Freie Tribüne
- Journal
- Freie Tribüne
- Volume
- 2 (1920)
- Issue
- 8 (21.2.1920)
- Date
- 1920-02-21
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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Rein praktische Erwägungen der wirklichen Interessen und realen Notwendigkeiten unserer Volkswirtschaft, sowte derjenigen Rußlands diktieren hzute geradezu die sofortige Aufnahme der wirtschaftlichen Beziehungen zwischen Deutschland, Deutschösterreich, den Sukzas- .sionsstaaten einerseits und Rußland andererseits. Nicht bloß im Interesse Rußlands, das unter dem Mangel an technischen, qualifizierten Produktionskräftein und Produktionsmitteln leidet; nicht allein im engen Interesse des verhungerten und halbvcrkommenen kleinen Deutschösterreichs' liegt ein derartiger Austausch von Rohmaterialien und Produktionsgiitern. Ganz Mittel- und Ost-Europa, alle Einwohner zwischen dem Rhein und dem Baikal-See, zwischen dem Baltischen- und dem Schwarzen Meer haben heute das?ebendige Interesse daran, durch gegenseitigen Austausch von Nahrungsmitteln, Rohstoffen und mdustricerzeugnissen die eigene Existenz sicher zu stellen und sich von der launigen und willkürlichen Vormundschaft des Westens unabhängig zu machen. Diese Erkenntnis ist ja heute bereits Geineingut aller ernst und aufrichtig Denkenden. .Ein jähr Weltherrschaft der siegreichen Entente hat vollständig Igenügt um nicht nur den Besiegten, sondern auch den sogenannten „befreiten" Völkern zu dieser Erkenntnis zu verhelfen. Hat die Revolutions-Regierung dir deutschen ,,sozialistischen" Republik sich'hartnackig geweigert, mit Rußland in andere als in Kaegsbjziehungen zu treten, so sind es die Industrie- und Wirtschaftsverbände Deutschlands, die heute dieser junk'irsoziaiistischen Regierung den verdienten Faustsc'hiäg -■versetzen, indem sie selbständig aa die sofortige Aufnahme der wirtschaftlichen Beziehungen mit Rußland schreiten. Waren die „befreiten" Völker Polens, der baltischen Länder, Tsc'hecho-Slowakiens und Rumäniens v.in Jahr hing bereit, Kanonfutter für die imperialistischen Gelüste der Entente zu liefern, so £ind es' heute die' Arbeiterschaft dieser Länder einerseits und die Handdte- und Industrie-Welt andererseits, die die Schädlichkeit dieser Politik erkennen und den sofortigen Friedensschluß verlangen. Ganz Mitteleuropa — das Besiegte und Befreite - hat im letzten Jahre durch anschauliche Erfahrung erkannt, daß die Orientierung nach Westen nichts anderes bedeutet, als die schmachvollste wirtschaftliche und materielle Abhängigkeit von den Siegerstaalea und daß diese für jede Tonne Lebensmittel, für jede Million Banknoten Sklavengehorsam und Söldnerdienste verlangen. Wohl räumt die Entente jedem Volke das Kernt ein' nach Belieben Monarchie oder Republik zu spielen, gleichwohl müssen der polnische Regent, der tsche:hische Präsident und der rumänische König gehorsame, Diener des Herren Lloyd Geog bleiben; wenn sie die Herrschaft über ihre eigene Völker behalten wollen. [ So erkannten endlich all diese Völker in ihren , .Befreiern" ihre Beherrscher. So dämmert die Erkenntnis, daß die Bewohner Mitteleuropas nur dann politisch frei sein können, wenn sie si.n wirtschaftlich von der Entente unabhängig machen. So ertönte aus allen Ländern der Ruf, nach dem Osten. Denn unabhängig vom weltbehenschcndcn Imperialismus kann .Mitteleuropa nur dann existieren, wenn es sich an Osteuropa anlehnt und sich im zweck- und planmäßigen Airstausch der Güter in brüderlicher, gegenseitige!* kultureller Gemeinschaft ergänzen,. Einzig und allein in Deutschösterreich scheint man kein Verständnis für diese Notwendigkeit aufzubringen. Daß unsere Bourgeoisie und Agrarier von einer freien, mt Gegenseitigkeit beruhenden Annäherung an Rußfand nichts hören wollen, ist ja natürlich. Ihnen graut es vor der roten Gefahr. Lieber woUlen diese Deütschösterreichs Volk und Wirtschaft ewig an der Sklavenkette des westlichen Imperialismus sehen, als daß die Wirtschaft,, und mit ihr-das arbeitende Volk Deutschösterreichs auf gemeinnütziger, sozialistischer Grundlage frei und stolz an der Seite Rußlands aufgerichtet wird. Unverständlich bleibt es nur, daß unsere braven, guten Sozialdemokraten, die doch db Wegweiser des Sozialismus und die Wiederaufrichter unserer Wirtschaft sein jA'o'Jbn, das dringendste Gebot der Stunde nicht erkennen oder gar verkennten. Noch vor Wochen konnten -unsere Sozialdemokraten mit überlegenem Lächelln ja'den Antrag auf wirtschaftliche Annäherung an Rußland mit dem wohlbekannten Hinweis darauf, daß ja die Entente dies njicht erlaube, ablehnen. Heute, da doch die Weltbeherrscher durch dan Mjuiid Lloyd Georges die Notwendigkeit eines regelrechten Güteraustausches mit Rußland so beredt begründeten; jetzt, während die Arbeiterschaft Polens durch Generalstreik und Massendemonstrationen, das Proletariat Tschechiens durch energischen Willensausdruck, und die Arbeiterschaft Skandinaviens durch große Propaganda-Aktionen für diese Notwendigkeit eintreten, fordern wir laut und vernehmlich:; Nehmet doch endlich die wirtschaftlichen Beziehungen mit So wj e t - R u J51 a n d auf. Die tschechischen Sozialdemokraten, Die tschechischen Sozialdemokraten veranstalteten am 14. ct. M. eine große Versammhing der politischen und der. FachverbUu.de, in; \voloh7or ein Beschluß angenommen wurde, der Bich für den sofortigen Frieden mi Rußland ausspricht. In dem Beschluß heißt es: 1. ohne Rücksicht auf die" /•Wünsche oder die Zustimmung der Ententemächte seien zwischen der tschechoslowakischen Kodierung und So'wjot- Rußland unverweilt Friedensverhandlungen einzuleiten. Die Sowjetregiortuig sei als die rechtliche Regierung Rußlands anzuerkennen. .2. Zu den Friedensverhandlungen seien von der tschechischen Regierung Vertreter der organisierten Arbeitet schart heranzuziehen. Sowjet-Rußland sollen alle überzähligen Kräite der fachlich geschulten und sozialistisch bewußten organisierten tschechischen Arbeiterschaft zur Verfügung, gestellt werden. Die Auswahl dieser Kräfte sei den Arbeiterorganisationen vm. überlassen. 4. Die Arbeiterschaft iordert ihre Vertreter in der ltegierung der tschechoslowakischen Republik auf, daß sie mit entsprechendem Nachdruck den Willen der tschechoslowakischen Arbeiter vertrete. 5. Die Arbeiterschaft fordert die Parteileitung auf, sofort die Beziehungen mit der Partei der russischen Kommunisten und den Vertretern der dritten Internationale anzuknüpfen und zu diesem Zwecke eine Kommission aus den Keinen der fachlichen und genossenschaftlichen Organisationen, sowie aus Vertretern der Prager,Fabriken uud der übrigen Mittelpunkte der Großindustrie nach Sowjot-Ruß- 'laml zu entsenden, die eine umnittelbare Umschau über den Stand der Dinge in Sowjet-Rußland und über diu Möglichkeit internationaler Beziehungen der Arbeiterschaft auf Grundlage der dritten Internationale halten sollen. Bio tschechoslowakische Arbeiterschaft bringt die tiefsten und herzlichsten Gefühle dem. hehren russischen Proletariat entgegen und wünscht ihm vollen Erfolg zu seiner historischen Arbeit und zum Erfolge des Sozialismus. Es lebe das mächtige und starke Sowjet-Rußland, es lebe dessen großer Führer Lenin! Das polnische Proletariat. Unter der Losung: „Friede mit S o w j e t - R u ßland!" hat der revolutionäre Teil des polnischen und des jüdischen Proletariats für Montag, den Ü. -!. M. einen Generalstreik: iii Warschau proklamiert. Nur ein Teil des Proletariates ließ die Arbeit stehen. Die reaktionäre Uegtevuug, gestützt durch den Verrat der Sozialpatrioten (P. P. S.) und die politische Kurz.-uchtigkeit der opportunistischen sog. ,,linken" Parteien, war in der Lage, die Bewegung niederzuknüppeln. Die Gefängnisse sind wieder einmal überfüllt, die Verfolgungsarbeit funktioniert rasch und entschloß;en. Aber die Bewegung griff auch uuter den 'Reihen der Rechtssozialisfcen um sich. Unter ihrem Drucke mußten die Sozialpatrioten zu irgend einer Tat sich entschließen. Am 11. Februar sprach unter der Führung Daszynskla beim Staatsoberhaupt P i 1 s u d s k i eine Abordnung der polnischen Sozialisten (P. P. S.) vor und überreichte die Forderung des sofortigen Friedensschlusses mit Sowjetrußlaud. Für den Fall der Verschleppung des Friedens wurde der Generalstreik angedroht. Pilsudski antwortete, daß die Antwort Polens an Sowjetrußland anfangs März überreicht werde. Entsprechend der Forderung der Arbeiterschaft werden die Friedensverhandlungen öffentlich und die polnische Arbeiterschaft zu den Verhandlungen zugezogen werden, wenn sie sich auf staatlichen polnischen Standpunkt klelle. In der Unterredung sagte der Führer der Eisenbahnurbeiter Micbuiewicz, daß der Kriegszustand die Hauptursache der tramigen Lage Polens sei. irbeiter Stanczyk schilderte die wegen der schlechten Verpfle- Oer Führer der Berg Stimmung der Bergarbeifer gung als verzweifelt. Die Aridauer des Kriegszustandes " deuti! für den polnischen Staat den Ruin. Wenn die Verhandlungen mit Rußlaud infolge der Haltung der polnischen Regierung erfolglos bleiben würden, dann würden die Arbeiter in den Generalstreik treten. Der Führer der polnischen Sozialdemokraten""- Doktor Peil sagte, Polen habe kein Recht zu verlangen, daß der Friedensvertrag in Rußland von einem demokratischen Parlament ratifiziert werde. Das sei eine Einmischung in die inneren Vorhältnisse Rußlands und Rußland könnte mit demselben Rocht das gleiche von Polen verlangen. Massenversammlung polnischer Arbeiter. Der polnische Arbeiterrnt für Wien und Umgebung veranstaltet, Sonntag, den 22. d., um JÜ Uhr vormittags, im Arbeiterheim Favoriten eine Massenversammlungder polnischen Arbeiter mit folgender Tagesordnung: 1. ProV^t der hiesigen polnischen Arbeiterschaft gegen die Roakiioi in Polen und die brutalen Verfolgungen der ProlotarierkiUiipfer durch die polnische Regierung. 2. Kundgebung für einen sofortigen Friedensschluß Polens mit Sowjetrußtand. :i. Organisierung' einer materiellen und moralischen Hilfe für dio Qp^m; der polnischen Reaktion. Die polnische Arbeiterschaft Wiens erachtet es für ihre Pflicht, zu diesen Fragen Stellung zu nehmen. Die polnische Reaktion, die vom internationalen Imperialismus als. Wall gegen das polnische SoVielfrußlaud ausgenützt wird, führt den Kampf der Konterrevolution gegen die Revolution uud bedroht deshalb'die Inier> essen des gesamten Der polnische Arbeiterrat, der die polnische Arbeiterscjuaft zu einer ProtestverSammlung gegen' die Greuer der polnischen fte»ktiön; -öM^'tP'Ättbr; Kundgebung für den sofortigen Friedensschluß aufruft, erfüllt, somit auch seine Pflicht dem internationalen Proletariat gegenüber. Skandinavische Arbeiterschaft. Das Zentralkomitee der sozialistischen und revolutionären Arbeiterorgamsationen Skandinaviens erläßt einen. Aufruf zur Abhaltung einer Agitationswoche vom 15. bis 22. Februar. In Massenversammlungen und Demonstrationen sollen der allgemeine Friede, die v o 11 s t ä nd ige Aufhebung der Blockade über Eu£- 1 a n cl und dio Wiederaufnahme der d i p 1 o m a t i t « c I i' o u und kommerziellen Verbindungen m i t Sowjetrußland verlangt werden. Verbunden sein soll die Aktion mit einer Sammlung von Geld- und Naturalabgaben für die Sowjetrepublik. Deutschland. Die deutsche' Industrio erkannte, daß der Entonlekapitalismus durch die Aufnahme der wirtschaftlichen Beziehungen mit Sewjetrußland ihr den Rang ablaufe. Konkurrenzneid zwang sie zum "Entschluß, während die Noskuregiertiug mit ihrem Junkertroß unter der üffiziersgardendiktatur noch mit dem Gedanken spielte, der Söldling der Entente zu sein im Kampfe gegen die .sozialistische Republik. Das revolutionäre Proletariat, daß die Aufnahme der Beziehungen iordert, -wird gemeuchelt und die verbrecherische Politik der Reohtssozialisten läßt sich erst zu Verhandlungen durch das Rrohtinteresse seiner Großindustrie zwingen. Die Aufnahme der "wirtschaftlichen Beziehungen mit Sowjetrußland werd<;u jedoch auch Deutschland vor die Fragen der Weltrevolution unmittelbar stellen. Und Deutschösterreich? Der deutschösterr. Metallarbeiterverband wurde zum ath'ußläudischen Kongreß der Metallarbeiter eingeladen. Er hatte eine Delegation von namhaften Führern des Vorbanden beschlossen. Ein W i u k von oben genügte, um die Delegation vor der Abreise zurückzuhalten. Diese Mitteilung, die wir von verläßlicher Seite erhalten haben, eröffnet tiefe Perspektiven. Was geht da eigentlich vor? Wer hat ein Interesse daran, daß die ein© Möglichkeit einer internationalen solidarischen Fühlungsnahme mit dem Prolctariate der sozialistischen Sowjetrepublik hintertrieben wird?, Wer hat den Wink von oben gegeben?. Diese Fragen beantworten kann wohl nur der, dor auch die Antwort weiß, warum die wirtschaftlichen Beziehungen zwischen unserem, im Westen bettelnden Staate und den reichen Rohstoffquellen im Sowjetrußland nicht aufgenommen werden. Die Antwort weiß nur der, der auch die* Frage beantworten kann, Avaruin unsere Kriegsgefangenen in Sibirien schmachten müssen und gleichzeitig die Kriegsgegefangenenmission Sowjetrußlands, die einzig in der Lage gewesen wäre, unsore Proletarieibrüder heirazüoeiordon^ weggeschickt wurde. An die Leser der „Freien Tribüne"! Wir ersuchen, uns die Nummer 20 des ersten Jahrganges, die vergriffen ist und für Komplette dringend benötigt wird, einzusenden. Auf Wunsch wird der Betrag rückgezahlt. Die Administration.