Freie Tribüne
- Journal
- Freie Tribüne
- Volume
- 3 (1921)
- Issue
- 4 (29.1.1921)
- Date
- 1921-01-29
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Die österro. einsehe Regierungs - Politik besieh', eigentlich einzig und allein darin, immer ein neues Auskunltsmitlol. immer einen neuen 'Blitzableiter Huden Unwillen der leidenden Massen ausfindig zu machen. So war es mit der sogenannten Preisabbau - hinquote, so ist. es auch jei/.t mit der ..Ostjudcrifrage1' ge meint. Holte die Enquete die Aufgabe, die tief im Volke grollende Gärung gegen die unerschwingliche Teno rang vom Haupte der greifbaren Schuldigen — vorder proistreiborischeu Bauernschaft, vom wuchernden Handel trad der ausbeuterischen Industrie ~-.auJf,.4? ...... Hciu.pt eines wohl' stehWaren,'' j'edocH"'1rii.cHt"'iejcKt erfaßbaren Mitschuldigen — Schleichhandel und unlegales Schiebertum — zu lenken, so soll die Ostjuden - hetze die Schuld der Herrschenden und der Richen an der "ungeheuren. Wohnungsnot verschleiern. Ungezählte Tau sende — man. nennt die Ziffer von dreißig- bis viorzigtausend — sind in Wien obdachlos. Durch Neubau kann man, infolge der wahnsinnigen Teuerung, diese Wohnungsnot nicht mildern. Es gut daher, durch gerechte Verteilung der vorhandenen Wohnräume den Obdachlosen Unterkunft zu ver - schaffen. Nun hat die Gemeinde Wieu im Vorjahre durch eine Wohnungsaul'nahme die Zahl derjenigen Wohnungen festgestellt die von. den Kelchen zum Teile unbewohnt zum Teile nicht genügend, bewohnt sind. Die 'Regierung Hat auch die Möglichkeit, auf Grund 'des berühmten Schlösser-Gesetzes diejenigen Palais zu beschlagnahmen, die leer oder halbleer stehen. Aber von-einer radikaleren Inanspruchnahme der Palais der reichen Juden und Christen haben wir in Wien sehr wenig, ja fast gar nichts gehört. Jeder einzelne von uns ist in der Lage, eine Reihe solcher halb oder ganz leer stehenden Palais Tier löblichen Polizei zu nennen. Juden und Christen,. Schiober und [ndustrio-riUer. YaJutahändler und protokollierte Kaufleute haben noch immer die Möglichkeit, , die doppelte oder mehrfache Anzahl von Wohnräumen zu ihrer Bequemlichkeit zu benützen oder richtiger, unbenutzt zu lassen, ohne dato f-s der Gemeinde gelingt, diese Wohnräume den Wohnungsuchender., zur Verfügung zu stellen. Da nun die zuständigen, berufenen Regicrungs- und Verwaltungsbehörden nicht in der Iläge sind und auch nicht de>i guten' Willen haben, die Wohnungsnot durch eine gerechte Verteilung, durch Beschränkung des iJuxusbcd'ii-fmsses der Besitzenden, zu beheben, mußten sie sü.h nach einem anderen, populären, wenn auch keinesfalls zweckdienlichen Mittel umsehen. Und so hat die offizielle Regierung und zur Schande der Wiener Arbeiterschaft sei es gesagt, die Gemeinde W.en ed.- vom Kreisarbeiterrat Wiens im Jahre 1919 als gagenrevolutioiiär gebrandmarkte Losung der On-1- und Ursin-Lente: Ostjudon hinaus! zur offiziellen IJog-nrungs- und Gemeindepolitikgemacht. Nun, mit der chi:stliehsozialen Regierung wollen wir nicht rechten; .wir tberl'assen das gerne den Wiener Zw nisten. Es würde vahrlich ein hübsches Schauspiel «ein, wenn Stricker ui d Meyer „vor dem Völkerbund" die Ostjudenfrage auflohten. Es sitzen ja dort wunderbare Demokraten, wie diejenigen des Schweizer Bundesrates, die unlängst den Ostjuden die Einbürgerung in der Schweiz oflizül! verboten haben. Hie indisch Sache wird also in diesem Falle in sichere Hand'' ge legt werden. Was wir aber nicht ohne Protest und ohne ernst- 'Abwehr lassen können, das ist die offizielle Politik der Gemeinde Wien, die doch Anspruch auf würdige Vertretung der Wiener Arbeiterschaft erhebt. Von den 'Sozialdemokraten darf man doch verlangen, daß sie die Gefahr, die die Ostjudenhetze — nicht allein ftV die Ostjudon und am allerwenigsten für diejenigen Ost - Juden, die man mit dieser Uetze zu. (reffen vorgibt, sondern für die ..b o d e n s t ä n d i g o'; Wiener Ar - heile rsehaft in sich birgt, richtig erkennen. Denn möge es auch heute.dem Wiener Gemeinderat nicht unangenehm sein, die Aufmerksamkeit 'der Obdachlosen von. der Gemeindevertretung auf die lästigen Ausländer abgelenkt zu sehen, morge-n kann und wird sich eine derartige, antisozialistische, völkerverhefzende Politik an ihren Trägern rächen. Nicht Mitleid ist es, das wir für die jüdischerrProletarier beanspruchen: auch nicht allein an die Pflicht, der internationalen S o 1 i d a r i t ä t, von der man auf sozialdemokratischen Parteitagen jinej^nniei;^ so vier red er und die man'täglich von. heuern '^verlei/.i. wollen wir appellieren. Nein. Die eigenen, wahren u n d g e s c h i cht! i c h e n T n t e r e s s p i: _ d e r W jene r A r b e i t. e r s c h a f r w o 1.1 e n w i r g e w a hrt wissen. Und die wohlverstandenen KIassoninieresKOn der Arbeiterschaft fallen immer mit ihren internationalen Pflichten zusammen. Der Versuch, d as Elend der Wiener Arbeiterschaft durch die Abschaffung fremdländischer Arbeiter aus Wien zu mildern, ist ein Versuch, das Klassenbewußtsein der Wiener Proletarier zu trüben, die Kl a •■• d i h dir •volutionären h a. n - 1 c I i n a. t i o u a 1 ■ i y. u n g e n zu Kampfkraft, Sehlacfertigkci Proletariats Wien: r - s o n ff, e g e n s ä t z e> v i n i s f i s oh e V e Schleiern und so und Machtmittel des i zu schwächen. Deshalb werden wir nicht müde werden, die Arbeiterschaft Wiens auf diese. Gefahr der Völkorver - hetzung aufmerksam zu machen; deswegen werden wir nicht aufhören, wirksamen S c h u t 7. f ii i zu fordern. d i e j ü rl i s c h e n P r o 1 e i. n i i e r Aber nicht das allein darf man von der sozialde - mokratisehen. Gemeindestube verlangen. Die Genossen im Gemeinderafe werden wohl auch einmal davon Kunde vernommen haben, daß es Ostjurlen schlechthin nicht gibt, ebensowenig wie es Ostdeutsche und Deutsehböhmen schlechthin cribf. Die Ostjudon haben nämlich die merkwürdige Eigenschaft in Klassen, und zwar in Ausbeuter und Ausgebeutete, in Arbeiter und Unternehmer, geteilt zu sein. Nun mag es wohl sein, daß die Gemeinde Wien mit ihrer Ostjudenpolitik einzig und allein die Schieber und Wucherer zu treffen meint, die tägliche graue Wirklichkeit aber, straft diese Politik Lügen und da;- ist es, was wir an der offiziellen Ostjudenpolitik d<-r Gemeinde Wien },m schärfsten tadeln müssen. Nicht g e g e n d i e A u s w e i s u n'g d e. y o s t j ü d i s c h e n Schi e b e r u n d Wucher? r w e n ff p ii w i r u n s, so n d e r n d a g o g e n, da ß m an d i o W u c h e y er au s w eise n z u wollen v o r g i h f, ii n d die j ü d i s c h e n A r b e i t o r u n d A n g e s t e 11 t e u t a t s ä e h 1 i c h a u s - w e i s t. Wohl heißt es in allen Gemeinderatssitzungen, in offiziellen Kundmachungen und Erlässen, daß nur dir parasitären Efemenfe auszuweisen sind, allein wir si bereit, es dem Bürgermeister Wiens täglich von neuem an Hand der in seinem Namen vollbrachten Missetaten, nachzuweisen, daß gerade die Arbeite i; d e n a u s <jr e w i e s e n w erde n, während die Pai-asiie/f ungesh-.d'f und ungestöri 'sieh der Auswuchs ♦ l-uug der Wiener Bevölkerung widmen können. Wir wollen hier nur ein einziges Dokument der Arbeiteröffentlichkeit und der Aufmerksamkeit 'dos Wiener Bürgermeisters. Genossen R e u m a. u n, vorlegen- Es lautet: Polizeidivektian Wien. G 2998. Abschaffung, Wien, am 6, Jänner 1921. An FrÄulein N. N. Wien XIII. Der Bürgermeister als Landeshauptmann hat mit dem Erlaß vom 22.'Dezember 1920, M.Abt. 55, Z. 750/1404, Ihrem am 19. November 1920 gegen das liierarntlicfre Abschaffungserkemitnis vom 13. Oktober 1920,. Z. 90*10, angebrachtem Rekurse keime Folg2 gegeben, wcj] Sje nach der Aktenlage d;e Staatsbürgerscharf itt der Republik Oesterreich nicht besitzen und Ihr Aufenthalt im Abschafm-ngsgebiete sich mit dem Interesse dir öffentlichen Ordnung als unzulässig darstellt, das angeiochtenne Erkenntnis somit im § 2, Absatz 5„ des Gesetzes vom 27. Juli 1871, RGBl. Nr. 8, begründet er-. -.-, scheint :- ... - , Ei^^veiierZ'^HHmrg^t^natr'^r rfes gettkiin'te'-6c^^v,useües imzülässig. Hiavon werden Sie mit dem Bedeuten verständigt, daß Sie das Abschaffungsgebiet bei Vermeidung von Zwangsmaßregeln bis längstens 22. Jänner 1921 zw verlassen habein. . Stempel Poliz.3idirekti'on Wien. Mildes. Dieser Ausweisungsbefehl ist erlassen gegen ein« Proletarierin, die hinge Jahre in Wien, als schwer arbeitende I Iandelsangeslellte ihr Dasein gefristet und der gewerkschaftlichen Organisation angehört hat. Dieses arme, redlich arbeitende Geschöpf: bi.hu ' na eh Auffassung der Polizei eine Gefahr für die öffent- Üehe Ordnim:.:. .Mau benehl". genau dir- Begründung: ,.i h v ,\ u f e ii j Ii all i m A. b s e h a f f u n / s - g b i e r s i '• Ii in i I de m 1 n i (> e s s e der ö \ - f e n 11 i c Ii e n O y \] n u n g a. I s u n z n 1 ä s s i g da r.slollt'-. Afsri der Bürgermeister als Bandeshauptmaun zu' einsr seiner gewerkschaftlich organisierten Genossinnen. Wir fragen laut und vernehmlich: wie lang© n o e h w i r d e s d e r B ü r g e r in e i s t-er v o n W i e n, tl u I d e n, d a ß d i e P o 1 i z e i in so i n e m >T a m e n A r b fk 1 t e r a u s Wie n a u s w e i s t. Wir fragen weiter: Wie kann es der Bürgermeister verantworten, daß, während die rechte lland der Polizei Arbeiter in seinem Namen abschafft, deren link« lland gleichzeitig allen Schiebern -- .luden und Christen - Aufeuthaltsbewilligungen erteilt. Früher oder später wird Gen. Koumann diese Gomoinde- und Bandespolilik verantworten müssen. Und damit man nicht s-'.ge, wir bauschen bloß einen Einzelfall auf, wir betreiben Demngogie, erklären wir: Wir sind bore.il, dem Kreisarbeiterrat Wiens und dem Bürgermeister täglich von neuem mehrere solcher traurigen Dokumente vorzulegen. Wir werden auch nicht müde werden, der Wiener Arbeiterschaft dieses himmelschreiende Verbrechen so lange zum Bewußtsein zu bringen, bis dm Gemeinde und das Bann Wien Ernst macht mit dem zu unzähligen Malen verkündeten Grundsätze : O s t.( ii d i s r h e u u d S c h i e b e i A b e r n u. r Di« r ff rl 1 i c h A r b e i t e n d e u n h r — m ö gen sie a u s dem 0 s t e n o d e r d « m Westen gekommen sein — bleiben hier Klassen -(>;i< n i c h t i ü d i s c •hinaus! ■> c!i i. e b e r. unter dem Schutze i h r i n u s s e n, l e )• W i A r I.' ■ i f t.