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Freie Tribüne · 1920-07-24 · 27-28 (24.7.1920) · page 1

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Journal
Freie Tribüne
Volume
2 (1920)
Issue
27-28 (24.7.1920)
Date
1920-07-24
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Dort soll das Schic'ksal der Menschheit ent* schieden Wierden. 1 Sollen die Arbeitenden auch weiterhin Sklaven der kapitalistischen Anarchie, Opfer der imperialistischen Bestialität bleiben und sich bloß mit einiger scheinbarer Lockerung des Sklavenjoches begnügen, oder sollen sie sich zu einer mächtigen Vereinigung organisieren, den großen sozialistischen Emanzipatienskampf beginnen und nicht eher ruhen, als bis er siegreich zu Ende geführt ist? Dies ist die Schicksalsfrage der leidenden Mensch* heit, die Frage des Seins oder Nichtseins der unterdrückten Klassen und Völker. In Moskau beratschlagen sdie kommunistisch ein Ver* treter der Arbeitersthaft darüber, wie man die ka* pitaüstische Welt aus ihren Angeln hebt, den im* perialistischen Wahn entwurzelt und der Menschheit den Weg ' des sozialistischen Schaffens weist. Und diesmal ist die kommunistische Internationale kein Gespenst mehr, ihre Arbeiten nicht bloß theöre* tische Hypothesen, ihre Beschlüsse nicht leere Lippenbekenntnisse. Nein. i Ex Oriente lux. Dort im' großen Reiche der „unbe* ^gr^f^Tfeü^^^ -infft "imd schafft das rußländische Proletariat. Es kämpft gegen die wirtschaftliche Anarchie, in die die kapitalistsche „Ordnung" das Land gestürzt, es schafft langsam aber zuversichtlich die' neue, die sozialistische Wirtschaft. Und während Arbeiter und Bauer zu Hause die Not meisteiH Und die Zukunft hämmern, trägt die Prole* tarierarmee die siegreiche Idee der Weltrevolution nach dem Westen. Mit einem Heldenmut sondergleichen zertrümmert die rote Armee die letzte kapitalistisch=chau* vinistische Burg, die das revolutionäre Rußland vom revolutionären Buropa trennt. Und auf dem Wege ihres Leidens» und Sieges* marsches bringt die röte Armee den Unteridrücktesteci| aller — den jüdischen arbeitenden Massen Freiheit und Hoffnung. Täglich erwachen rieue jüdische Städt* chen vom grausamsten Traum der Denikin*, Petljura* und der polnischen Pogrom'Wirklichkeit. Die Augen aller sind an den Marsch der Proletarier* armee geheftet, die Gedanken aller mit Moskau vereint. Dort wird die neue Menschheit geboren. In dieser geschichtlichen Stunde tritt unsere Welt* kenferenz zusammen. Unsere Weltkonfeieaz! Sieben Jahre liegen zwischen der letzten großen Verbandstagung und der jetzigen. Sieben Jahre Völ* kerkrieg. Drei Jahre Bürgerkrieg, drei Jahre Welt* revolution. Die jüdische Arbeiterschlaft hat in diesen sieben Jahren Furchtbares erlebt, märtyrerhaftes erduldet. Jahr* hunderte lang in größeren und kleineren Teilen über die ganze Welt zerstreut, war die jüdische Arbeiterschaft im Kriege dem Uebermut der Sieger sowohl als auch dem Zorn der Besiegten ausgesetzt. Die arbeitendem Schichten der jüdischen Bevölkerung mußten sich bald der einen bald der anderen wirtschaftlichen, politischen und kulturellen Umgebung ampassen. Der große Teil des jüdischen Volkes, der im alten Rußland in kom* pakten Massen lebte und wirkte, wurde wiederholt durch künstliche, oft mittelalterliche Mauern in kleine Atome zersprengt. Die jüdische Volkswirtschaft wurde in ihren Grundlagen erschüttert. So entsteht für die Klassenbewegung des jüdischen Proletariats, Poale Zion, die die wirtschaftlichen Zu* sammenhänge des eigentlichen Problems der jüdischen Arbeiterbewegung erkannt und deren interterritorialen Charakter richtig verstanden hat, die große Aufgabe: die derzeitige Struktur der jüdischen Volkswirtschaft rieh* tig zu werten, deren Entwicklungstendenz vorauszu* sehen und die jüdische Arbeiterbewegung auf den Weg des revolutionären Aufstieges zu führen. Unsere Welt* kenferenz soll und muß für die jüdische Arbeiter* sch'aft dasselbe werden, was der Moskauer Kongreß für das internationale Proletariat geworden ist. Nämlich: die einheitlichegrundsatztreue Klassenbewegung, die organisierte Macht desfurse ine sozial eundnationaleBe freiung kämpfenden jüdischen Proletariats. Unsere Weltkonfereciz In Wien. Unter günstigen Vorzeichen tritt sie zusammen. Das Schreckgespenst der Gegenrevolution in Europa erblaßt langsam unter dem andauernden Fortschreitender Idee der Weltrevolution. Die kapitalistischen Sie* germächte sind ebenso wie deren besiegte Klassen* brüder, unfähig, die in Aufruhr geratenen Prcduktions* kräfte zu beherrschen und die kapitalistische Wirt* Schaftsordnung einzurenken. Im Westen, wie im Osten vollzieht sich mit ungeheurer Elementarkraft die "Revo* lutienierung der Arbeitermassen. Während der inter* nationale Gewerkschaftsbund die große Solidaritäts* aktien gegen das „Ungarin des1weißen Schreckens'' mit proletarischem Mut leitet, wird in Moskau die po* litische Bewegung der Arbeiterschaft in der kommuni* stischen Internationale vereinigt.;So wächst die Kraft der Arbeiterschaft und verbürgt den endgültigem Sieg des Sozialismus. . v Auch der jüdischen Arbeiterschlaft winkt so die Stunde der nahen Erlösung. i Große Gebiete der jüdischen M'dssensiedlung werden ~ taglkfe •veru der>po!:ii4**r „4t to'Svtfju^'scken Okkupation befreit; dadurch wird der in kleine Stücke zer* rissene Organismus des jüdischen arbeitenden Volkes wieder einmal zu einer großen, lebensfähigen Einheit zusammengeschlossen. Arbeit, Selbsthilfe und Klassen* kämpf wird so zur Grundlage der jüdischen proletari* sehen Emanzipation. Auf die selbstbefreiende Kraft des jüdischen Prole* tariats wird unsere Weltkonferenz Programm und Tak* tik aufbauen müssen. Und so den Aufstieg und die Konstituierung der jüdischen Arbeiterschaft zur natio** nalen Klasse verbürgen. Aber auch ernste Gefahren bedrohen die Tagung unserer Weltkonferenz. Palästina, das Land der Hoffnungen, das in unserem Programm dazu auserkoren ist, die Ursache aller Ursachen — die Exterritorialität der jüdischen Wirtschaft — wettzumachen, die jüdischen wandernden Massen in sich aufzunehmen und sie dort produktiver werteschaffender Arbeit zuzuführen, ist in den Hexen* kreis des Imperialismus hineingezogen worden. Kapi* talistische Mächte rivalisieren um den Besitz Palästinas und bedienen sich d'abei je nach Bedarf sogenannter nationaler „Befreiungsmanöver". Die eine Regierung spielt das „Eingeborenenrecht" der Araber gegen die Juden, die andere das „Historische Recht" der Juden gegen die Araber aus. / Die jüdische Bourgeoisie und die ökonomisch entwurzelte jüdische Intelligenz tanzen in „heiliger" Verzückung um das goldene Kalb des Weltimperialismus und erwecken in den, der Verzweiflung nahen, wirt* schaftlich ruinierten jüdischen Volksmassen, Erlösungs* illusirnen. Palästina wird so zum Tummelplatz aller avanturistischen Bestrebungen. Die Aufgabe unserer Weltkonferenz wird es sein, die jüdische Arbeiterschaft frei zu halten von dieser gefährlichen auf „historische" Rechte basierenden „Er* lösungsidee" um so die Idee des proletarischen Palä* stinismus von jeder kleinbürgerlichen Ideologie rein zu halten und dadurch dei Verwirklichung näher zu bringen, der V e r w i r k 1 i c h u n g d u r c h d i e k ä m p* fende und bauende Kraft des jüdischen Prole tariats. Unsere Wettkonferenz im Wien. Auf dieser nunmehr isolierten Insel des jüdischen Seins, auf dem eingeengten Gebiete der jüdischen proletarischen Wirksamkeit. j Wir sind stolz, diese, für unsere Bewegung so bedeutsame Tagung bei uns zu sehen. Wir freuen* uns, daß wir dui'ch unsere politische Tätigkeit und.1 dadurch, daß wir auf dieser Insel die jüdischen >(Arbeiter für den Poale=Zionismus gewonnen haben, die geschichtliche fünfte Weltkonferenz des jüdischen so* zialistischen Arbej'terverbandes in unserer Mitte begrüßen können. < . , (Wien liegt heute tan der Kreuzunig zwischen Ost* und Westeuropa, über Wien führt heute der Weg von Polen über Triest nach Palästina. Und Hun* derte jüdische Proletarier sind gezwungen, auf ihrem mühevollen Wege hier halt zu machen. Nun versammeln sich an dieser Kreuzung, an dieser Etappenstation die .Vertreter des jüdischen Pro* Ietariats aller Länder zu großer und verantwortungsvoller Arbeit. \ i r Ihnen allen entbieten wir unseren Gruß. Dein Gruß der jüdischen sozialistischen Arbeiterpartei Poale Zion in Deutschösterreich. i Mögen sie in ihrer Arbeit mit rücksichtsloser Ent* schlossenheit zur vollen Wahrheit und Erkenntnis den Mut der Kritik mit dem Mute der Tat ver* einen. Unserer Weltkoriferenz unseren Gruß! Im Zeichen der Weltkonferenz. In einigen Tagen wird die Weltkonferenz des Jüdisch*sozialistischen Weltverbandes Poalej*Zion ihre Arbeiten beginnen. Aus aller Herren Länder sind be* reits die Delegierten der einzelnen Landesparteien und *gruppen (eingetroffen und der rege, oft gar leidenschaftliche Jftekiungaausiauseh der Verfechter u<.Ck Wortträger der „Richtungenund Schattierungen" bildet gleichsam den Auftakt zu dem Ereignisse, welches si* cheriieh einen Wendepunkt in der Geschichte unserer Bewegung bedeuten wird. Wie sehr nun die Abschätzungein der KräfteVer* hältnisse der gegensätzlichen Richtungen, wie sehr auch die Voraussagen der zu fassenden Beschlüsse oder der Entscheidungen, die bei der Weltkcinferenz fallen werden, jetzt trotz aller Beteuerungen der „Alles* besserwisser" noch zu früh erscheinen und gewiß jeder objektiven Begründung entbehren, so kann eines ohne jegliche Parteinahme oder selbstbewußte Ueberhebung festgestellt werden: die lallweltliche Bewegung des jü* dischen Proletariats, in der Perspektive der von ihr zurückgelegten Strecke betrachtet, als einheitlicher, le* bendiger Strom der jüdischen ökonomischen, sozialen und politischen Wirklichkeit erfaßt, ist eine weder von Freund, noch von Feind zu leugnende geschieht* liehe Tatsache gewesen, die auch in den Stür* men der sozialen Revolution fortbesteht, und eben des* halb nachdrücklichst bejaht und gewertet werden muß. ' Der Bericht des Verbandsbüros und die Kritik, die ihm nicht erspart bleiben wird, wird diese ge* schichtliche Tatsache in ihren seltsamen Variationen, in ihren oft bis ,an das Groteske der Verzwfeilfumg grenzenden, tragischen Verwicklungen ebensosehr wie den heroischen Revolutionskampf des jüdischen Pro* Ietariats in seiner Ganzheit und Mannigfaltigkeit zu schildern Gelegenheit haben. Und in die Feststellung dieser Tragik und in das Verständnis für die fiel* denschlacht der jüdischen Arbeiter in der sozialen Re* volution ist der Brenn* und Schwerpunkt all der viel',* fachen und vielseitigen Probleme gelegt, deren Lösung zur gebieterischen und verantwortlichen Aufgabe un* serer Delegierten werden wird. Hier liegt zugleich die, psychologische Schwierigkeit verborgen, die sich einer bloß objektiven und nüchternen Darstellung und Beur* teilung der gegebenen Verhältnisse entgegenstellt. Denn zu sehr sind wir alle von der Größe, von den Pro* theusgestalten der auf uns einstürmenden Eindrücke überrascht, zu schwer lastet auf uns das Bleigewicht der Erinnerung an die Pogrome, Verfolgungen und Repressalien, welche die an ihre Macht sich klam* mernde Bourgeoisie der ganzen Welt auf uns gehäuft, zu grausig ist auch das Bild des vollständigen Zusam* rnenbruches des jüdischen Wirtschaftslebens im nahen Osteuropa, als daß wir nicht bloß des Dramas Beob* achter, sondern seine Mitspieler, die Mitleiden* den wären.---■ Ein Lichtstrahl fällt aber auf die schwarze Fläche der uns so nahen Vergangen* heit und der Gegenwart der jüdischen Wirklichkeit, der uns den Mut wiedergibt, der uns auch mit der Ver*

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