Freie Tribüne
- Journal
- Freie Tribüne
- Volume
- 2 (1920)
- Issue
- 30-31 (4.9.1920)
- Date
- 1920-09-04
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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SEITE 6 Die Gewinnung der englische« Arbeiter für den Korn* ttiumismus, die Loslösung der Massen vom Heerbann der, Laböur=Party läßt sich nichts durch radikale Schlagworts herbeiführen. Dem nüchternen Sinn der englischen Proletarier kann man damit nicht imponieren. Nur durch die Anknüpfung an die Praxis ihres täglichen Lebens kann man ihnen den Kommunismus näher bringen. Und da ist es notwendig, zu diesen Massen herabzusteigen, auf ihre Vorurteile scheinbar einzugehen, um dann ihre Schädlichkeit an den Tatsachen der lebendigen Erfahrung anschaulich zu beweisen. Es ist auch notwendig mit einzelnen Gruppen und Schichten Kompromisse zu schließen, im Vertrauen darauf, da» sich der klare kam« muinsiische Standpunkt Kruft d£r realen Entwicklung bei ihnen unvermeidlich durchsetzen wird. Von dieser Taktik des „Lavierens" und „Puktrerens" wollen aber die englischen radikalen Kommunisten nichts wissen. So z.B. erklärt Genossin Pankhurst in einem von Lenin zitierten Artikel des „Workers Dreadnought": „Die K. P. darf nicht Kompromisse eingehen. Sie muß ihre Doktrin r«Ipi und ihre Unabhängigkeit unbefleckt vom Reformismus erhalten: ihre Mission ist vorwärts zu gehen, ohne stellen zu bleiben, ohne vom Wege abzubiegen, direkten Weges zur kommunistischen Revolution zu flehen". Gegen diesen doktrinären Standpunkt einer Sekle, der es nur darauf anerkannt, sich vom Ruß der Arb'eiterhände unter kein-en Umständen „beflecken" zu lassen, wendet sich Lenin mit aller Entschiedenheit. „Das ist „intelligente"' K'o,* derei, sagt <er „nicht die ernste Politik der revolutionärein Klasse". (S. 63.) Aber 'er begnügt sich mit dieser schärfen Kennzeichnung, sondern macht den englischen Kommunisten positive Vorschläge für ihr« Taktik gegenüber der Arbeiter« Partei. Dies«e Vorschläge sind so originell und bedeutunqs* voll, daß wir uns nicht versagen körirren, die entscheidenden Sätze hier im Wortlaut zu wiedergeben. i „Daß die Henderson, Macdonald, Snorden, hoff* mungslos reaktionär sind, das ist richtig," schreibt L'em'n. „Ebenso richtig ist es, daß sie die Macht in ihre Hände (nehmen wollen (wobei sie eine Koalition mit der .Bourgeoisie vorziehen), daß sie nach veralteten bür« igerlichen Regeln „regieren" wollen, daß sie zur Macht gjelangt, sich unauhsbleiblich so betragen werden, wie (Scheidemainn und Noske: Alles dies Ist so. aber hier-* aus folgt du rchaus_n icht, daß ihre Unter» sttzung ein Verrat an der Revolution ist, sondern daß die Arbeiterklasse diesen Herren im In« terresse der Revolution eine gewisse parlamentarische Unterstützung gewä h'ren m sse." fS. 59=60.) Aus derr Tatsache, daß die Mehrheit der Arbeiter in England noch unter dem Einguß der Arbeiterpartei steht, „folgt unzweifelhaft, daß die englischen Kommunisten sich am Parlament beteiligen (müssen, daß sie innerhalb des Parlaments der Arbei* terrmasse 'helfen müssen in der Praxis die Resulr täte der H'endersonschen Regierung zu sehen, daß sie den Henderson und Snowden helfen müssen, die vereinigten Lloyd George und Churchill zu besiegein. {Anders handeln hfeißt die Sache der Revolution erschweren, denn ohne Aenderung der Ansichten der •Mehrheit der Arbeiterklasse ist die Revolution nicht (möglich. Diese flenderrung wird aber durch die politische Erfahrung der Massen, niemals aber durch Propaganda allein erreicht." (S. 63.) „Wenn wir nicht eine revolutionäre Gruppe, sondern die Partei der revolutionären Klasse sind, wenn wir die Massen nach ums ziehen wollen, müssen wir e r s t e in s IHendersojn und 'Snowden helfen', iL 1 ou d George und Churchill zu s c h 1 a * (gern; zweitens müssenwir der Mehrheit der Arbeiterklasse helfen, sich durch eigene Er fahrung von der Untauglichkeit Bendersons und Snowdens, von der Unvermeidlichkeit ihres Bankrotts zu überzeugen; drittens müssen wir den Augenblick näher bringen, wo die Mehrh'eit der Arbeiter auf Grund der Enttäuschung über Henderson mit ernsten Aussichten auf Erfolg die Regierung der Henderson wird stürzen •können ...." (S. 64.) „Ich werde konfkrieter sprechen. Die englischen Kommunisten müss'en meiner Ansicht nach den IHenderson und Snowden ein Kompromiß, eine Wahlverständigung vorschlagen: wir gehen zusammen gegen das Bündnis Lloyd' Georges und Churchills vor, wir teilen die Parlamentssitze nach der Zahl d«r Stimmen, die für die Arbeiterpartei oder die Kommu* nis'ten abgegeben werden '(nicht bei den "Wahlen, son* dem nach einer besonderen Abstimmung), wir be» "halten uns die volle rreiheit der Agitation vor. Ohne die letzte Bedingung darf man na« ftürlich auf den Block nicht eingehen, denn es würde /Verrat sein; ciie volle hreiheit der Entlarvung der Henderson und Snowden müssen die englischen Kom» imunisten unbedingt verfechten und erreichen..... (Nehmen die Henderson und Snowden den Block zu diesen Bedingungen an, so (haben wir gewonnen, denn für uns ist die Zahl der Sitze im Parlament durchr 'aus nicht wichtig... in diesem Punkte werden wir (nachgiebig sein. Wir habien gewonnen, denn wir wer° den uns'ene Agitation in einem Augenblick in dte iMassen tragen, wo sie von Lloyd George selbst aufigerreizt sind und wir werden nicht nur der Arbeiterpartei helfen, schnellere ihre Regierung zu bilden, sondern, auch den Massen helfen, schneller unsere ganze 'kommunistische Propaganda zu verstehen, die wir gegen betreiben werden." (S. 65.) „Die englische.: Kommunion haben es jetzt o?t sehr schwer an die Massen heranzutreten, die Massen : Izu veranlassen, si*e anzuhören. Wenn ich als Kommunist auftrete und (erkläre, daß ich auffordere für Henderson gegen Lloyd George zu stimmen, wird man mich gewiß anhören. Und ich werde nicht nur (populär erklären können, warum die Sowjet besser sind, als das Parlament und die Diktatur des Proletariats besser als die Diktatur CJhurchills, sondern ich werde auch erklären können, daß icbHcnderson durch meine S t i m Im -e e b e n s o unterstützen m ö c te, wie der Strick den Gehängten unter» stützt ..." (S. 66-67 „Lehnen aber die Henderson und Snowden den Block mit uns zu diesen Bedingungen ab. so haben wir noch mehr gewonnen, denn jvir haben den Massen mit einem Male gezeigt, daß die Henderrson ihre Verbindung init d e n Kapitalisten, der Ver* c i n i g u n g a 11 e r R r b ei t,e r vorziehen." (S. 65.1 Soweit Lenin über die taktischen Notwendigkeiten des englischen Kommunismus. Es gilt jetzt aus seinen Ausfühl* rungen die Nutzanwendung für Deutschösterreich abzuleiten. V. In noch höherem Maße als die englische Arbeiter* partei hat es die österreichische Sozialdemokratie verstanden, fast das geamte Proletariat unter ihrem beherrschenden Ein* FREIE TRIBÜNE NR. 30—3 f fluB zu erhalten und e> vor der* Ausbreitung der kommunistischen Pest zu immunisierren. Zwar ist es unserer Partei schon gelungen, mehrere Zehntausende nufgeklärfer Proleta« rier zu erlassen, aber was bedeutet cäs^ zahlenmäßig ge* genüberr den unübersehbaren Scharen im Gefolge der Sozial» demokratie. Nun haben wir Kommunisten durchaus nicht den Ehrgeiz, eine „Masseupartei" nach dein Muster der Sozialdemokratie zu werden. Unsere Parteiorganisation wird immer nur eine kleine Elite der zielklarsten und kämpfend schlossendsten rirbeiter um fassen. Aber c; ist selbslver« ständlich, daß wir danach streben müssen, den geistigen Anschluß der großen Arbeiterrnnssen an die Kommunistische Partei herbeizuführen, derjenigen Masse, weiche heute noch der Sozialdemokratie Gefolgschaft leistet. An diese zurückgebliebenen, apathischen Schichten des Proletariats mit aufklarender Propaganda heranzutreten ist aber außerordenl* iieb schwer. Denn sie nimmt in ruhigeren Zeilen sehr wena.g Anteil am öffentlichen Leben. Nur wenn eine große Bewegung im Gange ist, in deren Verlauf die Sozialdemokratie sich gezwungen sieht, ihren ganzen Anhang auf den Plan treten zu lassen, werden diese Schichtein aus ihrem Alltagsleben herausgerissen und gewinnen einiges Interesse an den politischen Auseinandersetzungen. Eine solche volksaufwühlende Bewegung ist der Wahlkampf und alle Kommunisten, wie immer sie sich zum Parlamentarismus stellen, sind sieht darüber einig, daß man die Zeit der Wahlen nach Kräften ausnützen muß, um die weitesten Kreise der noch rückständigen Arbeiter über unsere Bestrebungen aufzuklären undf für den Kommunismus dauernd zu gewinnen. Nur über die Methode dieser Ausnützung der Wahl« bewegung bestehen Meinungsverschiedenheiten unter den Kommunisten! Es gibt sonderbare Käuze, die von der Massen« Psychologie keine Ahnung haben und im beste nGlauben difc Ansicht verfechten, wir müßten die rückständigen Arbeiterschichten dadurch auf uns aufmerksam machen, daß wir sie ganz ohne Not reizen und^rbittern. Man erwäge nur: Unaufgeklärte Arbeitennassen geraten während des WahJkampfes in Bewegung. Sie hängen noch am Parlamentarismus, sie sind fest überzeugt, daß durch den Ausgang der Wahlen ihr künftiges Wohl und Wehe entschieden wird. Unsere Aufgabe ist es nun, sie über diesen Irrtum aufzuklären. Wie sollen wir es tun? Man könnte meinen, daß es am zweXwäßigsten wäre, auf das parlamentarische Vorurteil dieser Arbeiter vorläufig einzugehen, sie in ihren agitatorischen Anstrengungen bei den Wahlen ehrlich zu unterstützen, dadurch ihr Vertrauen und ihre Sympathie zu gewinnen und ihnen dann auf Grund der weiteren politischen Entwicklung sozusagen experimentell zu beweisen, daß trotzdem sie im Wahl? kämpf „gesiegt" haben, alle ihre Hoffnungen zuschanden werden, weil eben die parlamentarische Taktik nicht zum Ziel'ei führt. Aber nein! Unsere „Radikalen" wissen es besser! Sie wollen ganz im Ernst die parlamentsgläubigen Arbeiter dadurch über die Aussichtslosigkeit des Parlamentarismus aufklären, daß sie ihnen durch den Wahlboykott im entscheid denden Augenblick in den Arm fallen, ihre AgitatiOinsarbe# sabotieren, die sozialdemokratische Opposition im Parlamente schwächen und in diesen unaufgeklärten Arbeiterköpfen so den Eindruck erwecken, daß ihre Ohnmacht gegenüber der fortschreitenden Reaktion nicht durch ihre falsche, parlamentarische Taktik verschuldet wurde, sondern durch unseren Wahlboykott, daß sie also um die Reaktion niederwerfen, zu können, nicht den Parlamentarismus loswerden müssen, sondern — die Kommunistische Partei! Es unterliegt gar keinem Zweifel, daß nur dies und nichts anderes die unausbleibliche holge eines kommunistischen! Wahlhoykotts bei der heutigen politischen Situation sein müßte: Und es ist daher zu 'hofften, daß selbst die radikalsten unserer Genossen, wenn sie die Gefahr erkennen, welche über die Partei durch den geplanten Boykott heraufbeschworen wird, sich noch in letzter Stunde die Sache überlegen und den verhängnisvollen Weg meiden werden. Wir haben wirklich keinen Grund, der Sozialdemokratie willkommenes Wasser auf die Mühlen ihrrer Kommunistanhatz zu liefern. Wenn, wir uns Lenins Ratschläge unter Berücksichtigung der österreichischen Zustände zur Richtschnur für unsere Taktik neh* men, können wir die Wahlen weit besser für unsere Ziele ausnützen. i Die Kommunistische Partei muß ihre Vertreter in die sozialdemokratischen Wählerversammlungen entsenden und dort erklären lassen, daß sie bereit ist den Boykott abzusagen und die Sozialdemokratie im Wahlkampf zu unterstützen, jedoch! nur unter einer grundsätzlichen Bedingung. Mit dieser Erklärung werden wir jedenfalls soviel erzielen* daß uns die sozialdemokratischen Arbeiter, die wir sonst durch unsere Propaganda kaum erreichen können, mit größtem Interesse anhören. Und damit hätten wir die Sache schon gewonnen, denn die Zweckmäßigkeit unesrer Bedingung wird jeder Arbeiter sofort einsehen müssen. Diese Bedingung wird sein: V o 11 s t ä n ci ige Unterordnung der parlamentarischen hraktion unter die Beschlüsse des Arbeiter rat es. Alle sozialdemokratischen Kandidaten müssen sich schriftlich verpflichten, in jeder hrage, die auf der Tagesordnung des Parlamentes steht, die. Weisungen des Arbeilerrates strikte zu befolgen, auf seine Anordnung hin die Nationalversammlung zu obstruieren oder sie demonstrativ zu veranlassen, wenn es die politische Lage erfordert, herner sind die Wahlkandji--- daten schriftlich zu verpflichten, ihr Mandat sofort niederzulegen, wenn sie in Widerspruch zur Parlamentspolitik des Arbeiterrates geraten sollten. Damit wäre die Entscheidung über alle wichtigen hragen der Politik aus dein verschwiegenep Klubzimmer der hraktion vor das öflentliche Forum der Arbeiterklasse verlegt; der Abgeordnetenkluü, bisher eine selbständige Körperschaft, auf welche die Arbeiter keinen Einfluß ausüben konnten, wäre jetzt eine bloße Delegation des Arbeiterrates, seine Untersektion für parlamentarische Angelegenheiten. Ein solches Verhältnis zwischen Arbeiterrat und hrak* tion ist de facto schon angebahnt. Wiederholt mußte die parlamentarische hraktion ihre Politik vor den Rülekörper« schatten rechtfertigen und wenn sie es auch stets sorgfältig vermieden hat, den Anschein einer Abhängigkeit von den Be= Schlüssen des Arbeiterrates zu erwecken, so war es doch klar, daß ihr diese Beschlüsse nicht gleichgültig sein konnten. Im Oktober v. J. hat der Abgeordnetenklub sogar direkt um die Sanktion des Wiener Kreisarbeiterrates für seinen Koalitionspakt mit den Christlichsozialen angesucht. Aber man erinnert sich noch an die damalige Erklärung hritz Adlers, daß diese trage eigentlich nur die sozialdemokratischen Kreisarbeiterräte angehe, nicht aber die kommunistischen. Damit hat er in diplomatischer Weise erklären wollen, daß die Politik der hraktion nicht eine Angelegenheit des Arbeilerrates sei, sondern nur die der sozialdemokratischen Partei. Unsere Aufgabe muß es daher sein, das Verhältnis der Fraktion zum Arbeiterrat endgültig klarzustellen. Und keine Situation wäre für die Autrollung dieser hrage vor den breitesten Massen so günstig, als der Wahlkampf. Wenn wir öffentlich erklären lassen, daß wir die sozialdemokratischen Kandidaten unterrstützen wollen, vorausgesetzt, daß sich diese dem Willen der Arbeifcerräte fügen werden, dann haben wir mit einem Schlage das ganze Proletariat überzeugt, daß wir keine engstirnige Parlenoltiiik betreiben, sondern im Dienste seiner allgemeinen Klassen in teres-en stehen. Lehnt die Sozialdemokratie unsere horderung ab, d.mn müssen wir freilich am Boykott festhalten. Aber jetzt würde dieser Boykott ein ganz anderes Gericht erhalten, «fczt wäre er nicht mehr durch doktrinäre Moiive diktiert,', für welche die Massen kein Verständnis haben können. N -ch* dem wir der Sozialdemokratie vor den 'Massen unsere Wahl* Unterstützung unter einer durchaus annehmbaren Bedingung angeboten haben und diese unser Angebot ablehnle; nachdem die Sozkddemokralie .sich öffentlich geweigert ndt, ihre hraktion-.politik dem Arbeiterrat zu unterste! ,'un. um für ihre nächste Koalition freie Hand zi haben, werde! selbst die unaufgeklärtesten Elemente irn Proletariat die Berechtigung unserer ßo^koUai.a.:,.; nicht leugnen können. Dann werden sie erst erkennen müssen, daß die Sozialdemokraten ihr Parteiinteresse höher stellen, als das allgemeine Klas>:e:iinteresse des Proletariats, daß sie ein Zusammengehen mit den Bürgerlichen mehr schätzen, als das Zusammengehen mit klassenbewußten, kommunistischen Arbeitern. Selbst die Ablehnung unserer hoiderunq durch Sozialdemokratie wäre also vorn größten Vorteil für uns- Massenpropaganda. Aber noch mehr würde die revoiution: Sache durch die Annahine unserer hordarung gewinn- Denn ihre Verwirklichung wäre der Sieg eines Prinzips, das Schicksal der Nationalversammlung von der sozialdumok, tischen Fraktion abhängt, — eine genügend große r'rak.j. . könnte die Nationalversammlung durch ihren Exodus i schlußurifähig machen, — da ferner die Haltung der sozi demokratischen Abgeordneleu von den Willen des Arbeit rates direkt abhängt, wäre'flureh Annahme unserer Bedinqur. der Schwerpunkt der ganzen Staatspolitik von der Nation;- Versammlung in die Räte verschoben. Tritt eine revolutioi-ä Situation ein, so können wir sofort alle Machenschaft der Sozialdemokratie mit den Bürgerlichen verhindern, inde wir im Arbeiterrat die Abberufung der Abgeordneten dura setzen. So lange dies aber noch nicht angezeigt erschein, können wir vom Arbeit er rat aus die hraktionspoüti überwachen, die .Haltung der Abgeordneten vor den Masse, denunzieren, durch Zusammenarbeiten mit der „neuen Linken" den Klub zu einer in fransigen ten, unnachgiebigen Tak^ tik zwingen, wodurch die Sozialdemokratie und die bürger liehen Parteien in immer größere Verlegenheit geraten seift müssen und der ganze Parlamentarismus Tag für T vor den Ä\assen kompromittiert wird. •: So sichert uns die vorgeschlagene Ta ';ik?. Vorteile der revolutionären Ausnutzung des Pari :v_>.' rismus: 1. Zutritt zu den sozialdemokratischen Wählerversammlungen; 2. Bloßstellung der Sozialdemokratie im halle der Ablehnung eines. Kompromisse) mit uns; 3. Gewinnung des Vertrauens der rückständigen Massen bei Zustandekommen des Kompromisses; 4. Unterwerfung der hraktion unter den Arbeiterrat, dadurch Stärkung seiner Machtstellung; 5,,i, Kritik der Parlamentspolitik des Arbeiterrates ,so lange w,ir in der Minderheit s.ind; 6. Sabotage der parlamentarischen1 „Arbeit"; sobald wir selbst oder zusammen mit der „Linken" die .Mehrheit in den Räten erreicht haben; 7. Verschärfung einer revoiutionren Situation durch demonstrativen Auszug aftis der Nationalversammlung. - Und trotzdem bleiben wir als Kommunistische Partei vor den Gefahren des Parlamentarismus vollkommen gej schützt. Denn diese Gefahren sind unbestreitbar. Wenn Lenin immer wieder darauf hinweist, wie trefflich es die d3ol>- I schewiki verstanden haben, in ihrer fünfzenjährigen Ent* Wicklung vor der Machteroberung allen Versuchungen des parlamentarischen Opportunismus zu widerstehen, so vergißt er leider hinzuzufügen, daß diese tapfere Widerstandsfähig* keit nicht so sehr auf der Tugend der borschewikischen Parlamentarier beruhte, als auf der Not der russischen Verhältnisse. In dem Rußland derr "Sbolypiuschen *Duma und des Kerens'kischen „Vorparlamentes" War es wirklich keine Kunst, sich vor dem parlamentarischen Kretinismus zu bewahren, wenn man es nur redlich wollte. In West- und Mitteleuropa genügt aber dieser Wille nicht. Hier ist der Parlamentarismus eine seite Jahrrzehnten oder sogar Jahrhunderten tief eingewurzelte Institution, welche auch in der Arbeiterklasse eine starke Tradition besitzt. Nur eine ganz außergewöhnliche Persönlichkeit könnte es hier fertigbringen, dein parlamentarischen Boden auszunützen und sich trotzdem seinen verderblichen Einflüssen zu entziehen. Aber nicht jeder Korn munist ist ein Liebknecht und der Parlamentarismus hat seine eigenen Gesetze. Reicht man ihm nur einen Häger, so verljngt er bald die ganze Hand. Dia Warnungen der 'radikalen» Kommunisten gegen die Parlamentarisierung der Partei, können also in Deutschland und Westeuropa nicht so leichten Herzens abgewiesen werden, wie es Lenin tut. Nur daß durch, ihren wohl begründeten Hinweis auf die Gefahren des Par* lamentarismus, die objektive Notwendigkeit seiner zeitweiligen Ausnützung zur Eroberung der Mass,en nicht afgehobep wird. Es ist dieser Widerspruch zwischen der Erkenntnis seiner zeitweiligen Notwendigkeit und der Voraussicht seiner schi eßliehen Verderblichkeit, der die kommunistischen Parteien in vielen Ländern spaltet. IWir in Deutschösterreich sind in der glücklichen Lage, sowohl die Sculla des grundsätzlichen Antiparlamentarisinus, als auch die CharübdLs des parlamentarischen Opportunismus mit sicherer Hand umschiffen zu können. Diese Möglichkeit verdanken wir dem Bestehen des Arbeiterrates. Gelingt es die Unterordnung der sozialdemokratischen hraktion durch die hier vorgeschlagene, auf Lenins Anregungen basierende Taktik, unter den'Willen de; Arbeiterrales herbeizuführen, so können wir in die parlamentarischen Vorgänge indirekt aber wirksam eingreifen und halten uns dabei allen parlamentarischen Ränken uitd Intriguen gänzlich ferne. Unsere Hände bleiben vollkommen frei, wir brauchen uns mit keiner „positiven Arbeit" im Parlamente abzugeben, keinen umständlichen Wahlapparat aufzustellen, sondern widmen alle unsere Kräfte der Untermihierung des Parlamentes und der revolutionären Organisation des Proletariats. Aber so nebenbei, aneinem Abend der Woche setzen wir im Kreisarbeiterrai einige Anordnungen für die hraktion durch, die, wenn von den Abgeordneten wirklich ausgeführt, die bürgerlichen Parteien in Verlegenheit bringen, wenn von ihnen schwächlich verfochten, den sozialdemokratischen 'Parlamentarismus vor den Massen blamierren. So bleibt der parlamentsteindiiche Cha- . rakter unserer Partei ganz unverwischt und weiihin für jeden Proletarier sichtbar und nichtsdestoweniger wird von uns das Parlament für revolutionäre Zwecke restlos ausgentzt. Wie notwendig aber diese Ausnützung nochist, wie verfehlt die grundsätzlich anliparlamentarische Taktik wäre, das zeigt uns die lehrreiche Schrift unseres großen Vorkämpfers. Aß unsere Leser! t Unser letztes Blatt war irrtüraßcK als Nummer 28 signiert; in Wirklichkeit war es die Doppelnumme? 28/29. Herausgeber und verantwortiichj«r Redakteur: Dr. Herseh Magier, „Adria", Druck- und Yerlagsgdsellnchu? fe. ySte^ II-, TabgratruUo