Ziel glaubten sie alle Klassen der Gesellschaft zu gewinnen, während die proletarische Diktatur nur gegen alle besitzende Klassen zu erlangen Väre. Erst später, nach dem das Bürgertum, sich vom ersten Schrecken der Revolution erholte, sollten sie gewahr werden, dass in unserer modernen, klassendifirenzierten Geselschaft, die Bourgoisie aufgehört hat, Träger der fortschriitlichen Entwicklung zu sein; sie hat 9omit auch die fähigkeit vorloren unbedingter Verteidiger der republikanischen Staatsform zu sein. Die Bourgoisie sieht in der Monarchie die einzige Gewähr für die Unantastbarkeit des Privateigentums. Erst nach Ablauf dreier Revolutionsjahre sollten sich die Arbeiter überzeugen, dass sie allein es sind, die gewillt und fähig sind, die demokratische Republik zu erhalten. Das Proletariat allein, ohne, ja, allzuoft, gegen alle anderen Klassen. Das Proletariat müsste demnach seine eigene Diktatur zur Erhaltung der bürgerlichen Republik anwenden; dies die Lehre der proletarischen Revolution in Mitteleuropa. Kein Wunder, dass das Proletariat hiezu weder gewill nochl befähigt ist. Und so muss die -'Arbeifcerscrwfr':. in A^iti^ur^p^ SchritH'für Schritt, vor dem Angriff der Bourgeoisie, Zurückweichen, und immer wieder die monarchistische Gefahr abwehren, während das russische Proletariat seine Diktatur siegreich behauptet und den proletarischen Staat, nach Überwindung grosser Schwierigkeiten zur Festung des künftigen sozialistischen Gemeinwesen ausbauet. Der 7. November 1917 und der 12. November 1918. Ein Jahr blös liegt dazwischen. Aber welch, gewaltiger Unterschied zwischen' der Revolution vom 7. und derjenigen vom 12. November. Die Arbeiterschaft Oesterreichs und Mitteleuropas müsse daraus die einzig richtige Lehre ziehen: es gilt die Revolution weiterzuführen, es gilt die proletarische Diktatur zu errichten. Unsere Verbandsberatung. Es war eine stille, sachliche Tagung. Es galt die Entwicklung unserer Bewegung seit der fünften Weltkonferenz einer kritischen Prüfung zu unterziehen und die Linie der weiteren Tätigkeit anzumerken. Die Entwicklung unserer Bewegung. Sie ging nicht immer gradlinig vor sich; unser Verband stand allzuoft vor schwierigen inneren Problem; manchesmal schien es, wir wären nicht in der Lage die, von der V. Weltkonferenz eingeschlagene politische Linie, einzuhalten. — Unsere Bewegung konnte jedoch immer wieder, die Schwierigkeiten überwinden und brachte stets von Neuen die lebendigen Kräfte hervor, die das Ziel der fünften Weltkonferenz — den einheitlichen, wohl disziplinierten Kommunistischen Verband — mit verdoppelter Energie anzustreben verstanden und es endlich auch zu erreichten vermochten. Denn war auch die Kritik der Tätigkeit des Verbandsbüros, oft nicht mit Unrecht, allzuscharf, so musste die Verbanbsberatung einmütig anerkennen, daß es dem Verbansbüro unter den denkbar ungünstigsten — politischen, organisatorischen und finanziellen Bedingungen gelungen war, unsere Bewegung, im Sinne der V. Wettkonferenz, als Jüdischen Kommunistischen Verband Poale Zion zu konsolidiren. Alle Delegaten hoben mit besonderem Nachdruck hervor, dass unsere Bewegung im letzten Jahre zum ersten Mal verspürt hat, dass sie einheitlich und zielbewußt geleitet wird. Zum ersten Mal in der Geschichte unserer Bewegung fühlte sich jede Pöale Zion Partei für das Tun und lassen der Brüderparteien verantwortlich; zum ersten Mal hat die Idee der Allwelilichkeit des jüdischen Proletariats konkrete, organisatorische Formen angenommen. So konnte die Verbandsberatung mit Befriedigung konstatieren, dass der Konsolidierungsprozes unserer Bewegung, der mit der Vereinigung der kommunistischen Fraktion der I. S. D. mit der l. K. P. begonnen, durch die ausgesprochene kommunistische Arbeit der polnischen und bstgalizischen Parteien verheißungsvoll fortgesetzt, durch das heldenmütige Auftreten unserer Palästina Partei, sowie die entschlossene Haltung unserer amerikanischen und argentinischen Genossen gefördert unter der Leitung des Verbandsbüros zum erfolgreichen Abschluss gebracht wurde. So steht unser Verband als die vereinigte, allweltliche jüdische kommunistische Bewegung da. Bei Feststellung der weiteren politischen Linie war der-Verbandsberatung von: .....vorneherein enge^Gren^eft-ge^ogerir-Die^'gröfe^ und wichtigste^ Frage unserer Politik-Anschluss an die Kommunistische Internationale — soll durch die nächste, VI. Weltkonferenz entschieden werden Die Beratung sollte bloss die eingeleiteten Schritte des Verbandsbüros prüfen, die bereits erzielten Ergebnisse nach ihrer wahren Bedeutung werten und die nächsten Schritte zur weiterführung der Anschlussaktion bestimmen. An Hand des Vorliegenden Berichtes der Verbandsdelegation und des Briefes des Exekutivkomitees, prüfte die Beratung nüchtern die Lage. Ohne sich die Kompetenzen der Weltkonferenz anzumassen, ja, ohne der Entscheidung der Weltkonferehz auch nur vorgreifen zu wollen, würdigte die Verbandsberatung sowohl die grossen Errungenschaften, die der Brief, der jüdischen Arbeiterbewegung im allgemeinen und unserer Bewegung im besonderen verheisst, als auch, die noch zu überwindenden Hemmnisse, die demf Anschluss des jüdischen Proletariats, als gleich und vollberechtigtes Mitglied der Kommunistischen Internationale, im Wege stehen. Die innere Entwicklung und .ideologische Ertsarkung unserer Parteien erzwang eine radikale Änderung in der Beziehung der Internationale zu unserem Verbände. Die Exekutive hatte vor aller Welt dokumentiet, dass sie in unserem Verbände, die vereinigte jüdische kommunistische Bewegung ersieht. Die Existenz unseres Verbendes und zielbewusie Verteidigung, unserer programatischen Grundsätze hatte zur folge, dass die Kommunis- . tische Internationale, die Existenz eines eigenartigen jüdischen Arbeiterproblems anerkannte. Die Durchschlagskraft unserer Überzeugung reichte so weit, dass die Exekutive, gemeinsam mit uns, das Wesen des jüdischen Arbeiterproblems in den eigenartigen Produktionsbedingungen des jüdischen Proletariats erblickt; gemeinsam mit uns sieht auch die Exekutive, in der Wanderbewegüng der jüdischen Massen, den charakteristischen Ausdruck des jüdischen Arbeiierproblems. Diese, von weittragender geschichtlicher Bedeutung, errungene, teilweise Anerkennung unseres Programms, galt es festzuhalten und den jüdischen Proletariern verständlich zu machen. Es galt insbesondere die kleinen j<autsky und die nocbj kleineren Otto Bauer aus dem rechten Lager der jüdischen Arbeiterbewegung, die sich in der Verleumdung der Kommunistischen Internationale, als eine „engherzige Sekte", den Rang streitig machen, zu entlarven. Die Anerkennung der Existenz eines eigenartigen jüdischen Arbeitesproblems straft all jene Lügen, die da behaupteten, die Kommunistische Internationale wäre nicht fähig, die verschiedenartigen Verhältnisse der Proletarier yer«