Freie Tribüne
- Journal
- Freie Tribüne
- Volume
- 2 (1920)
- Issue
- 39 (6.11.1920)
- Date
- 1920-11-06
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 2 Genossen! Es stehen uns wichtige Aufgaben bevor! Wir können nur handeln, Wenn der Zusammenschluß alier Gleichgesinnten raschestens von statten geht. Vir ersuchen daher alle linken Fraktionen, die steh nns angeschlossen, jedoch noch nicht entsprechende Adressen bekanntgegeben haben, dies sofort nachzutragen. Wir fordern ferner alle kommunistisch gesinnten Poale-Zion der Landesparteien, wo noch keine Fraktionen besteben, auf, solche zu gründen und Ihre Adressen anher bekanntzugeben. Organisationsbüro der linken Poale Zion. IlacftricMeiu Die russländischen Poale Zioa in der dritten Internationale. Es erreicht uns die erfreuliche Botschaft, daß unsere alirussländische Bruderpartei mit einem ausführlichen Memorandum ihren Anschluß an die dritte Internationale angemeldet hat. Die russländischen Poale Zion, die stets die Avantgarde des revolutionären jüdischen Proletariates waren, haben sich auch mit diesem Schritt an die Spitze unserer Bewegung gestellt. Das Organisationsbüro der linken Poale Zion, das sich die Aufgabe gestellt hat, unseren Weltver« band auf den Boden der dritten Internationale aufzubauen, begrüßt diesen historischen Schritt aufs wärmste und wünscht ihm vollen Erfolg. Die Gründung einer linken „Sozialistischen Arbeiterpartei Palästinas Poale Zion". Wie uns mitgeteilt wird, hat sich in Palästina in Opposition zur offiziellen Landespartei „Hachdnth Haawodah", die ans dem Znsammenschluß der alten Partei und den unparteiischen Arbeiterorganisationen entstanden ist. eine neue Partei unter dem Namen „ Sozial istische Arbeiterpartei Palästinas Poale Zion" gegründet. Sie fühlt sich und nennt sich auch : „Poale Zion Amchodosch", „Die erneuerten Poale Zion". Die Gründungsversammiung hat nachstehende .Richtlinien zur politischen Stellungnahme beschlossen: 1. Eintritt in die III. Internationale. 2. Die Regelung des Verhältnisses zum Weltverbande aufzuschieben, bis zur Klarung der Stellung desselben zur Internationale. 3. Eine breite Aufklärungsarbeit unter den arabischen Arbeitern in Angrift zn nehmen und 4. in der Sprachenfrage dem rücksichtslosen Unterdrtickungskampf gegen das Jiddische aufs schärfste zu begegnen. Wir werden genaue Erkundigungen über dieses wichtige Ereignis einziehe» und ausführlicher darüber berichten. Briefe aus Sowjet-Rußland. Erster Brief. Vor dem Kriege waren die „Poale Zion" in Rußland eine kleine Partei; während des Krieges schlug sie wie alle ihre ausländischen Gruppen eine scharf-zimmerwaldistischc •Richtung ein. Seit Beginn der März-Revolution nahmen die meisten Gruppen aktiven Anteil an'den bols'rfi'ewistyischeu Aktionen und wurden deshalb von iKerenskis (Koalitionsregierung verfolgt. Viele Parteigenossen büßten ihre Teilnahme an den revolutionären Aktionen mit Kerkerstrafen, was aber die Massen, die nun der Pertei .zuströmten, nicht von der Entfaltung großzügiger bolschewistischer Propaganda abhielt. Schon auf der ersten Konferenz der rußländischen Poale Zion" im April 1917 in Moskau, kam eine klare Differenzierung in drei Fraktionen zutage: B o 1 s c Ii e \v i k i, International i s t e ii und Mensch e vv i k i. Die beiden linken Fraktionen hatten eine überwiegende Majorität auf der Konferenz, In Uebereiustitnnumg aller Richtungen nahm sie gegen die Koalition Stellung und verdammte den Krieg'und die Kerenski-Regierung. Die bolschewistische Fraktion woltte sich jedoch mit der bloßen Negation nicht begnügen und verlangte eine positive Stellung und klare Richtlinien für den . weiteren Verlauf der Revolution, Diktatur des rPoletariats durch die Arbeiterrätc und innige Verbindung mit den Bol schewikeu im Auslände waren die Losungen dieser Fraktion. Die Internationalisten konnten zu keiner positiven Stellung zu den Problemen gelangen, die in den 'Vagen Kerenskis das öffentliche Leben beherrschten. Die wankelmütige Stellung des Zentralkomitees der rußländischen Partei, in dem die koinpromißeluden Internationalisten die Mehrheit hatten, hat die Entwicklung der Partei lange Zeit beeinträchtigt. Als nämlich die einzelnen Organisationen im Drange ihrer revolutionären Pflicht Träger der Losungen der sozialen Revolution und die aktivsten Vorkämpfer der vollständigen Diktatur des Proletariats wurden, lähmte das' Z.-K. durch widerspruchsvolle Zirkulare und Weisungen ihre Tätigkeit. Die Unzufriedenheit der Massen mit der Inkonsequenz der Parteileitung,, kommt schon auf dem 3. Parteitag in Kiew (August 1917) in der V e r s t ä r k u n g der bolschewistischen Fraktion zum Ausdruck. Diese tritt scharf gegen die Parteileitung auf und drängt zu bolschewistischen Aktionen. ' Schon auf diesem Parteitage droht eine Spaltung. Die bolschewistische Fraktion \stand unter Führung der Genossen Zwi, Tennenbaum, die Menschewiken unter der von Rahina witsch (jetzt Kommunist) und G o I d e I m a n n (jetzt Petljura-Minister). Alle Erwartungen galten dem mit unbeschreiblichem Enthusiasmus empfangenen Her B o rochow. Leider kam er erst nach der politischen Debatte und hatte deshalb keine Gelegenheit zu klarer Stel Inngnahme. In seiner Begrüßung erwies er sieh als entschiedener Gegner der Koalition, da sie nur die Kräfte b ei der Klassen lähme und I n a k t i v i t ä t zur F o I g e h a b e, und trat für die I) i k t a t u r c i n e r Klasse ein, die allein die Ent Wiek hnigsmöglichkeit eines Landes verbürge. Die Verhinderung der Parteispaltung gelang der kraftvollen Persönlichkeit unseres unvergeßlichen Führers, umso leichter, als die Delegierten in ihre Organisationen eilten, um den Widerstand gegen den Kornilow-Pulsch zu organisieren. Die kommunistische Fraktion unterlag also. Die neue Parteileitting, im Negieren äußerst rev o 1 u t i o n ä r, p o s i t i v aber unsicher und u n s c h I ü ss i g, erkannte in ihrer Kurzsichtigkeit nur bereits vollzogene, unerschütterliche Tatsachen au und kam!, wie die Kommunisten spöttelten, immer ,,um o Minuten zu spät". An der O k t o b e r r e v o I ti t i o u nahmen fast alle Organisationen aktiven Anteil auf Seite der ,B o 1 s e h c w i k i, tlic Straßenkämpfe forderten in den Reihen unserer Genossen viele wertvolle Opfer. Als dann auf dem IV. allrußländischen Sowjetkongreß, auf die Mitteilung Trotzkis hin, die Arbeiterräte hätten alle Macht an sich genommen, die Poale Zion Fraktion gemein sam mit den Internationalisten (Martow-Gruppe) eine Deklaration verlasen, in der sie die Verantwortung für diesen Schritt ablehnten und daraufhin den Kongreß verließen, erregte dieser Schritt höchste Empörung unter den Parteige nossen. Die Internationalistische Parteimehrheit hat durch ihre ausdauernde Unentschlossenhcit verhindert, daß wir die einzige revolutionäre Partei unter der. jüdischen Arbeiterschaft, die jüdische Arhciterautoiiomie und die Arbeiterdiktatur int jüdischen Leben durch Dchernahme aller jüdischen Institutionen verwirklichten. Mit geringer Mehrheit wurde im Juni 1918 auf der Konferenz in Moskau der Austritt aus dem jüdischen Kommissariate beschlossen. Dieser Beschluß wurde iccht bald wieder, wie viele andere, revidiert und an seine Stelle der A u stritt aus de it j ü d i s c he u G e m e i u d e u u u d aus den Stadt r ä t e u und die V e r w i r k I i c h u u g tfer A vb c i t e r*d i k t a t u r g e s e t /. t. Aher auch hier kamen die Internationalisten; da sie auf das Drängen der kommunistischen Fraktion nach entschlossen kommunistischer Taktik nicht geachtet hatten, zu spät. Der jüdischen Bourgeoisie waren unter allen Parteien die Poale Zion die verhaßteste. Bei den Waheln zu der allruußländischen jüdischen Konstituante fanden sich alle bür* gerlichen Parteien im Kampfe gegen die Poale Zion zu einem Block zusammen. Der Erfolg dieser Wahlen zeigte die Stärke unserer Partei, die besonders im Zentrum der jüdischen Arbeiterbewegung (Minsker Kreis) allen anderen Parteien zusammen (den Bund inbegriffen) überlegen war. i. Mähr.-schles. Landesparteitag. Der Krieg und der Zusammenbruch der Mittelmächte hat unsere Bewegung in einer lleihe von Iiiindern außerordentlich vergrößert. Der plötzliche Zustrom zum Teile kleinbürgerlicher Elemente drückt nun der Bewegung seinen Stempel auf und hindert die Entwicklung des revolutionären Klassenbewußtseins. Ein Musterbeispiel des hiednreh hervorgerufenen WortrevoliUioiiarismns» beobachten wir in unserer tschechoslowakischen Brnderpartei, die am 15. und 16. v. M. ihren lnilhriscli-sclilesisclien Landesparteitag abhielt. 211 der Frage der politischen Orientierung betoute der Referent, daß die Partei nur durch s t a r k e B e t o n u n g der sozialistischen Gr u n d s;i t z e a u f d e m B od e ii der K 1 a s s e n k a in p f p o I i t i k zum Ziele zu gelangen trachten dürfe. Der Referent spricht sich gegen jegr liehe Koalitionspolitik aus, kennzeichnet ihre Schäden, weist auf die Aussichtslosigkeit der Koalitionsversuche in der jüdischen Volkspolitik,' tu den National raten hin, ist aber trotzdem für die Zukunft dafür, ,,daß die Partei die Volksräte als ßerauingsinstanzeu betrachtet, die keinerlei Beschlußrecht über Angelegenheiten haben, in denen sich die Parteivertretung mit den Bürgerlichen nicht einigen kann". Er ist für die Aufgabe der Kompromißpolitik und empfiehlt trotzdem das Verbleiben in einer freiwilligen Koalition mit dem jüdischen Bürgertum, zum Zwecke der ^Diskussion''. Die beschlossene Resolution bestätigt auch die Auffassung, daß tlie Vertreter der Partei ,,bis auf weiteres" in den Volks- und Nationalräten zu verbleiben haben. Zur Frage der Part ei presse wurde die Notwendigkeit der Umwandlung des „Jüdischen Sozialisten" in eine Wochenschrift betont, da die „Freie Tribüne'', deren Vorzüge der Referent schätzt, nicht ..geeignet sei, als unser Propagandamittel verwendest zu werden". Das scheint uns gauz richtig. Die wiederholten Aufforderungen, die inserierende Kaufleute, ja sogar die „bei uns organisierten K a u f 1 e u t e und Kleingewerbetreibende" zu berücksichtigen, scheinen eben dem Leserkreis des „Jiid. Soz." eher zu entsprechen, als die „Fr. Tr.w. Letzteres wirft elu eigentümliches Licht auf die K I a 8 s e ii Z ii s a m m e n's e f ni u g der 2 0 0 ö Mitglieder, die die Partei uutar den 50.000 Jndeu Mähren und Scuhwiena g«fundeu hat. Oos Uölherppoblßm in der itei nationale.*) |n Die II. Internationale ist, wie wir aus* •-«»< haben, unfähig, unsere überterritorialen lute se zu begreifen; sie wird auch niemals wirksam Ü! uns eintreten können. Nicht etwa, weil es ib"*-a< Sympathien für uns fehlen würde oder weil es jl'lzi' schwer wäre, irgend eine Resolution oder selb^,^ volutionäre Losungen bei ihr zu erreichen! Mi?» kann deren bei geschickter „Diplomatie" melw^h genug haben. Sondern weil ihr ihre Zusam, setzung aus eng auf ihre Landesinteresseif/be schränkten, dem Klassenfrieden zuneigenden *Par-. teien ihre Haltung aufzwingt. Davuin L r n? auch so sinnlos, {wenn utiper Verbandsbüro noch immer auf ihre Revolutionier u n g hofft. Diese kann nur eine Phrase bleiben, sölange sich die in ihr vertretenen Massen tiicht tatsächlich und geistig im Zustand der Revolution befinden. Wie abersteht es um die III. Internationale?, I^t sie nicht antinational — kosmopolitisch gestimmt und deshalb zur Anerkennung besonderer national? Forderungen einer proletarischen Partei unfajfug' Ist sie nicht geneigt, durch die Forderung der r£c trajisierung der Arbeiterbewegung in jedem Li>.{ttJ die Existenz der proletarischnationalen MinorHgfr. Parteien unmöglich zu machen oder sie auszusein» teu und über sie hinweg die Entscheidung in ajlf/ Fragen nur den proletarischen Parteien der herrschenden Nationen zu überlassen? *. In der Tat besteht bei einigen Parteien der III. Internationale eine gewisse Neigung hiezu, die außer durch gewisse, nicht zu leugnende K a m p f e s iio.tw e n d i g k e i t e n noch durch Ucberbleibsel alter Vorurteile genährt wird; sie wollen keinerlei proletarisch-nationale Forderungen anerkennen ü'nd leisten dadurch — da solche im'mer nur von 'dem Proletariat eines national unterdrückten Volkesvßls Ausfluß seiner Klassenlage und Notwendigkeit seines Klassenkampfes erhoben werden — den Herrschaftsinteressen ihrer Bourgeoisie ungewollt Vorsieh ub. Aber wir sehen, daß diese Tendenzen innerhalb der III. Internationale zurückgedrängt werden und die tatsächliche Anerkennung der nationalen Forde rungen, soweit sie von den proletarischen Masse, verfochten werden, an Boden gewinnt. Das liegt nicht nur an der, geänderten Lehr I meinung eines; oder des anderen bolschewikischen Führers' über das nationale Problem, sondern,daran,,, daß dieses Problem,, das für sie bis dahin im grauen, . Nebejr eiche der Theorie gelegen war, nunmehr'nach dem Beginn der sozialen Revolution eine greifbare, unmittelbar zu erfüllende A uigst b e gewor f den war. Den russischen Bolschewiken, flexi Begründernder III. Internationale, war es von Anfang an 'klar, daß s>fcb das Schicksaf ihrer Revo'rriÄon nicht innerhalb der eigenen Grenzpfähle, sondern durdhi die W e f t r e v o 1 u t i o n entschied. Der letztere Gedanke ist es, der alle Parteien der III. Internationale und ihre Taktik kennzeichnet. Der unmittelbare, gemeinsamje Kampf für eine W e 11 - S o w j e t r e p u b 1 i 'k läßt sie auf die zufälligen Landesgrenzen verächtlich -hierabsehen, erweitert ihren Blick über die Interessen des einzelnen Landes hinaus,, schärft ihn für die überterritorialen Tatsachen. Da ihnen die Hinfälligkeit der Grenzen klar zum Bewußtstem kommt, , da sie die internationalen Bindungen in Wirtschaft und Politik ganz anders1 erfassen, als die Massen der 11/Internationale, erscheinen ihnen auch notwendigerweise die prolietaristelten Parteien, soweit sie ganze Länder vertreten wollen, als. vorübergehender Natur, solange eben die Kampfesbedingungen bestehen, denen sie angepaßt sind. Hinter den so selbstherrlich ihren Platz beanspruchenden Organisationen sehen sie die lebendigen revolutionären Massen'kräite sieb regen, die sieb in ihrem Drange nach möglichst angepaßten Tatformen immer neue Einrichtungen schaffen.- Damit werden ihre lebendigen Bedürfnisse, und ihre Kampfesmöglichkeiten die Grundlage, auf der aich die proletarische Politik aufbaut. Da .tritt eben die durch den Geschichtsverlauf berbcigefiührte w i rt sch af 11 i cbe Yerf a ssung der einzelnen Gruppen in ihr Recht, d. h. auch nationale Momente, soweit diese wirtschaftlichen Charakters^ sind. Soweit dieser Wirtscbaftseharakter der Grup"' pen gleicb oder ähnlich isä, erscheint die Notwendigkeit .ihrer interterritorialen V e r b i n - d ting, ohne Rücksicht auf die Landesgrenzen, also auch nach nationa 1 en Gesichtspunkten als not' wendig. So liegt die Existenz unseres „albveltlieben" interterritorialen Poale Z ion-Verbände s i n dem Grundgedanke n und den Prinzipien der III. Internationale begründet, insofern seine Existenznotwendigkeit sich aus den Lebensbedingungen der proletaristhen Volksmassjen und den Erscheinungen ihres dauernd vor sich gebenden Kampfes erweist. *) Siehö »Mitteilungen* Nr. 1 uud .'1.