Freie Tribüne
- Journal
- Freie Tribüne
- Volume
- 1 (1919)
- Issue
- 42-43 (15.11.1919)
- Date
- 1919-11-15
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 8 Freie Tribüne Nr. 42-43 zur gründlichen Diskussron zu stellen und beauftragt die Redaktion des Parteiblattes, dieser Frage besondere Aufmerksamkeit zu widmen. 2. Die Konferenz beauftragt das Z. K., noch vor der nächsten Weltkonferen7 ein Referendum in den Ortsgruppen aber die Frage der Beteiligung an den zionistischen Kongressen durchzuführen'. 3. Die Konferenz ist der Ansicht, daß die Palästinatätigkeit des allweltlich.cn Poalc Zion-Verbandes in kcU n e m unmittelbaren Z u s zu nr m e n h a n g e mit der i. i onis tischen W c 11 o rg a iKi sat i o n steht und selbst- »tändiggeführt werden muß. Falls das Referendum vor der Wettkonferenz nicht durchgeführt werden kann, wird die Vertretung der deutschen. Poale Zion-Organisation auf der Weltkonfercnz beauftragt, im Sinuc dieser Ansicht zu stimmen. Außerdem wird eine Resolution zur jüdischen Gemeinde politik angenommen und ein Organisationsstatut beschlossen. der Jüdischen sozialdemokratischen Arbeiterpartei Poale Zion in nähren nnd Schlesien. Samstag, den 15.$ und Sonntag, den 16. November, findet in Br$mn der erste ordentliche Landesparteitag statt. Beginn 3 Uhr nachmittags. Auf der Tagesordnung befinden «ith unter anderen Punkten ein Referat über die politische Lage und die Parteitaktük, ein Referat über Organisierung der Palästinaarh'eit und ein Referat über Gewerkschaftsarbeit. Parteiberatung in Warschau. (Schluß. Siehe Fr. Tr. Nr. .38, 39.) Ueber die kufturelle Arbeit sprach ein Genosse des Z. K. Er führte unter anderem aus: ,,Vor unseren Augen entsteht eine neue Kultur, deren Träger und Schöpfer das Proletariat ist. Je größer die politischen und sozialen Aussichten des Proletariates, desto mehr veranlaßt es einen eigenen und neuen Inhalt des kulturellen, Schaffens, und um' so. mehr ist es gezwungen, den proletarischen Geist in die Erziehung der Jugend hineinzutragen. Die Ziele der proletarischen Kulturarbeit werden durch den dauernden tagtäglich sich abspielenden Klassenkampf bestimmt, und seine Aufgabe ist es, ein für die neue Gesellschaft kampffähiges Menschengeschlecht heranzubilden, welches nicht nur imstande sein soll, Altes zu zerstören, sondern auch Neues aufzubauen. Die Kulturarbeit ist heute mehr denn je mit dem politischen Kampfe eng verknüpft und ist auch eine seiner wichtigsten Waffen." Es wurde folgende Resolution angenommen: Die Beratung erkennt die Notwendigkeit einer Vereinigung und Vereinheitlichung der Kulturtätigkeit der jüdischen sozialistischen Parteien an, um das Kulturniveau <der jüdischen Arberter in Polen' zu heben und sie im Gerste des Proletariates zu erziehen- Zu diesem Zwecke ist es 'durchaus nötig, eine Kulturliga tu schaffen. Im Anschluß an das Referat des Landtagvertreters, dem die Beratung «ihre Anerkennung für seine unter besonders schwierigen Verhältnissen geleistete Arbeit und das Ver- ■trauen ausgesprochen hat, wurde folgende Resolution angenommen : In der jetzigen Zeit ist der politische Kampf aus dem Landtage in die Massen zu vei legen, und der Stimmung des Landes Rechnung tragend, ist enge Fühlungnahme mit dem Volke durch Berichterstattung und Vorträge nötig. , ' ' i Theater und Kunst Freie jüdische Volksbühne. Diese Vorstellung steht vielfach unter dem Niveau der bisherigen Darbietungen der Freien jüdischen Volksbühne", obwohl der äußere Rahmen der Aufführung gerade diesmal besonders sorgfältig berücksichtigt worden zu sein scheint: zwei Werke an einem Nachmittag, ungünstige Textwahr, willkürliche Textänderungen, dazu noch zwischen den Akten übergroße Pausen bei schüttelnder Kälte, die den halbleeren 'Zuschauerraum beherrschte. „Mit dem Strom" ist eine HasJcala-Tragödie. Das Motiv ist ja seit dem Dnrchbruch von Moses Mendelssons Ideenwelt sehr populär. David kehrt dem Talmud den Rücken, reißt sich los von Weib und K^nd, um im neuen ..Strom" der Zeit sich einen „neuen Gott" zu suchen. Nach langem Wandern kehrt er aber heim — zerbrochen, zermürbt, den alten Gott verloren, keinen neuen gefunden, . . Ihm gegenüber steht der arte Reb Sonach, mit sich und mit seinem Gott einig, voll Glauben und Zuversicht -• eine Verkörperung unüberwindlicher Einheit. - Das ist mit ungewöhnlicher epischer Breite und Länge vom Dichter geschildert, die nur durch einige ergreifende Bilder belebt wird. Scholem Alejclrems Agenten" sind eine reizende Burleske, mehr als bloß äußere Situationskomik enthaltend — sonniger Humor durchleuchtet hier ein Stück menschlichen Kleinlebens. Der Beruf des Versicherungsagenten war einst unter Juden in der Heimat des Dichters allzusehr verbreitet und dieser Tatsache entlockt der Dichter die komische Situation seines Einakters. Schauplatz der Handlung ist ein Eisenbahnkupee. Wie die vier Agenten — vier verschiedene Charakterköpfe - - nacheinander erscheinen, wie sie, vor allem aufs Geschäft bedacht, einander durch allerlei Kniffe für eine Lebensversicherung einzufangen suchen, sich allmählich alle als Berufsgenossen, vom selben Teufel genasführt, entpuppen, und schließlich mit den Versich crungsbücheln in den Händen verdutzt einander gegenüberstehen, — das ist mit sprudelndem Witz dargestellt, das ist ech^e Komik. In beiden Stücken spielte Herr Deutsch die Hauptrolle; er zeichnete auch als Regisseur. Herr Deutsch ist ohne Zweifel ein talentierter Schauspieler. Aber er muß auf einer künstlerischen Bühne richtig verwendet werden: er gehört wesentlich in das Gebiet des Komischen. Für den David Scholem Asch' fehlte ihm deshalb eine innere Note, er war aber unübertrefflich als dritter Agent in Scholem Alejchems Einakter. Jedes Talent ist eben als solches immer nur spezifisch, nicht universell. Und eine strenge Differenzierung der Schauspielerkräfte ist unbedingt notwendig - für die künstlerische Altsschöpfung des Dichtwerkes, für die künstlerische Wirkung der Aufführungen; „Mlrele EfrOS" von Jakob (Tordin, als Sondervorstellung von Poale Zion" im „Wiener Komödienhans" aufgeführt am 23. Oktober 1!>!}). Es ist zur festen Tradition geworden, Jakob Gordins Schaffen stets in fremden Einflüssen begründet zu sehen. Diese waren für ihn in der Tat außergewöhnlich maßgebend. Aber es hat doch damit ein eigenes Eewaudtnis; keiner versteht es, einem entstehenden Motiven- und Problemenkreis so wie Gordin ins jüdische umzugestalten, keinem kommt dabei eine eigene scharfe Beobachtungsgabe und Charakterisierungskünst so sehr zu gute. Eine frappierende Transformierungs- und Projizierungskunst bildet' das eigentliche Phänomen Gordin. Deshalb sind auch Gordins Gestalten, Motive, Situationen — trotz allen Mangels an Ursprünglichkeit auch vom jüdischen Gesichtspunkt ans durchaus diskutierbar. „Mirele Efros* ist eines der populärsten Dramen Gordins. Es ist populär durch die HauptgeBtalr, die auch schauspielerisch eine sehr dankbare Bolle bietet; es wurde in mehreren fremden Sprachen gespielt, unter anderem auch im Moskauer Theater: es hat auch eine berühmte berühmte Trägerin der Hauptrolle - die polnisch-jüdische Schauspielerin Kaminskaja, deren Glanzrolle die Mirele ist. Man ist gewohnt, dieses Drama von Shakespeares „König Lear" in Abhängigkeit zu bringen, was aber weniger in einem direkten dichterischen Bezug auf Skakespeare als in der leichten Assoziation des an der europäischen Literatur orientierten Lesers oder Zuschauers begründet sein dürfte. In der Tat läßt die Gestalt der Mirele auf eine bestimmte Gestaltenreihe, ja auf eine .ganz bestimmte Gestalt des russehen Dramatikers Ostrowsky zurückführen, dem Gordins Schaffen seine wesentlichen Grun-dzüge zu verdanken hat. Mirele entstammt dem Boden des ostjüdischen Lebens, das noch vielfach bis nun von paitriarcbalen Vorstellungen und Begriffen beherrscht wird, das innerhalb dieser Vorstellungen überraschend viel Schönheit, Ganzheit, ja Größe in sich birgt. Mireie ist eine solche Ganzheit, eine solche Größe, verständlich nur aus alter lebendiger Tradition eines festgeschmiedeten Familienlebens: eine unerbittliche Herrin ihres Hauses, stolz, eigenwillig, selbstbewußt und selbsticber — eine Art mater familias, 'deren Macht und Pflicht als selbstverständlich von ihren Untertanen hingenommen werder. An der Spitze von herangewachsenen Kindeni bildet sie auf diese Weise von vornherein eine tragische Figur und eine tragische Situation. Und wie im ^König Lear" weiß man auqh hier nicht: ist es mehr Tragik des Alters überhaupt oder Tragik der verletzten Hoheitswörde oder des verwöhnten Eigensinns. Die Kinder, die Verwandtschaft, besitzen allerdings zu wenig, Feingefühl für die überempfindliche Würde Mireles Immer wieder verletzt und verwundet, verläßt sie endlich ihr eigenes Haus, um nie wieder zurückzukehren. Es ist vielleicht der feinste Zug unseres Dramas, daß die endliche Aussöhnung Mireles mit ihren Kindern an die Barmizwa-Feier des Enkels geknüpft ist, an das Fest des neuen, sich erneuernden Lebens. — Weise milde, geläutert, über das allzumenschliche hoch erhaben —. steht Mirele vor uns am Schlüsse der Tragödie — ergreifend wie Menschenschicksal . . . Mit der Aufführung ausgeprägt jüdischer Milieustücke auf einer fremden Bühne ist es eine mißliehe Sache — auch wenn selbst Herr E. Brecher die Regie innehat: der jüdisch Orientierte vermißt zn stark die sprachlich assoziative Wirkung des Originals, auch kommt die spezifisch jüdische Typologie auf der fremden Bühne nie zum vollen Ausdruck, man hat höchstens den Eindruck einer unangenehmen Halbheit. — Für die Gestalt der Mirele reicht übrigens Frau Therese Bellan nicht ganz aus, gut war sie bloß im letzten Akte; stille Milde steht ihr besser als hoheitt>volle Kälte. Eine sehr gelungene Figur schuf Frau Else Fröhel als alte Magd Mireles. — Der Einfall, ein hebräisches Gebet im Original anf der deutschen Bühne wiederzugeben, ist kein glücklicher: es klingt .für den Juden wie eine Profanation. Dr. L—tz. IQdiscIiBP Arbeit BPbildungsvepeiD Nien. Motto: Bildung macht frei. Der jüdische Arbeiterbildungsverein hat sich das Ziel gesetzt, den Kulturzustand der jüdischen Arbeiter und Angestellten in Wie« zu heben. Ist es schon für Proletarier im allgemeinen schwer, aus der stumpfen und elenden Umgebung, in der sie aufgewachsen sind, zu einer höheren Lebenshaltung zu gelangen, so wird dies dem jüdischen Arbeiter durch die besonderen Verhältnisse in denen er lebt, geradezu unmöglich gemacht. Die fortwährenden Wanderangen, welche zu einer charakteristischen Erscheinung im jüdischen Arbeiterleben geworden sind, erschweren den regelmäßigen Schulunterricht der jüdischen Arbeiterkinder und lassen sie in Stumpfheit und Unwissen aufwachsen. Diese beklagenswerte Erscheinung bedeutet für die Knlturmeusehheit einen ungeheuren Sehaden, da bedeutende geistige Entfaltungsmöglichkeiten «schon im Keime erstickt, und große Massen des Volkes unvermögend werden an den Kulturschöpfungen teilzunehmen und teilzuhaben. Unsere geschichtliche Ep< he. deren hervorstechemterea Ausdruck das Erwachen des i. sher gedemütigten und sreknebelten Proletariats bildet, erfordert aber Männer und grauen, die auch die geistige Befähigung besitzen, iien Sofien Aufgaben der Befreiung der Menschheit ans <ler Lohnsklaverei gerecht zu werden. Der Wille zur Freiheit alleiu genügt nicht, die breiten Schichten des arbeitenden Volkes müssen auch den Produktionsapparat beherrschen können. Bis in die weitesten Kreise der jüdischen Arbeiterschaft soll die Erkenntnis von der Notwendigkeit der Selbstbildung und der Erschließung aller geistigen Kräfte, die uns innewohnen, dringen. Der jüdische Arbeiterbildnngsverein stellt eine Gruppe von jüdischen arbeitenden Männern und Frauen dar, welche diese Notwendigkeit erkannt haben und sofort daran geschritten nind, durch systematische Kurse alles Wissenswertd auf dem Gebiete allgemeiner und fachlicher Bildung der jüdischen Arbeiterschaft Wiens zu vermitteln. Es soll außerdem durch volkstümliche Konzerte und literarische Vorlesungen, weiche an Sonntagnachmittagen stattfinden werden, dem jüdischen Arbeiter das Reich der Kunst zugänglich gwmaeht werden. Bis jetzt sind folgende Kurse in Aussicht genommen: 1, Technische Fortbildungskurse. a) Mathematik, b) Mechanik und Maschinenelemmte. e) Technologie, d) Elektrotechnik, e) Fachzeichnen. 2. Fachkurse für Kleider mache r. ,'}. Betriebslehre. 4. Stenographie. 5. Zeichnen. 6. Sprachkn rse. a) Deutsch für jiddisch Sprechende, b) Englisch für jiddisch Sprechende, c) Jiddisch für deutsch Sprechende. 7. Hygiene des Alltags. 8. Hygiene für Frauen. 9. Gesell Sc h aftsl ehre. 10. Volkswirtschaftslehre. 11. Geschichte. a) Geschichte der Revolutionen, bj Geschichte der Juden nach der materialistischen Geschichtsauffassung, o) Geschichte der jüdischen Arbeiterbewegung. 11. Biologie. Anmeldungen für die Korse und als Mitglied-er «kjüdischen Bildungsvereines sind zu richten an die Konsum, genossenschaft für jüdische Albeiter und Angestellt«, Wien II., Blumauergasse 1. * Der jüdische Arbeiterbildungsverein vermietet seinen Vortragssaal für Vorträge und Vorlesungen. Der Saal faßt gegen 250 Personen und ist mit Lichtbiidapparat versehen. Nähere Auskünfte werden im Büro, Wteh, II,, Blumauergasse 1, 1. Stock, erteilt. Notizen. Sonntag, den IG. d. M. findet im Heime der Vesr inignng jüdischer Handelshochschüler (vorm. Exportakademiker) um halb 5 Uhr nachmittags ein Diskussionsabend statt Thema: Zionismus, Poale-Zionismus uud Hapoel-Hazatr Referenten: Böhm, Dr. Wattenberg, Dr. Tartakower,. Montag, den ) 7. November, Uhr abends, findet im mittleren Konzerthanssaale ein. Alienabend Kola JolO- Witsch statt, an dem auch die Klaviervirtuosin Fräulein Eise Schwarz mitwirkt_'■, Der Verein „Freie jüdische Volksbühne" fuhrt am 22. und 29 November um halb 3 Uhr nachmittags im Bürgertheater Schalom Asch's Drama „flott der Bache" auf. Dfe Mitglieder erhalten am 9. d. M. im Vereinslokale, Cafe „Rembrand", IL, Untere Augartenstraße '1, ihre Freikarten. Sonntag, den lb\ d. M. um halb 10 Uhr vormittags findet ein Vortrag von Herrn A. L o ubetzky über Sch.'Asch's Drama „Gott der Rache" im Vereinslokale statt. Eintritt frei- Gäste willkommen 1 _ ES werden aufgenommen! Maschinnäherinnen (Näher) für leichte Arbeit außer Haus gegen gute Bezahlung. Vorkenntnisse nicht notig. Näheres Hanflig, XX., Karl Meislstr. 3/12. Konsumgenossenschaft für jüdische Arbeiter und Angestellte in Wien, II., Taborstraße 44 (Eingang Blumauergasse) Fernsprecher Nr. 44.189. Dem Wunsche unser Mitglieder Rechnung tragend, setzen wir die Verkaufszeit in unserer Konsumgenossenschaft folgendermaßen fest: von 8 bis 7,1 Uhr und Va3 bis l/25 Uhr. Um genaue Einhaltung der vorgeschriebenen Verkaufszeit und der für die einzelnen Mitglieder festgesetzten Einkanfstage wird im Interesse der Mitglieder ersucht. Die Mitglieder werden ferner ersucht, die noch ausstehenden Anteilsraten einzuzahlen, damit im Bezüge «1er Waren keine Unterbrechung eintrete. Achtung! Genossen N i r Beschluß! Muli Antwortet sofort: Termin, Belwederski. 13. Preßfonds-Ausweis. Gen. Adolf Bondev K 5.— , Feigenbaum Hermann K Ii1' — Zusammen K 35.-. Bisher K OeBamtbetrag K 286!' U . Herausgeber und rerantwortlicber Redaktttur Arnold Deutsch