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Freie Tribüne · 1920-12-11 · 44 (11.12.1920) · page 1

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Journal
Freie Tribüne
Volume
2 (1920)
Issue
44 (11.12.1920)
Date
1920-12-11
Page
– (sequence 1)
Language
German
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EP*. jC\LLB/ZL. L&MiOE/ZL, E GL£ / As// T E U Cf-// SllltlttfllttlllllllfUltlttltlflfitll f I ftfiltlf ftMUdtltlll fltfllltlltf fltllf IM I ittfl lilllllfttlffilt IIIIIth IflHIIIlHtiliIfllU III (I Milllllf l.ilMIIMIiyiy |lunilllllMlllllUin/IINIlMHtin(fl»i Organ der jüdischen sozialistischen Arbeiterpartei Poaie Zion in Deutschösterreich Erscheint jeden S?.msta^ REDAKTION UND VERWALTUNO: WIEN II, GLOCKENGASSE 6, Tür 17 Erscheint jeden Samstag Bezugspreis samt Zustellung: Ganzjährig K 45.—.....Halbjährig K 24.-.....Vierteljährig K 12.- ... . . Einzelnummer K 1.— II. Jahrgang Wien, 11. Dezember 1920, Nr. 44 Volksnot und Volksregierung, Fü nfu ndzwa nzigta usend S taatsbe amte st rc iivon, weil sie die uiiormcßliclie Not nicht länger ertragen können. Die öffentlichen Angestellten werden vom Hunger nuf die Straße getrieben, wo sie den monatelang versprochenen Preisabbau fordern. In den größten Industriezweigen steht die Arbeiterschaft im heftigsten Lohnkampfe. Handel und Gewerbe, Industrie und Verkehr, die gesamte Volkswirtschaft wird, von einer elementaren, aus den tägliciicn Bedürfnissen und stündlichen Nöten geborenen Belegung durchbcbl. Und alle, alle wissen es: die To u e r u n g ist s';, die seit dem 17. Oktober in verschärfter Weise die nackte Existenz breiter arbeitender Volksschichten bedroht und diese Lohnbewegungen hervorgerufen hat. Nur. die Regierung will diese elementare Wahrheit nicht verstehen. Ja, sie scheint sogar geneigt, die Lohnbewegung durch angedrohte Entlassungen zu unterdrücken; sie macht Miene, den Hunger mit der Peitsche zu verjagen. So traurig diese . Erscheinung auch ist, so natürlich ist sie. Denn eine Regierung der besitzenden. Klassen — der Christliehsozialen und Grofideutscncn — kann niel.it anders handeln; es sei denn, sie verriete die eigenen Klassemnleressen. / . I'jj,;der Tat. . Was sollte, was könnte eine Regio - solchen Situation tun. Doch 'nicht drohen. Und schon. #ar nicht mit der Reparationskommission. Eine wahre Yolksrcgierung,, würde, nachdem alle Hoffnungen auf ijonügende ausländische Kredite zur Hebung der Produktioii sich als unerfüllbar erwiesen; nachdem die eigene Valuta durch schamlose Raubspckulaiion. der inländischen Kapitalisten auf Null gesunken ist und nachdem die besitzenden Bauern für die Arbeiter, Angestellten und Beamten, nichts, — selbst um das teuere Geld nichts — hergeben wollen, eben an die einz.rie noch erreichbare Quelle — an den inländischen Besitz herantreten. Eine Volksregicrung würde eben die sittliche Kraft, den politischen Ernst und die morali - sehe Verantwortung aufbringen, die Not der Besitzlosen 'durch die Besteuerung der Besitzenden zu ün-!ern. Wer will, wer kann diesen sittlichen Ernst, -•diese moralische Verantwortung von einer Begier im- ■des Kapitals erwarten. Und so sehen wir auch,' wie das regierende Bürgertum ganz andere Wege wandelt, als es einer republikanischen Volksregicrung ihrem eigenen Wesen nach geziemt. So offenbart sich wieder einmal in dieser großen Krise unserer ldeinen Republik, die unsinnige Lüge der „Demokratie". Wir haben in Deutsch- Österreich die vollkommenste Demokratie und gleichzeitig die unfähigste Regierung. Unfähig nicht nur in punkto Personen, sondern auch als eine regierende Körperschaft, die die engen Grenzen ihrer Klassen - Interessen nicht zu überschreiten vormag. So erscheint eben die'vollkommenste Demokratie nicht als unverfälschter Ausdruck des Volkswillens, sondern entpuppt sich bei näherer Betrachtung, bei Berührung mit dem Leben, als, die maskierte Hülle einer Klassendiktatur über das Volk. Einer Klassendiktatur, die allen fortschrittlichen Sinnes bar, der geschichtlichen Entwicklung geradezu im Wege steht. Die Diktatur einer Klasse, die ihre historische Mission schon längst erfüllt und nunmehr ein Hindernis für die Entwicklung der Produktivkräfte, für den Aufstieg der Generation bildet. Hat aber diese herrschende Klasse einmal er - kannt, daß sie nicht mehr fällig ist, allein unum - schränkt zu regieren, sieht sie gar die neue geschichtliche Klasse zielbewußt heranreifen und zur Macht gefangen, dann handelt sie — die Bourgeoisie — nach dem alten Grundsatz: nach mir die Sintflut. Denn, was ist es anderes, als dieser unsittlich«, verderbliche Grundsatz, wenn die bürgerliche Regierung 'den, um höhere Löhne kämpfenden Beamten droht, zurückzutreten und das Schicksal der Republik in die Hände der „Reparationskommission" zu legen. Die ehernen Gesetze der Entwicklung sind eben •nächtiger als der gute Glaube Einzelner oder auch •ganzer Klassen. Es scheint nun der Fluch der bür - gcrlichon Gesellschaft, daß sie uns vorerst ins Chaos stürzt und dann über die Zerstörungen der Revolution wehklagt. Die Arbeiterschaft Deutschösterreichs muß jetzt auf der Hut sein. Die Christliehsozialen, unfähig zu regieren, scheinen nun bereit, die chaotische Sintflut herauf/übe - schwören. Das Proletariat muß bereit sein, diese letzte Missetat der Bourgeoisie zu verhindern. Deutschösterroich darf nicht zu einer Gouvcrne - montkolonie des französischen Imperialismus werden. Die Arbeiterschaft besitzt die sittliche Kraft und moralische Verantwortung genug, Deutschösterreich, zur blühenden, glücklichen, sozialistischen Republik zu machen. Die jüdische Wanderung, deren Richtung und Ziel. Noch sind die Oststaaten) Europas fast hermetisch gegen einander abgesperrt und schon ist die jüdische Wanderung wieder zum kardinalen Problem der jüdischen Arbeiterpolitik geworden. In den Sommermonaten 1920 ist es Tausend jüdischen Familien unter unsäglichen Leiden gelungen, aus dorn Osten — Polen, Ukraina und Beßarabien — nach Mitteleuropa zu gelangen, um von da den Weg in eine neue Heimat zu suchen, ......~Vffr den -Augen der " Wanderer — schwebten"" zwei Möglichkeiten: Zunächst waren es Verwandte in Amerika, deren Hille sie anriefen und zu denen zu gelangen, sie als höchstes Glück anstrebten. Das wäre sozusagen die Linie des „geringsten" Widerstandes, wenn . . . Amerika sich nicht speziell gegen derartige Einwanderer absperren würde. Es gelang auch einigen tausend Emigranten, das Land ihrer Verwandten zu erreichen. Die zweite, immerhin schon planmäßigere, bewußt angestrebte Möglichkeit war und ist Palästina. Wohl haben sehr wenige dort Verwandte, noch weniger reiche Verwandte, dafür aber fühlton gar viele und wußten gar manche: in Palästina könnten sie festen Boden betreten, sich neuem, ernsten und fruchtbrin - gendom Leben widmen, ja, ganze Menschen werden. Und Hunderte gingen hin, in das Land der besseren Zukunft. Nun sickert tropfenweise, der durch äußero Gewalt eingeengte Wandererstrom nach Amerika und nach Palästina. Und an dem Tage, an dem die Grenzen des Ostens geöffnet werden, wird dieser seichte Fluß zum reißenden Strom worden. Hunderte, Tausende warten im Osten auf diesen Tag. Und die jüdische organisierte Gesellschaft — die bürgerliche und die proletarische — bereitet sie sich etwa vor — jedo in ihrer Arl — diese so nah bevorstehende Volkswanderung zu regulieren; die wan - dornden Massen zu organisieren, ihnen Ziel und Richtung zu weisen? Nichts von alldem ist zu bemerken. Wenn . . . man dio Tätigkeit der zionistischen Anti-Palästinaämter, dio den Wandernden 'meistens den „guten" Rat erleilen, „vorläufig nicht nach Palästina zu gehen", als organisierte gesellschaftliche Betätigung ansehen will, dann kann man aller - dings sehr rullig schlafen. Will man aber mit dem Problem der jüdischen Wanderung nicht nur einen zionistischen Kongreß dekorieren, sondern endliciücinmal fertig worden, dann gilt es, sofort an die Arbeit für dio planmäßigo und zielbewußte R e g u 1 i e r u n g. Aber wie. Wie sollte die jüdische Arbeiterschaft dieses Problem lösen. Nun denken wir uns, das Wanderungsproblcm beschäftige ebenso irgend eines der kleinen Völker Europas, das keine Flotte und keine Armee zu dessen Lösung besitze. Die arbeitenden Massen leiden darunter und sinnen nach eigener Lösung. Die Arbeiterparteien, die Gewerkschaften, dio wirtschaftlichen Organisationen, alle, alle würden sich mit dieser Frage ernstlich beschäftigen und mit vereinten Kräften sie zu lösen suchen. Anders bei uns. Die politischen Parteien sind ja gerade wegen des Wand'erungsproblems in heftigster Fehde. Jüdische Proletarier wandern, nun denn, bequemt sich ein Bundist und untersucht genau die Wandererbewegung der . . . Ruthcnon und der Tschechen, und konstatiert: es liegt kein Grund zu besonderer Aufregung, oder gar zu ernster, organisierter Einflußnahme vor. Basta. Ein klassisches Beispiel sozialistischer Tätigkeit. Dio Gewerkschaften. Ja, unlängst versammelten sieh die jüdischen Arbeitergewerkschaften Amerikas und nahmen Stellung zum jüdischen . . E i nwandc - rungsproblem. Sie haben sich unzweideutig f ii r die freie Einwanderung und gegen den „Protektionismus"' der gelben Gompers-Gewcrkschat'ten ausgesprochen. Damit ist aber noch nichts geschehen. Charakteristisch für die Inhaltslosigkeit einer derartigen Stellungnahme scheinen uns folgende, in der Nummer vom 0. Oktober im Newyorkcr „Tag" -veröffentlichten Zeilen eines, scheinbar Gewerkschaits - Sekretärs namens D. Isakowitsch: „Und jetzt komme ich zum zweiten, noch, unangenehmeren Punkte, zur Resolution wegen der freien Emigration, von der ich nicht sehr begeistert bin und auf die ich wenig Gewicht lege, weil sie, wie gesagt! wenig beitragen wird zur Milderung der schwierigen, sorgenvollen Emigrationsfrage. Es _ist Zeit, mit der Vogel-Strauß-Politik aufzuhören; wir müssen den Mut haben, die Dinge so zu; sehen, wie sie in Wahrheit sind. Und die bittere Wahrheit ist, daß unsere jüdischen, Arbeiterorganisationen, heute weniger als jemals, 'auf die Emigrationsfrage mit einer Resolution, für freie Eini- 'gration antworten, können. Als Einzelner, als Individuum, kann wohl kein jüdischer Arbeiter, der weitere und nähere Verwandte hat, in Rußland, Polen, Lithaueu, Galizien, Rumänien usw.,, die er so bald als möglich herüberbringen möchte, gegen die iieie Emigration sich aussprechen. Als organisiertem Arbeiter jedoch, als Mitglied einer Arbeiterorganisation, fällt es ihm ebenso schwer, sich dafür auszusprechen. Und daiin Hegt eben das Tragische. Wenn ihr dio Mitglieder der „Internationale", der* „Amalgamated", der Kappenmacherorganisation, das sind schon die größten und bedeutendsten Organisationen, von den ldeinen, wie die der Matratzenerzeuger und an - deren, muß mau ganz schweigen — fragen wolltet r wieviele neue Arbeiter könnt ihr in euer Fach, nicht bloß in eueie , Fachorganisationen aufnehmen, müßten sie euch alle antworten: nicht einen einzigen. Es ist Tatsache, daß alle jüdischen Berufe und Industrien jetzt auf dem Vulkan der Arbeitslosigkeit stehen. So bitter es auch ist, dies auszusprechen, — man muß es sagenV daß im alltäglichen Leben dio Stellung der jüdischen Arbeiterorganisationen zu neuen Mitgliedern oder neuen Emigranten nicht um ein Haar besser ist, als die Stellung der „Föderation" und im Gegensatz zu Pr. Fah - renbergs Meinung^ sind dio lokalen 'Unions — die Massen mit ihren Vertretern — noch strenger als die Exekutiven,, die Landeskörperschaften. Dio letzten Konferenzen, der „International" und der „Amalgamatod" haben z. B. beschlossen, die Eintrittsgelder in den lokalen Unions auf 10—15 Dollars zu reduzieren und die lokalen Unions achten so wenig darauf, wie auf den vorjährigen Schnee. Bisher sind dio Eintrittsgelder nicht nur nicht ermäßigt, sondern sogar erhöht worden, bis zu 50. 75 und 85 Dollars, sogar für Frauen in manchen Fällen. Und das waiSf schon so, man darf es nicht vergessen, in den paar letzten „prosperierenden" Jahren, in denen man keinen Arbeiter bekommen konnte. Was erst jetzt, wo die Arbeitslosigkeit immer heftiger an, die Türen pocht! Der einzige Unterschied ist, daß sie — die amerikanischen Arbeiterföderationen; — es sich leisten können, den Mut zu haben, öffentlich gegen die freie Emigration, zu sein, während wir, die jüdischen, Unions — uns in dem Dilemma befinden: als Eingewanderte, als Menschen, die Vorwandte und Freunde herüberzubringen haben, können wir nicht für dio Beschränkung sein';j als organisierte Arbeiter jedoch können wir nicht für freie Emigration sein. Daraus entsteht der schmerzliche Widerspruch, daß wir mit Worten für dio eine Sache kämpfen und im Leben das Entgegengesetzte tun. Und dazu begehen wir, noch das Unrecht, daß wir diejem - gen schmähen, die so reden, wie wir handeln". Wir sehen also auch, den Gewerkschaften raangeV. es an Kraft, das Wanderungsproblem in seiner ganzen, ernsten Größe auch nur aufzurollen, geschweigezu lösen.

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