Freie Tribüne
- Journal
- Freie Tribüne
- Volume
- 1 (1919)
- Issue
- 46 (6.12.1919)
- Date
- 1919-12-06
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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^PO^rAA/5A j^LLEFZ. L&J^tG£Q~ E f=L£//V/ Q T E (^C/-// ||tlttiini%iiti»iittiiiiifftitif»fiiii i •ttt»i%iiiiii*iii«tf iitiifiniiuiinmi*»iiniii iiiitit/rtff int in um« in riniivMitiirf «u rii tf f tri t r r i rti f m iti f Kr y fj^f ru iiriMn (f 11 mmm f i "Mif rm n f m n FRIIE TRIBÜNE Organ der jüdischen sozialistischen Arbeiterpartei Poale Zion in Deutschösterreich. REDAKTION und VERWALTUNG; Wien, 11., Glockengasse Nr. 6, Tür 17. Bezugspreis samt Zustellung: Ganzjährig K 15 — .... Halbjährig K 7.50 . . Vierteljährig K 3.80 . . . Erscheint jeden Samstag. Einzelnummer 30 Heller I. Jahrgang Wien, 6, Dezember 1919 Nr. 46 (Dorfen, freunde! Die materielle Lage unseres Organs ist eine sehr schwere. Nur durch die tatkräftigste, opferfreudige Förderung aller Gleichgesinnten und Freunde können wir unsere verantwortungsvolle Aufgabe, die wir freudig auf uns genommen haben, einem gedeihlichen Ziele zuführen. Die schwere wirtschaftliche Lage, in der sich die jüdischen Proletarier Deutschösterreichs befinden, macht es unseren Genossen und Freunden im Auslande zur Pflicht, das Erscheinen und den Aushan des Blattes zu ermöglichen. Redaktion und Administration der „freien Cribitoe4*. Klassenkampf trotz Koalition. Ummer wieder und wieder kann man es: bestätigt finden: die Yorgescihjirjhite der Menschheit — wie iMarx die vorspzialististihe Periode nannte — ist nichts1 anderes1, als die G,eöjcWi'chte ununterbrochener KlasisentfiäWpfe. Und der gesbrnchitriche Fehler alfer opportunistischen Politik1 liegt! in der irrtümlichen Ännahjm'e, es gabe ges! c hli ch11 icWe Entwickirrig: öWfre ^tasisäen^iätnipfe; rnitj anderen »Worten: für die Opportunismen gibt esi Zeiten, in denen der Klassenkampf eine „notwtendigie/' Unterbrechung erfahrt, ohne daß dadurch1 die Entwicklung aufgehalten oder unterbrochen wäre. .Diesem: Irrtum verfielen auch' unsere Sozial* deinokraten, als teüe in die Koalition gingen.. Erinnern wir uns doch! noch1 einirial, wie man abwechisiehid argumentierte. Zuerslt fhleß eis1, die Koalition sei deswegen notwendig, damit die „aus allen Schichten der Bevölkerung freige^ähttjei Regierung-' einen besseren 'Frieden ergangen könne. Als ob Krieg und Frieden außerhalb der Gesetze der historischen Entwicklung Hägen, bzw. denselben übergeordnet wären; als) ob nicht Krieg wie Frieden unmittelbare Folgen und konkrete Aus'drucksform'en der durdh) die historische Entwicklung bedingten Kl'aslsenkämipfe wären. Dann hieß es', die Unterbrechung im' Kiassenkahrpfe wäre deswegen geboten, wteil die Produktion aufzurichten sei. Als ob in der Vorgeschichte der Menschheit es eine Produktion sich Ie cht hin und nicht eine bestimmte, auf Klassenunterschieden beruhende Produktion gäbe. Später, als man allmählich gewahr worden war, daßi durch das Aufgeben des .Klassenkampfes! die Klassenteilung und somit die Klassengegensätze nodh beiweitem nicht aufgehoben seien, als man erkannte» daß in einer Klassengesellschaft weider von gutem1 Frieden noch auch von einem] Wi i e d e r a u f b a u d e r P r o" d u k t i o n s c hi e c h! thJin die Rede sein kann, da sann man nach! und fand, daß die Koalition dazu da sei, damit . . .kein Klassenkampf gef ührt werden „mfüs> öe". So gab der dauernde Klassienfriede der Koalition Sinn und Bedeutung. Selbst Genosse Otto Bauer gab sich dieser gefährlichen Täuschung hin, als er für die ^dritte" Koalition eintrat. Er argumentierte wörtlich: Würde in Deutsdhösterreic'hi keine Koalitions-, sondern eine Kfassenregierung des Bürgertums bestehen, dann würde z. B. an der „Frage der Wehrmächt*' der Bürgerkrieg im Lande entbrennen. Und umgekehrt. Ebenso, meinte er, würde es! bei einer ganzen Reihe politischer und wsrtschaftlidher Fragen zum1 Bürgerkrieg kommen, wenn nur eine geselfsehaft- Hche Klasse das1 Land regierte. Und siehe da! Die Regierung liegt formell in den Händen beider Geselfechaftsklasisien, — der Ausbeuter und Ausgebeuteten — und trotzdem1 — oder eben deswegen — rebelliert die besitzende Klasse gegen alles, was diese klassenfriedliche Regierung unternimmt, bzw. unterläßt. Speziell aber die „Frage der Wehrmacht" hat den unverhüllten Klassenkampf, ja die offene Meuterei aller großen und kleinen Ausbeuter hervorgerufen. Die geschichtliche Entwicklung läßt sich eben weder aufhalten, noch irreführen. Die besitzenden Klassen wissen allzu gut, daß die Regierungsffrage in erster Linie eine Madhtfrage ist, nnd deswegen wollen siet daß die Wehrmacht derart beschaffen sei, daß sie die Machtpositionen der Besitzen- *den verteidige und den Arbeitenden die Machtle'rgreifung wehre. Darob der Kampf! Ein Kämpf, den das Proletariat in ungünstiger DefensiVsftellung führen muß, Weil . . . weil es „glaubte", diesem' Kampfe a usfweic h>en zu können. Die tägliche Erfahrung hat uns nur noch ein übrigestol bewiesen^ daß für die Arbeiterschaft nur dasjenige als feste Errungenschaft gelten kann, was esi im' Klassenkampfe errungen hat. Und etwas zu erringen ist die Arbeiterschaft nur dann fähig, wenn sie weiß1, daß, um' zu siegen,, man zielbewußt kämpfen muß. Aus dem Lager der heimischen Der chrislich-sozialdemokratische weiße Pogrom. Nun ist dem gesetzlosen Verbrechen des Severschen Erlasses eine „gesetzliche" Grundlage gegeben worden! Die niederösterreichische Landesregierung hat einstimmig beschlossen — mit den Stimmen der Sozialdemokraten — die Landesregierung dringlich aufzufordern, ,,mit größter Beschleunigungdie Abreise alter (volkswirtschaftlich schädlichen Fremden, insbesondere der zugereisten O s t j u d e n, durchzuführen, um Wien von einer Armee . . ^rV&n und Kettenhändlern zu befreien." Die Armee von Schiebern und Kettenhändlern, von, Kriegsgewinnern und Prassern, soll ja schleunigst hinausgeschoben werden! Nicht nur wegen der brennenden Wohnungs- und Lebensmittelnot, sondern auch wegen des beleidigten Sittlichkeitsgefühles der Allgemeinheit, Wegjen des aufreizenden, erbärmlichen Treibens dieses schandbaren Menschenschlages. Wir fordern die rücksichtslose Abschiebung dieser „volkswirtschaftlich schädlichen Fremden" und auch Einheimischen, Juden und Deutschen, katholischer oder mosaiischer Konfession! Forderten dies im Arbeiterrat und bei Beratungen mit den sozialdemokratischen Vertretern in der Regierung. Gewarnt haben wir davor, daß man Schieber und Kettenh ändler sagt, und die produktiv Arbeitenden ausweist. Die Praxis der Ausweisungen hat uns leider Recht gegeben. Keinem' „volkswirtschaftlich schädlichen Fremden" ist ein Haar gekrümmt worden; („und mit Recht", sagt ein sozialdemokratischer Staatssekretär — „sie bringen ja Geld unter die Leute") — neunundneunzig Prozent der Ausgewiesenen sind ehrliche Arbeiter und Angestellt* ^„und mit Recht", sagt ein sozialdemokratischer Landeshatf/'.maroi — „sie nehmen ja die Arbeitsplätze unseren Arbeitslosen weg . . .") ~ das ist die christlichsozlal-demokratisobe Praxis I Dieser Solid ar itätsb'ruch gegen die Arbeitenden bleibt ein Schandfleck der Führer der herrschenden Partei im Lande. Die arbeitenden Massen, die klassenbewußten Proletarier, haben volles Verständnis gehabt für die Notder jüdischen Proletarier, ob sie in Arbeit stehen*, oder durch die wirtschaftliche Katastrophe arbeitslos geworden sind. Der sozialdemokratische Landeshauptmann Sever hat ja Gelegenheit gehabt, zu hören und zu spüren', wie die wirk: liehen Sprecher der Arbeiterschaft fühlen und denken. Das detitschöstcrreichische Proletariat ist sich, dessen bewußt, das es selber in Not, auf die Solidarität sge fühle und Hilfe der Intern atio n a 1 e der Arbeitenden angewiesen, imreigenen Lande keinen, Solidaritäts bruch begehen darf! Aber die sozialdemokratischen Führer, 'in Koalitionsgemeinschaft mit den christlichsozialen Radaubrüdern'verbunden,'folgen wie in allen^ so auch in der Fremdenfrage, deren antisemitischen Instinkten. Sie stimmten dem „privile g iu m od ios um" gegen die O s t ju d e n im Staatsbürgerschaftsgesetz zu, nun stimmen sie für eine unerhörte Pauschalverdächtigung, die in den Worten der Resolution: „Abreise aller volkswirtschaftlich schädlichen Fremden, insbesond ere der zugereisten O s t j u d e n" und ferner: ,'^um Wien vlbn einer Armee von Schiebern und Kettenhändlern zu befreien", ausgedrückt wird. Ja, glauben denn die sozialdemokratischen Landtags-Abgeordneten, 'mit Gen. Richter als Spre* eher der Fraktion zum,' Ausweisungsantrag, der so wahre Worte für die jüdischen Arbeiter und so mutige gegen die antisemitische und reaktionäre Pogromhetze fand, glauben sie denn wirklich, mitsamt dem1 „Linken", Gen^. Dr. Max Adler, der lungenkräftige Zwischenrufe gegen die Christ-, lichsozialen zu schleudern wußte, daß alle. Ostjuden „volkswirtschaftlich schädliche Fremde sind? \ Glauben sie wirklich diese Mithilfe an einer Pauschal - Verdächtigung, einer schändlichen Beschimpfung der jüdischen Arbeit, die Mithilfe an dem WEISSEN POGROM ~w der -^saDit%v^^ Äalf ^jx&ki* können? Wir sammeln die Fälle der in Arbeit Ergrauten, die mit allen ihren Kindern in der Fabrik stehen — vom ersten Moment an, in dem' sie der verbrecherische Habsburgerkrieg nach Niederösterreich, von A r b e i t und Wohlstand in Not und V e r f o lg u n g /trieb, vom ersten Moment an krankenkassenversichert und gewerkschaftlich organisiert, doch ausgewiesen werden. Wir sammeln sie, und den sozialdemokratischen Führern wird auf allen internationalen Arbeitertagungen, mögen sie inj der II. bleiben, die III. wählen^ oder eine IV. ausbauen wollen, diese Scfomach ins Gesicht geschleudert wiw-. den, die Schmach, daß sie in Not die Hilfe der Internaltionale rufend, die bedrücktesten Kinder der Internationale, die jüdischen Arbeiter, der antisemitischen Hetze preisgegeben haben! Wir wissen, daß wir jetzt tauben Ohren klagen, wissen aber auch, daß vor dem unerbittlichen Gericht der Internationale, die Koalitionsbrtider der Reaktion sich nicht werden reinwaschen können! Oer liberale Jude Friedmann auf Gastrollen bei den Ghristlichsoziaien. Wer erinnert sich nicht, wie noch vor kaum zwei Monaten die heimische Gegenrevolution für alle Not, für aMe Leiden die ... nun ja, die Juden verantwortlich machen wollte? Es war allerdings höchst ergötzlich, zu hören, wie der LandeshauptmannsteUvertreter Steiner gegen „die Vpr-» herrschaft der Juden in Staait, Land und Gemeinde" zeterte. Damals glaubte die Gegenrevolution alles zu gewinnen, wein« es ihr gelänge, den arbeitenden Massen Wiens einzuredeja, der Jude wäre an allem Bösen schuld. vMassen"vers.aui|nh hingen und Demonstrationen sollen den Beweis erbringen, daß das „Volk" in den Juden — gleichviel, ob reich ob arm — die Ursache all seiner Not erblickt. Diese gegenrevolutionäre Pogromtätigkeit scheiterte an dem gesunden Sinn der klassenbewußten Arbeiterschaft, Die Pogromhetzer mußten sehr bald einsehen, daß ihre Intrigue durchschaut und dadurch vereitelt ist. Nun, da es „gegen die Juden" nicht verfange« hat. versuchen sie es „mit den Juden" gemeinsam zu machen. Mit den reichen Juden natürlich! Vor demselben „Volke Wiens", vor dem man noch vor zwei Monaten Pogromreden gehalten hat, erscheint mvan Genossen und Genossinnen! Leset und verbreitet die „Freie Tribüne".