Freie Tribüne
- Journal
- Freie Tribüne
- Volume
- 3 (1921)
- Issue
- 6 (12.2.1921)
- Date
- 1921-02-12
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Der Weltkrieg, der Millionen Menschenleben vernichtete, die reichsten »Schatzkammern der Volkswirtschaft zerstörte und das Kulturorbtei.1 tausendjähriger Arbeit dem Untergang nahebrachte, hat damit den vollständigen Rankerott der kapitalistische» Ordnung herbeigeführt. Die regierenden Kinasen, dir die Weiv, verwüstet haben, sind gänzlich unfähig, sie wieder* aufzubauen. In ganz Ost- und Westeuropa hat die R-ovol'ition, 3er Bürgerkrieg (miporgoflammt: die AibeUor- »jhfift ist zum Bewußtsein gelangt dul\ n u sie a l- ■e.'n die zerstörte Wirtschaftaidzubauei: vermag, laß sie dazu berufen is!. auf den Ruinen des KapiWi- 'ismus eine neue Ordnung auf sozialistischer Grundlage aufzurichten. Die' wer|ktäügeu Massen begimiou Nfdbst zu bauen, zu schauen und zu regieren. Diese Weltumwälzungen, haben besonders ein- Uiringlich auf das jüdische Leben gewirkt, U •..Bo^a,.,.,T;ilcraina, GaHweßi •.•-L^taue^ruud Beß-ara bien, die das Schlachtfeld dos Weltkrieges gebildet haben, sind nunmehr zu der Walstatt, .erbarmungslosen Bürgerkrieges geworden. Schon die zau&tiselr.• Armee hat weite jüdische Volksmassen von ihren Wohnstätten fortgoiriehen und ihnen, .ihre wirtschaftlichen Lebensgrundlagen geraubt. Was die Krvogsruvfc noch verschonte, zerstörten späterhin die judcnfe'mdljehen Regierungen Polens und Rumäniens; gegen das. wasnoch übrigblieb, das nackte Loben, haben wahnsinnig die konterrevolutionären Banden. Petljuras, Denikins und der anderen weißgardistischen Geno/ale gewütet. Hunger, Not, Epidemien und Massenmord bilden das Geschick der jüdischen Massen in Osten. Nur 'die geringe jüdische Bevölkerung, die in Räterußland wohnt, ist ihres Lebens sicher und beginnt sich nun, mit 'der Hilfe doi* A.rbeiterregierung, den neuen wirtschaftlichen Bedingungen des proletarischen Staates anzupassen. Aber schon in der Sowjet- Ukraine sind die jüdischen Volksmassen: durch die furchtbare Verwüstung und die eigenartigen Bedingunsen des Landes fast gänzlich aus ihren Stellungen gestoßen worlden und niemand weiß, wie lange es dauern wird, bis es ihnen gelingt, sich einen festen Platz in der Volkswirtschaft des Landes zu siehern. Aus dieser katastrophalen Lage findet die jüdische Masse einen Ausweg, das alte Auskunftsmittol: Dfe Auswanderung. Noch sind die Länder gegeneinander durch die Stacheldrahthecken abgezäunt, und doch ergießt sich der Strom der jüdischen Wanderung aus dem, Osten über ganz Mitteleuropa nach den Zielen: Amerika und Palästina. Die jüdischen Massen fliehen aus den Ländern ihrer wirtschaftlichen Vernichtung "und suchen einen Arbeitsplatz in einem Lande, wo ihr Leben gesichert und die Schaffung fester wirtschaftlicher Posifionen möglich wäre. Das jüdische Wirtschaftsleben kann nur auf dem Bo3en Jenes Landes normal werden, wo den jüdischen werktätigen Massen die Möglichkeit geboteu wird, in alle Zweige der Urproduktion, der Landwirtschaft und des Verkehrswesens einzudringen, wo also der jüdische Arbeiter eine wirtschaftlich herrschende ■Stellung einnehmen wird, um das Ideal des Soziallsnut verwirklichen zu können. Bedauerlicherweise muß aber festgestellt >verc.on, laß der organisierte Teil der jüdischen Arbeiterschaft /ieses Sehioksalsproblem des gesamten jüdischen Proletariats rast gar» nicht erfaßt. Und wenn auch hie und da . den Pogrom- und Kriegsopfern erste Hilfe" geleistet wurde, so muß» doch betont werden, daß nichts geschah, um den Geretteten zu helfen,, sich aus eigener Kraft ein Leben produktive!' Arbeit zu zimmern. Aber auch die erste Hilfe war zumeist, das Werk von einzelnen Männern oder vereinzelten Gruppen, wie zum .'Vispiei der amerikanischen ^Landsmannsenaden/'. Solange diese Hilfe nur in. individuellem, ongbegrenztem Rahmen gebracht wird, 'kann sie auch, nur einigen Wenigen .Nutzen bringen; sie vermag aber keineswegs die g;.sairto jüdische Ar'neiicrvnasse emporzuheben: sie ist durchaus nicht imstande, den ganzen Fragenkomplex, der mit dem Problem der jüdischen Wanderung verbnmjen ist, zu lösen. Aber auch diese individuelle Hilfeleistung droht zu vorsiegen. Die Wirtschaftskrisis, die, wie auch die mideren Siegerstaaten, Amerika überflutet, erschüttert bedenklieh die Grundlagen der bisherigen individuellen Hilfe. Und wird Amerika seine Tore vor den Kiiiwaudm-ern schließen, was vor allen, anderen die jüdischen wandernden Massen schwer träft», so werden Tausende, jüdischer Emigranten, die sich, durch eine Schiffskarto vor dem völligen Untergang zu retten hoffen, in Not und Verzweiflung sinken- Wenn also die ganze Arbeiterschaft üsi- und Mitteleuropas vor das Problem des Aufbaues einer neuen Welt gestellt ist, erhebt sich vor der jüdischen Arbeitermasse die Frage der Schaffung halbwegs gesicherter Existenzgrundlagen, in ihrer vollen Schärfe. Diese ernste Lage heischt vom jüdischen Arbeiter, daß er sein Schicksat in die eigenen Hände nehme. Er sieht sich genötigt, die Hilfstätigkeit in den verwüsteten Gebieten in die Balm bewußter Produktivierung der jüdischen Massen überzuleiten. Es tritt auch an ihn die zwingende Notwendigkeit heran, das Ohaos, das bisher in der jüdischen Wanderung herrschte, durch ein zielgereehtes System aufzuheben und sie durch plansmäßige Regulierung in Palästina zu konzentrierten, wo allein unser Wirtschaftsleben radikal auf völlig neuen Grundlagen umgebaut and der Wanderung der jüdischen Massen ein Ziel gesetzt werden kann. * Diese gigantische Arbeit kann nur durch die einheitliche, gemeinsame Aktion der organisierten, jüdischen Arbeiterschaft, unterstützt vom internationalen Proletariat gelöst werden; auf den Werr aller klassenbewußten Proletarier — organisierte "Selbsthilfe und Selbstbcfreiung - muß sich auch die jüdische Arbeiterschaft begeben. Nur dann, wenn die ganze jüdische Arbeiterschaft vereinigt sein wird, wird sie die Kraft zur Selbsthilfe finden und damit auch das internationale Proletariat zur solidarischen Hilfe bewegen, die zur erfolgreichen Durchführung dieser Aufgaben unumgänglich notwendig ist. Die jüdische Bourgeoisie — die assimilatorische, ebenso wie die nationalistische — hat sieh als völlig unfähig erwiesen, auch, nur das geringste zum Wiederaufbau des jüdischen Lebens beizutragen. Die assimilatorischen ,,Israeliten" wollen sich von den armen Brüdern im Osten" "mit den paar Joint- Dollars loskaufen, die auf alle möglichen Dinge verschwendet werden und sie verstärken1 hiedureh die Demoralisation des jüdischen ,,Luftmenschentums,;. Die zionistische Bourgeoisie, die in die ganze Welt: ihre diplomatische» Sio.w hinausposaunte, hat üerad«' in diesem Augenblick ihre Olmmacht und Unfähigkeit erwiesen, irgend etwas Wesentliches für die Kolonisation Palästinas zu tun. Sie kann nicht die Aufnahmsfähigkeit Palästinas steigern und 'das Land für die jüdische Wanderung, die schon jetzt dahinströmt, vorbereiten. Noch mehr! »Sie versteht es nicht, den Einwanderern Arbeit zu beschaffen, die unter Lebensgefahr die Grenzen überschritten und endlich das Land erreicht haben. die io.it ilu Sowohl die Assirnih . büchso, wie auch die Z i u niste n. mit ihren Eriösungspb rasen, sehen in i.hieni Tun nur auf die e i g o n e n k 1 cinl i c h e fl K! a s s o u i n t e r e s - s e n. Die jüdische Arbeiterschaft kann, sieh dumm auf niemand verlassen, sie muß in klarer Erkenntnis ihrer Aufgaben jene umfassende und mächtige Organisation schaffen, die ihre Zukunft baueru und s'chu-h. soll. Diese Organisation kann nur durch die einheitliche Krattanstrengung des jüdischen Proletariats der ganzen Weit geschaffen werde»?. Ein großer Teil, der jüdischen Arbeiter ist schon in proletarischen, politischen und gewerkschaftlichen Verbänden organisisiert. Um jedoch, dieses schwerste Problem des jüdischen. Arbeiterlebens lösen zu können, ist es unbedingt nötig, eine z w i s e h ö n p a r. * t e i i sc Ii e 'Organisation zu sehäffen, die i^e'^esin'.nte""''' organisierte jüdische Arbeiterschaft, umfassen und sieh zum Ziele setzen soll: Helft uns, diese machtvolle, gemeinsame Organisation für Selbsthilfe und Selbstbefreiung gründen! Wir wenden uns an alle jüdischen Arbeiter in Polen, Lithauen, Galizien, der Ukraina, Rumänienv - auf. deren Schultern die volle" Wucht schauerlicher Leij den der jetzigen Uebergangsepoche lastet — die bei absoluter wirtschaftlicher Unsicherheit, unter dem furchtbarsten politischen Verfolgungen den Weg zu einer lichteren Zukunft suchen. Wir wenden uns an die jüdischen. Arbeiter, die der erste Wanderstoß über ganz Mittel- und Westeuropa verstreut hat, die auf ihrer Arbeitssuche politi^ sehen Verfolgungen erliegen und im örtlichen wirtschaftlichen Leben kein Plätzchen für) sich finden. Wir wenden uns an die Genossen, jüdischen Arbeiter in Rußland, die so glücklich sind, un der m ühe - voTlen "Errichtung des ersten sozialistischen Staate» mitwirken zu können, die aber auch nrl't destätigen Hilfe der proletarischen Staatsmacht den Aufbau eines jüdischen Arbeitslebens erleichtern können. Wir wenden uns an die jüdischen Arbeiter in de» Siegerstaaten, besonders in Amerika: Bedenket, Genossen, daß jeder Dollar, der für erste Hilfe gespendet wird, die Katastrophe nur aufschiebt, aber nicht aufhebt! Eure Hilfe die Selbsthilfe des all weltlichen jüdischen Proletariats — darf nicht für den Augerüblick berechnet sein: sie muß die Fund a m e n t e er ri c h t e a ei n e /• neuen, gesunden Arbeits iodlung. Nicht allgemeine Barmherzigkeit und nicht Almosen dürfen den Inhalt Eurer Hilfstätigkeit ausmachen, sondeitn ein sorgfältig erwogener Plan schaffender und bauender Ai'beit muß ihr zugrunde gelegt werden. Zum Schlüsse wenden wir uns au unsere Genossen, an die jüdischen Arbeiter in Palästina, die dort unter den schwersten. Bedingungen den Grund legen, auf welchem die jüd'ische sozialistische Gesellschaft aufgerichtet weijden soll, daß sie uns in unserem Werke unterstützen- Daß sie aufhören, ein Spielball in dem politischen, Spiel des bürgerlichen Zionismus zu sein, und das Werkzeug werden zum Bau des neuen Gemeinwesens der organisierten jüdische» Arbeiterschaft. >-y Wir haben uns u.n alle sozialistischen Parteien und an, die größten gewerkschaftlichen und kulturellen Organisationen des jüdischen Proletariates mit dein Vorschlage gewandt, ein Organisationskomiiee zu schaffen, das in dem allernächsten Zeiträume--einen