Freie Tribüne
- Journal
- Freie Tribüne
- Volume
- 3 (1921)
- Issue
- 2-3 (21.1.1921)
- Date
- 1921-01-21
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Wie die dumpfe Massenaktion, der beharrliche Massenwille, In der Nacht sprühende Funken der Hochöfen. Kampfesglut der Per« sönlichkeit, Proletarierseele, im Dunkel berstend, zer-- flatternd. In Liebknedit und Luxemburg war die Weltre^ vokition in ihrem Kraft- und Bewegungsschwung vorweggenommen, in ihrem Schaffen und Ringen die gesellschaftliche Zielstrebung der Arbeitersdiaft zentriert. Wenn je die historische Sendung einer Klasse als solcher personifiziert wurde, so — an den Märtyrern des 15. Jän* ner 1919. Somit gehören sie beide dem Weltproletariat — ohne unterschied der Nation und des „ Vater^ landes" — an, in ihren Leibern zuckte seine Seele, seine Revolution und ward für den Augenblick — getroffen. Und doch, \Varen sie Führer des Weltproletariats, waren sie Künder des Weltbürgerkrieges, so ist ihr Ge^ schid\ nicht weniger an das deutsche Proletariat gekettet. Sit ^sind sein- Symbol "und"-tragisrfiW"i^Tfrenc^seifief Tragödie Schürzung und Lösung. Sie sind seiner Ge« schiente Bühne und Walstatt, auf der 15000 Spartakus^ söhne — ihre Söhne — liegen. Die Tragödie Lieb* knecht—Luxemburg bedeutet des deutschen Proletariats Trauerspiel, nicht ihr eigenes. Symbolisch: ihr Leben und Tod als Passionsdrama der deutschen Revolution und sodann als Gesetz, Beweis und Exempel ihrer Geschichte. Denn diese erheischt: der Weg der Weltrevolution muß durch Deutschland führen,- deutsche Arbeiterführer, zeichnet ihn mit Eurem Blute! Dies haben Liebknecht und Luxemburg getan. Incipit tragoedia. Tragisches Moment: Sündenfall der deutschen Arbeiterschaft am 4. August 1914. Dauert vier Jahre. So lange fröhnen Millionen von Ar* beitern dem Kriegsmolodi des völkischen Imperialismus, um ihn über alle anderen triumphieren zu lassen. So lange haucht der Sumpf der deutschen Sozialdemokratie seine Pestdünste aus. „Das deutsdie Proletariat, das verabsäumt hat, dem Sturmwagen des deutschen Imperia* lismus in die Speichen zu fallen, wird von ihm nunmehr .zur Niederringung des Sozialismus und der Sozialdemoz jkratie in ganz Europa herumgeschleift, lieber die Knos chen der russischen und ukrainischen, baltischen, finnischen revolutionären Proletarier . . . stampft der deutsche Proletarier . . ." Dies das Kennzeichen, dies die geschiehtlidie Tau sache. Lind sie stößt sich hart an das Problem, denn kein Zweifel: „in Deutschland liegt von Anfang an der Knoten der internationalen Läge,- ihn durchhauen kann nur das Schwert in der Hand des deutschen Proletariats". Problem und Tatsache, sie schürzen das Drama der deutsdien Arbeiterklasse. Wo liegt seine Lösung? 1/.Nicht Burgfrieden, sondern Burgkrieg ist für mich die Losung! Nieder mit dem Kriege! Nieder mit der Regierung!" Auf dem Potsdamer Platz, am 1. Mai 1916, hat Liebknecht die Antwort gegeben. Er hat hiemtt die Bestimmung der deutschen Arbeiterschaft auf seine eigenen Schultern geladen. Wie Atlas — die erdenschwere Last der internationalen Pflicht, der nationalen Schuld und Sühne: Von nun an schlägt der Kampfgeist und das Gewissen der deutschen Arbeiter hinter Schloß und Mauer des Gefängnisses von Luckau. „Als Opfer des Bankerotts der Sozialdemokratie im Kriege, verkörpert Liebknecht in seinem persönlichen Schicksal die Geschichte des deutschen Proletariats als Klasse und nimmt sie mit in seine Zuchthauszelle''schrieb Rosa Luxemburg. Dort in der Zuchthauszelle von Luckau blieben sie auch, bis die Volksmassen ihn, sich selbs befreiten. Als die Massen Liebknecht wieder fanden, fielen die Kerkersmauern der Geschicke des deutschen Proletariats. Doch es führte ein langer Weg dazu, der auch spät erkannt wurde. Denn dies gerade bildet die „Knotenschürzung44 des deutschen Revolutionsdramas, daß die Massen keine Führer finden, daß diese vergeh* lieh nach den Massen rufen. Dieses Suchen —- Nichtfinden, Finden und Verlieren ist auch das tragische Leitmotiv, das die persönlichen Ereignisse Liebknecht— Luxemburg zum Gleichnis des deutschen Bürgerkrieges madit. Die Handlung Liebknecht—Luxemburg scheint hier-* bei das Persönliche, das Individuelle ganz abzustreifen. .Sie wird zum typisdien Akt, zu der antiken Schicksa Istragödie, des deutschen Proletariats. Und so erschallt vergeblich der Ruf der Führer nach den Massen. „Auf die eigene Politik, auf eigene Aktion der Massen kommt es an. Nicht als beifallklatschender Chor zu den Handlungen einer Handvoll Parlamentarier, sondern selbst als Handelnde müssen sich die Proletarier auf die po!; Lehe?u!.i„e wagen". Dies isr das persönliche Erlebnis von Karl Liebkeecht und Rosa Luxemburg. Dies isi der Wesenszug ihrer Psyche, dodi ist er nicht tragisch. Er ist nicht zwiegespalten und zweifelsüchtig. Denn unerschütterlidi ist ihr Glaube an die Aktion, an den Willen der Massen. „Wo die Masse des Volkes stehen wird, wenn der Vorhang des Trugs von seinen Augen gerissen wird, ob bei ihnen oder bei mir — ich zweifle nidit". Lind „nur durch die Massen können die Massen gerettet". Ist je die Religion, der Kult der Masse lauter und in* -brünsriger-verkündet würden? Sh;ü »/ir-'stärfcäre-^'ersön*j lichkeiten nur als Ausdruck, als Spiegelung, als b e* wußte Tat der Massenenergie erschienen? Wahrhaftig, Liebknechts und Luxemburgs Denken und Schaffen sind Leudittürme der revolutionären Erkenntnis, Brandraketen des sozialistischen Opferwillens, Lichtsignale des Massensturmes. Lind gerade deshalb ist das Tragische nidu an ihr persönliches Schicksal geknüpft, es wälzt sich ganz auf das des deutschen Proletariates ab. Von ihm allein ist es abhängig, ob es überwunden wird. Denn es liegt allein in seiner Macht. Seine großen Toten, seine Führer haben ihm den Weg vorgezeichnet: „nur die große Machtentfaltung der Massen kann das Wunder vollbringen''. Nicht müde wurden sie, auf den Krebsschaden der deutschen Sozialdemokratie, die die Arbeitermassen zugrunde richtete, hinzuweisen. „Der parlamentarische Kretinismus ist eine Seudie geworden, von der sidi die deutsche Arbeiterklasse bis auf die letzte Spur befreien muß, wenn je ihre poiitisdie Wiedergeburt gelingen soll". — Umso heftiger galt Liebknechts und Luxemburgs Kampf der „Sozialdemokratischen Arbeitgemeinschaft", aus deren „Sumpfsozialismus" die heutige Partei der Unabhängigen hervorging und bis zur Internationale der Halbheit erwuchs. „All ihre Halbheiten, all ihr herzzerbrechendes „Möchtegern und Kann dodi nidit" erklären sich in erster Reihe aus dem parlamentarischen Kretinismus". Nur wenn das deutsche Proletariat sieh von ihm und seinen falschen Propheten befreien wird, wird es seine eigene Tragödie beenden. So bloß und nicht anders. Denn Höheres nodi stellt auf dem Spiel. Es gilt jetzt das Schidisal des Weltproletariats, Die russischen Proletarier haben zuerst die Hydra des Kapitalismus im eigenen Lande getötet und dem Weltimperialismus ge* trotzt. „Ein furchtbarer Knoten ist in Rußland geschürzt: das Schwert, das ihn zerhauen soll, liegt nicht in Rußland. Die russischen Brüder haben die Hand hinausgestreckt nach ihren Brüdern, Sollen s'e ins Leere greifen? Deutsche Proletarier: was nun?" Von nun an entscheidet das Los der deutschen Revolution das der Weltrevolution. Von nun erglühen Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg als lebendige Fak-- kein der proletarischen Kampfinternationale. Von nun an zünden sie den ganzen Brdenball — durch ihre Weck-' rufe, durch ihre Alarmsignale an. Durch ihre Erkenntnis, durch ihr Bekenntnis zur russischen Revolution: ,,das rus* sische Proletariat ist eben nur als Avantgarde des Weltproletariats aufzufassen, die in ihren Bewegungen den Reifegrad der internationalen Klassengegensätze zum Ausdruck bringt. Darin liegt das Schicksal der russischen Revolution, darin ihr Erfolg und Sieg eingeschlossen, Sie kann lediglich als Prolog der europäisdien Revolution des Proletariats ihr Ziel erreichen". — „Ich möchte helfen unter Opferung von tausend eigenen Leben, mithelfen an dem einzigen, was der russischen R e v o 1 ut i o n und der Welt helfen kann". Wird Liebknechts Alarmruf aus dem Zuchthause nicht umsonst verhallen, wird das Passionsspiel der Märtyrerführer des deutschen Proletariats endlich es selbst und das internationale Proletariat zur Kampfbesinnung und Siegestat reifmachen. * In ihren Seelen keimte die neue Menschheit, ist die alte — abgestorben. Und so sind sie nicht bloß glühende Revoltitionskämpfer, nicht blos brausender Sturm, sondern auch ruhende Sieger der Historie, abgeklärte Mittagssonne. Es ist das hervorstechende Paradox im Gemütsleben Liebknechts und Luxemburg, daß sie ihr inneres und äußeres Milieu, ihre Sturm- und Drangsphäre bereits überwunden, die Gipfel des Menschseins, Kämpferseins und die des Natur-Freiseins umspannt halten. Der pantheistische Zug im Wesen der Führer, der symbolischen Gestalten des Weltproletariats — ist der Hauch der werdenden Arbeitermenschheit. Ihr Lebenskeim, der allen Wucherpflanzen der modernden bürgerlichen Gesellsdiaft zum Trotze, siegesvoll zum Lichte sich streckt. Warum? Die Krone sinkt, die Preise steigen und die Not, das Elend übersteigt alles bisher Dagewesene. Dife breiten Masse,, der Arbeitenden können mit ihren Löhnen und Gehältern nicht mehr die a'llerel'em'en- 4Ä<rst^-*nd^r«igeiidsten-'BfidilrfoB^'ö^ sie greifen zum einziegn und letzten Mittel, sie traten in Streik. Eine Arbeitergruppe nach der anderen; eintet ÄngesteHtenkategorie nach der, anderen verkündlejt durch den Streik, daß hierzulande selbst die nackte Existenz der Arbeitenden nicht mehr gesichert ist. Was machen nun angesichts dieser grauenerregenden Tatsache die staatlichen und gesellschaftlichen Organisationen? Was tut die Regierung, was die Parteie,. und was das Haus der Weisheit — das Parlament? Und besonders, was gedenkt, was will die Arbeiterpartei, — die Sozialdemokratie machen? Diese Fragen zu beantworten ist nicht so einfach. Denn alle behaupten, sie arbeilen unermüdlich ander Milderung der gräßlichen Not; jeder dieser Faktoren nimmt für sich allein in Anspruch, gerade das RicMige zu wollen und zu tun. Und dabei wird es immer ärger: die Krone sinkt unaufhörlich, die Preise steigen 'unierschwingliich und es wird von Tag zu Tag unmöglicher, sich selbst von eigener Hände Arbeit zu ernähren. „ Die Lösung dieses Rätsels ist schon längst gefunden und wir bekommen täglich eine [wissenschaftliche Begründung für deren Richtigkeit. Zunächst einmal ist es die Passivität unserer Volkswirtschaft. Wir produzieren weniger, als wir zum eigenen Gebrauch benötigen, müssen daher unserem Bedarf im Ausland decken; wir führen Waren e i n, Kronen a u s, die Krone sinkt, die Preise steigen. Unbestrittene Wahrheit. Dann wird diese unsere an und für sich passiv© Wirtschaft durch den Friedensvertrag und dessen Folgen bankerott gemacht. Auch richtig. Eines nur bleibt unbegreiflich. Nämlich: wie es möglich sei. daß während alle arbeitenden Menschen dieses Landes, ohne Unterschied ob Hand- oder Kopfarbeiter — langsam aber sicher zugrunde gehen, alle Nichtarbeitenden desselben Landes — ohne Unterschied von Nationalität und Konfession — üppig gedeihen und von Tag zu Tag reicher werden. Wie ist dies möglich in einen nach allen Gesetzen der Demokratie .»vernünftig" regierten Lande? Diese Frage hämmert mit elementarer Wucht in den Köpfen der Arbeitenden. Die Lösung dieses Rätsf_ffs — vorn Sozialismus lange gefunden — ist bis heute noch nicht . . . Gemeingut aller Arbeitenden geworden. Die Ereignisse der letzten Tage sind aber ge ignet, die Massen zu zwingen, die Antwort zu suchen und auch zu finden. Da hat die Regierung .»Vertreter aller Berumschichten" — wie hübsch es klingt — zusammenQe-