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Freie Tribüne · 1921-01-08 · 1 (8.1.1921) · page 1

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Journal
Freie Tribüne
Volume
3 (1921)
Issue
1 (8.1.1921)
Date
1921-01-08
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
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Die Neuwahlen der Arbeiterräte sind vollendet, die Konstituierung derselben .im Gange und nun heißt es, darüber Klarheit zu gewinnen, welche Aufgaben die Arbeiterräte in der nächsten Zeit zu lösen halben ' den. oh! sind wir uns alle dessen bewußt, daß der;t der Arbeiterräte derzeit ziemlich enge . . m gesetzt sind, allein es wäre verfehlt, daraus . :ßen, daß die Arbeiterräte in der allernächsten: die proletarische Sache nichts leisten können.;utsehösterreich, umgeben vom weißte rroristi- Ungarn, vom rückständigen Jugoslawien, von durch soziale und nationale Kämpfe zerklüfteten :;. xhoslowakei und vom erzreaktionären bewaffniii'. ■■ Bayern, kann unmöglich heute den Arbeiterräten 'v -aben vongroßer, Staats umwälzender Bedeiituiflg <?: ig liehen. Die unmittelbare Errichtung der Sowjet-' - blik fallt somit nicht in die ailIemecBsteXä tig-fceit. ..: 'es Arbeiterrates. Hingegen birgt sowohl unsere ■x .:rbarschaft, ,aIs .auch die äüB en- Und iiinenpoli-;.:1 he. Lage,der Republik derartige Gefahren, die ab" . •venden einzig und allein der Arbeiterrat |ahig( Ist. M ir haben hier nicht allein die. Gefahr einer reak- .onär-monarchistischeii 'Reaktionim Auge, sondern auch die Gefahr einer brutalen Gewaltdiktatur unserer eigenen Bourgeoisie. Die christlichsoziale Regier rung und deren Bundesgenossen aus den Reihen der_ •** ürÄ*eüT§eif^~"^^ für den Bestand de^ kleinen Republik. ,Nebst dem1 Versuch einer, durch angebliche wirtschaftliche Vorteile begünstigten politischen Gemeinschaft mit Horthu-Ungairn erstrebt die christlichsoziale Regierung auch eine Annäherung an das katholische Bayern der reichen Bauern. Außenpolitisch bedeutet dieser Kurs eine Orientierung an die französische Politik die andauernd bestrebt ist, die Vereinigung Deutschösterreichs mit dem Deutschen Reiche zu verhindern, die Lostrennung Bayerns von Deutschland und die Bildung eines reaktionären Blocks aus Ungarn, Bayern und Deutschösterreich in Mitteleuropa zu ermöglichen. Dieser Block hätte selbstverständlich auch die Aufgabe, den Kampf der französischen Imperialistengegen Sowjetrußland aufzunehmen und gemeinsam mitPb'en und den sonstigen Randstaaten den Lauf der russischen Revolution zu hemmen, sie womöglich zu ersticken. Hier erwächst dem Arbeiterrat Deutschöster- 1 reichs die ehrenhafte verantwortliche Aufgabe, diese Politik des Bürgertums zu durchkreuzen und zü verhindern, daß unsere Republik in dieses Netz französischer Intriguen und reaktionärer Kombinationen einbezogen wird. Der Arbeiterrat muß mit verstärkl tem Nachdruck jeden Versuch einer politischen Koa- lition mit Ungarn und Bayern, wenn er auch mit angeblichen wirtschaftlichen Konzessionen verschleiert wird, abwehren; der Arbeiterrat muß nach wie vor jede materielle Unterstützung Polens mit Waffen und Munition verhindern. All dies kann der Arbeiterrat um so energischer fordern und durchsetzen, als.ja heute die Vertrauensmänner der Arbeiterschaft nicht mehr an den Regierunggechäften teilnehmen, sie dadurch also nicht mehr in Verlegenheit gebracht werden können. Der Arbedterrat muß die Arbeitervertreter im Par>* lament dazu verpflichten, die ganze Macht des organisierten Proletariats Deutschösterreichs für diese Forderung in die Wagschale des Kampfes zu werfen. Aber auch auf dem wirtschaftlichen Gebiete kann der Arbeiterrat Großes vollbringen. Der wirtschaftliche Zusammenbruch Deutschösterreichs ist durch den Friedensvertrag, durch die Armut an Naturschätzen und die Unfähigkeit dieses Staates, sich selbst zu ernähren, bedingt. Aber die Republik besitzt eine einzige Kraft, die es ermöglichen könnte, den völligen Niedergang zu verhindern und den Weg zum Aufstieg langsam zu beschreiten. Das ist die Arbeitskraft der Volksmassen. Das heutige i Deutschösterreich, das, als Industriezentrum für die gesamte ehemalige Doppelmonarchie existiert hat, muß heute seine Stellung als Industriestaat behaupten oder untergehen. In der Konkurrenz gegen , den imperialistischen Westen ist eine derartige Behauptung nicht möglieh, zumal die Sieger alles, was hier an wirklichen Werten erzeugt wird, als ihr Eigentum betrachten. Deswegen muß die Republik sieh nach dem Osten wenden, und zwar nach der sozialistischen Sowjetrepublik. Rußland, das nach dreijährigen Revolutionskriegen sich nunmehr dem wirtschaftlichen Aufbau widmen kann, bildet ein sehr ausgedehntes Absatzgebiet für die Industrie unseres kleinen Landes. Was Rußland an wirtschaftlichen Geräten, an Sensen^ Sicheln.Hufeisen, Dresch- und Mühmasicfhinen', an Lokomotiven1 und Eisenbahnwagen benötigt, das wird große Industriestaaten Jahrzehnte Hang vollauf beschäftigen. Wenn Deutschösterreich für die Befriedigung 'auch nur eines kleinen Teiles dieser ungeheuren Bedürfnisse Rußlands arbeiten wird, dann ist der Weg des' Aufstieges gesichert. , : Der Arbeiterrat muß endlich eine Kommission nach1 Rußland entsendenv mit der rußländischen Regierung, die entsprechenden Verhandlungen aufnehmen und eine genügende Zahl Aufträge für die österreichische Industrie sichern. ' Freilich, diese Verhandlungen können nur dann* von Erfolg begleitet sein, wenn die deutschesterrei- " chische Arbeiterschaft unsere Republik jeder reaktionären Kombination in Mitteleuropa fernhält und unsere Regierung zwingt, mit Rußland endlich einmal' ^Jte^ijijdisßt^ ziehungen aufzunehmen. Nun muß auch der Arbeiterrat unsere innere Politik, sowie die Aufbringung und Verteilung der Lebensmittel und Bedarfsgegenstände energisch und im Interesse der arbeitenden und armen Volksschichten beeinflussen. Jeder Versuch unserer Regierung, die Revolution zu liquidieren, die Verfassungsrechte der arbeitenden Massen einzuschränken, muß mit aller Kraft abgewehrt werden. Die herrschenden bürgerlichen Parteien habeu es auch darauf abgesehen, in diesem! kleinen Staate, in dem es absolut keine ernsten nationalen Reibungen gibt, die Existenz einer bestimmten Anzahl nichtdeutscher Bürger und Einwohner dazu zu benützen, eine wilde, nationalistische Hetze zu entfesseln. Der Arbeiterrat wird besonderes Augenmerk der verhetzerischen Losung: „Hinaus mit den Fremden" zuwenden müssen. Die Fremden- und Judenverfolgungen arten in Wien von Anbeginn bis auf den heutigen Tag in eine ausschließliche Verfolgung von Arbeitern aus. Wir, die Vertreter der jüdischen Arbeiterschaft Wiens im Arbeiterrat werden nicht müde werden, immer wieder darauf aufmerksam zu machen, daß Antisemitismus ein Mittel1 der Gegenrevolution, daß Judenhetze tatsächlich eine Hetze gegen die jüdischen Arbeiter und Angestellten ist. Denn tatsächlich ist bis heute kein einziger jüdischer Wucherer und Preistreiber, dafür aber sind unzählige redlich Arbeitende ausgewiesen und delogiert worden. Der Arbeiterrat hat hier die Möglichkeit, durch Erfüllung seiner heiligen Pflicht, der internationalen Solidarität — durch den Schutz der jüdischen Arbeiter und Angestellten —, die heimische Gegenrevolution zu bekämpfen. Die Aufbringung und Verteilung der Lebensmittel und deren Preisbildung muß beaufsichtigt und direkt beeinflußt werden. •Die christlichsoziale Regierung hat auf Drängen der Arbeiterschaft und der öffentlichen Angestellten, dem Wucher und der Preistreiberei den Krieg" angekündigt, allein wie dieser Krieg in Wahrheit aussehen wird, darüber gibt uns die letzte Regierungsverordnung genügenden Aufschluß. Diese ist nichts anderes, als eine sanfte Erinnerung an die Verordnungen der Kriegszeit, die von keinem der legalen und illegalen Wucherern ernst genommen wurde. Die Verordnung kündigt eine strenge Verfolgung und eine noch strengere Bestrafung dc;r Preistreiberei an. Dies von einer Regierung, die den freien Handel! und die freie Preisbildung durch Angebot und Nachfrage auf ihre Fahne geschrieben hat. Während der eine Bundesminister Kampf dem Wucher ankündigt, reißt sein Kollege im Bundesministerium jede Schranke gegen die Preistralnerei nieder und läßt Profitgier Ire* schalten und walten. Hier erwächst dem Arbeiterrat die dringende Aufgabe, die gesamte Kraft des Proletariats zu mobilisieren und die Regierung zu ernsten Maßnahmen, zu tatsächlichem Preisabbau zu zwingen. Wir haben es oft und , oft wiederholt, die Regierung' ist jederzeit in der Laige, die. Wucher«sr^.lm.d,..^ Preistreiber festzustellen, sie, muß bloß die Steuer^ bekenntnisse der Kaufmannschaft und der Industrien , barone perlustrieren. Die eigenen Bekenntnisse^diese^i Herren, die doch zumindest einen Teil ihrer. Einkünfte vor der Steuerbehörde zu verheimlichen versuchen, werden den genügenden Beweis erbring«*, daß aller Handel und aller auf Ausbeutung'von fremden Arbeitskräften begründeter JErwerb mit der Volksnot, häßlichen Wucher treibt. So sehen wir die. Aufgaben des Arbeiterrates / wachsen; es liegt:nun a;n^ dem;Ergste und dem Vcf-' antwortliehkeitsgefühl der heugewählten Arbeite» : rate, an diese Aufgaben heranzutreten und die 'itlas- ' senbewußte Arbeiterschaft Deutschösterreichst im Kampfe für dieselben, um sieh1 zu scharen. . Aann wird auch der auf dem ersten/'Rejchskoß- ■gresre der Arbeiterräte aufgestellte Grundsatz: „Der Arbeiterrat möge sich jeweilig soviel Jl^aeht^ nehmen,- als es jeweilig in seiner eigenen Kraft/ Hegt" befolg* und verwirklicht werden. Dann. wirdAderArbeiterrat » ^i-ir^b-etterscrfä'fT^ ~ Zeit hinweg wehrfähig erhalten und für neue große Aufgaben, * für die Begründung dfer sozialistischen Sowjetrepublik, organisatorisch vorbereiten. Zwei Jahre „Freie Tribüne". „So wird Wien wieder ein geistiger\und organisatorischer Mittelpunkt unserer Weltbewegung. Der „Freien Tribüne" aber liegt es ob, da sie jetzt in das zweite Jahr ihrer Existenz tritt, mitgereifter ,Krnlt ihren Namen bewahren und auch ferner die freie Tribüne zu sein, von der alle frei sich regenden Gedanken innerhalb unserer Bewegung und des allgemeinen Sozialismus kühn verkündet worden sollen." War das Selbstbewußtsein, die Hoffnung, der &ufe Wille, der sich in diesen Worten in der ersten Numniör dos vorigen Jahrgangs unseres Blattes ausdrückte, uri-, begründet? Ilaben wir unsere Absichten zu Ende geführt? Die Genossen, die an unseren organisatorischen Kämpfen teilgenommen, die Leser, die unser geistiges Ringen miterlebt haben, wissen, daß sich unser Wort bewährt hat. Mit der Schaffung dös neuen Weitverbandes in Wien hat die Scheidung von den kleinbürgerlich-nationalistischen Elementen, die solange die Entwicklung unserer Idee gehemmt, 'den Aklionswdlen dos jüdischen Proletariats verfälscht haben, endlich begonnen. Die unumwundlmo Erklärung für die Kommunistische Internationale, die Aufstockung dos Zieles: Weltrevolution — von Wien sind sie ausgegangen und liier haben sie entschlossene Formulierung erTangfc. Von der Wiener Wellkonferenz an haben Poale-Zion, die sich um uiese wichtig tj Frage herumdrücken wollen, dio den .'indischen Arbeitern nur nationale Probleme zu lösen au.C geben, sie von den harten Tatsachen des unmittelbaren Klassenkampfes durch nationalistische Träumereien abziehen wollen, jeden Boden innerhalb der jü' , disch-proleta tischen Bewegung verloren. Wenn jutzt in dem ganzen jüdischen Proletariat Klarheit darüber herrscht, was die Poale-Zion sind» und Avir nicht ni&hr für all das verantwortlich gemacht werden, was un - sore „Gewesenen" getan und unterlassen haben, wenn endlich proletarische Bedürfnisse und Notwendigkeiten allein maßgebend werden für xmsere Aktion, dürfen wir uns einen guten Teil des Verdienstes zumessen. Betrachten wir die Lage innerhalb unserer Bev. egung vor einem Jahre. Das soeben gegründete 0. B. fand zunächst nur in unserem Blatte ein Sprachrohr. Außer der deutschösterreichischen gehörten ihm nur die junge, kleine, dem Verbände nicht angeschlossene litauische Partei oder gar so verfehmte, wie die Jüdische kommunisii - scho Partei Rußlands und die dreimal verfluchte Pa - lästina-Partei an. Und alle Hiebe, die diesen Parteien

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