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Freie Tribüne · 1920-01-10 · 2 (10.1.1920) · page 1

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Journal
Freie Tribüne
Volume
2 (1920)
Issue
2 (10.1.1920)
Date
1920-01-10
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Der entscheidende Moment, in dem Sir lange Jahre das Schicksal des Internationalen Proletariats and aller Nationen bestimmt werden soll, ist da. In diesem schweren Augenblick ist das jüdische Proletariat Sowjetrußlands, das dio ganze Schwere der internationalen nnd rassischen Konterrevolution auf seinen Schultern getragen hat, zusammen mit den übrigen revolutionären Proletariern an die vorderste Linie der Weltrevo- Jution gestellt werden. Der jüdische Arbeiter hat sich überzeugt, wie falsch öle Versprechungen der Entente sind, die imperialistische Ziele verfolgt. Es ist ihm klar geworden, daß die bürgerlichen Z i o n i s t o n, dio sich auf ihre weiß-blauen Legionen stützen, sich die Ausbeutung des jüdischen arbeitenden Volkes in Palästina sichern wollen; der Politik der Entente, die mit Hilfe der weißgardistischen Banden der Polen, Petljuras nnd Denikins die jüdische Bevölkerung in Polen, Litauen und in der Ukraine abschlachten, stehen sie gleichgültig gegenüber. Die Jüdische KommimUtlsche Partei steht nach wie vor fe&f dem Standpunkt der Gründung eines sozialistischen Staates in Palästina und der Vereinigung des jüdischen Proletariats der ganzen Welt zu einer einzigen Kommunistischen Partei, die, sich auf die dritte kommunistische Internationale stützend, die Aufgabe hat, den Kampf des Jüdischen Proletariats gegen den Weltimperialismus zu leiten. Genossen! Jüdische Arbeiter! Steht auf gegen die imperialistische Welt! Wißt, daß euer Schicksal unzertrennlich verbunden ist mit dem Schicksal der sozialen Revolution. Die alte Welt bringt euch nichts als Judenpogrome. Zerreißt alle Bande, die euch mit den Sozialpatrioten verbinden, macht euch frei von den unheilbringenden Illusionen der gelben Internationale und schließt euch dem großen internationalen Bürgerkrieg an! Euer Weg zur Befreiung geht über die Diktatur des Proletariats in der Form des Rätesystems. Nur in der großen kommunistischen Familie der Werktätigen werdet ihr den euch zukommenden Platz finden. Voran, zum letzten und entscheidenden Kampf um die großen Ideen des Kommunismus! Das Zentralkomitee der Jüdischen kommunistischen Partei (Poale Zion). Arbeiter und Arbeiterinnen:!" Während in den Gebieten, die direkter Kriegsschauplatz waren, , . der Höhepunkt der Leiden bereits überschritten ist, bekommt die Bevölkerung Wiens die Segnungen des Weltkrieges erst im sechsten Winter nach dem Verbrechen der Kriegsstiftung an ihrer ganzen unmenschlichen Härte zu spüren. Die Krone 'hat ihre Kaufkraft verloren. Lebensmittel, Kohle, Rohstoffe fehlen. . '\ ■, Die Schrecknisse des Hungerns und Frierens m Jjchtloson Wohnungen, in zerrissenen Kleidern und Schuhen bedrücken am schlimmsten die arbeitende Klasse in dieser sterbenden Stadt. Mit beklemmender Angst sehen alle den nächsten Wochen entgegen. Die Verzweiflung wächst. Da glauben die schwarz-gelben Teufel» daß ihre Stunde wiedergekommen, daß sie sich den» Volke ais Retter in der Not aufspielen können. Beim Kriegsbeginn ist es ihnen so gut g£- Jungen, den Unverstand der Massen auszunützen, dem Volke einzureden, daß der habsburgische Weltkrieg für die Beglückung der Völker geführt wurde. Das Volk jubelte dem Kriege zu. Und traurigerweise waren es auch Arbeiter und Arbeiterinnen, die die Besinnung verloren, die den Betrügern auf den Leim gingen. Und da denken die frechen Agenten des zudringlichen Habsburger- ■ gesindels, warum soll die Spekulation auf die Leichtgläubigkeit des Volkes nicht ein zweitestnat gelingen? Und so hoffen die Monarchisten, daß sich das Volk, anstatt die xraurjgen Lehren des Weltkrieges zu ziehen, die Wiedereinsetzung der Kriegsstifter gefallen lassen werde, daß die glorreichen Habsburger mit ihrem ganzen Gefolge vfcni ruhmbedeckten Offizieren und hochintelligenten Grafen als Herrscher von Gottes Gnaden wieder glücklieh seien. Aber sie werden sich täuschen? Zu unmittelbarwirkt auf das Volk von Wien das abschreckende Beispiel des reaktionären Ungarn. Dort sehen wir, wie alle Methoden der Schreckensjustiz, die der Krieg hervorgebracht hat, in unverminderter Grausamkeit praktiziert werden. Die Gefängnisse sind überfüllt, serienweise werden Todesurteile gefällt und vollstreckt. Unschuldige sinken ins Grab. Die Konterrevolutionäre toben ihren Rachedurst aus. Sie haben dem Volke einzig zu bieten Gewalt anstatt Brot. Und dieses Regime des weißen Schreckens, das notwendigerweise Verzweifluugsausbrüche des Volkes hervorrufen muß, hoffen sie auch auf Deutschösterreich zu übertragen. Die Konterrevolutionäre in Ungarn lauern auf einen Konfliktstoff mit Deutschösterreicn. Sie wünschen nichts sehnlicher, als uns in einen Krieg hineinzuziehen, als jhre bewaffneten Bauden nicht nur gegen das eigene Volk, sondern auch gegen Deutschösterreich verwenden zu können. Die Rechnung wird ihnen nicht gelingen, wenn die Arbeiterschaft ihrem' alten Grundsatze treu bleibt: Wir lassen uns weder einschüchtern noch provozieren! Aber wir warnen die Agenten der monarchistischen Reaktion. Schon haben sie es. gewagt, auf deirtschösferreichi-• schem Boden frechen Menschenraub zu verüben. Unter dem Deckmantel diplomatischer Unverletzlichkeit hat sich der ungarische Militärbevollmächtigte Graf Takacs-Tolvay an diesem Verbrechen beteiligt. Die dcutschösterreichische Regierung hat pflichtgemäß verlangt daß unser Land künftighin von diesem Verbrecher verschont bleibe. Er wird nicht mehr über die Grenze hereingelassen werden. Aber noch immer treiben sich eine Menge ungarischer Offiziere als Agenten der Konterrevolution in Wien herum;. Ihr Vorwand ist ,,die Liquidierung". Die Nationalversammlung hat aber bereits vor Weihnachten beschlossen: die Liquidierung wird liquidiert. Und deshalb verlangen wir, daü die Regierung den Herrschaften klarmache, daß die Zeit vorüber ist, wo sie in den Uniformen der alten l<!. u. k. Armee in Wien herumsfolzieren durften. Wir fordern die Ausweisung aller Helfershelfer der Reaktion! Aber nicht minder gefährlich als die Reaktionäre aus Ungarn sind diejenigen im' eigenen Lande. Eine Haupttruppe hat sich die Konterrevolution in dem sogenannten ,,Bürger- Die Geschichte aller bürgerlichen Revolutionen kennt diese Kämpfe um die neu zu begründende Verfassung nur allzu gut. Seit der großen französischen Revolution scheinen sich diese Kämpfe mit verblüffender Aehnlichkeit immer von neuem zu wiederholen. Ueberall und jedesmal dieselben, ja fast dieselbe Reihenfolge der Ereignisse. Zuerst stürmen die arbeitenden Massen die Machtpositionen des Absolutismus, verkünden Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit, dann erscheinen am Schauplatz der Geschichte die Vertreter der wirtschaftlich herrschenden Klassen, ergreifen die Macht und gehen daran, Ruhe Ordnung und Gesetzmäßigkeit wiederherzustellen. Sofort wird man des doppelten Antlitzes der Revolution gewahr. Des der Freiheit und des der Ordnung. Sofort werden die Klassengegensätze, die im ersten Anstürme der Revolution dadurch überbrückt schienen, weil die Bourgeoisie gerne zusieht, wie die Arbeiterschaft mit den feudalen Aiachthabern fertig wird, nochmals vor aller Welt deutlich erkennt bar. Der Klassenkampf beginnt. Die Arbeiterschaft, erfüllt vom Geiste der erstrebten und erkämpften Freiheit, greift noch einmal zu den Waffen, stürmt die neuen Machtpositionen und gelangt sehr bald zur Ueberzeugung, daß die durch eigene Kräfte eingesetzten Mächte nicht so leicht zu überwinden sind wie die alten Mächte des Absolutismus. Eine heroische Anstrengung der Arbeiterschafkann leider die Bourgeoisie nicht hindern, das gegenrevolutionäre Werk zu vollenden. Die arbeitenden Massen, , enttäuscht in ihren höchsten Hoffnungen, ermüdet durch den verlorenen Kampf, treten f&.vC^ der historischen Bühne* '""^ Und nun beginnen die Verfassungskämpfe. Ja, erst dann, wenn das Proletariat nicht mehr aktiv eingreifen kann, wenn es nicht mehr stürmt, wenn die Massen aufhören, ihre eigene revolutionäre Verfassung täglich von neuem zu verkünden, dann erst fängt diese geschichtliche Tragikomödie der Verfassungskämpfe an. Und man muß es unseren Koalitions- Klassenkämpen lassen, Sie haben es verstanden, die Arbeiterschaft in diese fatalistische Enttäuschungs- Stimmung zu bringen, ohne ihr Gelegenheit zu geben, ihre eigene Kraft zu erproben; sie haben es zuwege gebracht, ohne heroische Anstrengung die notwendige Todesstille zu erzeugen, in der allein das Säbelrasseln der sogenannten Verfassungskämpfe hörbar werden kann; sie haben es vermocht, die Arbeiterschaft so mutlos zu machen, daß sie bereit erscheint und Ständerat'' geschaffen, der in Wahrheit nichts anderes ist als . ' der Rat der Wucherer und Ausbeuter. Frech erheben s$e ihr Haupt, weil die Reaktion in den Nachbarländern ihnen den Mut stärkt. Aber das deutschösterreichische Proletariat wird sich nicht vergewaltigen lassen. Die Arbeiterklasse weiß, daß der gegenwärtige Zustund in keiner Weise ihrem Ideal entspricht, vom Sozialismus noch weltenfern ist. ' Wir haben keine sozialistische Regierung, denn neben den Vertretern der Arbeiterschaft sitzen in gleicher Stärke Vertreter der Bürger und Bauern in der Regierung. Aber das eine muß diese Regierung leisten, sie muß die Republik erhalten, was nichts anderes bedeutet, als die Wiederkehr des Regimes der Kriegsstifter zu verhindern. Darum ruft der Wiener Kreisarbeiterrat in seiner konstituierenden Sitzung die Proletarier Wiens auf: Seid auf der Wacht vor den Anschlägen der Reaktion! Seid auf der Wacht vor den intriguen der ungarischen Konterrevolutionäre! Haltet euch bereit, wenn unser Ruf ergeht, um zu demonstrieren für die Verteldignng der Republik gegen alle Anschläge der Mächte der Vergangenheit! Tretet ein für die Forderungen des Arbeiterrates: Der Kreisarbeiterrat Wiens.

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