Freie Tribüne
- Journal
- Freie Tribüne
- Volume
- 3 (1921)
- Issue
- 11-12 (9.4.1921)
- Date
- 1921-04-09
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Das kaiserlich-königliche Possenspiel ist rasch zu Ende, der von unsichtbarer Hand gehobene Vorhang der schwarzgelben hrtriguenkunst fällt wiederum lautlos zu Boden und man mutet den unfreiwilligen Zuschauern am Ende zu — wie es bereits der Held und seine Mitspieler getan — mit Beifall und Dank nach Hause zu gehen. Kein Zweifel auch, der apostolische Hanswurst und seine Getreuen taten ihr Möglichstes, die Sensations- und Lachlust des internationalen Publikums zu befriedigen, doch haben wir wenig Grund, ihr verschmitztes Spiel' bloß von der komischen Seite zu neihJmen. Karl Habsburg kam und nach einer Woche ging er wieder. Die Tatsache steht fest und doch kann an ihrer Möglichkeit fast gezweifelt werden. Zwei Jahre sind es kaum, seitdem das von dem Kaiserprätendenten und seinesgleichen, seinen Bluts- und Geistesverwandten, an der ganzen Menschheit geübte Verbrechen, zu Ende ging. Zwei Jahre bloß, seitdem au fden Ruinen Europäs die Friedens-Friedhofsstille ruht. Ungesü'hint blieben die Schand- und Greueltaten, die Segnungen des Friedens bilden die weitere Kette bloß des Leidensmarturiums der zu Tode gehetzten Völker. Doch ihre Henker, die Massenmörder und Mensch'hci-töstehÄtrdcy, sie rüsten - schon Z u 'weiteitfrrij „gottgesalhten" Tun. Der Habsburgerprätendent, der Miterbe und Rein- Züchter al'l der hohen Gaben dieses.Hauses, der höchsten, vulgärsten Tücke, gepaart mit feigster Verantwortungslosigkeit und erbärmlichster Willensschwäche, wagt es als erster unter den vom Revoiutionsstunn entthronten Monarchien mit unverschämter Geste und „kaiserlichem Gebaren" das Restaurationsspiel zu beginnen. Mit feierlichem Gepränge, von. der feilen bürgerlichen Presse mit heroischem, legendären Nimbus umwoben, kehrt er in das angestammte Thronl'and, das zum Sprungbrett jeglicher reaktionärer und monarchistischer' Bewegung zu dienen bestimmt ist, zurück. Das abgekartete Spiel wird mit gutem Bedacht aufgenommen. In Steinamianger, fem den Truppen der kleinen Entente, die nahe Möglichkeiten wieder aufgenommen^ Streites um die Neuverteilung der Beute aus dem Weltkriege wittern, wird das Königslager aufgeschlagen. Unter wohlwollender Nachsicht der „rechtlichen" ungarischen Regierung, unter dem) Schutze und Segen der Kirche, wird das Werk emsig betrieben. Hauptsache ist zunächst, Zeit zu gewinnen, um wenigstens festen Fuß in dem treuen Lande der Stefanskrone zu fassen. Wenn auch die der Habs-, burgermonarchie zeitweilig verloren geht! An der Grenze der österreichischen Republik, mit kaum verhüllter Absicht, werden die Vorbereitungen für die Durchführung der Restauration getroffen. Gleichzeitig wird mit allen Mitteln für Rückendeckung gesorgt. Denn schon beginnt in der „republikafli-/ sehen" Presse Deutsehösterreiehs eine wohlinszenferte Kampagne und Stimmungsmache für den „armen, verführten (auch herzensguten)" Ex-Monarchen. Der historische Hintergrund des Bubenstreiches wird in phantastisches, romantisches Licht gesetzt, man will die öffentliche Meinung durch sentimentalen Gimpelfang irreführen. Soll auch zunächst Neutralität bewahrt werden, so soll es doch mit mitverstehender und mitfühlender Sympathie geschehen! Die vollständige Aussichtslosigkeit des Unternehmens, also das so „tragische Scheitern so höher und reiner Bestre^ bungen" wird mit Rührseligkeit festgestellt. Fast erscheint es überflüssig, den ergötzlichen Anblick, den uns die „republikanische" Wiener Presse bot, hier zu schildern. Doch bedenken wir, in welch engem Zusammenhange ihr Treiben mit dem an Vorbedacht sicherlich nicht ermangelnden Aktionsplane der ungarischen Königsverschlwörer stand. Dann erst wird die jetzige politische Lage in all den früheren Ländern der Monarchie, ja, in ganz Mitteleuropa, im ichänsten Lichte erscheinen. Der Karlistenputsch war bloß die Probe aufs Exempel: die Restaurationshestrebungen des Habsburgers bezeichnen die ansteigende Welle der Reaktion, die sich bereits für das Bürgertum Oesterreichs und Ungarns als notwendig und erwünscht erweist. Die Krise des westeuropäischen Kapitalismus bedeutet ihm bloß, daß seine Sicherheit und Macht nur unter der militaristischen und monarchistischen Verbrämung von Bestand und Dauer sein wird. „In Mitteleuropa muß sich die siegreiche Bourgeoisie mjt dem Monarchismus verbinden, um ihren Besitz zu wahren," schrieb Fr. Engels nach der Revolutionsniederlage von 1848. Nun, diese Worte behalten ihre volle Geltung auch zu unserer Zeit. Dies wurde durch die Buffonade des Habsburgers, durch seinen „Wagemut" und seine Aktionsbereitschaft, nicht minder wie durch seine Niederlage, durch den Zusammenbruch seines ersten Resfaurationsversin ches bewiesen. Die Kräfte und Machtfaktoren, die in sein historisches Possenspiel eingriffen, müssen an dieser Stelle mit besonderer Aufmerksamkeit untersucht und geprüft werden. Zunächst muß der ungarische Kaiserzug des Habsburgers nochmals als eine schwerwiegende Auseinandersetzung zwischen" der Revolution und Konterrevolution in Mitteleuropa iausdrücklich hervorgehoben werden.— klar, daß das hPiat als entscheidender Faktor bei der Unterdrücknug'des Karüstenputsches gar nicht mitgespielt hat. Karls Aspirationen scheiterten bloß, weil die äußeren Bedingungen der politischen Gruppierung der Bourgeoisie in den Nachbarländern Ungarns sie nicht zuließen. Karl scheiterte, weil' die kleine Entente gegen ihn war. Einzig und allein aus diesem Grunde! Scheint diese Feststellung zwar einen Gemeinplatz bloß breitzutreten, so ist ihre Hervorhebung um so wichtiger, weil1 das Proletariat der ehemaligen Monarchieländer als ein ausgeschalteter Faktor der Geschichte erscheint. Auch in Deutschösterreich wurde es ohne Zweifel' durch die Gegenkräfte der Reaktion insoweit paralysiert, daß es zu einer selbständigen Aktion gegen sie als unfähig sich erwies. Der „Tag der Republik", den die Arbeiterzeitung so überschwenglich! bejubelt, reduziert sich somit zu der Tatsache, daß die einheimische Bourgeoisie — entsprechend der äußeren Konstellation — die Wiederherstellung der Monarchie bisnun noch hinter die „repiiblikanische" Ausbeutungsform des gefestigten Kapitalismus zurücksetzen muß'. Der politische und moralische Erfolg der Sozialdemükratie beschränkt sich darauf, daß ein oder zwei schwarzgelbe Ministerknechte der Republik ihrem Obersten Herrn in seinem Rücktritte folgten. Auch die propagandistische Bedeutung des Kaiserputsches wurde von ihr kaum ausgewertet. Wenigstens sah man die einheitliche Massenaktion des österreichischen Proletariats — von seiner Bewaffnung ganz abgesehen —- von den tonangebenden Stellen kaum so gewünscht und angeregt, wie es sogar bei dem Kapp- Putsche in Deutschland geschah. Deshalb bietet eine etwaige Wiederholung des Monarchistenputseh.es für das Proletariat nur trübe Aussichten. Die Gewähr dafür, daß sie nicht eintreten wird, sind ebenso gering wie die Sicherheit, daß eine ernste Bestrafung der Schuldigen bevorsteht. Karl ll. Stuart wagte es, trotzdem sein Vater von seinem „geliebten" englischen Volke um einein Kopf gekürzt wurde, seinen ersten mißglückten Versuch der Restauration durch einen zweiten zu verbessern und zu „krönen". Karl Habsburg wird, da er mit soviel Ehren in sein Asyl zurückgeleitet wurde, sicherlich davor nicht zurückschrecken, das „gefahrvolle" Abenteuer — auch trotz des Brucker Vorfalles — aufs neue zu versuchen. Der Kampf geht weiter. Der schon so oft gekreuzigte deutsche Spartakus hat wiederum sein blutiges Haupt geschüttelt. Wie der, mytlüsche Antäus, tausendmal zu Boden geworfen, erhebt er sich mit unbändiger Kraft — zu neuem Loben, neuem Todesringen. Der Kampf geht weiter — trotz Kapp und Kahr, Noskc und Hörsing. Sie vermochten alle nicht, die blutbesudelton Führer und Schergen des deutschen Imperialismus, den revolutionären Schwung dos deutschen Proletariats zu brechen. Der Jänner 1.910, der März 1920, Liebknecht, Luxemburg, Jogiohes, 15.000 gemordete Proletarier — doch Spartakus ist w i e d e i>' d a, über die Golgatha- Ii tiffel seiner Besten schreitot er zu seinein Siege fort. . Der Spioßersoele aller Sozialabhängigen und -Unabhängigen wird diese Tatsache stets verborgen bleiben. Sie zetern u n i s o n o über „Putsch und Mord" und lassen die Reichswehr, die Moitdb'anden der Schupo und Orgosch gegen die Arbeiterschaft marschieren. Die Verbreehergalerie der deutschen Noskilen hat sich um ein Exemplar bereichert, Hörsing tritt dem Ruhr-Gallifet, Severing, würdig an die Seite, — doch Hilferding-PiJatns wäscht sich die Hände in Unschuld. Er verurteilt wie stets zuvor in „theoretischer Erhabenheit", alle „kommunistischen Putsch- und Mdr- ^wdßJ,7.^?,Jt^9MTKi.-..-"n'''- -b^u^C-li .^^t^J&fiA.. jlu?4. *^«o-*3j£Ä „verbrecherischen Aktionen des Lumpenproletariats". Gottlob, nun sind auch ihtie Masken gel'allen, nun linden sie sich im „vollen Verständnis im Kote" der Noskosippschaft. Wie anno dazumal — Dezember 1.918,- Jänner 1910 — wann endet die Reihe? — die M a s s e n der Unabhängigen haben g ßb 1 u t e t, d i o „F ü h r e \— haben verrate n. Sie tun. nur Eines, die 1 lill'erding, Ledobour, Dittmann:um jeden Preis wollen sie die Revolution, die Aktion t o ts c h w eigen. Sie nennen es Putsch und Verbreoher-;tUschlag, doch werden sie mit ihren Phrasen vom „Putschismus und Terrorismus" jetzt keinen Hund hinter den Ofen hervorlocken. Auch wenn alle Austenlilzo und Leulhnor, alle* „Arbeiter-Zeitungen"'der Welt ihnen beispringon. Sie werden das deutsche Proletariat nicht beirren. Denn es hat den Weg seiner russischen Bruder, den ihm seine Führer gewiesen, betreten und wird ihn nie mehr vorlassen. Freilich schrien 1905 und 1900 die Kautsky, noch jucht über den Putschismus und Terrorismus der Revolution. Denn — vor dem Weltkriege — waren sie noch nicht „absolute Pazifisten" und Renegaten. Das deutsche Proletariat rafft sich jetzt wiederum gegen alle seine offenen und verikappten Feinde zu einer revolutionären Aktion auf. Spontan, aus den Tiefen der proletarischen Seele, ihres Zornes, ihrer Leidenschaft, wuchs sie zu einer großen Auseinandersetzung zwischen Rovohition und Reaktion empor. Zuerst tritt auch Jetzt die Vereinigte komm. Partei als der Vortrupp und die Zusammenfassung der revolutionären Massen auf. Die Unabhängigen blieben jenseits de r *B a r r i k a d e, ihr Ende ist von dem des Kampfes nicht abhängig. Denn sie begingen revolutionären Selbstmord. Derj Henkersknecht der deutschen Bourgeoisie, der soziale Demokrat Hörsing, wollte den Kommunismus in seiner Trutzburg, in Mitteldeutschland, treffen. Das gesamte revolutionäre Proletariat Deutschlands fand er auf den Wällen. Es wehrte sich seiner Haut, vergeblich bemühen sich nun alle bürgerlichen und „sozialistischen" Blätter, die „Vorwärts- und „Freiheit"-Kämpen, Spartakus noch vor seinem Ende totzusagen. D er Putsch ist zu einem Stellungskrieg g e w o r d e n und die revolutionäre Arbeiterschaft ist in den Generalstreik getreten. Diesmal gibt sich Spartakus nicht so leicht hin, denn nun weiü er, wo seine wahren und falschen Freunde stehen. Ohne Zweifel bildete der Generalstreik n u r d o n e rsle n A k t der Geschehnisse, die sich jetzt in 'Deutschland abzurollen beginnen. Denn schon holt die unverhüllte Junker - Reaktion zum entscheidenden' Schlage aus: sie ist ihrer sozialistischen Mohren über-'*