Freie Tribüne
- Journal
- Freie Tribüne
- Volume
- 1 (1919)
- Issue
- 49 (27.12.1919)
- Date
- 1919-12-27
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 2 Genossen! Es stehen uns wichtige Aufgaben bevor! Wir können nur handeln, wenn der Zusammenschluß aller Gleichgesinnten rasenestens von statten geht. Vir ersuchen daher alle Unken Fraktionen, die sich uns angeschlossen, jedoch noch nicht entsprechende Adressen bekanntgegeben haben, dies sofort nachzutragen. Wir fordern ferner alle kommunistisch gesinnten Poale-Zion der Landesparteien, wo noch keine Fraktionen bestehen, auf, solche zu gründen und ihre Adressen anher bekanntzugeben. Organisationsbüro der linken Poale Ziou. nachrichten« Die russlämUschen Poale Zion in der dritten Internationale. Es erreicht uns die erfreuliche Botschaft, daß unsere allrussländische Bruderpartei mit einem ausführlichen Memorandum ihren Anschluß au die dritte Internationale angemeldet *hat. Die russländischen Poale Zion, die stets die Avantgarde des revolutionären jüdischen Proletariates waren, haben sich auch mit diesem Schritt an die Spitze unserer Bewegung gestellt. Das Organisationsbüro der linken Poale Zion, das sich die Aufgabe gestellt hat, unseren Weltverband auf den Boden der dritten Internationale aufzubauen, begrüßt diesen historischen Schritt aufs wärmste und wünscht ihm vollen Erfolg. Die Gründung einer linken „Sozialistischen Arbeiterpartei Palästinas Poale Zion". Wie uns mitgeteilt wird, hat sich in Paliistina in Opposition zur offiziellen Lawlespartei „Haehdiitli llaawodah*, die aus dem Zusammenschluß der alten Partei und den unparteiischen Arbeiterorganisationen entstanden ist. eine neue Partei unter dem Namen „Sozialistische Arbeiterpartei Palästinas Poale Zion" gegründet. Sie fühlt sich und nennt sir-h auch : „Poale Zion Anichodoscli", „Die erneuerten Poale Zion". Die Gründungsversammlung hat nachstehende Richtlinien zur politischen Stellungnahme beschlossen: J. Eintritt in die III. Internationale. 2. Die Regelung des Verhältnisses zum Weltverbande aufzuschieben, bis zur Klärung der Stellung desselben zur Internationale. 3. Eine breite Aufklärungsarbeit unter den arabischen Arbeitern in Angrift zu nehmen und 4. in der Sprachenfrage dem rücksichtslosen Untevdvttckuugskampf gegen das. Jiddische aufs schärfste zu begegnen. Wir werden genaue Erkundigtingen über dieses wichtige Eve>ignis einziehen und ausführlicher darüber berichten. Briefe aus Sowjet-Rußland. Erster Brief. Vor dem Kriege waren die ,,Poale 2ion" in Rußland eine kleine Partei; während des Krieges sehlug sie wie alle ihre ausländischen Gruppen eine seharf-üftintnerwakUstische Richtung ein. Seit Beginn der März-Revolution nahmen die meisten Gruppen aktiven Anteil au den bolschewistischen Aktionen und wurden deshalb von Kerenskis 'Koalttkmsregienm.u verfolgt. Viele Parteigenossen büßten ihre Teilnahme an den revolutionären Aktionen mit Kerkerstrafen, was aber die Massen, die nun der Pertei zuströmten, nicht von der Entfaltung groflv.ügiger bolschewistischer Propaganda :ihhielt. y>chon auf der ersten Konferenz der ruDkindischen Poale '/ton" im Apri-1 1917 in Moskau, kam eine klare Differenzierung in drei Fraktionen zutage : B o 1 s c h e w i k i, Inte rn a. t i o n a 1 i s t e n und M e n s c h e w i k i. Die beiden linken Fraktionen hatten eine überwiegende Majorität auf der Konferenz. In Uebereinstimmung aller Richtungen nahm sie gegen die Koalition Stellung und verdammte den Krieg und die Kerenski-Regicrung. Die bolschewistische Fraktion wollte sich jedoch mit der bloßen Negation nicht begnügen und verlangte eine positive Stellung und klare Richtlinien für den weiteren Verlauf der Revolution, Diktatur des rPoletariais durch die Arbeiterräte und innige Verbindung mit den Hol scliewikeu im Auslände waren die Losungen dieser Fraktion. Die Internationalisten konnten zu keiner positiven Stellung zu den Problemen gelangen,, die in den Tagen Kerenskis das öffentliche Leben beherrschten. Die wankelmütige Stellung des Zentralkomitees der ruftländisrhen Partei, in dem die koinpromirielttden Internationalisten die Mehrheit hatten, hat die Entwicklung der Partei lange Zeit beeinträchtigt. Als nämlich die einzelnen Organisationen im Drajtge ihrer revolutionären Pflicht Träger der Losungen der sozialen Revolution und die aktivsten Vorkämpfer der vollständigen Diktatur des Proletariats wurden, lähmte das Z,-K. durch widerspruchsvolle Zirkulare und Weisungen ihre Tätigkeit. Die Unzufriedenheit der Massen mit der Inkonsequenz der Parteileitung!, kommt schon auf dem h Parteitag in Kiew (August 1917) in der Verstärkung der bolschewistischen Fraktion zum Ausdruck, Diese tritt scharf gegen die Parteileitung auf und drängt zu bolschewistischen Aktionen. Mitteilungen Schon auf diesem Parteitage droht eine Spaltung. Die bolschewistische Fraktion ^stand unter Führung der Genossen Zvvi, Tennenbaum, die Menschewiken unter der von R a h t n a w i t s c h (jetzt Kommunist) und G o 1 d e 1 tu a n u (jetzt Petljura-Ministcr). Alle Erwartungen galten dem mit unbeschreiblichem Enthusiasmus empfangenen Her Ho r ocltow. Leider kam er erst nach der - politischen Debatte und hatte deshalb keine Gelegenheit zu klarer Stel hmgnahmc. In seiner Begrüßung erwies er sich als ent <cliiedencr Gegner der Koalition, da sie nur die Kräfte b ei d e r Klassen lähme und Inaktivität zur l'ulcfcliabe, und trat für die D i k t a t u r e i n e r K I a s s c ein, die allein die Entwickluiigsmöglichkcit eines Landes verbürge. Die Verhinderung der P.irteispaltuug gelang der kraftvollen Persönlichkeit unseres unvergeßlichen Führers umso leichter, als die Delegierten in ihre Organisationen eilten, um den Widerstand gegen den Kornilow-Putsch zu organisieren. Die kommunistische Fraktion unterlag also. Die neue Parteileitung, im Negieren;i u ß e rs t r e \ o I u t i o n ä r, p o s i t i v aber unsicher und u n s c h I ü ss i g, erkannte in ihrer Kurzsichtigkeit nur bereits vollzogene, unerschütterliche Tatsachen au und kam!, wie die Kommunisten spöttelten, immer „um 5 Minuten zu spät". Au der Oktoberrevolution nahmen fast alle Or gauisationeu aktive n Anteil auf Seite der ,B o 1 s c h e w i k t( die Straßenkämpfe forderten in den Reihen unserer Genossen viele wertvolle Opfer. Als dann auf dem IV. allrußländischcn Sowjetkougreß, auf die Mitteilung Trotzkis hin, die Arbcitcrrärc hätten alle Macht an sich genommen., die Poale Zion Fraktion gemein sam mit den Internationalisten (Martow-Oruppc) eine Deklaration verlasen, in der sie die Verantwortung für diesen Schritt ablehnten und daraufhin den Kongreß verließen, erregte dieser Schritt höchste Empörung unter tlen Parteigenossen. Die Internationalistische Parteimehrheit hat durch ihre {fusdnuerndt? Ihientschlosscnheit verhindert, daß wir die einzige revolutionäre Partei unter der, jüdischen Arbeiterschaft, die jüdische Aibeitorautoriomie und die Arbeiterdiktatur im jüdischen Lehen durch Ue hernähme aller jüdischen Institutionen verwirklichten. Mit geringer Mehrheit wurde im Juni auf der Konferenz in Moskau der Austritt aus dem jüdischen Kommissariate beschlossen. Dieser Beschluß wurde iccht bald wieder, wie viele andere, revidiert und an seine Stelle der Austritt aus den j ü d i s c he n G e tu c i n tl e n u n d a u s den St a d t r ä t e n und die V e r w i r k I i c h u n g der A rb e i t e rd i k t a t u r g e s e t /. t. Aher auch hier kamen die Internationalisten, da. sie auf das Drängen der kommunistischen Fraktion nach entschlossen kommunistischer Taktik nicht geachtet hatten!, zu spät. Der jüdischen Bourgeoisie waren unter allc.i Parteien die Poale Zion die verhaßteste. Bei den Wahelu zu der allruußländischen jüdischen Konstituante fanden sich alle büH gerlichen Parteien im Kampfe gegen die Poale Zion zu einem Block zusammen. Der Erfolg dieser Wahlen zeigte die Stärke unserer Partei, die besonders im Zentruni der jüdischen Arbeiterbewegung (Minsker Kreis) allen anderen Parteien zusammen (den Bund inbegriffen) überlegen war. I. Wlährvschles. Landesparteitag. Der Krieg nml der Zusammenbruch der Mittelmächte hat Misere Bewegung in einer Reihe von Ländern außerordentlich vergrößert. Der plötzliche Zustrom zum Teile kleinbürgerlicher Elemente drückt nun der Bewegung seinen Stempel auf und hindert die Entwicklung des revolutionären Klassenbewußtseins. Ein Musterbeispiel des hiethueh hervorgerufenen Wortrevohttioiiarlsmns beobachten wir in unserer tscheeho-slowakischen Brnderpartei, die am 15. und 1t». v. M. ihren mlihrisch-schlesischen Laudesparteitag abhielt. £u der Frage der politischen Orientierung betonte der Referent, daß die Partei nur durch starke Betonung der sozialistische n G r u u d s ä i z .e a u f d e m B od e u d er Kl a ss enk a m p f p o I i t i k zum Ziele zu gelangen trachten dürfe. Der Referent spricht sich gegen jegliche Koalitionspolitik aus, kennzeichnet ihre Schäden, weist auf die Aussichtslosigkeit der Koalitionsversuche in der jüdischen Volkspolitik,1 in den Nationalisten hin, ist aber trotzdem für die Zukunft dafür, ,fdaß die Partei die Volksräte als Beratungsinstanzeu betrachtet, "die keinerlei Beschlußrecht über Angelegenheiten haben, in denen sich die Parteivertretuug mit den Bürgerlichen nicht einigen kann". Er ist für die Aufgabe der Kompromißpolitik und empfiehlt trotzdem das Verbleiben in einer freiwilligen Koalition mit dem jüdischen Bürgertum, zum Zwecke der „Diskussion". Die beschlossene Resolution bestätigt auch die Auffassung, daß die Vertreter der Partei ,,bis auf weiteres" in den Volks- und Nationalräten zu verbleiben haben/ Zur Frage der Parteipresse wurde die Notwendigkeit der Umwandlung des ,,Jüdischen Sozialisten" in eine Wochenschrift betont, da die „Freie Tribüne", deren Vorzüge der Referent schätzt, nicht .^geeignet sei, als unser Propagandamittel verwendest zu werden". Das scheint uns ganz richtig. Die wiederholt«!! Aufforderungen, die inserierende Kaufleute, ja sogar die „bei 1IUS Organisierten K a u 11 e u t e und Kleingewerbe treibende" zu berücksichtigen, scheinen eben dum Leserkreis des „Jüd. Soz." eher zu entsprechen, als die „Fr. Tr.". Letzteres wirft ein eigentümliches Lieht auf die K 1 a s h e> n - Z u s a m m e u s e t z u u g der 2 ö 0 0 Mitglieder, die die Partei unter den SO.OOü Juden Mähren und Seblesieuä gefunden hat. Nf Das I/ölherproblem in der Inl nationale/) Die 11. Internationale ist, wie wir atisgef haben, unfähig. unsere überterritorialen Inlere zu begreifen; sie wird auch niemals wirksam uns eintreten können. Nicht etwa, weil es ihi Sympathien für uns fehlen würde oder weil es a schwer wäre, irgend eine Resolution oder selbst volutionäre Losungen bei ihr zu erreichen! / kann deren bei geschickter „Diplomatie" mehr genug haben. Sondern weil ihr ihre Zusamn setzung aus eng auf ihre Landesinteressen schränkten, dem Klassenfrieden zuneigenden 1 teien ihre Haltung aufzwingt. Dar um L;t auch so sinnlos, jwenn in Verbandsbüro noch immer auf ihre R e v o 1 u t nierung hofft. Diese kann nur eine Phrase 1. ben, solange sich die in ihr vertretenen Massen ni tatsächlich und geistig im Zustand der Revolut befinden. Wie aber steht es um die III. Internationale?, sie nicht antinational -- kosmopolitisch gestim und deshalb zur Anerkennung besonderer natiom Forderungen einer proletarischen Partei unfähi Ist sie nicht geneigt, durch die Forderung der Z trajisierung der Arbeiterbewegung in jedem Lai die Existenz der prolctarischnationalen Minoriti; Parteien unmöglich zu-machen oder?Je auszuscfi teti und über sie hinweg die Entscheidung in all Fragen nur den proletarischen Parteien der he sehenden Nationen zu überlassen? In der Tat besteht bei einigen Parteien der I Internationale eine gewisse Neigung hiezu, die aul: durch gewisse, nicht zu leugnende Kampfesno wendig'k c i t c n noch durch Ueberbleibsel alt Vorurteile genährt wird; sie wollen keiner proletarisch-nationale Forderungen anerkennen u> leisten dadurch da solche im'mer nur von de Proletariat eines national unterdrückten Volkes a Ausfluß" seiner Klassenlage und Notwendigkeit st nes Klassenkampfes erhoben werden - den Her schaftsinteressen ihrer Bourgeoisie ungewollt Vo> sich u b. Aber wir sehen, daß diese Tendenzen innerha ' der III. Internationale zurückgedrängt werden in die tatsächliche Anerkennung der nationalen Ford*! rungen, s.'owcit sie von. den proletarischen Mass», verfochten werden, an Boden gewinnt. Das liegt nicht nur an der geänderten Leh meinung eines' oder des anderen bolschewikische Führers1 über das nationale Problem, sondern daran daß dieses Problem, das für sie bis dahin im grauet Nebe I reiehe der Theorie gelegen war, nunmehr nacl dem; Beginn der sozialen Revolution eine g r e i v bare, unmittelbar zu erfüllende A u f g a b e gewoi den war. Den russischen Bolschewiken, den Bt griindern der III. Internationale, war es von Anfani an klar, daß sich das Schicksal ihrer Revorutioi nicht innerhalb der eigenen Grenzpfähle, sondert durdh! die W e 11 r e v o 1 u t i o u entschied. Der letztere Gedanke ist es, der alle Parteier der III. Internationale und ihre Taktik kennzeichnet Der unmittelbare, gemeinsame Kampf für eint W e 11 - S o w j e t r e p u b 1 i k läßt säe auf die zufälligen Landesgrenzen verächtlich herabsehen, er weitert ihren Blick über die Interessen des ein zeinen Landes' hinaus;, schärft ihn für die über territorialen Tatsachen. Da ihnen die Hin i'älli^keit der Grenzen klar zum Bewußtsein kommt, da sie die internationalen Bindungen in Wirtschaft und Politik ganz anders' erfassen, als. die Massen der II. Internationale, erscheinen ihnen auch not wendigerweise die proletarischen Parteien, soweit sie ganze Länder vertreten wollen, als vorübergehender Natur, solange eben die Kampfesbedingungeu bestehen, denen sie angepaßt sind. Hinter den so selbstherrlich ihren Platz beanspruchenden Organisationen Sehen sie die lebendigen revolutionären Massenskräftc sich fegen, die sich in ihrem Drange nach möglichst angepaßten Tatformen immer neue Einrichtungen schaffen. Damit werden ihre lebendigen Bedürfnisse und ihre Kampfesmöglichkeiten die Grundlage, auf der sich die proletarische Politik aufbaut. Da tritt eben die durch den Geschichtsverlauf herbeigeführte wirtschaftliche Ver f a s s u n g der einzelnen Gruppen in ihr Recht, d. h. auch nationale Momente, soweit diese wirtschaftlichen Charakters sind. Soweit dieser Wirtschaftscharakter der Gru|.„ pen gleich oder ähnlich isit, erscheint die Notwer*i digkeit ihrer interterritorialen .V e r b i n düng, ohne Rücksicht auf die Landesgrenzeir, a&o •a u c h nach n a t i o n a 1 e n Gesichtspunkten als notwendig. So liegt die Existenz unseres ,,a!Iweltltcheuu interterritorialen Poale Zion- .Verbände -s i n dem G r u n d g e d a n k e n und den Prinzipien der III. Internationale begründet, insofern seine Existenznotwendigkeit sich aus dsn Lebensbedingungen der proletarischen Volksniassen und den Erscheinungen ihres dauernd vor sich gehenden Kampfes erweist. *) Siehe »Mitteiluageo* Nr, I iiüd :i.