Freie Tribüne
- Journal
- Freie Tribüne
- Volume
- 2 (1920)
- Issue
- 14 (3.4.1920)
- Date
- 1920-04-03
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Nicht an der Unreife der Situation — die deutsche Gegenrevolution 'hat dafür gesorgt, daß die Entwicklung reif ist — sondern an der Erbärmlichkeit der Revolutionsparteien; nicht an dem Mangel an Klassenbewußtsein und revolutionärem Elan di?r Arbeiterschaft — die Arbeitermassen haben sich die weitesten Ziele gesteckt — sondern an der inneren Unzulänglichkeit der Führung.' Niemals noch offenbarte sich eine derartige Kluft zwischen Arbeiter und Partei, zwischen Führer und Massen, zwischen sozialistischem Kampf- und opportunistischem Handeln, wie jetzt. Niemals war so wenig Distanz .zwischen Wunsch umd Möglichkeit, zwischen Wollen und Können, zwischen Notwendigem und Erreichbarem. Und gerade dieser Umstand läßt die verantwortlichen Akteure um so erbärmlicher erscheinen.:' Diese; Führer! Sie 'haben zuerst die Arbeiterschaft Deutschlands in feindliche Lager gespalten, und später das Scheitern der Nevomberrevolution auf die Spaltung zurückzuführen versucht; sie haben durch ihren Verrat am Sozialismus die Spartakusflamme entfacht, die sie dann durch Feuer und Eisen löschen wollten; sie haben die Arbeiterschaft in Verzweiflung gebracht' und diese Stimmung dann dazu benützt, sich noch einmal als Retter in der Not aufzudrängen. Diese Parteien! Sie sollten Geburtshelfer der neuen Gesellschaft werden. Nun sind sie zu Totengräbern ihrer •eigenen Zukunft geworden. ' Die Märztage im deutschen Reiche sind erst dann richtig zu verstehen, wenn man die proletarischen Parteien Deutschlands, die ihnen innewohnende Kraft und d?n sie beherrschenden Geist kennt. Niemals vorher hatten die Arbeiterparteien Deutschlands größere, auf einmütigem Willen beruhende Kraft, als in den Märztagen. Und selten in der Geschichte haben proletarische Parteien ihre Kraft so gewichtig in die Wagschale geworfen, ohne für das Proletariat irgend einen dauernden gesicherten Erfolg zu erringen, wie jetzt in Deutschend. Man lasse sich doch nicht durch die Tatsache beirren, daß ja der „verfassungsmäßige Zustand" wiederhergestellt sei, denn gerade dieser Zustand war es, d:r die gegenrevolutionäre Erhebung möglich, ja unausbleiblich machte. Man iasse sich nicht durch d;e Vereinbarung d:r Gewerkschaften mit den Mehrheitsparteien der Nationalversammlung täuschen, denn diese versprechen alles — und würden noch viel mehr versprechen — solange der Generalstreik andauerte. In dem Moment aber, als die Arbeit überall wieder aufgenommen ist, werden die Mehrheitsparteien der Nationalversammlung die Verfassung gegen die Vereinbarung mobilisieren. Man lasse sich auch nicht durch den angeblich u cueii Kurs der ,.neuen" Regierung ble den, denn daß sie, die durch den Heldenkarnpf der deutschen Arbeiterschaft wieder in ihre Macht eingesetzt ist, gegen die klassenbewußten Proletarier des Ruhrgebiets keine Gewalt anwendet, ist ja keineswegs auf eine Neuorientierung, sondern nur auf das unzweideutige Verhalte:! der Berliner und Reichsdeutschen Arbeiterschaft zurückzuführen. Wer ehrlich sein will, der muß ja zugeben, daß d:r einzige greifbare „praktisch e" Erfolg der beispiellosen revolutionären Erhebung der Rücktritt Noskc's und die Einsetzung Geßler's sei; das bedeutet: die Rückgabe der wirklichen Macht irn Reiche — der bewaffnetem /dacht — an die Bourgeoisie. : Charakteristisch für die Situation ist: daß, während bis heute kein einziger Punkt von der mit den Gewerkschaften getroffenen Vereinbarung durchgeführt wurde, die von Kapp-Lüttwitz aufgestellten Forderungen fast restios erfüllt wurden. Die Regierung Bauer ist . . . nun sagen wir: „rekonstruiert", die Nationalversammlung wird sehr bald aufgelöst, ohne daß sie den Mut zu einer „Verfassungsänderung" autbringen dürfte, der Reichspräsident wird, wie es Ludendorlt wünscht, vom „Volke" gewählt werden und der Reichswehrminister ist wohl nicht durch einen Fachmann — General — jedoch durch einen „verläßlichen" Bürgerlichen ersetzt worden. Und die Reichswehr seibst... wird zu einem konzentrischen Vormarsch gegen die rote Armee der Bergarbeiter mobilisiert, t So erleben wir es, daß der proletarische „Sieg" die Forderungen der Reaktionäre geradezu restlos durchgesetzt und verwirklicht hat. Ja, soweit sogar, daß man von einer ernsten „durchgreifenden" Bestrafung der Kapp-Lüttwitz-Verschwörer nicht reden kann. ' Und nun frage man sich doch: war dieser „Sieg" des Kampfes wert? Und was das Wichtigste ist: haben die deutschen Arbeiterparteien die ihnen geschichtlich zugewiesene Aufgabe auch wirklich erfüllt; hat der heroische Kampf des deutschen Proletariats nicht ebenso „erfolglos" geendet wie die proletarischen Kämpfe vergangener Zeiten, als die Arbeiterschaft noch nicht in großen mächtigen Parteien zusammengeschlossen war? * Diese Fragen richtig zu beantworten, heißt die richtigen Lehren aus den Ereignissen in Deutschland ziehen. * i In zwei Lager war das deutsche Reich am 13. März gespalten. Auf der einen Seite die feudal - junkerlich^ militärische Reaktion, gestützt auf mehrere hunderttausend bewaffnete Soldaten, geführt von den durch das Parlarnentsverhör gefeierten Hindenburg und Luderidorff, auf der andern die durch die verfassungsmäßige demokratische Regierung entwaffnete und dezimierte Arbeiterschaft. Die Bourgeoisie, das Kleinbürgerturn, der Mittelstand, die in den letzten Jahren die völlige Unfähigkeit, das Reich wieder aufzubauen, bewiesen haben, durch den Prozeß ihres Halbgottes Erzberger bis auf die Knochen kompromittiert, war auf dem Sprunge, sich der Gegenrevolution, der alten Götter Ludendorff und Hindenburg anzuschließen. Die großen Parteien der Nationalversammlung sind von den äußersten 'Rechten biszu den „Genossen" Winnig u id Heine durch und durch gegenrevolutionär. Die Sozialdemokratie ist durch ihre „tatkräftige" Politik nach links zu einer ernsten Kraftanwendung nach rechts unfähig geworden. ' In einer solchen parteipolitischen Atmosphäre mußte die deutsche Arbeiterschaft die ihr aufgezwungene große Schlacht schlagen. Und man muß schon sagen: die Arbeiter haben sich glänzend geschlagen; sie haben nicht nur ihren Feinden Achtung abgerungen, sondern auch die eigenen Freunde das Gruseln gelehrt. ' 'Aber schon zu Beginn des Kampfes hatte es sich gezeigt, daß es an einer selbst- und zielbewußten Führung, wie sie einer solch hervorragenden selbstbewußten Armee geziemt, mangelt. Ein einheitliches, aktionsfähiges Kampfinstrument, wie es der Arbeiterrat zu sein berufen und fähig wäre, gab es in Deutschland nicht. Und die Parteien? < i Die Unabhängigen. Wohl hatten sie sich in Leipzig ein vorzügliches Aktionsprogramm zurechtgelegt. Auch große Massen hatte sie hinter sich. Allein es ze:gte sich sehr bald, daß noch so schöne Programme einzig und allein durch die lebendige Bewegung zur Wirklichkeit werden können. Und in der Bewegung der U. S. P. leben und wirken noch immer zwei Seelen. Der einheitliche Kampf erfordert jedoch einheitliche Führung. Trotz des Leipziger Programms war die U. S. P. in der historischen Stunde ihrer Aufgabe nicht gewachsen; sie war einfach aktionsunfähig. Die Kommunistische Partei. Aber diese Vortruppe des klassenbewußten Proletariats war ja die ganze Zeit hindurch wie Wüd gehetzt, verfolgt, desorganisiert und erbarmungslos unterdrückt". Und so fiel die politische Führung eines des größten politischen Kampfes in der Geschichte den unpolitischen Gewerkschaften zu. Diese seit jeher bloß auf den momentanen Vorteil, stets auf die Tages int er essen und niemals auf die großen geschichtlichen Interessen des Proletariats bedacht, gingen sehr bald auf . . .Verhandlungen ein, auf Verhandlungen mit einer Regierung, die sie selbst eingesetzt hatten. Anstatt zu diktieren, verhandelten sie und ließen sich Zugeständnisse machen. Einige „praktisch e" Zusagen seitens der Regierung, und sie waren bereit-. . . abzublasen. 1 Die praktische Seele der U. S. P. hatte sofort über die „revo.'utions-romantische" gesiegt. Auch sie ließen sie „Zugeständnisse" machen. Es soll sogar die Sozialisierungskornmission wieder zusammentreten und über die Unmöglichkeit einer Verstaatlichung der Kohlen-, Kali- und Elektrizitätswirtschaft noch einmal Beschluß .fassen. Charakteristisch ist es z. B., daß die politische Amnestie für die in früheren revolutionären Kämpfen gefangen genommenen 'Arbeiter nicht einmaf zugesagt werden mußte. Wahrscheinlich sprachen Erwägungen rein praktischer Na+ur dagegen. O, diese Unabhängigen! Allein die kommunistisch gesinnte Arbeiterschaft hatte sofort erkannt, daß die große einheitliche proletarische Bewegung führerlos sei und verstand auch darnach zu handeln. Weit davon entfernt, nach dem Ganzen — nach der Rätediktatur — zu verlangen, ging sie daran, Sicherheiten für die bisherigen wahrhaft spärlichen Errungenschaften der deutschen Revolution zu schaffen. Sie schuf den Arbeit errat, die Arbeiterwehr: Und schon sind die Führer — Mehrheitssozialisten, Unabhängige und Gewerkschaftler — daran, mit der Regierung über die Liquidierung dieser einzig realen Garantien zu verhandeln. So ist auch diesmal die proletarische Revolution gescheitert. An der Unreife der Führer, an der Erbärmlichkeit der Parteien. |Wie recht hatte doch Marx für alle Zeiten, als er im „Achtzehnten Brumaire" schrieb: „Don sozialen Forderungen des Proletariats ward dio revolutionäre Pointe abgebrochen und eine demokratische Wendung gegeben, den demokratischen Ansprüchen des Kleinbürgertums die bloß politische Form abgestreift und ihre sozialistische Pointe, herausgekehrt. So entstand die Sozialdemokratie." Man wäre fast versucht, hinzuzufügen: so verschied die Sozialdemokratie. Und wie zutreffend charakterisieren die MarxJschen Worte die Unabhängigen: „Wenn die Mcntagne*)' im -Parlamente siegen, wollte, dürfte sie nicht zu den Waffen rufen. Wenn sie im Parlamente zu den Waffen rief, dürfte sie sich auf der Straße nicht parlamentarisch verhalten. Wenn die friedliche Demonstration ernst gemeint war, so war es albern, nicht vorherzusehen, daß. sie kriegerisch, empfangen werden würde. Wenn es auf den wirklichen Kampf abgesehen war, so war es originell, die Waffen abzulegen, mit denen er geführt werden müßte.*1') , Wenn das deutsche und das internationale Proletariat diese Lehren aus den Märztagen zieht, dann erst ist die proletarische Revolution auf dem Weg zum endgültigen Sieg.: Probleme der jüdischen Arbeiterbewegung. VII. Die Realisierung des Zionismus. fvVie sollen wir den proletarischen Zionismus verwirklichen? Bei Beantwortung dieser Frage unserer programmatischen Tätigkeit entsteht eben die dritte Richtung innerhalb unseres Verbandes. Während die zionistisch-sozialistische Richtung sich selbst treu und konsequent bleibt, indem sie bei der konkreten Realisierung des Zionismus nichts, aber schon gar nichts vom Klassenkampfe hören will, während die Klassenkampfrichtung mit Borochow meint: „der proletarische Zionismus ist nur dann möglich, wenn der Zionismus durch Klassenkampf realisiert werden kann, und der Zionismus ist nur dann möglich, wenn der proletarische Zionismus möglich ist", versucht die dritte Richtung ein Kompromiß zwischen den beiden anderen herzusteilen, sie sozusagen zu versöhnen. Und dieses aussichtslose Bestreben, Unvereinbar lieh es zu vereinen, haftet der ganzen Denkweise dieser unserer Genossen an. 1 Es sind dies unsere ,.Realpolitiker", die sich im der Theorie gegen die zionistisch-sozialistische Auffassung wenden, von denen gar manche sogar auf dem linken Flügel der sozialistischen Weltanschauung stehen, die aber in der Frage der ,.Realisierung des Zionismus" keinen andern Weg finden, als unsere Zionisten- Soziaiisten, den Weg nach — Basel. Zwei Momente sind es, die sie für die Richtigkeil ihrer Aulfassung ins Treffen führen: die allgemeine.! wirtschaftlichen und politischen Machtverhältnisse in der Welt und die wirtschaftlichen Notwendigkeiten und Möglichkeiten des jüdischen Volkes: 1. Die Welt werde heutzutage noch kapitalistisch regiert und verwaltet. Die Machtverhältnisse seien derart gestaltet, daß es gerade von dem kapitalistischen *) Lies: Unabhängige. **) ,,Der achzehute Brümaire".