Freie Tribüne
- Journal
- Freie Tribüne
- Volume
- 2 (1920)
- Issue
- 33 (25.9.1920)
- Date
- 1920-09-25
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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SEITE 4 NR. 33 Flüchtlingen schwärz waren, als ich sah, daß Taufende über die deutsche Gretiize flttehteten, als ich? Sah, daß IRfin-ner,'Frauen und Kinder alles im Stiche (Heften, lim nur das nackte Leben zu retten, erst da hörten meine' Zweifel auf und ich erkalte es als meine Pflicht, mich an die gesahtte Kulturwelt zu Menden, um das Leben von Hunderttausenden von Menschen zti retten. Ich habe nirgends gehört, daß die russischen Truppen sich den Polen gegenüber Grausamkeiten haben zu Schulden kommen lassen. Hier werde ich mit allen Einzelheiten berichten, was mir zu Ohren gekommen ist und was ich selbst gesehen habe:». In Suwalki hüben die Polen einen Schneider namens Bärenstein gefangengenommen, weil er angeblich von einem polnischen Leutnat eine Hose zum Bügeln übernommen und sich geweigert hat, sie zutfickzugeben mit der Begründung, er wolle sie den {Bolschewiken geben. Seinen Brüdern gelang es, ihn gegen ein Lösegeld von 10.000 Mark zu boftpign. jEtii klßinjes Kind wurde verhaftet in dem Augenblicke, als es auf der Straße ein kommunistisches Plakat fand, das von poltnlischer Seite direkt zu fclem Zwecke dorthin gelegt worden war, um eine {Handhabe zu haben, gegen die jüdische Bevölkerung vorzugehen. Erst dem Einschreiten einflußreicherPerjsöfalichkeiten gelang es, das Kind seinen Quälern, die es in unmenschlicher Weise geschlagen hatten, zu entreißen. In Grodno fanden die größten Greuel statt. Änfläiß'lich des Rückzuges der Polen, nahmen diese mehrere Hundert Männer und Frauen mit sich, eiferen Schicksal uifbekannt ist. Die „Unabhängigen" und Moskau. Die Spaltung der USP. Deutschlands scheint nunmehr Tatsache geworden zu sein. Ihre endgültige Formulierung bleibt zwar dem nächsten Parteitag vorbehalten, doch dokumentiert sie sich schon in den " Abstimmungen für oder gegen Moskau, sowie in der Desertion ganzer Ortsgruppen der „U. S. P."i zu den Kommunisten. Der Weg zur Klärung des revolut|ion|är;en Bew'uß|tsisein s des deutschen Proletariats ist somit vorgezeichnet, d a s Freiwerden seiner Krläffte ist jedoch von drei Voraussetzungen in erster Linie abhängig. E s sin d die s d i e Fragen der Gewerkschaften, des Zßiitralism'tus und der Weltr'evolution. ((Punkt 10, 12 und 14 der Moskauer Auftiahmsbedingungen.) s { Um diese Voraussetzungen wurde auch der jei|aentliche Kamjpf ausjgetrajgen, und sie sind voinj ungleich höherer Bedeutung als sogar die Prestigefragen der Ausschließung von Kautsky, Hilferdinp iusW. Dieselbe Erseneinunjg finden wir in Frankreich, bei den „Loinguetisten". Doch ko>nnneTi hier die Voraussetzungen des Anschlusses an Moskaii noch un- *}arhohlener zum Ausdruck, und der Kampf um sie gestaltet sich krasser. Daran äinfdert auch wenig der Umstand, daß Cachin und Frossard, die beiden Abgesandten nach Moskau, nur neun Punkte zu Jkennen vorgebein und alle anderen aus der Diskussion ausschließen wollen. Diese Vogel -Straußpolitik wird ihnen jetzt von den Gegnern des Anschlusses in wenig schonender Weise vorgehalten, wobei sich der gallische Witz in den Spalten des „iPopulaire", des offiziellen Blattes von Longuet, nur wenig Zurückhaltung auSerlcjgt. Die Frage der Gewerkschaften wird nun als erster Rettungsanker von den „Auszuschließeinden'* benutzt Der Punkt 10 der Moskauer Aufnahmsbedingungen fordert rücksichtslosen Kampf gegen, den gelben (Amsterdamer) Verband der Gewerkschaften1. Cachin hatte nach seiner Rückkehr aus Moskau diesen1 Punkt in bravouröser Weise aufgegriffen und auf den Protelst des Kongresses der englischen Trad eli-Union gegen Appleton, den Vorsitzenden des Amsterdamer Verbandes hingewiesen. Bekanntlich hatte Smillie, der Führer der englischen Bergarbeiter, bei dieser Gelegenheit erklärt, daß er sich niemals von einem Ma^iDnie wie App-! 6ton werde vertreten lassen. Die Ausführungen1 von Cachin enthielten auch eine unverhohlene Spitze gegen Jouhaux, den Sekretär des Amsterdamer Verbandes und den ersten "Vorsitzenden der französischen „Confederation du travail". Der Fehdehandschuh wurde von „La, Bataille", dem offizielle^ Qrgan der französischen Gewerkschaften aufgenommen, und die kriecherische Unterwürfigkeit der Sozialisten vor Moskau in schärfster Weise gebrandmarkt. Dies bot nun den Longuetislen die erwünschte Gelegenheit, ihre Stellung durch die Anlehnung an die Syndikate zu festigen. Ein Leitartikel des „Populaire" — „Sozialisten gegen Gewerkschaftler" — mahnt zur Einsicht und schmettert „alle Zerstörer der Arbeiterorganisationen" nieder. „Wenn die gegenwärtige Orientierung der französischen Gewerkschatten, der Iii. Internationale nicht entspricht, sollen Avir auch sie bekämpfen? Nein, diese Dummheit wird die französische sozialistische Partei niemals begehen" ruft sein Verfasser emphatisch aus. Als ein Gegenstück hiezu dienen die Ausführungen in der Berliner „Freiheit", die sich in gleicher Weise über die Revolutionierung der Gewerkschaften nach dem „Moskauer Diktat" entsetzt „;____somit werden.z. B. auch die sogenannten kommunistischen Zellen in den Gewerkschaftenvon einer Körperschaft geführt, die außerhalb der Gewerkschaften steht und deren Bestreben ausschließlich darauf gerichtet ist, alle Organisationen des Proletariats zu fügsamen Instrumenten der kommunistischen Partei zu machen. Denn anders kann diese straffe „Zentralisierung" — nach den Moskauer Leitsätzen — nicht aufgefaßt werden ..." Wir finden also eine rührende Übereinstimmung zwischen Longuet und Hilferding. Doch ist sie nicht bloß auf die Frage der Gewerkschaften beschränkt, sondern macht sich in einer noch krasseren Form bei der des Zentralismus geltend. Es werden hiebet verschiedene Argumente ins Faid geführt, da die deutschen Dittmänner keine Voiherrschuft der Partei über die Arbeiterräte dulden wollen, die Longuetisten dagegen ihre Unabhängigkeit um der Einheit der Partei willen über-alljes stellen. Das Schlußergebnis all dieser spitzfindigen Beweise ist jedoch Eines: weder die einen, noch die nnderen wollen eine Internationale der Aktionshereitschaft, sondern kehren lieber zu dem Modus der II. Internationale zurück. Ein treffender Beleg hiefür ist die Frage der Unterstützung der russischen und aller neuentstehenden Räterepubliken durch die der Internationale angeschlossenen Landesparteien. (Punkt 14 der Aufnahmsbedingungen.) Hilter ding hatte auf diesem ihm so vertrauten Gebiete (durch die Verhandlungen mit dem englischen Botschafter in Berlin) den Reigen eröffnet. „____ die Bolschewiki wollen die Hilfe des westeuropäischen Proletariats. Und zwar nicht Ln der Weise, wie wir sie jetzt leisten, in dem Boykott der Wa'ffentransporte, sondern im direkten Kriege mit der Entente. Deshalb wollen sie den Ausschluß der „Hechten", die sie als Hemmung für eine solche, dem deutschen Proletariat höchst verderbliche Aktion kennen. Daß auf einen Krieg mit Frankreich hingesteuert wird, zeigt die Politik der deutschen kommunistischen Partei____" (Rede auf dem Parteitage der U. S. P. Sachsens.) Rudolf Hilferding wundert sich darüber, dar) Moskau die Aktion der Spitzenorganisation zur Verhinderung der Munitionszufuhr nicht billigt, will sich hiebei jedoch durch die Neutralitätserklärung vor dem drohenden Ausschluß bewahren. Diese Tricks, die Arbeiter durch Drohung und Bestechung von der III. Internationale zurückzuhalten, wird von den Longuetisten bereitwilligst aufgenommein. Der „Populaire" vom 18. September klagt: Wo llen die deutschen Kom'munisten einen Krieg gegen Erankr.eich? — Daß auf diese Weise der revolutionären Solidarität der deutschen und französischen Arbeiterschaft nicht Förderung geschieht, ist sicher. Sollen aber die nationalistischen Instinkte hüben und drüben, wenn auch in verkappter Form, auf's Neue entfesselt werden. DittmairwVs „Wahrheit über Rußland" prangt in schwnrz-weißroter Verbrämung auf den Denkmälern der Wilhelminischen Siegesallee. Wollen etwa die anderen „Führer" nicht zurückbleiben? Doch sind Kautsky, Renaudel und Frl. Snowden bereits nach Georgien gefahren. Auf der Suche nach dem goldenen Vließe des Monschewismus segeln sie — auf dem Argonautenschiffe der englischen Torpedoflotille — nach dem freundlichen (weil bolschewikireinen) Gestade von Kolchis. Die ihnen Nachfolgenden werden sich in Kürze einfinden! Die jüdische Arbeiterwanderung. Die gewaltige Wanderbewegung, die mit elementarer Kraft in der letzten Zeät in Polen, Galizie;), Litauen, Ukradne und 'anderen Ländern der jüdischen Siedlung eingesetzt hat und immer größere, katastrophale Formen annimmt — insbesondere die jüdische Arbeiterwanderimg — fordert die größte Aufmerksamkeit der jüdischen Arbeiterparteien, wie auch des internationalen Proletariats. Um die Bewegung in geregelte Bahnen zu lenken, müssen wir vorerst die Triebkräfte und Ursachen derselben kennen; erst dann könnten wir die Ziele und Möglichkeiten einer Regulierung richtig fei n schätzen. Es wäre falsch, die Ursachen der Wanderung Kinzig und allein in den polnischen Verfolgungen und der Militärpflicht zu suchen. Wenn diese Umstände die Bewegung in einem gewissen Grade beeinflußt haben, so ist doch die eigentliche Ursache — der vollständige Ruin des jüdischen Wirtschaftslebens, der in den letzten Kriegsjahren unheimliche Formen angenommen hat-und die jüdischen Kleinbürger deklassierte, die jüdischen Arbeiter arbeitslos gemacht hat. An erster Stelle steht hier Polen, das größte Zentrum mit mehreren Hunderttau senden jüdischer Arbeiter. Die Wegschaffung der Maschinen und sonstigen Produktionsmittel durch die Russen und nachher durch die Deutschen, die Einstellung der Zufuhr von Rohstoffen, hat Zehntausenden jüdischen Arbeitern die Arbeitsmöglichkeit genommen und sie auf die Straße geworfen. Die polnische Kleinindustrie, die sich immer atuf den russischen Markt gestützt hat, ist völlig vernichtet und hat mit ihrem Zusammenbruche T;»hsende jüdische Arbeiter mitgerissen. Der jüdische Arbeiter wird die Kriegsjahre in „guter" Erinnerung bewahren. Die Friedhöfe aller dieser ungezählten Städte und Städtchen, haben sich mit den tausenden und abertau.senden Opfern des Hungers, Typhus und anderer Epidemien bedeckt. Während der polnische Arbeiter sich vor dem Aergstcn, vor dem Hungertode duich die Flucht ins Dorf bewahren konnte, blieb dieser Zufluchtsortdems jüdischen Arbeiter verschlossen. Schon während des Krieges war es klar, daß in dem Momente der Aufhöbung der Grenzsperre ein mächtiger Strom von jüdischen Arbeitern und deklassierten Kleinbürgern den Wanderstab ergreifen wird. Nicht anders gestalten sich die Dinge in Ga- Ijzien, Ukraine, Weißrußland, Litauen. Der „große Krieg" ist zu Ende und es beginnt die Periode der „ikleinen Kriege''. Und Ströme jüdischen Bluies fließen überall dort, wo die „neuen Helden", auf den Plan treten; Pogrome* Massen Schlächtereien, hunderttausende Gemordeter und Geschändeter zeichnen ihren Weg. Eine Million Manschen verläßt Hab und Gut und strebt von allen Seiten den Grenzen zu, um der Hölle zu entrinnen. ' Eine der größten jüdischen Siedlungen, die Ukraine, ist fast vollständig vernichtet. Hier ist auch die jüdische Bourgeoisie arg betroffen worden. Auch aus Weißrußland flüchtet die jüdisclie Bevölkerung infolge der letzten Kärnpfe und de« Stillstandes der Industrie. In den "letzten Jahren haben zelmtausende jüdische Arbeiter aus den genannten Ländern Polen überflutet, das sie als erste Etappe ihres Leidensweges erreichten. . In Polen selbst ist durch die „Unabhängigkeit." die Lage der jüdischen Arbeiter nicht besser ge - worden. Der Boykott, welcher seit zehn Jahren von der polnischen Bourgeoisie gegen die jüdische Bevölkerung geführt wird, hat in den letzten Jahren auch auf die Arbeiter übergegriffen. Es mehren sich die Fälle, daß jüdische Arbeiter durch ihre polnischen Genossen aus den Fabriken gejagt werden. Wohl wird diese Methode nur von dem Teil der polnischen Arbeiterschaft gehandhabt, der in den klerikalen Verbänden organisiert ist, aber leider ist seine Macht und seine Zahl nicht gering. Auch die P. P. S. hat sich niemals die Mühe genommen, der antisemitischen Bewegung unter der Arbeiterschaft durch eine entsprechende Aufklärungsarbeit entgegenzutreten, sondern diese Bewegung tüchtig unterstützt. Erst die Kritik und die Drohungen des Auslandes haben hier Wandel geschaffen. Alle diese Umstände haben den jüdischen. Ar-" beiter vor die verzweifelte Frage gestellt, wohin er sich wenden soll. Er wartet auf die erste Gelegenheit und achtet nicht aller Hindernisse und Schwierigkeiten, die ihm bevorstehen.; Die Reaktion in Polen, die Verfolgung, denen die jüdische Arbeiterschaft ausgesetzt ist, die. Musterungen, der Zwang, in die weiße Räuberarmee einzutreten und der Krieg gegen Sowjetnißland, das alles hat den Prozeß beschleunigt. Wir sehen also, daß die eigentlichen Ursachen der jüdischen Wanderung in derAnormalität und in der Vernichtung des jüdischen Wirtschaftslebens zu suchen sind und daß das jüdische Proletariat und die deklassierte Kleinbourgeoisie ausschließlich , betroffen sind; die Großbourgeoisie wird von dieser Bewegung überhaupt nicht berührt. Ueber die Wege und Ziele der jüdischen Emigration ein anderes mal. G.D. MITTEILUNGEN des jüdischen sozialistischen Arbeiterverbandes Poafc Zion Erste Nummer in jüdischer und deutscher Sprache bereits erschienen —> Zu beriehen; Verbandsbüro, Wien, II., Kaiser )oserVtra3e )5 PROBLEME der jüdischen Arbeiterpolitik Von Alexander Serpow. Zu beziehen: Verbandsbüro, Wien jüdisch« sozialistische Arbeiterjugend! Dienstag, den 28. September 1920, 7 U'h'r abends, findet im großen Saale des jüdischen flrbeiterWeJLmes, Ii., Blumauergasse l, die . VüilverslaitunlMng der sich reorganisierenden, vom Verbände eingeladenen Genossen, statt. Tagesordnung: 1. Bericht des Reorgajiisatiojjskomrtees. 2. Referat über die Aufgaben der jüd. soz. Jugendbeweguna, 3. Eventuelles. ilcrmifcgebw und vexantwortHchtr Redakteur; Rubin Glücksraenn. „Aärii^ IlrÄ. t»i V«Wgßge«fleofe *8 a. fc B. .Wtet, II., ff*be*»feafc 5Ü