Freie Tribüne
- Journal
- Freie Tribüne
- Volume
- 1 (1919)
- Issue
- 49 (27.12.1919)
- Date
- 1919-12-27
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Seite 2 Freie Tribüne Nr. 40 Sie Hilfe in der Hot. Wurde Unsere Lehre der gesellschaft-! i «ih e n E n t \v i ck f u n g es stoweit gebracht haben, wie k. B. die Erdkunde, dann hätten die soziologischen Erdbebenstationen in der letzten Zeit ein weifenartiges, 'heftiges!, beinah« die1 gesamte Gesellschaft, umfässendies . Beben verzeichnen können. Dem unbewaffneten menschlichen Sinne jedoch bleiben diesfe?, zu einer großen E,rskMitterung stich summierenden Einzelzuckungen im gesefllsiclhaftlidhen Or^ganislmus verborgen. Und die der Gesclteehaftslehre Kundigen tun so, als wollten sie dieses svm'ptomatisicbe Beben nicht verspüren. So will B. (heutzutage die „Arbeiter-Zeitung", diese einst vollkbmtaTenste „sieismögraphische Station", nichts vom ,/Klasßerikrieg" in Deutsdhöstermdi' wissen und beinahe wie verschämt verzeichnet sie auf der fünften Seite die „Au^hreitungeji" in Innsbruck, Steyr usKv. In Deutschöstterreidh' versucht man diesien tiefen inneren Groll, das dumpf gewitterartige Dröhnen durch1 das altbewährte Mittel der Vertuschung und der Ablenkung zu bannen. Die Entente muß herhalten. Sie ist ja zweifei-, ltos an allem Bösen, an aller Not schuld. Sie ist aber übermächtig und so können wir bloß , . . refcfht schön bitten. Und wenn wir erhört »werden wollen, müsslen wir . . . recht brav sein. Wir dürfen daher von keinen „Ausschreitungen" etwas* wissen, geschweige denn Aufhebens machen.!pa!s Widerliche an dieslem Spiele liegt nicht in der ekelerregenden Sipeichelle^kieiiei unseres gesamten BürgertumSsL Die Zweideutigkeit', die Doppefzügigkeit, mit der unsere Arbeiterführer operieren, islt clas GefälWrlich'ste dieses Augenblidkes, In der Tat! Hören wir einm'al' aufmerksam zu, wie Im'an bei uns und für uns1 Piol'itik' 'miadht. Glaubt tti'an, die Arbeiterschaft beschwichtigen zu müssen, dann redet 'man ihr von der kömwienden Wieltrevoliution als dem! anzustrebenden Ziel. Man bejmiüh't süthl aber stets zu beweisen, daß diese — die Weltreviolution — niWht durlch1 uns: artne Teufel ge- Walcht werden kann, sondern durfdh unsere Brüder i'ml Westen. Da aber unslere priol'etaris'chen Brüder des' Westens noch! im'mer nipht begreifen wollen, warum gerade sie „anfangen" mlüsls'en, unsere Not jedoch unerträgfifcW wird, so bleibt vorläufig nichts anderes übrig, al!si bei der feindlichen Entente um'< Hilfe zu bitten. iUnd nun hören wir, was; man diesem1 guten IRettungsengel1 für seine Wohltäterei verspricht:!Die Verhinderung der Welitrovolu« tion! JNicht 'mehr und nildht weniger! Wer daran zweifelt, der höre doch (einmal unseren Fursipredher, den Staatskanzter. Jawohl1, iim! Arbeiterrat ist audhJ fteriner für die Weltreivolution und sein ganzes! Tun und Lassen isft der Erreichung diesiesl Zieles gewidmet. In P.aris' aber gießt der Staatsk'anzler seine: vornehmste Aufgabe darin, der Entente mit \gutem Feuilleton. Dawld Piüki: G a b r i und die Frauen. Schauspiel in drei Akten. Aufgeführt in Wien, Komödienhaus, 18. Dezember 1919 Ort der Handlung' — Utop|i|aj, Zdiit — es war ejnlm'al, Milieu — nicht greifbar, handelnde Personen — typisierende Verallgemeinerungen!: der Sinnliche Mann, die opferfreudige Frau, der dumme Hlajüs»,, d'er Weibsjte|uf[eli. Es ist ein ^Probiem"-5tuck, Im Wesentlichen das sk>g. Don Juan* Problem. Gabri und Gail lieben einander, aber Standesunterschied will sie trennen'. So flüchten sie nach Nirgendwo — wo der Himmel freier istyder Boden unberührt — und gründen. sidh1 durch eigener Hände Arbeit Haus und HJeim. S,ich, selbst aber kann man nicht entfliehen: dran hat Gabri , nicht gedacht. Indessen wurde das klein*; Waisenmädchten, das die Flüchtenden mit sidh auf den Weg nahmen!, groß" und Böliönj, sinnlich und verführerisch. Und Gabri, voll Lebenslust und Siinnengieri, taumelt bald und fällt in ihre Arme. Gail überläßt nun ihren Ort der ^Kleinen'',. Aber Gabri ist bald enttäuscht und findet, zwischen beiden Frauen stehend, ganz in der Wesensart Don Juans: ,tihr habt für mich beide den gleichen Reiz und seid infr beide gleich fern". In die weite Welt will er ziehen;, um seinen unstillbaren Drang nach Weiblichkeit zu stillen,. Gajl ist aber die reine Liebe, die sich' selbst vergessend«^ ^ich selbst entäußernde. Sic will auf die einstige Rückkehr des1 geliebten Mannes warten, ihm nach den Lebensstürmleu ein treues Heim bereiten], die Gefährtin seines Alters sein. Und Gabris unheimliche Triebkraft zersdintilzt an der Unendlichkeit dieser Frauenliebe^ an der Heiligkeit dieses Opfers. Er .^altert" in wenigen Mineteniunld Gail findet ihn wieder: ^Mein Alterchen*'. Ein Stück Pinskis laus demselben Ideenkreise kennen wir schon von der 'Jüdischen Volksbühne" her: ^Jekel. der Schmied". Jekel und Gabri unterscheiden sich von ein ander künstlerisch wie eine lebendige Gestalt von einer abstrakten Idee), sind aber beide für die Wesensart unseres Dichters charakteristisch: der maßlose Don Juanisinus wird Rat zur Bekämpfung der Weltrevolution beizu stehen. Diese Doppelzügigkeit macht die Arbeiter SfJhaft ganz wirr und treibt sie in die Arme der Reaktion oder zu wifden Ausschreitungen. Wir wissen, hier wird man uns vorhatten: was sfoflten wir denn slonst tun, um' die Not des Pro Fetariats zu lindern? Und wir antworten hierauf: ♦^Nichts afa Klassetika m p f^k a n n hier helfen." Klassenkampf auf allen Gebieten des gesellschaftlichen Lebens. In erster Linie gegen heimi sehen und fremdländischen Wucher, gegen boden ständige und zugewanderte Ausbeutung. Klassen kämpf für ausgiebige, rechtzeitige Aufbringung im Inlande und gerechte Verteilung. Unerbittlichen Kam'pf gegen einen Zustand, in dem die Not des Volkes zur BereidrerungslqueHe eines kleinen Häufleins Parasiten wird. Und .nach außenhin: A n 1 e h nung an unsere Brüder i m' OsJt e n, die gleich uns der pro retarischen WeltrevoTution zustreben, für dieselbe kämpfen und sterben. Aber 'Wer versagt der Seismograph unserer offiziellen söziolbgisfdhen Wissenschaft. So* wollen z. B. die deutschen Sozialdemokraten — die Abhängigen und die „unabhängig" sich Nennenden — nichts Von der überwältigenden Tatsache wislsen, daß an der Ostgrenze des Deutschen Reiches eine große sozialistische Arbeiterrepublik den zwei Jahre währenden Kampf gegen den in und ausländischen Imperialismus siegreich be standen hat und dem' deutschen Proletariat« die brüderliche Hand reichen will1. Die heutigen Machthaber Deutschlands! Wolfen diese freundschaftlich' ausgestreckte Hand nicht bemerken und die mor gigen SCh'idk'sal'slenker bringen den Mut nicht auf, slie zu zwingen, in die brüderliche Hand zum' ewigen sozialistischen Büdnis einzuscMagen. Mögen doch' unsere großen und kleinen Theoretiker der Volkswirtschaft darüber nachdenken, weich1 ungeahnte aussichtsreiche Pierstpektive der planmiäßige, wohlorganislierte Austausch Volkswirt sidbaftl'icher Erzeugnisse zwischen Sowjetrußland und den deutschen Landen beiden Nadhfearn «eröffnet. Miögen slie doch1 einmal! errechnen, welch unbegrenzte Möglichkeiten für unslere Ernährung, für unislere Produktion sidh1 erschießen, wlenn wir durdh einen Bruderbund es! zustande bringen, daß deut sidhess Wissen1 und deutsche qualifiziertie Arbeit die ungeheuren rußländisldh'en Gebiete und den sagenhaften ritals'isCh'en Fleiß! beifrudhiten. Und einen isblChen Felsenblbdk von russisChCr Arbeit und deutschem Wissen: wer wollte sich' ihm entjgegen'sltellen? / 4 Und diesles brüderliche, wahrhaft Völkerbund lerisfdhe Zusatn'menwirken: wem würde es nicht Achtung abringen? Wer würde noch lange fernstehen und sich nidht diesem Bunde arbeitender Völker ansCMießen? Den großen sozialistischen Republiken — S o wjet-Ru Illand und .... So w j e t - Die ut s>Ch- Hand? beidemale — bloß ,an verschiedener Schranke — zunichte: bei Jekel — an seiner i,. Jüdiöchkeit" ian der ethischen Grundlage seines Charakters!, bei Gabri — an der erlösenden Hinffabe des Weibes. Don Juan gelanjgt be;i Pinski nicht zur vollen Auswirkung seiner Naturanlage. Das weibermordende ^atle gleich* nafa und gleich fern'y bewährt siCh! bei ihm nicht, Don Juan mjuß kapitulieren] — Die Wahl dieses Dramas für eine deutsche Aufführung ist insofern als gütetig zu bezejidhine!!^ als dieses Wierk' Pinskis an sich inichts spezifisch Jüdisches hat, ja die jüdisclie Sprache des Originales ist leider derart gekünstelt und germanismenreich, daß eine jüdische Aufführung dran sehr leiden amißte. u~> Die Inszenierung! vvar sihmig^ die Bühnendarstellung im allgemeinen befriedigend — wenn man nicht Herrn Kurth für die übermläßige Rhetorik Gabris verantwortlich machen will und auch davon absieht, daß der Schluß der Dichtung^ der nuancenreich und psychologisch Wichtig, ist', von der Regte nicht vojll in seiner;Wichtigkeit erfaßt winde. Leo Kobrin: Der l) o r t ßj u n g. Drama in vier Akten Erstaufführung in der Freien j ü d i s e h e n Volksbühne am 20. Dezember 191f>. Ein Stück voll Farbe^ Klang und Bewegung, voll Sinnlich keit und lebendiger Naturi, ein ausgeprägtes Milieustück aus dem östlichen Dorfjudenleben, in Wort und Bild mit dem übrigen Dorf zu einem exotisch schillernden Ganzen verwoben. Das Stück h'at fast gar keine Handlung^ es ist wesentlich auf eine Charaktergestalt gestellt, auf den Dorftmrschen Jankel Bojle: \es ist eine Charaktertragödie im engeren Wortsinue. Schalom Asch hat uns einmal eine Ges'Cliichte vom ,yaddik" erzählt, vom jüdischen Hirtenjungen, unwissend und vergröbert^ wie er am Versölmungstage ins Gotteshaus kam, nicht einmal zu beten verstand, ersjtaunt der go^t klagt-julen Menge zuschaute, aber plötzlich ergriffen, naeh seiner Hinenart die Finger in den Mund tat und durch gellenden I * fix s seiner inneren Erregung Luft machte: und dieser IMifif öffnete die Tore des Himrnels; . . . Einen ähnlichen j.Dorfzaddik" »hat Leon Kobrin zum Mittelpunkt ■seines Schattenrisse VII. Es wird bell . . . Momentaufnahmen aus Sowjetnißland. ) Die Vorstellung eines russischen Dorfes war früher von der Schnapsbude at* seinem Zentrum unzerjtrennli'cih. Betritt man heute ein Dorf im Räte-Rußtand» auch das entfegendste, so fällt sogleich das: große, weißgetünchte Hauä in seiner Mitte auf, die Dorf schule, in deren Umgebung die Jugend des' Dorfes ihre schulfreie Zeit stielend verbringt. Die Rätemacht, die durch ihre Dekrete über allgemeine unentgeltliche Bildungsstätten das russische Volk zu Bildung und Wissenschaft, wie zum Selbstbewußtsein weckte, hat in der kurzen Zeit ihrer Existenz bereits; eine Unzahl Lehrer und Lehrerinnen ausgebildet, die Bildung und Wissen in die Volksmassen tragen und deren Saat erst kommende Oerierationen ernten werden. Hunderte und aberhunderte .Volksuniversitäten erstrecken ihre Tätigkeit über alle Teile Sowjetrußlands. In der Roten Armee existiert ein mächtiger, politischer Apparat, der zugleich mit revolutionärer 'Ausdauer Widsen und {Bitdung in der Arme« verbreitet, deren Angehörige wiederum nach ihrer Heimkehr zu Verbreitern der Bildung in den entlegensten Gegenden werden. Nach dem schrec'kTic'h'en Kriege sind, wie überall, auch in Rußland abertausende Waisen zurückgeblieben, die nun in eigenen Erziehungsihleimen rcrit großer Liebe und Aufopferung gepflegt werden. Staunenerregend ist die Hingabe der Lehrkräfte, die zärtlidhe Liebe, die die Kinder dieser Heime, die größtenteils in den Schlöstsern der früheren Großgrundbesitzer untergebradht sind, um'- gibt. Oie Arbeiterschaft, durch die mit der Konterrevolution verbündete Entente ausgehungert, beschränkt südh in ihren Bedürfnissen imhter weiter zu Gunsten der jungen Generation. Für die Kinder geben sie al'Tes her und wäre es das! Letzte . . . Mütter 'kleiner Kinder genießen weitgehende Begünstigungen beim' Nahrungs'mittelbezug und sind auch von Arbeit befreit. .Viele Bourgeois^ Frauen schätzen sich glücklich, dureih Mutterwerden der verhaßten Arbeit entgehen zu können^ da alle Erwachsenen zu produktiver Arbeit;v«rpflichtet sind. Die Kinderwerden nicht gemäß der Klasse, der sie entsta'm'men, sondern alle gleidhnnäßig in Kinderheimen zu gebunden Mitgliedern der Bio« zialistisidh'en Arbeitergesellseh'aft erzogen. Unter den Besuchern dieser Heime, den Eltern der Kinder, begegnet man vornehlmi geüd'eideten Damen> Generaiswitwen, neben armen Bäuerinnen, in Lumpen gehüllt. Mit Verachtung, Haß und Neid blöken sie aufeinander. Den in weißen Mänteln gehüllten *) Siehe ¥i\ Tr. Nr. 4«, 47, Dranias gewählt. Ein derbes Naturkind[, von jegliclxer äußerer und innerer Kultur «nberühlrty triebhaft geridhtet, verwachsen Mit fremder Sitte und Spracht — begejglntejt sich Jank'eK Bojle in heißer sinnlicher Liebe mit der verwandten Vollblut-, natur des christlichen Bauernmädchens Natascha. Beide stoßen aber auf eine unüberwindlidhe Schranke: Jankel kana alles — nur nidht , sich schrnaden". Ein unsichtbares Band, eine geheimnisvolle Kraft hart ihn wurzeltief .ans Judesein gefesselt: Sie spricht ihn als .innere Gewissensstimme an, wird ihm zur Vision des toten Vaters, der sterbend den Sohn mit der blöden Chajke verloben ließ;, wirft ihn vom Jauchzen der Liebesleidenschajft in naiven Schrecken der Sünde, läßt alle innere Wirrnis durch das krampfhaft zähe ,jch bin, a Jüd, ich bin a Jüd" über'tönen^ — bis der jaulte Bursche — eingezwängt zwischen Liebe und Abscheu, zwischen Gott und Teufel', zwischen Himmel und Hölle - im Tode Bcfreituig: findet. , Als schwacher Pujnkt der Dichtung ist eine gewisse Unklarheit in der Motivierung des Konfliktes zu bezeichnen: Jankcls Tragfk erscheint stellenweise lediglich als Tragik des, Aberglaubens, nicht des inneren Verbundenseins, nicht des luunugänglichfcn ♦ Nicht-anidersykönneiis1. Auch \ist das russische Bauernmilieu zu bilder buchinäßig gesthaut, der Bauer Prokop ist aus Pappe und. spricht Papier^ wird in Gorkis. ^Nachtasyl" manches abgelauscht haben. D^s Werk Kobrins muß aber als Ganzes dennoch als' erfreuliche «Erscheinung auf dem Gebiete des jüdis'chen Dranias gewertet wer-, den: es ist wesenhafi, es hat — möchte man sagen — dich terische Rasse.': ein Berufener war da am Werke. Da es noch außerdem reich an theatralisChlenv Elemente ist', so ist es auch geeignet', ein sog. ^'Zugfetfück" zu Kverclen. Hauptdarsteller bei der Erstaufführung — Herr Deutsch, als Jankel Bojle, Frau Weintraub-Graf als Natascha, Frau Berson alsChajke, leisteten glänzende Arbeit, besonders Herr Deutschi, der die Hauptgestalt zu kreieren hatte. Nur scheint die Bauerndirire Frau Grafs doch ein wenig zujbac.iiantisch toll geraten zu B'ein: das ^Himmelhoch Jauchzen" ist nie ganz wörtlich zu nehmen*. Fifau Berson haben wir zum erstenmale in einer bedeutenden Rohe kennen gelernt, ihre Chajke war eine köstliche Figur, eine traurig lebendige Er scheinuug — von Anfang bis zu Ende. — Die Inszenierung MC- Sammelt für den 5000 Kronen-Fonds der „Freien Tribüne". "3N