Freie Tribüne
- Journal
- Freie Tribüne
- Volume
- 2 (1920)
- Issue
- 11 (13.3.1920)
- Date
- 1920-03-13
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Der Ideenkampf, der in unserer Bewegung mit derselben Wucht und Kraft vor sich geht, wie in den sozialistischen Parteien aller anderen Nationen, wird bei unserer Weltkonferenz ausgefochten werden müssen. Denn sie ist und bleibt die höchste Parteiinstanz. Wir, die auf dem Boden der dritten Internatjonale stehen, müssen uns daher zur nächsten Weltkonferenz rüsten, damit wir bei derselben unserem wirklichen Kräfteverhältnis entsprechend vertreten sind. Die Delegation unserer deutschösterreichisch'en Partei muß bei der nächsten Weltkonferenz d e wirkliche Vertretung unserer Partei werden, um in ihrem Namen bei den schwerwiegenden Beschlüssen, die uns bevorstehen, entschieden unseren Standpunkt klar zu präzisieren, zu verfechten und ihm zum Siege jn unserer allweltlichen Bewegung zu verhelfen. Je größer unsere Wählermasse, desto stärker die Zahl unserer Vertreter, desto gewaltiger unsere Stimme. Wer, aber Rechte haben will, muß vor allem seine Pflicht erfüllen. Wir müssen unserem Weltverbände und seinem exekutiven Organe, dem Verbandsbüro, die finanzielle Möglichkeit geben, in jeder Hinsicht aktionsfähig zü sein. Unsere Verbandssteuer bildet die enzige materielle Grundlage unseres Verbandsbüros und ist zugleich die Voraussetzung des Wahlrechtes zur Weltkonferenz. Diese beiden Momente müssen für jeden treuen Genossen entscheidend sein, wenn er seine primitive Pflicht unserem Weltverbande und unserer Weltbewegung gegenüber erfüllen will. Die Parteileitung (hat daher beschlossen, den Monat März der energischesten Aktion für die Verbaindssteuer zu widmen. Die Hötie des Verbands st euer bei träges wurde von der Parteileitung für Deut seihest er reiclh mit zwei Kronen festgesetzt. Wir sind aber fest überzeugt, daß alle Genossen freiwillig ihren Jahresbeitrag erhöhen werden. Bis zum 1. April muß die Verbandssteuersammlung abgeschlossen sein. Wir sind sicher, daß kein Genosse und keine Genossin ihre Pflicht versäumen werden. Jeder von uns, dem'das Wo|hI und Wehe unserer Bewegung am Herzen liegt, jeder von uns, der durch*seine Delegierten seine Prinzipien bei unserer nächsten Welt* konferenz kräftig vertreten wissen will, muß vor allem' seine erste Parteipflicht erfüllen: sofort die Verbandssteuer entrichten! Sie. soll ein Maßstab unserer Kraft und unseres Einflusses unter den klassenbewußten jüdischen Proletariern in Wien werden. Genossen und Genossinnen! Erfüllet eure Pflicht! zahlt die Verbandssteuer! Die Parteileitung. [olöTölö BBB1B OTOlOlQ Bilanz und Unterbilanz. Die widernatürliche Klassenehe offenbart nun vor aller Welt ihrem eigentlichen zersetzenden und unsittlichen Gehalt. , Die Koalition, errichtet auf den Trümmern Altösterreichs, sollte das kommunistische Gespenst aus den Grenzen der Babenbergerrepublik bannen, den Friedisn schließen und die Volkswirtschaft aufrichten. Sobald diese dreä Ziele errejeht werden, sollte — so hieß es — der Klassenkampf wieder beginnen. Richtiger: der Kommunismus sollte gebannt, der Frieden geschlossen werden, damit die Volkswirtschaft wieder aufgebaut werde«, der Kampf der Klassen wieder entbrennen könnte. Nim, da die ersten zwei Ziele so „glänzend" erreicht, sollte man glauben, daß die Klassenehe ihre „goldene" Hochzeit feiern kann. Wir erinnern uns ja des Märchens von den Lebensmitteln, Kohlen, Rohstoffen, die ins Land fließen, sobald die Klassen auf gegenseitige Bekämpfung verzichtet haben. Und siehe da, Lebensmittel und Kohle sind noch märchenhafter und unerschwinglicher geworden als vorher, während wir anstatt der Kreditbriefe mit Zeitungsaufrufen abgefertigt werden. Statt der erwarteten Wiederaufrichtung der Volkswirtschaft — deren Zusammenbruch, statt der erhofften guten Bilanz eine erschreckende Unterbilanz. Exbürgermeister Weißkirchner, der. seit langem — wer erinnert sich nicht der Krautgeschäfte der glorreichen christlichsozialen Gemeindeverwaltung — Fachmann in Unterbilamzen ist, hat nun das wahre Wesen der Koalition kl pp und klar formuliert. Bilanz oder Unterbüanz? Wer von beiden Kompagnons wird der Betrüger, wer der Betrogene sein? Unser Exbürgermeister hofft, daß die Sozialdemokratie die Kosten der Unterbilanz bezahlen werde. Und mit Recht. Denn wenn die Sozialdemokratie nicht sehr bald den Weg des Klassenkampfes betritt, wird der Kraut-Weißkirchner in Deutschösterreich die Rolle der reichsdeutschen Krautjunker spielen. Es war eine Zeit, in der dje Sozialdemokratie auf die rückhaltslose Unterstützung der Christlichsozialen rechnen durfte; das war in den „Honigmonaten" der Koalition, als dieselbe noch ihre erste Aufgabe, die Unterdrückung der kommunistischen Bewegung, zu erfüllen hatte. Aber schon be,i der zweiten Aufgabe, beim Friedensschluß, ffrlaro die Christlichsozialen den Sozialdemokraten jn den Rücken und verhinderten den Anschluß an Deutsehlland. Und nun, da es gilt, die Volkswirtschaft aufzurichten, da entbrannte der offene, unverhüllte Kampf. Dje Initiative ist aber inzwischen zu derl Krautjunkern übergegangen. Zunächst wurden die Staatsbeamten — sogenannte geistige Arbeiter — gegen die manuellen Arbeiter gehetzt. Gleic'hzeit'g wird die Volkswirtschaft durch die schamlosesten Börsenspekulationen und Preistreibereien derart ruiniert, die Lebenshaltung derart erschwert, daß die Staatsbeamten, gleich allen anderen Arbeitern, ihren Arbeitgeber — den Staat — um Lohnerhöhung angehen müssen. Der Staat muß natürlich die elementarsten Bedürfnisse seiner Angestellten befriedigein. Dies kann er selbstverständlich nur durch eine Mehrbelastung der Volkswirtschaft. Nun wird Zeter und Mordio gegen die neuen Steuern geschrieen. So leben die Koalitionsbrüdter untereinander. Weißkirchner sagt es ja aufrichtig, er hoffe, die Sozialdemokraten' werden aus der Koalition mit einer Unterbilanz ausscheiden. Und dies könnte sehr bald wahr werden, wenn: die Sozialdemokraten nicht noch in letzter Stunde erkennen, daß die neueste Aufgabe, die sie der Koalition zugedacht haben1, eine Belastungsprobe ist, die die Koalition nicht heil bestehen kann. Republikanische Verfassung und Schutz der republikanischen Staatsform soll jetzt die eigentliche Aufgabe der Klassengemeinschaft werden. Und gerade darin liegt die größte Gefahr für die wahrlich winzigen Errungenschaften: der deutschösterreichischen Arbeiterschaft, ja die allergrößte Gefahr für den Bestand der Republik selbst. Denn wollen die Sozialdemokraten die Klassengemeinschaft so lange aufrechterhalten, bis die Verfassung, das Wehrgesetz und die Vermögensabgabe unter Dach sind, dann kann es ihnen sehr leicht passieren, daß sie bei der Durchführung der Vermögensabgabe, Aufstellung des Heeres und Verwirklichung der Verfassung nur noch machtlose Opposition spielen können. Diese drei Fragen sind ja 'heute die entscheidendstein. Die Öhristlichsozialen wollen eine Verfassung, nach der die schwarz-gelben Länder das rote Wien majorisieren körtfien, eine Vermögensabgabe, die das Vermögen der Reichen fast unberührt läßt, die Arbeitskraft der Arbeitenden vollständig ausbeutet, eine Wehrmacht, die die Wiederkehr der Monarchie ermöglicht. i Bringt nun die Arbeiterschaft Deutschösterreichs nicht die genügende auf dieser Erkenntnis berulhende Kraft auf, eine republikanische Verfassung, in welcher der Klassenwille der Arbeiterschaft zur Geltung kommt, eine Vermögensabgabe, die der Volkswirtschaft mindestens einen großen Teil dessen zurückgibt, was die großen und kleinen Parasiten ihr geraubt haben, und ein Volksheer aus Proletariersöhnen zu erzwingen, dann ist es um die so oft besungenen, in der Tat sehr spärlichen Errungenscha.ten der Novemberrevolution getan. Heute heißt es nicht mehr: Koalition oder nicht, sondern: Bilanz oder Unterbilanz. Soll die Arbeiterschaft aus der Koalition geschwächt, betrogen und enttäuscht ausscheiden und in fatale Stimmung verfallen oder soll sie, auf sich selbst besonnen, aus der Koal tion den Weg zum Aufstieg, zur Macht, zum Sozialismus finden. Probleme der jüdischen Arbeiterbewegung. 4. Jüdische Arbeiter-Weltorganisation. Treten wir nun für die Schaffung einer inter-, bezw. überparteiischen Weltorganisation der jüdischen Arbeiterschaft ein, so wollen wir damit keineswegs an Stelle der politischen Parteien eine unpolitische Vertr.tung der jüdischen Arbeiterschaft setzen, in der alle Richtungs- und Prinzipienlosigkeiten Platz hätten. Nicht etwa eine Organisation in der Gestalt der englischen „Labour Party", die heute im Schlepptav der bürgerlichen, morgen der humanitären und übermorgen der sozialistischen Politik wandelt, die mit der gleichen Begeisterung heute imperialistisch - kriegerische und morgen pazifistisch-sozialistische Politik zu machen fähig ist. Neinl , Eine derartige jüdische Organisation würde die Lösung jüdischer Arbeiterprobleme eher erschweren als erleichtern. Würden wir uns mit allen" zionistischen Abarten einerseits und ata bürgerlich-assimilatorischen'Anhängern anderseits, die derzeit in der jüdischen Arbeiterschaft noch anzutreffen sind, zusammensetzen, dann würden wir den historischen Interessen des jüdischen Proletariats einen Bärendienst erweisen. Das Klassenbewußtsein, die einzige wirksame Waffe der jüdischen Arbeiterschaft, würde abgestumpft und die heute noch apolitischen, nur auf ihre Tagesinteressen. be„ dachten Massen würden die Führung gewinnen. Daß wir Kommunisten derart'ges von vornherein ablehnen müssen, ist ja selbstverständlich. Die unsererseits angestrebte jüdische Arbeiterweltorganisation darf bloß eine Koordierung aller im jüdischen Proletariat wirksa'm gewordenen klassenbe^ wußten Kräfte ermfögliehen. Deswegen erstreben wir die Schaffung von jüdischen Orts-, Provfrizial- und Landesarbeiterräten, von der gesamten jüdischen arbeitenden Bevölkerung unter der ausdrücklichen Voraussetzung gewählt, daß nur derjenige sich um das Mandat eines jüdischen Arbeiterrates bewerben kann, der sich zum sozialistischen Klassenkampf im Sinne Marxens bekennt. Die aus bewußten Klassenkämpfer bestehenden jüdischen Arbeiterräte müßten sich sodann mit den jüdischen proletarischen Fach-, Gewerkschafts-und Bildungsorganisationen sowje den Produktiv- und Konsumgenossenschaften, die ausgesprochen s o z i a>- listischen Charakter tragen, verbünden, sich durch Vertreter dieser Organisationen ergänzen und so die einheitliche proletarische Klassenkampffront der jüdischen Arbeiterschaft verbürgen. > Hier wendet man ein: ihr Kommunisten wollt unbedingt die russischen Bolschewiken in allem und jedem-' nachahmen und so Wollt ihr auch jüdische Arbeiterräte nach dem russischen Beispiel schaffen. Nun gut, in Rußland, der Ukraina, dort, wo die proletarische Diktatur regiert, dort kann man eventuell an die Schaffung jüdischer Arbeiterräte denken. Aber in allen anderen Ländern', in Polen, Amerika und England, was soll hier geschehen? Wie, wenn die Regierungen das nicht gestatten? Darauf antworten wir: Wir sind allerdings der Meinung, daß unser Weltverband die Idee der jüdischen Arbeiterräte selbst auf die Gefahr hin, sich hje und da die Sympathie einer bürgerlichen Regierung zu verscherzen, propagieren und vertreten muß. Wir meinen aber auch, daß in denjenigen Ländern, wo die Legalisierung eines jüdischen Arbeiterrates noch nicht möglich erscheint, die Schaffung eines solchen unter einem andersklingenden legalen Decknamen gebogen und durchführbar ist. Wir dürfen uns eben niemals w die Worte klamfmern, sondern immer nur den Inhalt und das zu erreichende Ziel im Auge behalten. Wichtig erscheint uns.