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Freie Tribüne · 1920-04-17 · 16 (17.4.1920) · page 1

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Journal
Freie Tribüne
Volume
2 (1920)
Issue
16 (17.4.1920)
Date
1920-04-17
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Als ob wir jemals mit gewaltsamen Mitteln, von außien her, irgendwem den Kommunismus hätten aufzwingen wollen! Nichts ist falscher! Wir haben den festen Glauben an den baldigen Sieg des Kommunismus in allen Ländern, und dieser Glaube stützt sich auf die gesamte Lage in dem gegenwärtigen historischen Augenblick. Aber der Kommunismus kann nur durch die Entwicklung des historischen Lebens in jedem einzelnen Lande selbst siegen, nur (durch den Klassenkampf der Arbeiterklasse jeder einzelnen Nation. Jeder Gedanke an die Aufptlanzung des Kommua-tfsmus von außen her mit materiellen Mitteln würde ihn nur kompromittieren, die revolutionäre Entwicklung verfälschen und den Sieg unserer Ideen erschweren und Verzögern. Es ist vollständig falsch, zu glauben, daß wir, wenn wir mit England, mit Frankreich, mit Esthland, mit den baltischen Staaten, mit Polen, Frieden zu schließen suchen, in uns geheime Ängriffspläne nährein, daß wir nur zurückgehen, um besser vorwärts rücken zu können. Dies ist eine absolute Lüge. Es ist der Friede, der endgültige, und dauerhafte Friede, den wir suchen, und wir überlassen den esthnischen Arbeitermassen, die Mühe, das Regime in Esthland zu stürzen, so wie wir es den polnischen Arbeitermassen überlassen, die Macht in Polen zu erobern. Wir wollen den Frieden, wir brauchen den Frieden, für unsere Arbeit des Aufbaues im Innern. Dies ist |unser letzter Gedanke, dies ist unser letztes Ziel Welches auch die Entwicklung in den anderen Ländern morgen oder übermorgen sein möge, wir wollen -iiit ihnen einen „modus vivendi" zu finden suche.!, der es uns erlaubt, unsere ganzen Kräfte zu konzentrieren, um sie vollständig der Organisation, dem inneren Aufbau, bei uns, in Rußland, zu widmen. Alles ist wiederherzustellen, alles ist von Grund auf aufzubauen. Jede Froiitarmee, die bei uns frei wird, sei es als Resultat ihrer siegreichen Kämpfe oder glücklicher Friedensverhandlungen, geht sofort zur friedlichen Arbeit über, zum Kampf gegen die Natur und das Chaos. Eine der Armeen, die gestern siegreich gegen Koltschak kämpfte, ist heute schon mit dem Fällen von [Holz, mit dem Transport von Brennmaterial und Le- *) Aus der „Roten Fahne". J. L. Perez. (Einseitige, Betrachtung, anläßlich der Wiederkehr seines Todestages.) Nicht die bürgerlichen Klassen, sondern die arbeitenden und schaffenden Tei e unseres Volkes siid an der Wiege der jüdischen Literatur gestanden. Die jüdische Bourgeois.e und Intehigenz haben sich ihres Judentums, der jüdische! Sprache und Literatur geschämt und sind zu Wächten fremder Schätze geworden. Die jüdischen Massen allein waren treue Wärter der jüdischen Sprache und Literatur. Mit Liebe und herzergreifender Anhänglichkeit haben s.e alles aufgenommen, was in ihrer allgemein verachteten Sprache 'erschienen ist. Neben anderen wichtigen Ursachen hat dieser Umstand viel dazu beigetragen, daß üie jüdische Literatur vom Anfang an eine volkstümliche war. Volkstümlich waren die Themen die behandelt wurden, volkstümlich die Sprache und die Form und mag auch heute so manches allzu primitiv erscheinen, so war es eben eine notwendige Folge des Einflusses der Le^er auf die Schöpfer der jüdischen Literatur. Deshalb sind auch die drei Säulen des jüdischen. Schaffens: Mendele, Schalom Alejchem und Perez so tief in der Masse verankert. Alle drei sind sie in einem gewssen Grade sozial gestimmt, aber bei keinem tritt dieser E.nfluß so stark und so bewußt zutage, wie bei j. L. Perez. Gleich in der ersten Periode seines Schaffens finden wir Gedichte, wie „Die zwei Nelturyns', „Beim fremden Chypekleid", „Mein nyscht, die Welt ys a Krejtschme"*) und viele andere die durchdrungen' sind von einem verbissenen Zorn gegen diese Welt von arm und reich, von Ungerechtigkeit *) „Die zwei Näherinnen", „Beim fremden Hochzeitskleide" und „Glaube nicht, die Welt sei ein Wirtshaus'*. bensmitteln beschäftigt, mit der Reparatur landwirtschaftlicher Maschinen, mit Hilfsarbeiten in der Industrie und der Landwirtschaft in den einzelnen Gegenden. Und ebenso werden die übrigen Armeen in dem Maße, wie sie von der Kriegsarbeit freiwerden, zu der gleichen friedlichen Arbeit übergehen. ' Aber die Verwendung der Heere für Arbeiten in der Industrie und der Landwirtschaft ist nur ein vorübergehendes Aushilfsmittel. Wir leiden in dem gegenwärtigen Augenblick zu sehr unter der Krise des Transportwesens und der industriellen Produktion, um nicht die in Heeren organisierte menschliche Kraft zur Ueberwindiung dieser Krise unter dem größten Druck verwenden zu müssen. Denn ungeheure, fortgesetzte Opfer sind notwendig. Aber diese Maßnahmen werden vorübergehend sein, ebenso wie die schwierige Situation, in der sjch die durch Bürgerkrieg und Blockade zerstörte Industrie und das Transportwesen befinden, Wir -arbeiten gleichzeitig an anderen Plänen, weiter ausgreifenden Plänen, die, morgen verwirklicht, eine neue dauerhafte Ordnung der Dinge in unserem sozialen und wirtschaftlichen System einleiten sollen. Die Pläne des allgemeinen Arbeitszwanges, die wir gegenwärtig (ausarbeiten, sind auf eine lange Dauer des ökonomischen und sozialen Wiederaufbaues in Rußland zugeschnitten. Wir sind gewissermaßen die Pioniere, die einen jungfräulichen Boden betreten, wir haben ein gänzlich neues, positives System der menschlichen Beziehungen zu entdecken, zu erfinden. Der allrussische Kongreß der Wirtschaftsräte, der gegenwärtig tagt, diskutiert^ die: Thesen Trotzkys über den allgemeinen Arbeitszwang, die einen ersten Schritt in eine neue Gegend des sozialen Aufbaues bedeuten, t Unsere Organisationen der allgemeinen Militärpflicht werden die Organisationen der allgemeinen Pflicht zur nützlichen und dem Wohle der Gesamtheit dienenden Arbeit werden. r Wir haben eine neue Arbeitsdisziplin zu schaffen, die sich auf das allgemeine Bewußtsein ihrer Notwendigkeit für das Wohl eines jeden einzelnen stützt. Aber so lange dieses Bewußtsein noch nichf allgemein ist, so lange wird der Zwang angewendet werden müssen. Dies ist das gigantische Werk, dem wir entgegengehen. 1 Für dieses Werk, für das es kein Beispiel in der Vergangenheit gibt, brauchen wir den Frieden, und jeder, der die neue soziale Ordnung will, hat die Pflicht, für ihn zu arbeiten, es allen denen, die noch mit den irrtümlichen Anschauungen uns gegenüberstehen, begreiflich zu machen, daß dies der Friede ist, den wir fuchen. Wir werden durch diejenigen, die nicht unsere wahren Absichten verstehen, verdächtigt, daß wir unser Heil in Kriegen und Angriffen suchen. Alle, die uns verstehen, müssen sich bemühen, mit aller möglichen Energie bemühen, diese Lüge zu entlarven und diesen Irrtum zu bekämpfen. und Versklavung. In diesen Gedichten wie in den ersten Erzählungen („Dus Stramel", „Bonzie schwag" u. a.) grollt die Stimme eines revolutionären Dichters, der unbarmherz g diese Welt von Trug und Unterdrückung zerstört und die Ankunft einer neuen, schöneren und gerechteren verkündet. Die Kräfte aber, die diese neue Gesellschaft aufbauen werden, ruhen gerade in der Masse der unteren Volksschichten, die durch die Versklavung in die tiefsten Niederungen geraten ist. Mit vollem Bewußtsein und mit unerschütterlicher Konsequenz wendet sich daher Perez den einfachen, mühsal-beladenen Älltagsexistenzen der jüdischen Gasse zu. In das Leben der „Melamdim", Wasserträger, Schuster, Schneider vertieft er sich; hier findet er noch reine, unbescholtene Seelen und Kräfte, die, einstweilen noch unterdrückt, sich aber bald aufraffen werden, um den letzten Willen durchzuführen, den uns unsere Besteh und Edelsten, unsere Kämpfer für Freiheit und Gerechtigkeit, die Propheten, unterlassen haben. In der Masse sieht Perez die Erben der heutigen Welt und darum ist er so zärtlich um sie bekümmert, darum läutert er so ihre Seelen und entfacht vor uns jeden Strahl, jeden Funken, der verborgen in ihrem Herzen glimmt. Seine ganze Liebe schenkt er den niedergeschlagenen Sklaven von heute, die aber Schöpfer und Beherrscher eines schöneren Morgens sein werden. In seiner weiteren schöpferischen Tätigkeit, in den kleinen Poemen und publiz stischen und populär-wissenschaftlichen Abhandlungen, zeigt sich noch unzweideutiger wie ausführlich und wie konsequent sich Perez mit sozialen Problemen und Motiven befaßt. Und Perez's Chassidismus? Auch der Chasshiismus war ja eine soziale Regung — wenn er auch nach dem heutigen Begriffe nicht als „Bewegung" aufgefaßt werden kann. Er ist als Reaktion gegen den allmächtigen Gaonismus, gegen die Herrschaft der Gelehrten, die nur allzu gerne alle Rechte für sich in Beschlag nahmen Man muß es ohne Aufhören wiederholen, man muß es jedem, der hören kann, einprägen, daß der Krieg für uns nur eine Notwendigkeit ist, so lange wir angegriffen werden, und daß wir ihn so schnell und so bald wie möglich zu beendigen suchen, daß alle unsere Gedanken auf eine andere Seite gerichtet sind, auf die friedliche Arbeit des Wiederaufbaues. Die Sowjetrepublik ist ihrem innersten Wesennach' eine friedliche Republik der Arbeit. Unser Zeichen ist nicht der Säbel, sondern die Sichel und der Hammer! Wir, greifen nur dann zu dem Säbel, wenn wir uns verteidigen müssen, wenn,wir amgegriffen werden, und wir legen ihn ab, sobald es unsere Feinde erlauben. Die Sichel und der Hammer sind unsere eigentlichen Werkzeuge, die friedliche, produktive Arbeit ist es, der wir uns zu widmen suchen. Macht, dies allen tegreiflijch und Ihr werdet damit beitragen, den Aufbau der neuen sozialen Ordnung zu erleichtern. Mit kommunistischen Grüßen Georg T s c h i t s ch e r i n. Probleme der jüdischen Arbeiterpolätik. VIII. Sprachenfrage, Eigentlich ist die „Sprachenfrage" ein Problem nur für — sagen wir es gerade heraus — Hebräisten und .Assimilanten. Für uns jüdische Proletarier aber existiert einzig und allein""die" Sprache (rikht "die Spracherifrage) des jüdischen Proletariats, das unanfechtbare Kulturwerk der werktätigen jüdischen Volkmassen: die jüdische Sprache. Und genau so wie das jüdische. Proletariat selbst für uns-kein-Problem, sondern lebendige geschichtliche Wirklichkeit ist, genau so ist die Kultur und die Sprache, in deren Gewand sich uns der jüdische Proletarier als aktive geschichtliche Persönlichkeit offenbart, kein Problem, sondern lebendige erfreuliche Wirklichkeit. An die dauernden Ewigkeitswerte der jüdischen protetarischen Kultur müssen wir anknüpfen, auf ihren ursprünglichen, geschichtlichen Grundlagen müssen wir weiter bauen und so zur höchsten Entwicklung gelangen. t Und das jüdische Proletariat kann heute schon stolz sein auf seine eigene Kultur, auf seine eigene Jidische Sprache. Datiert sie denn nicht von der Zeit her, in der größere Teile des jüdischen Volkes das Bethaus,die Lehrstube, das Speisezimmer der Schwiegereltern verlassen und sich dem Handwerk zuwenden mußten; nahm sie nicht ihren Aufstieg in den Jahren, in denen die Mädchen der jüdischen halbproletarischen Volksschichten zu lausenden in „Dienst" gehen mußten; und erreichte sie nicht ihre höchste Entfaltung zur Zeit, als das jüdische Handwerk blühte und das jüdische Proletariat, seiner geschichtlichen Aufgabe bewußt, sich der jüdischen Sprache als Instrument seines Klassenkampfes und mit Geringschätzung auf die breiten Schichten der Ungelehrten blick.en. Der Chassidismus hat nicht nur das Recht aes einfachen -Mannes proklamiert; er hat ihn sogar über die Gelehrten aljer Art gehoben. Ganz . bestimmt war es das soziale Moment im Lhasiidismus, das auf Perez seine Anziehungskraft ausgeübt hat. Die bedeutung, die der Chassidismus der Voiks-maise beigelegt hatte, seine Hervorhebung des Reichtums an Schönheu und Gefühlen die nur allzu oft unter dem schlichten Kleide des Arbeiters und HeHJwerkers verborgen sind, haben Perez zum ChassidLmus geführt. „Die volkstümlichen Geschichten" — die künstlerisch ausgereiltesten Werke Perez's, sind vollkommen aus dem Leben der jüdischen Masse geschöpft. Sie sind ein Loblied aufN den Juden aus der Masse auf den ein.achen Arbeiter und armen Handwerker. In dem stillen, einfältigen Leben des jüdischen Proletariats hat uns Perez einen ungeheuren Schatz tiefer Gefühle und keuscher Schönheit entdeckt. Und wenn Perez in der prächtigen dramatischen Dichtung „Die goldene Keit" den Unterschied zwischen Feier¬ und Wochentagen, zwischen dem. Alltags- und dem „Sabbatjuden" abschahen willl, erinnert": es nicht an die große Erlösung, die wir ersehnen und um welche die internationale Arbeiterklasse und mit ihr das jüdische Proletariat kämpft? Nur in einigen Strichen haben wir h er die soziale Seite in Perez's Schaffen angedeutet und es wäre an der Zeit,. sich damit ausführliche/- und gründlicher zu befassen. Aber bereits diese wenigen Striche bezeugen, daß Perez dem jüdischen Vo.ke ni ht blob einer der markLn.csten Träger der jüdischen Literatur ist, sondern auch e!n tiefer und begeisterter sozialer Dichter. Perez hat mit geistigen M tteln mitgeholfen, einen Weg für den Aufbau der auf Leichen und Trümmern wiedererstehenden Welt zu bahnen. Er war ein Bahnbrecher des jüdischen klassenbewußten Proletariats. Menachem.

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