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Freie Tribüne · 1920-01-03 · 1 (3.1.1920) · page 5

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Journal
Freie Tribüne
Volume
2 (1920)
Issue
1 (3.1.1920)
Date
1920-01-03
Page
– (sequence 5)
Language
German
Belongs to
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Seite 2 Mitteilungen Nr; 1 Genossen! Bs stehen ans wichtige Aufgaben bevor! Wir können nnr handeln, wenn der Zusammenschluß aller Gleichgesinnten rasohestens von statten geht. Wir ersuohen daher alle linken Fraktionen, die sich uns angeschlossen, jedoch noch nicht entsprechende Adressen bekanntgegeben haben, dies sofort nachzutragen. Wir fordern ferner alle kommunistisch gesinnten Poale-Äion der Landesparteien, wo noch keine Fraktionen bestehen, auf, solche zu gründen und ihre Adressen anher bekanntzugeben. Organisationsbüro der linken Foale Zion. Briefe aus SowjeMtofiland.*) Zweiter Brief. Zu Beginn des Jahres 191() hat in Minsk eine außerordentliche' Konferenz der allrussischen Poale ZiotuPartei .stattgefunden, auf der sämtliche russische Provinzen: der fernste Osten und das Wolgagebiet, ebenso wie Litauen, Weißrußland und die befreiten Gegenden der ^krajne. (Tschcriiigovv u. a.) vertreten waren. Die über hundert Delegierten haben so wirklidh die Gesamtheit der allrussM seilen Partei mit allen ihren Richtungen verkörpert. Die Ergebnisse der Enquete unter den Delegierten gewähren einen guten Ueberblick über Größe und Stärke der rnssis'dhen Partei: Die Poale 'Zion, die jüngste Partei im jüdischen Proletariate, vor dem Kriege ein unbedeutend des Häuflein, hat sieb seit Beginn der russischen Revolution zur stärksten Pa rt e i des Jüdischen Proletariats enf* wickelt. Die „S. S." (Sozialisten^Zionisten.Territorialistcn) und die ,,Sejmistcn", denen bei ihrer Vereinigung der Marxismus ebenso wie der Territorialis'müs abhanden gekommen ist, haben trofz ihres Reichtums yni Itellcktuel'len aufgehört, irgendeine Rolle im jüdische Proletariat zu spielen. Der ,/Bund" hat als rechtsimenschcvvikisChe Partei deti größten Teil seiner Mitglieder an die Kommunisten verloren. Auch hat er seinen Inhalt verloren, da sowohl seine rechte wie sieinelinke Fraktion an djer Notwendigkeit und Möglichkeit der n at i o n ,a l*k ul tu r e 1 I e n \A u;t omo m i e, d. i. an der Existenzberechtigung, des ,,BunÜes" zweifeln. Die jüdische kom'inunistische Partei (der Jüdische Korn* munistische Verband) hatte z;" jener Zeit erst ihre Entwicklung begonnen', Watte noch keine Massen hinter sich und stützte sich einzig und allein auf das jüdische Kommissariat. Die Poale Zio n spielten schön zu jener Zeit in den Arbeit erraten eine große Rolle, entsandten aus ihrer Mitte eine große Anzahl der-fähigsten Kommis* säre, die, an der Organisierung der Räteregierun.o bedeu* tendeti Anteil hatten, und besaßen fast in allen Organen der Rätemacht ihre Vertreter. Sie hatten auch die Füll* rmng der G ewerk s ch af t s= und Ocnosseiisch af ts. b'ewegung in den jüdischen Zentren iime. Fast a,lle Orts* gruppen hatten ihre Konsum^ und Produktivgenossenschaften. Aus den Berichten der Delegierten ließ sich der girolße Einfluß^ «der Poale Zion auf die jüdischen Arbeiterm'asseri und das jüdische Arbejterleben, .aber auch der schwere Kampf der Richtungen innerhalb der Organisationen erkennen. Die Behandlung der Fragen der revolutionären Taktik, der kommunistischen und der sozialdemokratischen Denkriditung bildete in' allen Organisationen den Kernpunkt der Diskussion und des Parteilebens. Viele Delegierte wiesen auf die schlechten Folgen der haltlos schwankenden Taktik der Parteileitung hin, die den Einfluß und den Erfolg der Partei außerhalb der jüdischen Arbeiterschaft lähmte und sowohl die extrem linken wie rechten Elemente von der Partei abstieß:, ja ganze Organisationen, wie in Orel, dieser Unentsdilossenheit halber zum Abfall von der Partei bewog. Es \var klar, daß diese außerordentliche Konferenz ihren festen revolutionären Willen werde kundtun und eine für allemal der Taktik der Partei-eine entschiedene Richtung geben niüssen. Die Tagesordnung der Konferenz war in allen Orga* uisationen eingehend gesprochen worden und die meisten Delegierten kamen mit gebundenen Mandaten, weshalb sie *'rti auch sofort in zwei Fraktionen gruppierten. ^ie kommunistische Fraktion, deren Mitglieder schon vor der Oktoberrevolution in den Reihen der Partei für tlie kommunistische Anschauung gekämpft hatten, verband die Realisierung des poalezionistischen Ideals mit dem Siege der sozialen Revolution, betrachtete die s o z i ülistische Republik in Palästina als einen Ring i» der Siegerkettc der Weltrevolution und setzte alle Ii äff iiung betreffend die Regulierung der jüdischen Massenwanderung auf die O r g a n e d e r R ä t c m a c h t. Im allgemeinen sah die kommunistische Fraktion die Poale Zion* Bewegung als einen Teil der allgemeinen kommunistischen Bewegung an und verlangte den engen Zusammen* sehT u ß der Partei m i t den k o ni m u n i s t i s c h e n R e u hen, da nur mit dem Siege der WeRevolution die jüdische *) Siehb „Mitt.u Nr. 4. 1 Arbeiterschaft ihre nationale und soziale Befreiung erringen könne. Als verbissenste Gegnerin der ünentschlossenheit der Parteileitung hätte diese Fraktion einen Antrag auf Namensänderttng der Partei in ^Jüdische Kommunistische Partei" beantragen sollen, um dadurch aflie Brüxken zu einer Rüdkkehr ziun Opportunismus abzubrechen und die Parteigenossen an die entschiedene Richtung der sozialen Revolution zu binden. Die zweite Fraktion nannte sich die ,,p a r t e i i s c h e", mit der Motivierung, sie müßte die P a r t e i e i n h c i t gegen die Kommunisten, die durch den Namenswechsel die Partei spalten wollen, verteidigen; sie stellten die Organisation^ form höher als den Inhalt der Partei, während die Kommunisten für den idellen Habitus der Partei eintraten. Bei dem familiär^idyllischen .Verhältnis, das in den rußlänriischen Organisationen herrschte, mußte vielen kleinstädtischen Ortsgruppen in den kleineren Ortschaften, die Organisation als Selbstzweck als wichtiger erscheinen als eine prinzipielle und programmatische Differenzierung. Im übrigen entbehrte die ^parteiische" Fraktion durchaus einer einheitlichen politischen Physiognomie und verdankte ihre Gründung der gelungenen „Diplomatie" der ..Rechten", die sonst bei der Konferenz jegliche Bedeutung verloren hätte. Mit dem Schrecken vor der Spaltung gelang es ihr, Elemente aller Richtungen, Menschewiki; Internationalisten, wie auch euv /eine sogenannte „Bolschewiki" um sich zu scharen. Der Hauptzweck der Gründung dieser Fraktion bestand in der Verbinder im g der Nam'ciisandcrii n g, denn zu den wichtigsten Berajtungsgefjenständen, in den jüdischen und palästinensischen wie allgemeiripolitischen Fragen beantragte sie f a s t die g I e i C h e n R. e s o l: u t i o n e n wie die kommunistische, deren Mangel an Klarheit durch Zweideutigkeit gedeckt wurde. In den Kouloirs der Konferenz entstand eine dritte Fraktion, die die Fraktionsbildung der Konferenz /bekämpfen wollte, aber zu keiner Bedeutung gelangte. Der Name „parteiische" bot Anlaß zu vielen und klein* liehen Mißverständnissen, da sich die Kommunisten gegen die Monopolisierung des Partei-Patriotismus heftig und ers bittert wehrten und Parteiprogramm und -Tradition auch für sich in Anspruch nahmen. Das Zahlenverhältnis war 42 gegen 40 zugunsten der kommunistischen Fraktion, das Präsidium' wurde proportionell aus 3 Kommunisten und 2 „Parteiischen" zusammengesetzt^ auch entsendeten beide Fraktionen Referenten zu jedem Punkte der Tagesordnung. Der Inhalt dieser Referate war ja bereits in der auslün* dischen Parteipresse wiedergegeben. (Siehe „Fr. Tr." Nr. 13 14, 18, 19, 21.) , In den ungemein stürmischen Dehatten wurde der Parteileitung vorgeworfen, sie habe durch ihre unentschiedene Haltung verhindert, daß die Poale Zion die eiuzige levolu« tionäre Partei innerhalb der jüdischen Arbeiterschaft werden* und alle Organe der jüdischen Arbeiterautonomie ubernehmen, ferner daß die Parteileitung viele historische Gelegenheiten habe ungenutzt vorbeigehen lassen. Die kommunistische Fraktion betrachtete alle Fragen unter dem Gesichtswinkel der s o •/. i a 1 i s t i s c h e n W e 1 trevolution und verlangte für die Partei eine Orientierung nach dem kämpfenden Proletariate, verurteilte alle die haltlosen Elemente, die sich in dieser historischen Epoche nach Augenblickserfolgen dem kämpfenden Proletariate anschließen nud es ebenso leicht verlassen, und verda mten besonders scharf die sozialpätriotischen Helden, die sich jetzt zu Führern einer „Internationale" aufwerfen in Dellien. Auch die „parteiische" Fraktion hatte sich „nach der sozialen Revolution" orientiert, aber ihr fehlte die »Siegeszuversicht, weshalb sie sich einen Rückweg offen lassen wollte. Die einen sahen vor sich nur ein „Vorwärts", die anderen ließen sich zwar mitzerren, blickten aber immer wieder nach rückwärts: das war der Inhalt des Fraktionskampfes auf der Minsker Konferenz. Alle Anträge der Ko m munisten wurden angenommen. In den Fragen des allweltlichen Verbandes gab es allerdings keine Meinungsverschiedenheiten. Der Beschluß, aus dem Verbandsbüro auszutreten, wurde einhellig gefaßt und dabei auch festgestellt, daß sich der Sitz des neuen Verbandsbüros in einem jüdischen Arbeiterzentrum werde befinden müssen, damit seinen Mitgliedern nicht der Zusammenhang mit den jüdischen Arbeitermassen zugleich mit ihrem revolutionären Geiste verloren gehe. Die Parteileitung wurde paritätisch aus je vier Mitgliedern beider Fraktionen und dem Genossen Lejme, dessen Kandidatur von beiden Fraktionen unterstützt wurde, zusammengesetzt. Die Kommunisten, denen das Wesen der Organisation über ihre Form ging, wollten ihre Mehrheit nicht ausnützen und stellten den Antrag auf Namensänderung der Partei für den ordentlichen Parteitag zurück, dessen Abhaltung für die nächste Zeit bestimmt wurde. Die Minsker Konferenz bedeutet trotz ihres stürmischen Charakters einen ganz ungeheuren theoretischen Fortschritt in allen Fragen. Die alten Grundgedanken der Poale Ziou-Bewegung wurden mit den Forderungen und Problemen der sozialen Revolution in Verbindung gebracht. In allgeraeiu politischen Fragen hat die Konferenz die Partei als aktiven Kämpfer für die Diktatur des Proletariates in Form der Rätemacht unerschütterlich auf den 1> o d e n der III. I n t e rnationale gestellt und die Parteimitglieder aufgefordert, in den Reihen der Roten Armee die Errungensehaften der Revolution mit den Waffen zu verteidigen. jS ft*a <len Fragen der jüdischen Politik wurde jedes Zusammengehen mit der jüdischen Bourgeoisie, die Teilnahme an den jüdischen Gemeinden (Kehilla) und den anderen Institutionen und Organen des jüdischen Bürgertums verworfen, zugleich aber auch festgestellt, daß auch das jüdische Kommissariat den Anforderungen der jüdischen . Arbeiterschaft nicht entspricht, da dasselbe sich weder auf die jüdischen Arbeitermassen stützt, noch von diesen erwählt, daher eine bürokratische Institution sei. Träger und Organe der jüdischen Arbeiter-Autonomie müßten die j ii d i s c hen Arbeiterkomitees sein, die sämtliche Institutionen der jüdischen Gemeinden, ferner das gesamte Erziehungs- und Knltnrweaen, sowie auch die Lösung der ökonomischen Probleme des jüdischen Proletariates, wie der Emigrationsfrage n. a. zu übernehmen hätten. Uebergeordnete Instanz der autonomen Organe sollte ein von den jüdischen Arbeitern erwähltes Kommissariat werden. Betreffs der Palästinafrage wurde festgestellt, daß die sozialistische Republik in Palästina nur nach dem Siege der sozialen Revolution mit Hilfe der Machtorgane des internationalen Proletariates errichtet werden könne, und beschlossen, Hand in Hand mit den arabischen Arbeitern gegen das internationale Kapital zu kämpfen. Als Sitz der neuen Parteileitung wurde Minsk, das Zentrum der jüdischen Arbeiterschaft und der Poale Zionbewegung, festgesetzt. An die Konferenz der III. Internationale hat die Parteileitung eine herzliche Begrüßung geschickt und zwei Vertreter, Tennenbaum für die kommunistische Fraktion und Berlin!aut-Arski für die „Parteiischen" zu ihr delegiert. Der Verkehrsschwierigkeiten halber sind unsere Delegierten erst nach der Konferenz am Bestimmungsorte angelaugt. Die Parteileitung hat zwei Sitze im Zentral- Exekutiv - K o m i te e (*Zek") der Sowjets für Weißrußland und Litauen und einen im ,Zdk* für Großrnßland (Sitz Moskau) erlangt und entsendet Vertreter in alle Sowjetorgane und Volkskommissariate. Die Partei hat starke militärisch.« Abteilungen organisiert und in Minsk konzentriert, die dann bei der V e i te i d i g u n g Litauens, und Weißrußlands gegen die polnischen Horden und die Bauden der internationalen Bourgeoisie eine hervorragende Rolle gespielt haben Die Palästinakommission, die von der Minsker Konferenz eingesetzt wurde, gab ein eigenes Organ „Palästina bulletin" heraus, während die Parteileitung ein Zentralorgan in jüdischer Sprache „Dus freie Wort." und ein zweites, russisches ,Mlota (Hammer) erscheinen ließ. I Mitteilungen aus Berlin zufolge, hat das Sekretariat der reichsdeutschen Organisationen die Nummern der „Freien Tribüne^ mit den „Mitteilungen* beschlagnahmt und verweigert ihre Ausfolgung an die Genossen. Aehnliches wird uns von der Exekutive der mähr.-schlesischen Landesprganisation mitgeteilt. Wir hatten noch keine Gelegenheit, die Stichhaltigkeit dieser Mitteilung zu prüfen. Es ist auch vorderhand unwesentlich. Das Meritorische an der Sache: die Tendenz, aus bravem Parteikadavergehorsam neuen Gedanken den Zutritt zu verwehren, aus Opportunismus die neue politische Orientierung der poalezionistischen Bewegung mit kleinlichen Mittein zu bekämpfen, muß an den Pranger gestellt werden. Es' ist nicht unsere Sache, auf das Unsinnige dieses Vorganges hinzuweisen. Nicht unsere Sache, aufmerksam zu machen, daß sich die Parteimitglieder diese Bevormundung nicht gefallen lassen werden. Was wir jedoch nicht unterlassen wollen, ist, nachdrücklichst dagegen Einspruch zu erheben, daß die freie Meinungsäußerung innerhalb unserer Weltbewegung mit solchen Methoden unterbunden wird. Soll unser Weltverband kein verknöchertes Gebilde sein, das den geistigen und politischen Strömungen des jüdischen Proletariats nicht gerecht wird, sondern in freier Anpassung an das proletarische Leben und die Zeitnotwendigkeiten ein treuer Spiegel der Kräfte werden, die innerhalb der poale-zionistischen Arbeiterschaft miteinander rfngen, dann muß eben volle Freiheit der Meinungsäußerung, volle Propagandamöglichkeit innerhalb aller Landespärteien herrschen. Das ist ein Minimum, das verlangt werden muß. Wir fordern das Verbandsbüro auf, gegen diese Methoden entschieden Stellung zu nehmen. Die Genossen der deutschen Organisationen fordern wir auf, gegen derlei B e v o r m un d ung e n und Noske-Praktiken des Berliner Sekretariats energisch zu protestieren und die „Freie Tribüne" direkt zu bestellen. Redaktion der „Freien Tribüne" und der Mitteilungen* des Org.-B. d. I. P. Z.

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