Freie Tribüne
- Journal
- Freie Tribüne
- Volume
- 2 (1920)
- Issue
- 20 (15.5.1920)
- Date
- 1920-05-15
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Nun, er gab ihnen Hilfe, dieser revolutionäre Arbeiter, dieser sozialdemokratische Regierungsmann, dieser G ru ber, dessen Name hoffentlich von der Arbeiterschaft Oesterreichs nicht so bald vergessen werden wird. Die Gemordeten werden keinen Hunger mehr verspüren, «die Krüppel werden nicht mehr vor sein Regierungspalais ziehen und die Waisen, deren Müttern er, feige tiinter Mauern, Gendarmen und Soldaten versteckt, das .Leben geraubt "hat, sie werden von ihm und seinesgleichen keine Hilfe mehr verlangen. Werden das auch die großen Massen der Arbeiter nicht mehr tun? Werden sie begreifen, daß die einzige Kost, die sie von ihren regierenden Genossen zu erhoffen haben, in Lügensuppen und blauen Bohnen besteht? Fast möchte man daran verzweifeln, wenn man den Gleichmut beobachtet, dem der , Linzer Massenineuchelmord in der Arbeiteröffentlichkeit begegnet. Keine zornige Empörung! Keine Tat des Schmerzes oder des Mitgefühls, wie sie in anderen Ländern sofort gefolgt wäre! Kein scharfer Protest! Ist die Arbeiterschaft vielleicht schon abgestumpft? Hat sie sich an dl je regierungssozialdemokratischen Massenschlächtereien * schon so gewöhnt, daß die Regierung in Ahrem Mordwerk fortfahren kann, ohne sonderliche Erregung «zu erwecken? Oder verdanken wir diese Ruhe der „Geschicklichkeit" der, sozialdemokratischen Preßtneute, die die furchtbare Tatsache eines gänzlich grundlosen tIYiassenmr»rdes in den Hintergrund schiebt und mit beispielloser (Frechheit den vielleicht doch entstandenen Grimm 0er Arbeiter auf den allezeit bereiten Sündenbock, die Kommunisten, lenkt? Gründonnerstag, 15. Juni, die Heldentat der .rteiermärkischen Noskes, und jetzt Linz — sie haben es 'dem einfältigsten Arbeiter zum Bewußtsein gebracht, daß'jedesmal zur Rettung der Koalition vor der Gefahr, an ihren inneren Schwä.rari. zu verenden, ein Aderlaß nötig ist — ein Aderlaß natürlich des Proletariats. Der mittelalterliche'Glaube, daß zur Heilung eines Aussätzigen das Blut einer unschuldigen Jungfrau notwendig ist. feiert hier seine Auferstehung! je -frecher der Wucher der 'Bauern wird, je mehr die Teuerung wächst, je weniger /Erfolg der Regierung zuteiJ wird, desto eifriger lassen die verärgerten Regierungsmänner ihren Unmut, an dem Proletariat aus. Und dieses scheint seine Rolle als Prügelknabe gut erfaßt zu haben. Das ^Grausigste an dem Morde, den wir schaudernd miterlebt haben, ist aber unzweifelhaft die Geschicklichkeit, mit der ihn die Journaille frukttfiziert hat. Wie sie sich räuspert und wie sie spuckte, die verflossene (monarchistische Regierungspreisse, daß hat ihr die republikanische Regierungs-,,Arbeiter-Zeitung" glückt lieh '.abgeguckt! ,.Dunkle" und ,,jugendliche" Elemente, kommunistische Hetzer, geheimnisvolle Losungen, der verhängnisvolle Schuß aus den Reihen der Demonstanten, ja sogar verteilte Handgranaten — wer kennt sie nicht talle diese Utensilien, zur Erzeugung äußerster Verwirrung, (um durch eine fröhliche Kommünistenhatz den Hungerschrei zu ersticken! Wie dange wird sich die Arbeiterschaft Oesterreichs noch .täuschen lassen? Wie lange wird sie die Männer dulden, (die so ganz ihrer proletarischen Herkunft vergessen haben? Wie lange noch Hunger und Elend schweigend Jertragen, um sich dann von einem gesättigten Klüngel, der durchaus an der Macht bleiben will, zursamrnen (schießen zu lassen? Trotz unseres Zornes, trotz unseres Schinerzes verfallen wir nicht der Verzweiflung. Aus all dem Elend wird sich trotz allen Verrates, trotz aller Vergewaltigung das deutschösterreichische Proletariat erheben, um für immer Proletariermorde aus der Welt zu schaffen. Wenn aber diese Erhebung für die bürgerliche Gesellschaft und ihre sozialverräterischen Knechte nicht so glimpflich, so „gemütlich" ablaufen sollte, wie es manche erhofft haben, dann werden alle Regierungs- „proletarier" daran mitgewirkt haben, denen jedes Mitlet recht war, um nur an der Macht zu \bleiben. Prdbleme der jüdisclierr Arbeit erbeweguhg IX. Pölifiscfce Orientierung. Die zweite Richtung innerhalb der Arbeiterbewegung ist die ... reformistiscrf-revolutionäre, auch die „unabhängige" genannt. Es ist die Fraktio 1 des sogenannten „marxistischen Zentrums". Diese Richtung teilt nicht die trügerische Meinung, daß man zum Sozialismus durch Reformen rein automatisch gelangen muß, sie ist sich vielmehr ganz der Tatsache bewußt, daß ein großer Umsturz im politischen und wirtschaftlichen Leben notwendig sein muß, um den Sozialismus zu verwirklichen. Sie weiß auch, daß, solange das Privateigentum nicht abgeschafft ist, der Klassenkampf rücksichtslos geführt werden muß und auch nicht für einen Moment Burgfriede mit der Bourgeoisie geschlossen werden darf, aber, . . . und hier fängt das verhängnisvolle „aber" an, das zum Glaubensbekenntnis dieser unabhängigen Richtung geworden ist. — Ein Unabhängiger äußert keinen Gedanken, unterzieht sich keiner Arbeit, ohne ein „Aber". „Aber", — das ist das Wesen, der tiefste Inihalt, die höchste Wahrheit dieser Richtung. Die Diktatur des Proletariats?, bitte sehr, „aber" ... für Rußland sagt Crispien, für Deutschland meint Longuet, für Frankreich wünscht sie Snowden. Der Bürgerkrieg ist vielleicht eine unbedingte Notwendigkeit, ,;aber" ... in Rußland, sagt Bauer, in Deutschland, meint Mistral, in Frankreich, denkt sich Macdonald. „Ab e r" — das is t un ai>n ängig.; Sie waren alle Gegner des Krieges, „aber" sie haben für die Kriegskredite gestimmt; sie haben immer den Frieden gewünscht, „aber" nichts haben sie getan, um ihn herbeizuführen; alle haben sie die russische Kerenskirevolution freudigst begrüßt, „sölber „aber" nicht einen Finger gerührt, um in ihren eigenen Ländern etwas ähnliches zu erreichen. Sie haben später, wenn auch schweren Herzens, die Leninrevolution begrüßt und die We 11revolution gepredigt, „aber" nur nicht bei sich im Hause. ' Und jetzt? Jetzt sind sie voll „Begeisterung" über die russische Sowjetrepublik, über die proletarische Diktatur, über die Thesen der dritten kommunistischen Internationale, „a b e r" ihr beitreten, wollen sie nur bedingungsweise ... Das ist das wahre Antlitz des marxistischen Zentrums. Halbheit liegt in ihre-r Natur. Reformistisch sind sie nicht, da sie bei Marx galernt haben, daß die soziale Revolution eine historische Notwendigkeit ist, sind aber auch njeht revolutionär, da sie sich im Laufe der fünfzig Jahre dauernden Arbeiterbewegung an soziale Reformen gewöhnt haben. Rein vernunftmäßig sind sie sich dessen bewußt, daß die revolutionäre Entwicklung ein ehernes Gesetz ist, mit ihren Instinkten aber haften sie an der demokratischen Flickarbeit und können sich von der Illusion, vpn der Bedeutung der sozialen Reformen nicht befreien. Zwar wissen sie, daß das Maximalprogramm auf friedlichem Wege nicht verwirklicht werden kann, sie hoffen aber, das gesamte Minimalprogramm ohne Revolution, nur durch die demokratische Regierungsfonn erreichen zu können. Auch auf sie kann man ohneweiters die Charakteristik anwenden, die Marx seinerzeit zur Kennzeichnung der damaligen französischen sozialdemokratischen Partei unter bedru—Rollin geprägt hat: v . „Wenn die Montagne im Parlamente siegen wollte, dürfte sie nicht zu den Waffen rufen. Wenn sie 5m Parlamente zu den Waffen rief, dürfte sie sich auf der Straße nicht parlamentarisch verhalten. Wenn die friedliche Demonstration ernst gemeint war, so war es Bibern, nicht vorherzusehen, daß sie kriegerisch empfangen werden würde. Wenn es auf den wirklichen Kampf abgesehen war, so war es originell, die Waffen abzulegen, mit denen er geführt werden müßte."**) Es ist bezeichnend für die ganze „unabhängige" Richtung, daß ihre typischen Vertreter jahrelang mit den Revisionisten in Fehde waren, indem sie. ihnen immer wieder zu beweisen suchten, daß Marx in seiner Anschauung, die sozialistische Gesellschaftsordnung könnte nur durch eine Revolution herbeigeführt werden, recht behalten hat. Sie selbst aber haben Jahre hindurch die soziale Revolution gepredigt und in sozialen Reformen gemacht. Sie haben sich immer *) Siehe Freie Tribüne Nr. 19. **) „Der achtzehnte Brumaire". nach dem Maximum — dem Sozialismus gesehnt — gekämpft aber immer nur ums Minimum: um die laufenden Bedürfnisse und Tägesinteressien des Pro - Ietariats. Sie haben unaufhörlich argumentiert, uns2r Ziel müsse die soziale Revolution sein, die d^r kapitalistischen Wirtschaftsordnung endgiltig ein Ende bereiten werde; gleichzeitig aber versuchten sie, den zerrissenen Mantel des Kapitalismus nach Möglchkeit zu flicken. Auf diese Art wurde der Sozialismus für die gesamte Arbeiterbewegung zum Ideal einer . . . ferne* Zukunft, während die demokratischen Reformen zum täglichen Brot wurden und die Demokratie mit ihrem Drum und Dran in Fleisch und Blut des Proletariats, überging. Der Sozialismus blieb ein Phantasiegeb üde, ein schöner, aber ferner Traum — der Marxismus wurde konserviert, aufs Eis gelegt. Sie wandelten, die sozialistische Lehre aus einer Weltanschauung in .ei»c Religion, das sozialistische Programm aus einem Aktionsprogramm in einen Katechismus um. So entstand die weite, schauerliche Kluft zwischen Worten und Taten. Und als die Zeit der , . . Tat kam, erlitt diese Richtung vollständig Schiffbruch. Ist es vielleicht kein Bankerott? Der November 1918 sieht die Unabhängigen als Führer und Machthaber der deutschen Revolution. Was tun .sie? Sie verhalten den Reformisten wieder zuv Popularität, sie teilten "mit ihnen die 'Machir und «yteri .^ich^aut ^n." . . . demokratisches Programm. Sie vertreiben den Botschafter der russischen Sowjetregierung aus Berlin,, denselben Joffe, von dem sie, die Unabhängigen, Geld und Literatur zum Kampfe gegen die Monarchie genommen haben. Derselbe Joffe, den Wilhelm in Berlin ruhig hatte weilen lassen, wird jetzt auf Befehl der revolutionären Volksbeauftragten Haase, Dittmann(und B a r t, aus Berlin ausgewiesen. Dies geschah darnals, im Jahre 1918! Heute verlangen dieselben Unabhängigen von der deutschen Regierung, die Aufnahme wirtschaftlicher und politischer Beziehungen mit SowjetrufJland und die Zulassung eines russischen Botschafters in Berlin, heute veranstalten sie Demonstrationen für Sowjet- Rußland. Und das nennt sich Politik! Proletarische Politik! Verfolgen wir aber die Entwicklung weiter: Sie, die Unabhängigen stehen im heftigsten Kampfe gegen die Liebknecht und Luxemburg, sie sind Gegner der Diktatur des Proletariats, sie wollen keinen mächtigen Arbeiterrat, ihre Volksbeauftragten bekämpfen die Bestrebungen von Spartakus, die Revolution weiterzutragen. Und heute, nach dem Leipziger Parteitag, treten siefür das Rätesystem, für die Diktatur, für die Fortentwicklung der Revolution ein. Aber noch sind wir nicht zu. Ende: Sie gehen nach Bern, nach Amsterdam, decken mit ihrem ehrlichen Namen die Reformisten der ganzen Welt, versuchen die zweite Internationale wieder zu errichten, und. si id stolz darauf, daß sie die Möglichkeit haben, die Brauting, Scheidemann und Thomas zu „revolutioniere i'\ Heute sind sie ... für die dritte Internationale, ist das keine Bankerottpolitik? Umgekehrt, — denkt so mancher — wir sohlen ja zufrieden sein, sie schreiten eben fort, sie werden revolutionär. Aber darf noch auf den Titel einer revolutionären Partei Anspruch erheben, wer derart hin L ider Entwicklung herkriecht? Haben denn die Unabhängigen die Entwicklung der Revolution in ihrem eigenen Lande und in der ganzen Welt nicht unterbunden, nicht unterbunden, nicht zurückgeworfen? Hätten sie die Vereinigung mit Spartakus vollzogen, und auf Liebknechts Seite den Kampf gegen die Scheidemann-Noske-Ebert aufgenommen —, wir wären heute Zeugen eines andern, schöneren, proletarischen Deutschlands! Wären sie.sei -erzeit, anstatt nach Bern, nach Moskau gezogen, so wäre die dritte Internationale heute schon stark und mächtig. Hätten sie früher den Joffe nicht ausgewies n, sie hätten es heute nicht nötig, um seine Wiederberufung zu „kämpfen". ' Oder ist es vielleicht sozialistische Politik, daß man sich durch die Räder der Geschichte nachschleifen läßt? Liegen doch der Sinn, die Bedeutung und die Abgabe der Arbeiterbewegung gerade darin, daß sie die