Freie Tribüne
- Journal
- Freie Tribüne
- Volume
- 3 (1921)
- Issue
- 5 (5.2.1921)
- Date
- 1921-02-05
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Briand, der mit allen Oelen gesalbte Politiker, hat es in seiner Antrittsrede mit aller Deutlichkeit dem' französischen Volke und der Welt gesagt: W enn D e u t s c Ii 1 a n d nicht z a h 1t, und zwar sofort und re*cht viel, dann ist mit dem <Z u s a rn m e n b" r u c h der französischen Finanzen und Vol'ks- Wirtschaft zu rechten. Zwei Jahre lang hält man das französische Volk in Geehorsam mit dem Versprechen der deutschen Kriegsentschädigung. Die französischen Staatsausgaben sind nur zum kleinsten Teile, nicht in viel höherem Ausmaße als die deutschösterreichischen, durch Einnahmen gedeckt. Die durch den Krisg zerstörten Nordprovinzen Frankreichs sind noch immer ein Trümmerhaufen. Der Industrie ist es noch immer nicht gelungen, die Umstellung von der Kriegswirtschaft auf die FriedenswirtsChaff zu vollbringen, die ArbeitslosigKeit als Symptom der Krise, wächst von Tag zu Tag. Die Gewaltigen Frankreichs wissen nichts anderes als: ... Deutschiland muß zahlen! So kam Briand zur Alliierten-Konferenz mit der Forderung, man möge das Deutsche 'Reich doch1 endlich zwingen, die Kriegsentschädigung zu entrichten und Briand scheute sich nicht, seinem Verbündeten Lloyd George die reine Wahrheit zu sagen. Er meinte, würden die Verbündeten nicht sofort Deutschland ernst mahnen, dann gäbe es in Frankreich eine ..... Regierungskrise. Es mutet fast so an, wie die Drohung des — ach, wie kläglich — österreichischen Bundeskanzlers Mäyr, der den Entente-Vertretern siebenmal wöchentlich nahelegt, rasch Kredithilfe zu gewähren, da er sonst jscle Verantwortung für die Regierungsgeschäfte ablehnen müßte. Ja, es mutet fast so an, als ob Herr Briand seinem englischen Kollegen mit einer ,,bolschewistischen" Revolution drohen würde. Aber, wie sonderbar! Mister L: .yd George läßt sich nicht aus der Fassung bringen. Er meint höflich und kühl: Ja, was soll denn der englischen Regierung eine Regierungskrise mehr oder weniger in Frankreich? Vor dem französischen „Bolschewismus*' scheint Herr Lloyd George nicht sonderliche Angst zu haben. Der Gegensatz zwischen England und Frankreich ist auf dieser Konferenz so klar zum Ausdruck gelangt, wie noch niemals zuvor. England, das von den europäischen Mächten wirtschaftlich am günstigsten dasteht, ahnt die Gefahr einer Versklavung Deutschlands. Würde Deutschland tatsächlich gezwungen werden, 42 Jahre für Frankreich zu roboten, dann ist der Versailler Vertrag noch früher zerrissen, als es nach allen Gesetzen der Entwicklung und Vernunft voraussichtlich geschehen wird. England sucht daher, die eigene wel'tbeherrschende Stellung dadurch zu behaupten, daß es Deutsehland nicht Vernich tey und Frankreich nicht rasch zu einem bedeutenden Aufschwung gelangen läßt. Daß dies den Interessen des französischen Imperialisniu sehr zuwider lauft, ist offensichtlich; daher die so offene Sprache, daher der Kampf zwischen Briand und Lloyd George. Man wäre fast versucht, die Alliierten-Konferenz in Paris, eine Konferenz der mit einander unzufriedenen, gegen einander intriguierenden „Verbündeten" zu nennen. Wahrlich, nur die alte, in den Traditionen der Geheimdiplomati'e steckengebliebene Staatskunst konnte den Gedanken aushecken, Deutschland eine Kriegsentschädigung von 226 Milliarden Gold aufzuerlegen. Die Staatsmänner der Entente waren von allen Göttern verlassen, waren jeder Volkswirtschaftriehen Erkenntnis bar, als sie das deutsche Volk für ein halbes Jahrhundert dem französischen Imperialismus tributpflichtig machten. Mag Stinnes, der Vertreter der deutschen Schwerindustrie, heute mit den französischen, morgen mit den englischen Kapitalisten konspirieren, die arbeitenden Massen Deutschlands wissen schon heute: Frankreich verlangt, das deutsche Volk möge 50 Jahre für die französische Bourgeoisie arbeiten. Und das soll das Resultat einer demokratischen, vernünftigen Politik der Mehrheitssozialisten und Zentrurnsleute sein? Wahrlich, ein würdiges Ergebnis! Wie höhnisch verurteilten sie die Forderung Liebknechts und Lux2fiibUrgs nach sofortigem Anschluß an Rußland. Sie ironisierten alle — von Graf Westarp bis Hil'ferding die Möglichkeit einer Front vorrt Ural bis zürn Rhein. Und wie recht hatten die großen, Füh:er der deutschen Revolution, als sie forderten, das vom Kaiser befreite Reich möge sich' mit dem vom Zaren befreiten rußländiseben Reich1 zu einem Schfutz- und Trutzbündnisse, zu einer volkswirtschaftlichen Gemeinschaft, zum Austausch von Rohprodukten und Industrieerzeugnissen vereinigen. Wie würde Deutsch- Lind heute dastehen! Herr Briand wäre vielleicht heute glücklich, wenn es ihm gelänge, Deutschland mitj einem ' STacheMrä-ht zu umgeben, -um' die Ideen - de/ deutschen und russischen Revolution an der zösischen Grenze aufzuhalten. An der internationalen Politik, an ihrem Ergebnis, ebenso wie an der Innenpolitik Rußlamdls und Deutschlands können und müssen wir fernen, wie man proletarische Politik machen und wie mati sie nicht machen soll. Die Arbeiterklasse Rußlands hat der ganzen i m p e r i a 1 i s t T s c W e n Welt getrotzt, mit allen bürgerlichen Regierungen Krieg geführt und nun verhandelt man mit den Vertretern Sowjet-Rußlands in London, Riga und Kopenhagen, wie Gleiche mit Gleichen. Die russische Revolution läßt sich eben nicht diktieren. Das deutsche Proletariat hat auf Geheiß der Entente und seiner falschen Führer darauf verzichtet, Deutschland zur sozialistischen Republik zu machen, hat an Stelle einer roten, die Au f s t e 1 fu n g e i n e r weißen Armee geduldet und nun soll es den gebührenden Lohn dafür erhalten. Zweihundertsechsundzwanzig Milliarden Gold — zweiundvierzig Jahre tributpflichtig. Das heißt, eine geschichtliche Lehre teuer bezahlen! ■ Brot und Politik. Diesmal geht's um das tägliche Brot. Daß man mit unserem sehr karg •'bemessenen und sehr schwer genießbaren Brot Politik treibt, wußten wir schon lange, daß man damit bis nun sehr schlechte Politik getrieben'hat, soll der Anschlag der ch'ristlichsozialen Regierung offenbaren. In Deutschösterreich wächst nicht so viel Getreide, wie man zur Ernährung der Bevölkerung benötigt. Aber auch das wenige Getreide, das im Lande durch die Ernte hereingebracht wird, gelaugt nur zu einem kleinen Teil an die arbeitende Bevölkerung. Der weitaus größte Teil dient zur Bereicherung der Großbauern und des Handels; des legitimen und des Schleichhandels. Deshalb muß DeutschÖsterrekh aus dem Auslände soviel Getreide beziehen, als zur Erhaltung der Bevölkerung unbedingt notwendigist. Das Ausland verlangt aber die Zahlung in ausländischer Valuta und so ist die Regierung gezwungen, das ausländische Getreide mit einem sehr hohen Kronenpreis zu bezahlen. Wer soll nun die Differenz zwischen dem Inlandspreis des Getreides und seinem Weltmarktspreise bezahlen? Darüber soll in den nächsten Tagen entschieden werden. Das besitzende Bürgerturn und die reiche Bau- «nischalt verlangen ununterbrochen, man möge den Pieis für Brot und Mehl dem Weltmarktspreise gleichstellen und nun geht die Regierung daran, diesem Wunsche ihrer Herrn und Gebieter Geltung zu verschaffen. Wohl will man den Sichein der Demokratie wahren und eine Preisstaffelung für Minderbemittelte, Bessergestellte iumd Reiche einführen. Da aber die Reichen nicht so zahlreich sind wie die Arbeitenden und da sie überdies gar nicht gezwungen werden können, das staatlich bewirtschaftete Brot und Mehl auch wirklich' zu beziehen, so wird die ganze Last der Brotverteuerung auf die Minderbemittelten fallen, die doch auf die rationierten Lebensmittel angewiesen sind. Gelingt es der Regierung, ihren Willen zum Gesetze zu erheben, dann werden die Arbeiter und Angesteliten Deutschösterreiebs die Differenz zwischen dem In- und Auslandspreise des Getreides bezahlen. In letzter -Stunde scheint aber die Regierung auf unüberwindliche Schwierigkeiten gestoßen zu sein und so werden wir wieder mit einer Enquete beglückt. Wir erinnern uns noch lebhaft an die sogenannte Preisabbau-Enquete. Es ist viel' darüber gesprochen worden; manch Richtiges und gar viel vollständig Unsinniges. Ferner erinnern wir daran, daß die Arnheiter- und Konsumentenvertreter in dieser Enquete rw 'es verabsäumt haben, säffl'tlÄe-Urs'äi^e.rr -deT^tife-wfran-^rung aufzuweisen und so die besitzenden Klassen vor die Alternative zu stellen, entweder Ernst mit dem Preisabbau zu machen oder vor dem arbeitenden Volke demaskiert und seinem Unwillen überantwortet zu werden/Weiters d enken 'wir daran, daß man einige Wochen später die Wohnungsfrage, wohl nicht durch eine Enquete, aber auch nicht durch eine klare zielentsprechende Politik, sondern durch eine billige Judenhetze ,,zu lösen" versuchte. Die Wiener Arbeiterschaft hat daher allen Grund, wachsam zu sein und i'hren Vertretern in der Regierungs-Enquete genaue Direktiven mitzugeben. Wie. bei der Konferenz über den Preisabbau, kann es auch bei der Aussprache über die Brot- und Mehrpreise der Regierung sehr leicht gelingen, das Thema auf die Politik hinüberzuleiten und zwar auf die Frage der Kredite oder des Anschlusses. Das soll, das darf diesmal nicht gelingen. Die Arbeitervertreter müssen einzig und allein das Klasseninteresse der Arbeiterschaft wahren und reine Klassenpolitik treiben. Sie müssen entweder E r h ö h u n g der Arbeitslöhne verlangen, und zwar Anpassung derselben an die fflWe 11 m a r k t s 1 ö h n e, oder aber die volle Bezahlung des im Auslände einzukaufenden Getreides durch die b e s i t z e n d e n KI a ssen fordern. Dahei wäre besonders darauf zu achten, daß es den Unternehmern nicht gelingen darf, die ihnen dadurch auferlegten Lasten auf die Konsumenten abzuwä Izen. Der Krieg hat unser Land vollständig ruiniert, die Volkswirtschaft zerstört, die Möglichkeit einer ausreichenden Ernäh rung genommen und dadurch die Teuerung, die hohen Preise des zu importierenden Getreides verursacht. Nun denn, die Arbeiter und Angestellten haben im Krieg nichts als Elend erfahren, die Besitzenden haben im Kriege große Beute gemacht; nichts ist gerechter als die Forderung, die Besitzenden mögen nun einen Teil des durch Krieg und Zusammenbruch eingeheimsten Gewinnes für die Milderung der durch Krieg und Zusammenbruch verursachten Teuerung' opfern. Die einmütige Forderung der Arbeiterschaft und aller Konsumenten auf Preisabbau ist mit einer neuen Teuerungswelle beantwortet worden. Was aber den einzelnen Besitzenden unter dem Schutze ihrer Regierung gelingt, das darf keineswegs der christlichsozialen Regierung als Verkörperung der Gemeinschaft aller Ausbeuter gelingen. Das tägliche Brot und das bißchen Mehl <Ja-rf nicht direkt und auch nicht indirekt verteuert werden. Die Arbeiterschaft Deutseihösterreichs muß bereit sein, dieser Forderung; ernsten Nachdruck zu verleihen.