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Freie Tribüne · 1920-01-17 · 3 (17.1.1920) · page 5

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Freie Tribüne
Volume
2 (1920)
Issue
3 (17.1.1920)
Date
1920-01-17
Page
– (sequence 5)
Language
German
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K. P. (Ponle Zion) ,,'Mitjeilungcu" ,Nr. I aii^oscliri.'ltcii worden ist, sendet uns Gen, Dr. E f r o u s i ein längeres Schreiben. In diesem Artikel, der, wie deutlich ersichtlich, /.war nicht der Redaktion, aber einer sehr 14-11 tinformier^en Quelle cntstainint, soll Genosse R e vv u t z k i zu Unrecht unter die ^schwankenden Gestalten" rrerechuet worden sein. Er sei nicht eigenmächtig, sondern über einstimmigen Beschluß des nkr. H.aup+komitees — auch unter 'Zustimmungder jetzigen Kommunisten - in die PetU jura-Regicrung eingetreten und habe nach kurzer Ministerherrlichkeit, einige Tage nach der Aufforderung des Haup,- komitees, demjss^onierj. Auch liätteu die furchtbaren Pell uira-PooTOine erst nacli seinem Eintritt in die Regierung staiftgcfimden. In diesen Ausstellungen /.eig.t sich das völlige Unverstünd Iiis unserer rechten »Genossen für unser Denken. Es ist klar, daß der beanständete Artikel den Genossen Rewutzki durchaus nicht als Einzelperson behandelte, der man. persönliche Verfehlungen vorwirft, sondern als deu Repräsentanten einer politischen Methode, die noch immer viclzuviele Vertreter in den poalezion;stischen Reihen aufweist. Was lag denn eigentlich seinem Ministerialisinus zugrunde? Sicherlich weder ein pekuniäres noch ein persönliches Maehtjutcresse! Auch der begreifliche- und bei jedem Parteiführer berechtigte Wunsch, seiner Partei Macht, Einfluß und die Gelegenheit zu verschaff.-!!, ihr Programm im U'r heil zu verwirklichen, mag wohl nur im Hintergrund des Bewußtseins geschlummert haben. Was wir ihm und dem ukrainischen Hauptkoiiiitee vorwerfen, das in djeses Experiment einwilligte, ist gerade das, worauf sie sich vermutlich sehr viel zu gute tun. Es ist das ihre ständige Ulli ioii. ihr guter „Missionär"- Wille, immer deu Mittler spielen zu wollen. Welcher Widersinn lag doch in der Annahme, zwischen dem kommunistischen Sowjetrußlaud und Petljura Frieden herstellen 7.n können. Allen Ernstes meintcc mau, daß die Petljurascln Verfälschung des Sowjetgedankens, die Zulassung und die Bildung von Sowjets der reichen Bauern, die Majorisie« rung der Arbeiterschaft und armen Landbevölkerung durch diese großbäuerlichen Klassenorganisationen sei schon genügend ,,bolschewikisch". Es hüllte sich eben in kommunistischen Schleier das alte demokratische Vorurteil, die wenn auch reaktionäre kleinbürgerliche Mehrheit der Bevölkerung müsse herrschen. Daher stammte übrigens auch das Geschrei über die Herrschsucht der Kommunisten, die auf dem einzig richtigen Standpunkt standen, daß antiprok^arische, konterrevolutionäre Sowjet ein Widerspruch in sich selbst und gegen allen Selbsterhaltimgsinstiuki der Revolution sind, zugleich abei infolge Usurpierung des Sowjeinameiis und -be- Uriffes äußerst gefährliche Wirkung auf die Volksseele üben könnten und deshalb vernichtet werden müssen. Unsere nkr. Parteileitung aber begnügte sieh mit dein Worte, wie es echten Opportunisten geziemt, ohne zu sehen, daß gerade das Wesentliche des Sowjetgedaukeiis, die /einförmig der Herrschaft der Bourgeoisie und die Aufrichtung der proletarischen Herrschaft, in dic-en Petljuraschös |)fuugeii den schürfsten Widerspruch fand. Allerdings kommt »och hinzu, daß auch eine zweite große Illusion, der Glaubt an eine n a t i o n a 1 e Autono in i e mit Aufrechterhaltung der Gleichberechtigung für das jüdische Bürgertum noch in ihren Vorstellungen spukte. Es hilft eben nichts, man kann aiu seiner sozialdemokratischen Haut nicht sofort heraus. In ein anderes Kapitel gehört wieder die l'rage, wie man sich in ein so offenkundig machtloses Kabinett setzen oder auch nur mehr als einen Tag daiin bleiben konnte, das deutlicfi unter der despotischen Fuchtel brutaler Soldateska fctand, Und da erhält die l'rage, ob di«- cntse-ulii-hen Masseuschlächtereien, die diese Banden verübten, nicht vorausgesehen wenden konnten. Unter den herrschenden Zustünden absoluter Machtlosigkeit der zivilen Verwaltung und absolute/ Macht eines jeden beliebigen selbstawmzierier Generäle war der furchtbare Ausgang, der Verfall in das gesehen werden konnten eine diese ganze Politik aburteilende Bedeutung. Unter deu herrschenden ZWtäuden absoluter Machtlosigkeit der zivilen Verwaltung und absoluter Macht eines jeden beliebigen selbstavancierten Generals war der furchtbare Ausgang, der Verfall! in das wilde Bandenwesen, in das mutige Gemetzel, daß im Dreißigjährigen Kriege Mitteleuropa verherrt hatte, unbedingt vorauszusehen. KcU nerlei Ausflucht kann da helfen. Kiirzsn-liiigkeit kann nicht als genügender Rechfferlir gungs= oder Enfsdiuldigungggrund für verfehlte, prinzipienbeugende Politik angesehen werden. P01 a sstreirk r i cg oder Pogrom, so lautete die Even* tualität, vor der die Parteileitung stand. Wohl ist sich die Parteileitung des Fehlers bewußt ge* wüßt geworden, aber erst nachdem nichts mehr gut*zu machen war. Das Ans'enen aer p'.ui vei tu uvi Kuu.u.^i. fentliehen Meinung war vertan, die Genossen erbittert, vers wirrt, die Organisationen nahe der Sprenguung oder Auflösung. Unsere ukrainische Partei, die nach der Eroberung der Ukraiua durch die Rote Armee die Führimg der jus (tischen proletarischen Politik Ji.'itte übernehmen können, waren in den Hintergrund gedrängt und mußten einer Mißbildung, „Jüdischer Komimin. Verband", der die kommunistische Massenstimmung ausbeuten wollte, Platz lassen. Von den spateren Kommunisten, die angeblich mitschuldig geworden sind, \v°r mir einer bei der Entscheidung über die Petljura-Ministerschaft anwesend und dieser enthielt sieh der Abstimmung. Dieser tatsächliche Irrtum des Genossen Efrousi beweißt natürlich nichts. Seine Behauptung hätte auch richtig sein können, auch die späteren Kommunisten hätten damals diesen Fehler machen können. Aber dann blttten sie wenigstens ans den Folgen gelernt. Unsere Opportunisten aber, die nkr. Parteileitung hat nichts gelernt. Sie hat sieh* nicht nur in einen mächtigen Kampf mit allen Organisationen eingelassen, sie hat noch im Sommer dieses Jahres, nachdem sich die Kommunisten in einer eigenen Fraktion innerhalb der Partei organisiert hatten, den schuldig-unschuldigen Träger dieser Politik, Rewutzki, mit ihrer Vertretung im Verbände betraut. Aber was noch charakteristischer ist: An dem ersten mißlungenen Experiment hatten die Genossen nicht genug. Ministeiportfeuilles sind gar zu reizende Dinge. Und so trat der enge Kampfkamerad Rewutzkis, Genosse G 0 1 d e 1 m a n 11, zum zweitenmal ins Kabinett Petljuras. Er hatte natürlich wieder nur den Beschluß des llauptkomitees der Poale Zion befolgt, des llauptkomitees einer Partei allerdings, die nur mehr aus den im Petljuragebiet verbliebenen Organisationen bestand, und in der sich wahrlich kein Kommunist mehr befand, weder ein später er noch ein früherer. Ja er hatte den historischen Mut, in einem Briefe, in dem alle von dem Ministerialisnins zu erwartenden Gewinnsle uud Vorteile in herrlichen Farben geschildert winden, an die anderen nkr. Genossen mit der Aufforderung heranzutreten, sich ebenfalls von Petljura ministerialisieren zu lassen. Sollen wir fragen, welche Stellung unser Verbandsb»ro zu dieser „realistischen" Politik einnimmt? Nun, diese ganze, kurzsichtig-leichtfertige, auch von nichtkonannnistischem Gesichtspunkt aus verbrecherische Politik hat verdientermaßen elend Schiffbruch gelitten. Die ukr. Ministerkollegen Goldelmanns, Mazeppa und Bezpalko haben sich, einer neuen Nachricht zufolgo, zu den Kommunisten geflüchtet. Ihm macht es hoffentlich seine „Ueberzeuguugstreue" unmöglich, in einer komuiunistiachen Regieruug zu sitzen. Petljura aber ist zu den Polen übergelaufen und für ihre gnädige Besetzung seines ^Reiches" gegen die Bote Armee läßt er seelenruhig alle seine jüdischen Minister (zu deutsch „Bediente") fallen; auf polnisches Verlangen wird nicht einmal zu den Verhandlungen ein Jude beigezogen. So hat denn Goldelmann seinen Lohn dahin. Vielleicht wird ihn und alle seine eigenen Genossen über ihren persönlichen Schmerz das Bewußtsein trösten, durch ihre „kluge Realpolitik" mitgeholfen zu haben, daß die schlachzizische Reaktion dem revolutionären Rußland Niederlagen zufügt, daß die j ü d i s c h e n V 01 k s m a s s e n dem polnischen Pogrombanditismus ans Messer geliefert wird. Und nun wollen wir den Genossen Efrousi und unseren Genossen in aller Welt, einige Fragen vorlegen. Glauben sie noch immer au die Re c h t s w ä ß i g k e i t von Meli r Ii e i t s b' e s c Ii I ü ssen unserer diversen Zentral^ und Hauptkomitees? Halten sie das überlegene Lächeln unserer Genossen vom Verbandsbüro über den „Spaltungseifer" unserer manischen kommunistischen Genossen für berechtigt? Oder sind sie nicht der Meinung, daß Genossen, £lie haben, nicht mit Petljuras bis zuletzt ge4reüeus K^i^Ä uossen in einer Partei bleiben können? Und schließlich, meint unser Verbandsbüro, unseren Ge* nossen zumuten zu dürfen, daß sie diese ,,petljurisiisch'en" Poale IZÜioti noch fernerhin als Verbandsgenossen betrachten oder daß ein Verband, der auch! sie umfaßt, ^lehr ist als eine Farce oder eine Beschimpfung: aller wirklich revo* lutionären Poale Zion? Die Exekutive unserer mühriscluschleschischeu ßriiderpartei teilt uns mit, daß sie die Vcrbreiitung der „Freien Tribüne", bezw. der ^Mitteilungen" bei ihren Organisationen zu verhindern trachte. Sic betonen, daß sie Gewicht darauf legen, die in ihrer Landespartei organisierten Mitglieder üb*er alle Vorgänge innerhalb der Weltbewegung;, womöglich1 stets aus e r s 1 e r Qj u e IT e zu informieren. Wir nehmen diese Mitteilung mit Befriedigung -zur Kenntnis uud stehen nicht an, dies der OeffentHc'hk'etift unV serer Genossen und Freunde bekannt zu geben. Der unter obigem Titel erschienene Protest der Redaktion richtete sich gegen das Vorgehen des Sekretariates unserer Bru* derpartei in Deutschland. Die Nachricht, daß auch die inräh* risch-sclilesische Exekutive Achnliches unternommen hat ha ben wir mit Zweifel aufgenommen und diesen auch ftiun Ausdruck gebracht. Den Protest haben wir lediglich gegen eine solche, unserer Bewegung unwürdige Methode des Meinuugskanipfes gerichtet. Das vornehmste 'Ziel, das wir alle verfolgen, ist ja das stets lebendige Schritlhalteii mit den progressiven Strö-» mutigen des sozialistischen Gedankens und der proletarischen Politik. Dieser Aufgabe würde natürlich unser Bruderorgan „Der jüdische Sozialist" erst dann vollkommen gerecht werden, wenn es der Bitte des „Organisationsbüros der linken Poale Zion" entsprechend, den Aufruf desselben ihren Lesern be* kanntgegeben hätte, selbstverständlich unbeschadet des eige* neu Rechtes auf prinzipielle Kritik. Wäre der Aufruf erschien neu, wäre auch der Aufsatz des Gen. Locker in der letzten Nummer des „J. S." kein Kampf ins Himmelblaue hinein, sondern würde gegen etwas ins Feld ziehen, was den Lesern schon bekannt ist. Ebenso wird es woht die Redaktion des „J. S." nicht unterlassen, die Antwort des Gen. Locker iherm Leserkreise mitzuteilen. Denn nur so, im gegenseitigen Austausch, der Gedanken, kann das Werk der Befreiung und des Aufstiege-: der jüdischen Arbeiterklasse vorbereitet werden.

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