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Freie Tribüne · 1919-12-06 · 46 (6.12.1919) · page 2

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Freie Tribüne
Volume
1 (1919)
Issue
46 (6.12.1919)
Date
1919-12-06
Page
– (sequence 2)
Language
German
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Seite 2 Freie Tribüne Nr. 46 heute Arm in Arm mit einem Juden und man stimmt da& uhverbjillte „Nieder mit den Sozialdemokraten!" an. Und wenn da& versammelte „Volk", eingedenk der ,,geistreichen" Reden der Ur&in und Oret daran erinnert, daß ja die Juden an allem schuld seien, wehrt Herr Steiner diesen „naiven" „Volkkabcrglauben" mit einer . ..HandbewegUn g ab, und verschafft seinem treuen Freund und Gesinnungsgenossen Gehör. So kann man den ,,Volksantisemitismus" mit einer Handbewegung aus der Welt schaffen. Häuptsache ist, daß sich die edlen Führer untereinander vertragen. Landeshauptmann-Stellvertreter Steiner und Fabrikant- Nationalrat Friedman«. Und die haben sich nun glücklich gefunden! So war es immer. Wenn die Arbeiterschaft klassenbewußt ist und allen Nationalistisch-chauvinistischen Verlockungen der Reaktion widersteht, dann zwingt sie alle Gegenrevolutionärc, »ohne Ansehen der Konfession und Nationalität, vor der Öeffenflichkeit als solche zu erscheinen. Ob Christ oder Jude, allesl was arbeiterfeindlich ist, trete hervor und bekenne es offen: nicht den Juden, sondern den ausgebeuteten, für seine Rechte kämpfenden Juden hassen Wir. Wir!ajlle, ob christlicher oder jüdischer Fabrikant. So, zu zweien gereiht, wollen wir euch, edle Herren, immer beisammen sehen. Damit wir sofort erkennen, wer Feind der Arbeiter- Schaft ist. > ,•, Der antisemitische Christlichsoziale und liberale jtididische Fabrikant, sie haben sich endlich gefunden in ihrem großen Hasse gegen alles Freiheitliche, gegen alles Fortschrittliche, gegen die Arbeiterschaft und deren Vertreter: die politischen Parteien und die Arbeiterräte. Die Arbeiterschaft aber muß daraus die einzig richtige Lehre ziehen: die Reihen noch' fester zusammenzuschließen, ihre internationale Solidarität noch inniger zu gestalten und ununterbrochen für den Tag zu rüsten, an dem die Ausgebeuteten aller Völker sich vom Joche ihrer Ausbeuter befreien. Koalitionspiegel. „Koalition, sagen manche, sei das, wenn einer seinem künftigen Mörder das Leben rettet." (Aus den »Wespen« des M. »Wiener Stimmen«, Nr.276, rom 4. Dezember 1919.) Man muß es ihm glauben, dem verlogenen, scheinheiligen Abendblatt der Ieichenschänderischen „Reichsposjt". Wer denn sonst sollte es wissen? Die „Wiener Sttimmen" bellen ja hinter der Koalition vom Uranfang ihres Bestandes an her, ^beißen in die Waden der sozialdemokratischen Koalitionsbrüder, kurz', sind der Jagdhund der unbestrittenen Herren der grotesken Situation, die sich da entwickelt hat, Der „künftige Mörder" ist nicht nur gerettet, sondern in der süßsauren Gemeinschaft g!ar stark' und fett geworden, räkelt sich im Bewußtsein seiner .Kraft und, der seiner wartenden Aufgabe; stößt kräftig mit Beinen und Ellenbogen aus, um sich Platz zum Anlauf und zum Dolchstoß in den Rücken des Koalitionshruders zu mächen. Der Palet war ■ ka^l**^ wir es Klip'p und\lar: ^Koalition ist; Reaktion." Nun sagt es auch 'hohnvoll und frech die reaktionäre Maffia, da sie sieh sfb fest im! Sattel fühlt. Mit selbstgebundenen Händen Wehren sich die genas- Feuilleton. Ein bemerhenswBPfßs Buch. („Das Pener" von Henry Barbusse*). In diesem' Buch, von merkwürdigster Einfachheit und schonungsloser Wahrhaftigkeit wird geschildert, wie Menschen verschiedener Nationen, jedoch von gteidhem Verstand, einander ausrotten, wie sie die FrüCh'te jahrhundertelanger, schwerer, und herrlicher Arbeit zerstören, indem1 sie Kirchen, Paläste und Häuser in Schutthaufen verwandeln, Städte, Dörfer und (Weinberge von Grund aus zerstören, Tausende 'Morgen von ihren Vätern trefflich1 bearbeiteten Bodens verderben, der nun von Eisensplittern durchsetzt und verwestem Fleisch unschuldig h'ingemördetei Menschen vergiftet ist. Und diese Mensichen, die sich dieser sinnlosen Beschäftigung der Selbstausrottung und Vernichtung aller Kulturerrungenschaften hingeben, diese Menschen, die fähig sind zu urteilen über alles, Was ihren Leib und ihre Nerven reizt, ihr Herz und ihren Verstand bewegt, beten zu Gott, beten aufrichtig, und, '.wie das einer der Helden des ßuehes schildert, „idiotisch1 gleichartig", wonach sie a.u'fe neue mit der wilden Tat des Selbstmordes beginnen, auf ebenso „idiotisch gleiche*' Weise. In diesem Buch findet der Leser die Schilderung eines Gottesdienstes von Deutschen und Franzosen, die gleich' aufrichtig daran glauben, daß bei dem blutigen und niederträchtigen Handwerk des Krieges „Gott mit uns" ist. Und dieselben sagen nachher: „Dem lieben Herrgott ist es gleich, was wir hier auf Erden treiben". Und sie, diese Helden, Märtyrer, Brudermörder fragen einander: *) Aus «Die komnnriistische intenuilionale^ Organ tles Exekutivkomitees der III. Internatiouale Nr. 3. führten Sozialdemokraten gegen das allzu krasse Sichtbarwerden ihrer unfreiwilligen ßolle als Schrittmacher der Reaktion. Aber was nützt es ihnen? Triumphierend reiben ihnen ja die Christlrchsozialen die unumstößliche Wahrheit unter die Nase, daß ,,K o a 1 i t i o n d a s s e i; w e n n einer seinem künftigen Mörder das Leben rettet". Glaubten denn die Sozialdemokraten wirklich, daß es möglich ist, die Interessen der Arbeiterklasse in der Frage der Wohnungsanforderungen, der Wehrmacht und so fort in Gemeinschaft mit den Vorkämpfern der Besitzenden zu wahren? Das konnten sie nicht glauben. Daher könnte man schadenfroh lachen, wenn es nicht so tieftraurig wäre, daß heute die „Wiener Stimmen" zum, Schaden noch den frechen Spott hinzufügen können. Der Mörder lauert und droht nicht mehr aus dem Hinterhalt, sondern offen und selbstbewußt, Caveant consiiles . . .! Binirjungsrummel. Das freche Hervortreten der monarchistischen Reaktion in Deutschland erscheint nunmehr auch den Rechtssozialisten ^gefährlich, wissen doch die Klügeren unter ihnen, daß die siegende Konterrevolution sich nicht nur gegen Kommunisten und Unabhängige wenden, sondern auch' Ebert und Nos'ke erbarmungslos hinwegfegen wird. So ließ Schleidern an n, der sich nachseinem Austritt aus der Regierung bisweilen in der Pose der Opposition gegen die Politik des Parteivorstandes und seiner ^Genossen" Minister gefällt, den Ruf nach1 Einigung erschallen. Der Ruf hat aber in den Kreisen der Arbeiterschaft nur geringen Widerhall gefunden, hingegen konnte die „Einigungsstelle der deutschen Sozialdemokratie", die Bernste irische Schöpfung, die solange zur Untätigkeit verurteilt war, endlich in Aktion treten. Die U. S. P. hat bisher offiziell abgelehnt, inoffiziell sollen aber „Bedingungen" jgesitellt worden sein, wie Aufhebung des Belagerungszustandes und der Austritt aus der Koalitionsregierung. Die U. S. P. hat sidh' auf ihrem! Revolutionsparteitag zur Diktatur des Proletariats bekannt, und seitdem hat sie einen schonungslosen Kampf gegen die Regierung geführt. Jüngst erst veröffentlichte die „Freiheit" ein Verzeichnis der Todsünden, die die Rechtssozialisten gegen das Erfurter Programm begangen haben. Eine Einigung der Rechts&ozialisten würde also bedeuten, daß die U. S. P. nicht nur zum Erfurter Prograimm, sondern weit hinter dieses zurückgehen würden. Nach den Berichten über die Diskussionen auf dem gegenwärtig stattfindenden Parteitag isjt aber nicht anzunehmen, daß die Arbeiterschaft der U. S'. P. sich' dazu Wergeben wird. Die andere Möglichkeit ist. daß. die Redhfäfefaziafösiten die ^Bedingungen" annehmen und die Koalition mit der Bourgeoisie kündigen. Es' ist selbst'verstländlich, daß diese dann sofort alles unternehmen wird, um die letzten Res'te der er\vorbenen Freiheiten zu besei- „Aber wie darf dieser Gott nichts'destowenigerall'en Menschen einflößen, zu glauben, gleich zu denken, daß er mit ihnen ist und nicht mit den anderen?'* Rührend einfach wie Kinder denken, sprechen diese Menschen, indem' sie gegenseitig Blut vergießen: - ' „(Wenn es einen Gott geben würde, einen guten und barmherzigen Qoittl, dann gäbe es keine Kälte!" Indem' sie so urteilen, fahren diese Märtyrer fort, einander zu morden. Warum? Weshalb? Das wissen sie nicht, von sich selbs* aber sagen sie: -- „Ach!, wir alle sind keine schlechten Menschen, — nur so elend und unglücklich1 sind wir. Und dabei dumm, zu dumm!" Und obgleich sie das einsehen, hören sie nicht auf, das schimpfliche und verbrecherische Handwerk des Zerstörensweiter zu betreiben. Korporal Bertrand sieht mehr als die anderen, er spricht die Sprache eines Weisen: „Die Zukunft!" — rief er plötzlich mit prophetischer Stimme. „Mit welchen Augen werden die auf uns sehen, die nach uns auf Erden leben werden, und deren Seele schließlich1 ins Gleichgewicht gebracht werden wird durch den Fortschritt, der unvermeidlich ist wie das Schicks'al? Mit welchen Augen werden sie diesfe Morde betrachten und unsere Heldentaten, von denen sogar wir, die wir sie vollführen, nicht wissen, ob wir sie mit den Taten der Helden des Plutarch und Cornelius1 oder mit Taten von Apachen vergleichen sollen? .. . QoCh, siehe! Es gibt einen Menschen, eine Gestalt,, die ~sich über dem Kriege erhoben hat, welche ewig Schönheit und Männlichkeit ausstrahlen wird!" Auf den Stock gestützt, zu ihm niedergebeugt, hörte ich zu, diese Worte förmlich einsaugend, die in der Stille der Nacht von diesen fast immer stummen Lippen ertönten. Mit klarer Stimme rief er aus: „Liebknecht!" tigen. Der Koalitionsregierung würde die Militärdiktatur, die ja schon, heute tatsächlich regiert, auch formell folgen, und damit die Wiedererrichtung der Monarchie. Die Arbeiterschaft wäre gezwungen, mit außerparlamentarischen Mitteln dagegen anzukämpfen, was sidh im gegenwärtigen Stadium zum Entsfcheidungskämpf zwischen Kapital und Arbeit entfalten kann. Die Frage der Einigung ist also nicht die, ob die Parteien zu gegen, s'eitigen Zugeständnissen, sondern, ob sie zur Weiterfuhrung der Revolution bereit seien. Was bedeutet aber Weiterführung der Revolution? Wenn wir es nicht aus der theoretischen Erkenntnis wüßten, sö müßten es uns die jüngsten Ereignisse lehren: daß der Kampf sich jetzt gegen den Staatsapparat, gegen die Verwaltungshürokratie und die Wehrmacht richten müßte. Die „Freiheit", das! Organ der U. S. P., hat sich ein außerordentliches Verdienst erworben, indem sie von Fall zu Fall kJlar erwies, wie der Staatsapparat trotz der rechtssozialistischen Minister zur Unterdrückung der besitzlosen Klasse verwendet wurde, wie die sozialistischen Regicrungsmitglieder nur die Gefangenen geheimrätlicher Bürokraten und junkerlicher Offiziere waren. Eine „rein sozialisttische" Regierung ist deshalb undenkbar ohne die proletarische Diktatur. Würden es die ReChtssözialisten mit der Losung der Einigung ernst meinen, so müßten sie nicht mir das Bekenntnis1 zur Diktatur des Proletariats annehmen; sondern müßten auch dafür wirken Allerdings ist es auch denkbar, daß die „geeinigte" Partei nach ungarisch - sozialdemokratischem Muster auf jede Gegenwehr verzichtet, sich der neuen Gewalt der Reaktion beugt oder vielleicht £ar, eben wie in Ungarn, Bros'am'en von ihrem' reichen Tisch1 zu erhaschen sudht, wlährend sie die Interessen der Massen der kühngewordenen Aus)- beutungsgier zum Opfer bringt. Dann würde sie allerdings nur die konservativeren, von der Gewerksdhaf tsbürokratie^ beeinflußten, gutges'tellten Arbeitergruppen behalten; die großen, revolutionär .gestimmten Massen würden den Linksmarsch, der sie aus: dem Lager der Mehrheit in das: der U. S. P. geführt hat, weiter fortsetzen und in revolutionären Situationen die Kaders der Kom'münisiten auffüllen, wobei es allerdings1 möglich is't, daß nur der über die. politische Lage zu klarem' Bewußtsein gelangte Teil sich der K. P. anschließt, während die große Mas|se scheinbar pas'sliv wird, untätig bleibt in der Zeit lastender Reaktion, und ihre gespannten Energien erst in der Zeit revolutionären Ausbruchs zur Wirkung gelängen. Ist aber diese Spaltung in eine kleinbürgerlich - reformististdhe Arbeiterpartei und eine proletarisdh'-revolutionäre Kam'pforganisktion. Vielleidhlt das Ideal der „Einiger"? Nützlichf, umf.der notwendigen Klarheit willen, wäre sein deutliches! w Ausbrechen wohl. Die Einigung aber des deutschen Proletariats.' wie wir sie meinen, seine Einigung insjofern es revolutionär ist, ist1 nur in der Revolution möglich. Und er erhob sich1 mit gefalteten Händen. Sein schönes Antlitz, das» den ernsten Ausdruck1 einer Statue bewahrte, neigte sich und er wiederholte: — „Pie Zukunft! Die Zukunft! Sache der Zukunft ist es, das Gegenwärtige wieder gut zu machen, es auszulöschen aus der Erinnerung der Menschen, wie etwas Widerwärtiges und SChirnipfliches. Und doch ist dieses Gegenwärtige notwendig, ja notwendig! SdbJmaeh' über das Handwerk1 der Soldaten, welches Mensichen bald in hirnlose Qpfer, bald in niederträchtige Henker verwandelt! ja, Schmach! Das ist Wahl, jedoch — es ist zu wahr; wahr für die Ewigkeit, aber noch nicht für uns. Es iwird zur Wahrheit werden, wenn es aufgezeichnet wird unter anderen Wahrheiten, die wir erst später zu erfaslsen vermögen, wenn unser Geist sich verklärt. Jetzt in diesem Augenblick, ist diese Wahrheit fast ein Irrtum; dieser geheiligte Ausspruch nur eine Gotteslästerung!" Er lachte besonders wohlklingend auf und setzte nachdenklich fort: — „Einst sagte ich ihnen, daß ich1 nur deshalb an Wahrsagungen glaube, um sie aufzumuntern und zu veranlassen, vorwärts zu schreiten". Dieser ruhige, mutige Mann, den die ganze Mannschaft seiner Abteilung verehrt und der solche Worte spricht, führt sie zum unsinnigen Gemetzel und stirbt im Felde, umgeben von verwesenden MenschenleiChen. In all diesem äußert sich grell' und höhnisch ein mörderischer Widerspruch, der den Menschen zu einem willenlosen Werkzeug, zu einer ekelerregenden Maschine erniedrigt, die von irgend einer bösen und finsteren Macht geschaffen zu seil' scheint, um ihren teuflischen Zielen zu dienen. Nah und herzlich lieb sind diese unglücklichen Helden, aber sie scheinen wahrlich' Aussätzige zu sein, die einen ewigen Widerspruch zwischen .Verstand und Willen in sich'tragen. Es! scheint, daß ihi Verstand schon hinlänglich gekräftigt ist, um im stände zu sein, diesem widervvärtigen'Gemetzel ein Sammelt fü* den 5000 Kronen-Fonds der „Freien Tribüne11.

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