Freie Tribüne
- Journal
- Freie Tribüne
- Volume
- 1 (1919)
- Issue
- 45 (29.11.1919)
- Date
- 1919-11-29
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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Otto Bauer mit dieser Tatsache in der Nationalversammlung auseinandergesetzt, und dabei die richtigen Worte gefunden, u!ml der Bourgeoisie klar zu machen, daß sie die Rechnung ohne den Wirt nracht, wenn sie daran denket, aus der Not des Volkes für sreft und für ihre monarchistischen Bestrebungen Kapital zu schlagen. Tatsache bleibt es jedoch1, daß alles Bestreben . des " gesamten Bürgertums darauf hinzielt, einen Kaiser einzusetzen und daß die ins Ungeheuere gesteigerte Not, nach dem1 Plane der Gegenrevolution, dazu dienen soll, die 'Stimmung des Volkes1 für diesen Urnsturz vorzubereiten.^ Wir müssen uns datier ernstlich1 fragen : wie war dies nur möglich? Wie konnte es dazu kommen, daß selbst die arbei- . tenden Schichten der Bevölkerung von dieser fa- ' taten, wahnsinnigen und gefährlichen Stimmung er- ^ilfeniV^vi|r4cn?.,.V7.i.e. ka/rn! es,, da ß 4'i e B o uxr geörsTe anstatt sich1, vor der durch die Not hervorgerufenen Stimmung des ' Vofkes tu fürchten, dieselbe eigenhändig schürt? Wie Wurde es Wöglicrr, daß die Arberterschaft anstatt in der Bourgeoisie und deren iSjqfrutzherrn, dem1 Kaiser, die währen Schuldigen ihrer Not zu sehen, auf die Verlockungen und Ver« (heißungen der Reaktion auch nur 'tfört? Wollte die Sozialdemokratie sich1 mit diesen Fragen, soweit dieselben nicht vor da^ Forum der NatlonaWersammTung, sondern vor dasjenige der .Arbeiterrate gehören, ernstlich auseinandersetzen, •dann müßten sie mit Selbstkritik beginnen. (Nicht etwa in dem' Sinne, daß die Sozialdemokratie zu wenig bemüht war, die Not zu mildern. I;ml Gegenteil, es ist für jeden unvoreingenommen Denkenden klar, daß1 Wenn irgend jemand, so war es die Sozialdemokratie, die all ihre Kräfte dem Werke der Notlinderung gewidmet, ja, sich geradezu für diese Sache geopfert hat.;Die Selbstkritik müßte damit beginnen, endlich eüwrral klar zu erkennen, daß1 es vom sozialistischen $*tiandpunkt im besten Falle ein politischer Leichtsinn war, in den Volksmasisten die gefährliche Illusion zu erwecken und fortdauernd zu nähren, daß man im! ^Rahmen und auf der Grundlage der in sich zaisaminengebrochenen kapitalistischen Wirtschaftsordnung die Not des Volkes auch' nur lindern kann. Und die Sozialdemokraten haben diese Illusion nicht nur erweckt und genährt, sondern auch' noch dadurch) verstärkt, indem1 sie die Not als alleinige Folge und ausschließliche Eigenschaft aller Räterepubliken dargestellt haben.* 'Anstatt die Massen ununterbrochen über die wahren Ursachen der Not aufzuklären und gegen die kapitalistische Wirtschaftsordnung aufzurütteln, erweckten die Sozialdemokraten den für die Revolution gefährlichen Glauben, sie, -■- die Sozialdemokraten — 'wären in der Lage, ohne die Herrschaf t der Bourgeoisie a uz.u taste n, ohne die kap i ta 1 ist iscthe Wirtschaft*. Oirdn u n g zu überwindent die Not aus der Wert zu schaffen., 1 (Nun will die Bourgeosie die enttäuschten Volks- 'massen für ihre Zwecke der Gegenrevolution gebrauchen und die Not sbTF-ihr als Triebkraft dienen. Die Sozialdemokraten verschmähten es, aus der Not des Volkes die scharfe Waffe seiner Befreiung #u schmieden und müssen nun zusehen, wie diejenigen, die sie vor dem' berechtigten Zorne des Volkes geschützt haben, die Unzufriedenheit der Massen auf das Haupt der Arbeiterführer ablenken. Noch ist es nicht spät, in vorletzter Stunde die irregeführten und enttäuschten Volks'massen durch eine zielbewußte, kühne sozialistische Tat von Unbesonnenheiten zurückzuhalten und auf den richtigen Weg des Klassen kämpf es zu leiten.; Der Bour: geoisie muß es klar gemacht werden, daß sie mit dem Feuer spielt, wenn sie die Gegenrevolution durch1 die Not schürt', 13er Arbeiterschaft müß; es verständlich gemacht werden, daß das Ende der Not erst am' Ende der kapitalistischen Gesellschäfts'- ordnung zu finden sein wird. Dann wird aus den unermeßlichen Leiden des Volkes der bewußte Witte zur Tat zur Selbst befrei ung geboren! Dafür würde sich's auch5 verlohnen zu leiden; Der proletarische Palästinismus im Uchte der sozialen Revolution.*) n. Die soziale Revolution, in deren Lauf die clementaren Prozesse der kapitalistischen Epoche rea* lisiert werden, ist permanent; sie hat nicht den Charakter von Augenblicksereignissen, sondern ist ein dauernder Prozeß, in dessen Verlauf die Wellen der Revolution die Konterrevolution besiegen, zu Zeiten,aber auch "tk^ß^B&^in&i^i^ in ihrer Gesamtheit, die die 'politische Macht in ihre Hände nimmt, muß die ganze Wirtschaftsordnung umgestalten, weit sie unmöglich das anarchisch^individualistisChC System' des Kapitalismus am' Leben lassen kann. Die Konzentration der Produktion, diese notwendige Vorbedingung für den Sozialismus, ist in ihrem' absoluten Sinn in der kapitalistischen Ordnung nicht erreicht worden, und die Wirtschaftspolitik' des siegreichen Proletariats besteht vor allem1 in der Vertrustung und Syndizierung der ganzen Pn> duktion. Es schließt die kleineu Fabriken und Werkstätten und organisiert die Produktion in den ■größeren Fabriken, die mit mechanischer Kraft arbeiten. .Natürlich kann dabei die Arbeiterklasse nicht gegen das Los der Proletarier gleichgültig bleiben, die in den rückständigen Produktion^- zweigen beschäftigt waren, und sie muß sie in die höheren Produktionsfonnen aufnehmen .....ganz an* ders also als die käpitalistisehen Trusts, die die Proletarier auf die Straße setzten. Die absterbende kapitalistische Ordnung hat als Erbschaft den Bankerott hinterlassen, der Weltkrieg die Grundfesten unseres Wirtschaftssystem erschüttert, so daß die jetzt herrschende furchtbare Arbeitslosigkeit als unvermeidliches historisch notwendiges Uebel 'erscheint, mit dem man nolens volens rechnen muß. Das jüdische Proletariat ist hauptsächlich in den rückständigen Produktionszweigen konzentriert; Es füllt die kleinen Werkstätten, die durch die so lzialte Revolution beseitigt: Werden. Es ist aber infolge der Arbeitslosigkeit unmöglich, sie den höheren Produktionszweigen zuzuführen, die schon in das sozialistische Wirtschaft-System einbezogen werden können.; Daraus entspringt ein außerordentliches Bedürfnis nach Auswanderung^ Es wird noch dadurch verschärft, daß die ökonomischen Positionen des Kleinbürgertums durch die sich vermehrenden Konsum* und Produktivgenossenschaften zerstört werden. Aber dieses' Auswanderungsbedürfnis ist keine rein jüdische Erscheinung.: Alle Nationen im1 Staate empfinden es in größerem oder geringerein 'Mäße. , Und eine der wichtigsten Aufgaben einer Arbeiterregierung besteht darin, die Wanderung zu regulieren und selbst die Führimg der sozialistischen Kolonisierung der rückständigen Länder zu ergreifen. Natürlichkann die Auswanderung nicht in die kapitalistisch' entwickelten Länder vor (sich! gehen, weil auch' dort der gleiche Prozeß der sozialen Revolution begonnen hat. Bei der Durch *) „Ft-rTribüne1' 44. Oeilniekt auf ßrurul freier Diskussion. führung der sozialistischen Regulierung der Emigration muß man unbedingt die Eigenart der betrefden wandernden Masse in Betracht ziehen^ Die den rein agrarischen Ländern angepaßten Emigranten werden nach Sibirien oder in die Kyrenaika, nach''Argentinien oder Uganda geschickt: Der Arbeiter- und Handwerkercharaktcr der jüdischen Wanderung p-ßti sie nur die Richtung nach' dem halbagrarisicih'en, Walbindustriellen Palästina einschlagen. Das ist das) Leitmotiv, das in "icr Zeit der sozialen Ktvolütion das jüdische Proletariat veranläßt, noch1 energischer als früher die Arbeit für die Schärfung des territorialen Zentrums in Palästina zu leisten./Zwar entfällt das Moment der nationalen Konkürrenz gänzlich1, aber der Wanderungsprozeß geht elementar vor sich, und jeder Marxist, der vorhandene Tatsachen als naturnotwrendig anerkennt, muß auf dieses1 Problem1 eine Lösung suchen'. Wie entsteht aber jetzt das -Zentrum? Zwar hat in der kapitalistischen Entwicklüngsp^riode die Emigration der jüdischen Arbeit dieselbe Richtung eingeschlagen, wie das jüdische Kapital. Im Aufeinauderwirk'en dieser beiden Faktoren wurde Palästina kapitalisiert. Der Imperialismus aber hinderte das kleine und mittlere Kapital an der Kolonisierung Palästinas durC'fo Ausfuhr des Finanz-Großkapitals in die rückständigen Länder, in denen es dank der Billigt cter^lLÖTM Profit erhoffen konnte Das kleine und mittlere Kapital konnte die Konkurrenz mit dem' Finanzkapital nicht durchhalten und deshalb in Palästina nichts schaffen : es wandelte sich! in schreienden „Hedadismüs*'*) und in kämpfenden Hebraismüs; Naive Gemüter behaupten, daßi es durch1 Vereinigung die Konkurrenz hätte durch1- Jialiten können. Das ist falsehl Den dann nähme es1, l'os'gerissen von seinem1 Träger, dem1 Klein- und Mittelbürgertum1, den kosmopolitischen Charakter des Großkapitals an und wanderte, sobald esi nur die Möglichkeit größeren Profites in einem! anderen Land witterte, aus Palästina weg., Infolge der Begleitumstände der sozialen Revolution ist das Privatkäpitat bei seinemi parasitischen Charakter durchaus unfähig, eine autonome jüdische Wirtschaft in Palästina zu schaffen und mit dieser Aufgabe befaßt sien1 selbsttätig das jüdische Proletariat, als Mittel1 die sozialistische, genossenschaftliche Kolonisation gebrauchencü In der kapitalistischen Ordnung war für die Krassenaktivität des Proletariates die Produktivgenossenschaft ein unzulässiges Mittel, weil sie die Konkurrenz mit dem' Großkapital nicht aushalten und sichi durch Heranziehung von Privatkäpitaf und Lohnarbeit in ein kapitalistisches Unternehmen umwandeln mußte. Das jüdische Proletariat war an . der ^Kapitalisierung*' Palästinas interessiert und beschäftigte sich darum» mit selbständiger Kolonisation ebensowenig, wie iml airgemeinen die Arbeiterschaft Fabriken gründetet.' Jetzt aber hat sich' die Lage durchaus geändert- Die proletarische Krasse tritt jetzt als/ der einzige Erbe der hingeschiedenen kapitalistischen Wert - Ordnung auf und nur sie ist in der Lage, die Gesellschaft auf neuen Grundlagen zu errichten.' Früher konnte sie sieli da;mit begnügen, die historischen Prozesse zu regulieren, die Rolle einer Hebaimtaie zu spielen und int übrigen zu hoflfen, daß der Messias- Sozialismus schon kommen wird;, Dieser muß jetzt ein kategorischer Imperativ werden, er muß1, wie Genosse Borochow richtigsägte, „eigene Willensimpulse zeigen, wenn er nicht bankerottieren will.* Er darf nicht eine Weltanschauung bleiben^ sondern muß schaffende Kraft werden. Der revolutionäre Sbziälisnrus — Kommunismus — hat seine Aufgabe begriffen und befaßt sich mit der Organisierung der Produktion durch1 Produktionsvereine, Genossenschaften und landwirtschaftliche Kommunen. Durch die gleichen Vereine und Genossen schlaffen muß auch das jüdische Proletariat das territoriale Zentrum in Palästina schaffen., Dazu ist aber *) Jüdisch«r Hunapatriotismus. Genossen und Genossinnen! Leset und verbreitet die „Freie Tribüne".