Freie Tribüne
- Journal
- Freie Tribüne
- Volume
- 2 (1920)
- Issue
- 43 (4.12.1920)
- Date
- 1920-12-04
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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PPOAfrAA/f« /2kLL&£=l L4^aB/=L N^A^ //V/Q r B^jCM. HlUitffliiifiiiiftfiiMiiiiMKfiiiri ifftiMiiriinmiiiinMfriMimiimtifiiiiiiiii mMiiMitiiiii i/iinniimiuiiimii/im m u imiiM/iiiiMmiiiyijpiHMifmMmimiuMiMHHiiMiiiuiitiw* FREIE TRIBÜNE Organ der jüdischen sozialistischen Arbeiterpartei PoaJe Zion in Deutschösterreich Erscheint jeden Samstag REDAKTION UND VERWALTUNG: WIEN II, GLOCKENGASSE 6, Tür 17 Erscheint jeden Samstag Bezugspreis samt Zustellung: Ganzjährig K 45.-.....Halbjährig K 24.-.....Vierteljährig K 12.- ... . . Doppelnummer K 1.50 "Ii. Jahrgang Wien, 4. Dezember 1920. Nr. 43 Friedrich Engels. Zu seinem 100. Geburhtage. Zwei Jahrzehnte liegen bereits zwischen seiner lebendigen Wirksamkeit und unserer Gegenwart. Und doch ist Friedrich Engels noch immer unser — beinahe möchten wir ssgen: Zeitgenosse und seine ursprüngliche Kraft wirkt ununterbrochen fort in unserer lebendigen Wirklichkeit. Deswegen ist es heute noch unmöglich Friedrich Engels als der Geschichte angehörend zu betrachten. Trotz zweier Jahrzehnte konnten wir noch immer keine historische Perspektive, keine richtige Distanz zum Wirken Friedrich Engels gewinnen. Es ist beinahe so, als ob er selbst — nicht nur sein Geist —- mitten unter uns wäre, gemeinsam mit uns kämpfte, uns führte und daß er gar oft über unser Tun und Lassen ganz anders denkt und urteilt, als wir selbst. Die moderne Arbeiterbewegung, von ihren ersten ernsten Anfängen bis auf die großen Kämpfe1 ist in ihrer täglichen Praxis mächtig beeinflußt von Friedrich Engels. Das Erfurter Programm", bis^zum 4. August 1914 der Leitstern der Arbeiterbewegung, wer weiß nicht welchen Anteil Engels an diesem Werke hatte; Parlamentarismus und Antiparlamentarismus, wie frisch und munter stritt da Engels mit; Reformismus oder Revolution, wie gründlich belehrte er die ArDeiterschaff über die Unvermeidlichkeit der sozialen Umwälzung. Denkt man nun über die Stellung Friedrich Engels zu den großen Problemen und kleinen Tages*- fragen der ArbeiterDewegung nach, so kann man sich unmöglich von der Gegenwart gänzlich losreißen und sich ,,objektiv'' in die Geschichte versenken. Im Gegenteil. Je mehr man sich in die, zu" verschiedenen Zeiten verschiedenartige Stellung Engels vertieft, fühlt man sich mit tausendfachen Fäden unmittelbar mit der Gegenwart verbunden. Will man in Marx das Gehirn der Arbeiter-; b'ewcgung erolicken, so war Engels deren lebenfcstrotzender Nerv. Und so frägt man sich unfwillkürlich' immer wieder: wie würde Engels heute handeln? Nun, mögen' die alten Gelehrten es tausendmal versuchen nachzuweisen, daß Engels ein waschechter Kautskyaner geworden wäre. Uns dünkt es richtiger, sich daran zu halten, Wie Engels auf die erste grbßc proletarische Erhebung — die Pariser Kommune reagiert hat. Engels, der wissenschaftliche, aber nicht verknöcherte Sozialist, der Revolutionär au» Fleisch und Blut schrieb damals: „Der deutsche Philister ist neuerdings wieder in heilsamen Schrecken geraten bei dem Wort: Diktatur des Proletariats. Nun gut, ihr Herren, wollt ihr wissen, wiediese Diktatur auss i e h t?S e h t euch die Pariser Kommune an. Das war die Diktatur des Proletariats." Teuerung und Lohnbewegung. Die Regierung der Unfähigkeit. Nun zeigt es sich, wer in den letzten Wahlen gesiegt hat — die Börse und das Sch ieberf u m. Heute feiert, die Bourgeoisie wilde Orgien der Ausbeutung. Im den letzten sechs Wochen nach den Wahlen sind die Preise der unentbehrlichsten Leoensrnittcl und Bedarfsgegenstände derart gestiegen, daß die Arbeiterschaft gezwungen wurde, zur Selosthilfe zu greifem. Die Bourgeoisie geht wieder daran, uneingeschränkten Profit zu machen, — freien Handel zu treiben. Und wir sehen, wie das Fett, ja, s'clDst der rationierte Zucker um das Hundertfache verteuert werden. Sich anpassen an die Weltpreise" nennt die bürgerliche Presse dieses schamloseste Treiben. Je tiefer die Krone sinkt, desto besser für die Banken, je teuerer die Waren, desto günstigere Bilanzen erzielen die Kaufleute. Man sollte doch einmal die Steuerbehörde zwingen, die vorliegenden Bilanzen der Banken und einzelner Kaufleute für die Jahre 1918, 1919 und 1920,_ durch Mauer anseht ag 'dem Volke bekanntzugeben und man wird sehr bald ersehen, daß, je teuerer die Waten, desto größer der Nutzten, je größer die Volksnot, desto fetter der Profit der Ausbeuter aller Grade und aller Konfessionen. : Was aber in den letzten sechs Wochen, unter dem Schutz der bürgerlichen1 Regierung an Volkswucherung geschehen sei, übersteigt alles Dagewesene Es ist noch allen in Erinnerung, welcher Stillstand ini Geschäftsleben, welcher Ueberfluß an Waren und welcher Mangel an Kaufkraft die ganzen Frühjahrs- und Sommermonate hindurch herrschte. Man merkte sogar ein langsames, immerhin nber stetes Sinken der Preise. Die Lagerhäuser waren voll mit .aller Art Lebensmittel und Bedarfsgegenstände. Bs fehlte die, Absatzmöglichkeit. Plötzlich fiel die Krone in der Schweiz und die redliche Kaufmannschaft begann „sich an die Weltmarktpreise anzupassen". In der Laiensprache bedeutet dies einfach, daß man Waren, die man im Frühjahre zu einem günstigen Kronenkurs im Auslände einkaufte, jetzt auf Grundlage des heutigen Tiefstarides der Krone verkauft. Also begann die Teuerungswelle. Einige Wochen vergingen und die arbeitenden Massen verspürten diesen unerträglichen Druck. So . sehen wir heute beinahe die gesamte Arbeiterschaft Deutschösterreichs in einer großen Lohnbewegung. Es geht um die nackte Existenz, um das tägliche Brot. Unsere Gewerkschaften laben dem internationalen Gewerkschaftskongreß in London eine Statistik d e u t s c h ö s t e r r e i c h i s c h' e r N o t unterbreitet, die jeden Denkenden erschauern läßt. Nun lasse man die Steuerbehörde die Statistik d e u t s c h ö st e r r e i - c h i sc h e n R ei c h tu ms vorlegen und die Welt wird sehen: Deutschösterreich ist das Land, in dem der tollste Reichtum einiger Nichtstuer und die unerträglichste Not Millionen Arbeitender nebeneinander wohnen. Dann wird aber auch die Welt erkennen: hier hilft keine Lohnbelwegung, hier tut Selbsthilfe des arbeitenden Volkes dringend not. Zweifellos. Der Berg hat eine Maus geboren!. Das Bürgertum hat eine Regierung eingesetzt, die unfähig ist, die großen Probleme der kleineu Republik zu lösen. i Man erinnert sich unwillkürlich an den müssigejn und unfruchtbaren Streit, der lange Zeit die Arbeiterbewegung versehrthat. Ist das Proletariat bereits fähig, zu regieren oder muß es diese Kuinst bei der Bourgeoisie erlernen. Auch bei uns in Deutschösterreich hat man darüber nicht wenig gestritten. Nun erkennen alle: um die Regierungs'kujnst des Bürgertums steh t es schlecht. Hatte das Bürgerturn Oesterreichs niemals Ge legenheit, sich am Regieren besonders hervorzutun, war es doch das Interesse der Monarchie, durch ein r unfähige Bürokratie zu regieren, so ist es freute,'die. deutsche, tschechische, polnische, ja die ganze Bourgeoisie Mitteleuropas, die sich völlig unfähig zeigte, eine längere Zeit allein zu regierein. Einmal sind es die Arbeitervertreter, die diu Regierungsgeschäfte ernst .und' sachlich besorgen, bah l sind es Fach minister — im Amtsschimmel großgezogen*? Bürokraten — und letzten Endes, wenn es der Bour geoisie nicht mehr gelingen will, sich hinter irgenkl einer Mauer zu verschanzen, entsendet sie an diu Spitze der Regierung die Unfähigsten, die dümmsten Leute. . , _ _ ^^aib?_----... w--^-^^T^^j: Doch nicht deswegen, weil' sie den Geglnern ein geeigneteres Kampfziel bieten will. Auch nicht au?- Mangel an fähigeren Leuten. Nein;.. Mit Recht höhnjte Renner die Christlichsozialen, indem er Kussel iak aufforderte, als Fachuijinister für Ostjüdische Angelegenheiten, — will heißen: für antisemitisch^ Hetze — in die Regierung einzutreten. Warum haben also die Christlichsozialen nic'lr; ihie Fähigsten, Klügsten und Kühnsten in die Regierung entsendet, warum diese Unfähigen;. Diese Frage aufwerfen heißt gleichzeitig, darnach forschen, welche Aufgaben eine ernste Regierung in Deutschösterreich auf sich nehmen muß. Die V o 1 k s e r n ä h r u n g. Aber gerade auf diesem Gebiete ist jede bürger liche Regierung zur Unfruchtbarkeit verurteilt. Dir. Volksernährung in Deutschösterreich sicherzustellen heißt: alle im Lande aufzubringenden Lebensmittel, staatlich zu erfassen und gerecht zu verteilen;' bei, allen im Auslande einzukaufenden Lebensmitteln jeden Privatprofit auszuschalten; und, was die Hauptsache ist, die hiezu erforderlichen ungeheurem Gelclmjittet durch eine direkte Besteuerung der Besitzer aufzubringen.! | ' C. ) * Die Produktion wieder aufzubauen. Wenn man darunter versteht eine Vermehrung der Erzeugung, eine Hebung der Arbeitskraft und ein,'i Vergrößerung des Exportes und dadurch eine aktive volkswirtschaftliche 'Bilanz, 'dann gibt es nur eMv. Möglichkeit, dies alles zu erzielen. Und zwar gute, kiäitige Ernährung, gesunde, luftige Wohn- und Ar» beitsräume, und, was das wesentliche ist, der Arbeits schaft die Gewähr zu bieten, daß das nunmehr Wie' deraufzubeuende nicht noch einmal durch einen Krieij zerstört werden wird, was wohl gleichbedeutend mit der Ausschaltung der kapitalistischen Profitinteressen is1. Das, was der Sozialdemokratie trotz der großen Opfer in zweijähriger unermüdlicher Arbeit nicht gelingen konnte, soll nun dem Bürgertum, der bürgere liehen Regierung gelingen. Aber das Interesse des Bürgertums ist ja gerad i entgegengesetzt diesen Lebensbedürfnissen und Aufgaben der deutschösterreichischen Republik. Deswegen ist auch die dritte Aufgabe: Sicherung der Republik einer bürgerlichen Regierung fremd und unerfüllbar. Deswegen hat das Bürgertum eine Regierung der Unfähigkeit geboren. . Das Bürgertum hat aufgehört, schöpferisch und1 fortschrittlich zu sein. Das Bürgertum ist trotz der zahlreichen Bürokratie, trotz der hervorragenden Fachmänner, unfähig, zu regeren.