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Freie Tribüne · 1919-10-18 · 39 (18.10.1919) · page 4

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Journal
Freie Tribüne
Volume
1 (1919)
Issue
39 (18.10.1919)
Date
1919-10-18
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Sc:<e 4 Freie Tribüne Nr. 39 tasiepreise zu bezahlen, die in Wien für die einfachsten Lebensnotwendigkeiten gefordert werden. Unter dem Drucke dieser Notlage wurde die Konsumgenossenschaft für jüdische Arbeiter und Angestellte ins Leben gerufen. Wie sehr diese Gründung eine Notwendigkeit ist, beweist die Tatsache; daß sich auf eine bloße Zeitungskundgebung hin, noch vor der Eröffnung 1200 Mitglieder meldeten, welche einen Konsumentenstand von mehr als 5000 Personen darstellen. Um aber auch den, keinen eigenen Haushalt führenden, jüdischen Proletariern die Möglichkeit zu solidarischer Wirtschaft zu geben, ihnen einen möglichst gut besetzten Tisch zu bieten und sie vor alleml von der berüchtigten Wohl^. täterei, die nach „MizWe" und Würdelosigkeit schmeckt, Unabhängig zu machen, wurde die Jüdische Arbeiter- Kü«!he gegründet, in welcher täglich1 gegten 800 jüdische Profetarier ihr Mittagmahl einnehmen. Damit ist der erstfe praktische Schritt zur Selbsthilfe getan. Die jüdischen Arbeiter werden nun nicht mehr als Einzelne wehrlos der Wiener Greislertyrannei ausgeliefert sein, sondern als organisierte Einheit, die nicht nur ihr Lebensrecht, Sondern auch die Mittel zum Leben ^fordert, auf den 'Plan treten. Wir hoffen aber auch, daß sich die Solidarität der jüdischen Arbeiter aller Länder nicht als leerer Wahn erweisen wird, daß sie uns hilfreich1 zur Seite stehlen werden. Die Proletarier Wiens gehen einem furchtbaren Winter entgegen. Ohne Möglichkeit, uns gegjen die Unbilden der kalten Jahreszeit durch warme Kleidung schützen zu können, ist es uns außerdem1 'zur Gewißheft geworden^ daß uns die Beheizungs- und Beleuchtungsmittel äußerst unzulänglich zugemessen sein werden. Unendliche Not, Hunger »und Kälte wird die nächste Zleit dem1 Wiener Proletariat 'bringen. Für die jüdische Arbeiterschaft gesellt sich zu all dem noch die von den reaktionären Drahtziehern geschürte Judenhetze, die ihr Selbst dieses telende .Dasein! mißgönnt und erschwert. Die bittere Sorge uml djasl tägliche Brot hat uns die Unvermeidlichkeit des Zusammenschlusses ailler von der Not Heö Tages Gebeugten klar' gem'aich/t. Nur die Organisation laller arbeitenden Männer und Frauen in Politik1, Gewerkschaft und Wirtschaft, das solidarische Einvernehmen aller Werktätigen, kann aus unk die Macht Schaffen, die das fluch- 'Öeladene kapitalistische Wirtschaftsgebäude zertrümmert. Unerträglich ist die Gegenwart für den jüdischen Proletarier, in grauenhaftem' Ungewiß seine nächste Zukunft. 'Auf dem1 Wege der unablässigen Organisation arbeit sind erst wenige Schritte getane Die Arbeit, die unser noch harrt, ist gewaltig. Möge das jüdische Proletariat der Parole dieser Stunde folgen: O r |g, ia n j s i e r e t Euch! R. G. 5. Das Z. K. wird aufgefordert, in allernächster Zerf* die Beschlüsse der letzten Parteikonfarenz, betreffend die Palästinaarbeit, durchzuführen und eine Palästinawoche zu veranstalten. (:-Vhlnß io'^t.) Aus der Bewegung. Die Parteiberatung in Warschau. Fortsetzung (siehe „Tribüne* Nr. 38). Znm Pmkt: Konsumgenossenschaften wurde die Schaffung1 eines ständigen Sekretariates für Konsumgenossenschaften mit folgenden Aufgaben beschlossen: 1. Mithilfe bei der Gründnung von Genossenschaften. 2. Ausarbeitung1 genauer Anweisungen für die Tätigkeit der Genossenschaften. 3. Einrichtung und Ueberwachung der richtigen Buchnnd Geschäftsführung der Genossenschaften. 4. Herausgabe einer Zeitschrift für Arbeitergenossenschaften zwecks Popularisierung der genossenschaftlichen Bewegung. 5. Baldigste Einberufung einer Tagung sämtlicher unserer Partei nahestehender Genossenschaften des gesamten polnischen Staates. 6. Veranstaltung einer Agitationstour zur Popularisierung des genossenschaftlichen Gedankens unter den jüdischen Arbeitern. __ Zur Gemeindepolitik wurde unter anderem beschlossen: 1. Wo die Genossen Funktionen als „wirtschaftliche Beiräte" der Gemeinde angenommen haben, müssen sie sie zurücklegen. Neugewählte Genossen dürfen diese Funktionen nicht übernehmen. 2. An den städtischen Kommissionen dürfen sich unsere Genossen nur dann beteiligen, wenn dieselben nur aus gewählten Mitgliedern bestehen. 3. Schaffung eines besonderen Parteisekretariates für Gemeindepolitik. Zum Punkt: Verbandsberatung in Stockholm nnd Palästina-Arbeit wurde beschlossen: 1. Die Parteiberatung spricht sich gegen eine Vertretung des Verbandsbüros im zionistischen Aktionskomitee, wenn auch nur mit beratender Stimme, aus. 2. Die Parteiberatimg stellt lest, daß bei der zur Zeit in Stockholm tagenden Verbandsberatung die Frage der Beteiligung am zionistischen Kongreß nicht behandelt werden darf. Sollte jedoch die Mehrheit den Beschluß fassen, über diese Frage zu verhandeln, so fordert die Parteiberatung ihre Delegierten auf, an der Behandlung dieses Punktes nicht teilzunehmen. 3. Die Beratung nimmt den Beschluß der Verbandsberatung betreffend die Entsendung eiuer Kommission nach Palästina sowie die Zusammensetzung derselben zur Kenntnis, macht jedoch unter den jetzigen Verhältnissen von ihrem Rechte, ein Mitglied in diese Kommission zu delegieren, keinen Gebrauch. 4. Die Parteiberatung macht sich den Beschluß des Z. K. betreffend unsere Stellung zur neugegründeten Partei „Achduth Awodah" zu eigen. Sie empfiehlt jedoch der Verbandsberatung, mit den Delegierten dieser Partei in Angelegenheit der Palästinaarbeit in Verbindung zu treten. Literatur und Kunst Der Jüdische Missionsgedahke im „Deutschen Volkstheater". Anläßlich rier Erstaufführung des Jeremias« von Stefan Zweig. Stefan Zweigs „Jeremias" ist als Buclidrama schon vor einigen Jahren erschienen. Es besteht aus neun großen „Bildern", überrascht beim Lesen durch eine Fülle von lebendigen Gestalten, von überaus schönen Versen, durch ergreifende Herzenstöne für die geschichtliche Schicksalstragik des jüdischen Volkes. Das Inhaltsgerüst der Dichtung ist sehr einfach: Der König von Judäa bereitet sich zum Krieg gegen Babylon, um sein Land von der Fremdherrschaft zu befreien. Der Prophet Jeremias mahnt in Gottes Namen zum unbedingten Frieden, er sieht und sagt den unglücklichen Ausgang voraus. Die Kriegspartei behält trotzdem die Oberhand. Der Prophet wird in eine Düngergrube geworfen, er wird geschmäht, behält aber Recht: der Krieg endet mit einer Niederlage, der König selbst wird geblendet, das Volk ins Exil getrieben. Jeremias bleibt sich treu: er begleitet das Volk in die Fremde, er mahnt, er tröstet, prophezeit Überwindung des Unheils. Für die Bühne sind die neun Bilder des Buches zu fünf Akten zusammengezogen, aus denen eine Zwiespältigkeit der Motivik bemerkbar herausschaut. In der ersten Hälfte ist es eine pazifistische Gelegenheitsdichtung: Jeremias — der Friedensprediger, die gigantische Prophetengestalt der Bibel — ins Aktuelle projiciert, das übrigens jetzt garnicht mehr aktuell, weil überholt ist. Die zweite Hälfte des Bühnenwerkes behandelt die Vertreibung Jsraels aus seinem Vaterlande in die ewige Fremde. Es ist die einzigartige Tragik eines Volkes — und das verleiht dem Drama bleibenden Wert. Der Dichter wird wohl nicht aus dem Innern heraus, sondern bloß durch den Zufall gewisser geschichtlicher Analogien zwischen jener fernen Vergangenheit und unserer Kriegszeit zu dieser Tragik gekommen sein, aber sie hat ihn doch gefangengenommen, hingerissen, ihm Worte feuriger Begeisterung entlockt. Einen Gedanken aus den Prophetenbüchern hat sich Zweig besonders zu eigen gemacht: es ist der Gedanke der jüdischen Sendung, der jüdischen Mission unter den Völkern der Weltgeschichte, der wie ein Leitmotv das Drama durchzieht. In historischer Wandlung ist ja dieser Gedanke bis auf unsere Zeit gekommen, zeitigte sogar im 19. Jahre eine gewisse Theorie, , bis ihn die vernichtende Kritik Achad Haams unpopulär machte. Zweigs Jeremias predigt dem jüdischen Volke in prachtvollen Versen die Sendungsidee: die große Sendung soll dem Volke die Heimat, die ßuhe ersetzen : Rüste und schreite unendlichen Gang! Wirf deinen Samen Willig ins Dunkel der Völker und Jahre, Wandre dein Wandern und leide dein Leid! Auf, du Gottvolk! Beginne deine wunderbare Heimkehr durch die Welt in die Ewigkeit. Dr. L—tz. Bibliographisches. In der sozialdemokratischen Wochenschrift „Der tyqJntblF" beschäftigt sich' Jacques Hiannak mit dem Problem des jüdischen Nationalismus. Wir hätten keinen Grund, auf diesen Aufsatz), der zu seinem größten Teil vom bürgerlichen Zionismus handelt, trotzdem vieles unzutreffend ist, zu reflektieren. Der Verfasser ist aber so gütig, auch uns so im Vorbeigehen einige Ratschläge zu geben; deswegen wollen wir einige Worte dazu sagen. Nachdem Hannale sich erstaunt zeigt über die Wahlerfolge der JüdiscW-Natioualen in Wien und in der Tschechoslowakei, -erklärt er, unter dem jüdischen Problem von heute 'könne nur „die Frage des Antisemitismus" verstanden werden. Dies scheint zu bedeuten, daß die jüdische Nation sich nur des'wegen als solche fühllt, weil der Antisemitisi-, mus besteht; gäbe es diesen nicht, so gäbe es auch keine jüdische Frage. Diese Behauptung zeugt von totaler Unkenntnis der ökonomischen und kulturellen Zustände des jüdischen Volkes. Der Antisemitismus ist Wohl eine Erscheinungsform des jüdischen Problems, ebenso; wie der Klassenhaß eine solche der sozialen Frage ist. Esi ist ebenso falsch, den Antisemitismus als das jüdische Problem schlechthin darzustellen, als es falsch wäre1, den Klassenhaß mit der sozialen Frage zu identifizieren. Man kann zwar nicht von einem Iren1- oder Flamenhiaß sprechen, trotzdem gibt es vom proletarischen Gesichtspunkt aus eine irische und1 eine flämische Frage. Die jüdische Frage ist allerdings5 noch komplizierter infolge der eigenartigen ökonomischen Lage des jüdischen Volkes. Unser Programm ist also deswegen verschieden von den Programmen anderer sozialistischer Parteien, weil" wir erst die strategische Basis für den Klassenkampf des jüdischen Proletariats schaffen müssen. Des'wegen streben wir nach Aenderung der ökonomischen Grundlagen des jüdischen Volkslebens, damit das jüdische Proletariat als ein Teil des gesamten Weltproletariats zum Kampfe für die Beseitigung des Kapitalismus befähigt werde. Darum sind wir eine selbständige Partei; "nicht weil wir uns ,,aus taktischen Gründen als Hiffstruppen der Kommunisten wohler fühlen". Hannak hat vom Bestände einer jüdischen Frage scheinbar erst durch Strickers Wahlsieg erfahren.. Nun, das jüdische Problem ist wohl älter und das jüdische Proletariat steht nicht erst seit der November-,.Revolution" auf dem Scheidewege. Wir haben schon vor mehr als anderthalb Jahrzehnten erkannt, daß Wir mit der jüdischen Bourgeoisie nichts gemein haben, und eben damals ist die Poale.-Zion-Partci entstanden. Schon damals stand das jüdische Proletariat auf dem Scheide* wege und es hat sic'h entschieden: ein selbständiger Teil des internationalen kämpfenden Proletariats zu sein. Das wollen wir auch weiterhin bleiben. Alle Genossen, die an dem Referentenkurse teilzunehmen wünschen, melden sich unverzüglich persönlich oder schriftlich im Parteisekretariat, bzw. bei dem Schriftführer ihrer Bezirksorganisation. Der Kurs wird anfangs November beginnen; ein eingehender Plan und Shnv deneinteilung wird in der nächsten Nummer veröffentlicht werden. Sonntag, 19. Okt., 3 Uhr Ak.-Vrb. jüd. Soz. P.-Z. IL Stephaniestraße 2 Montag, 20. Okt., 6 Uhr Bez.-Org. XX. yiddiseh) XX. Wallensteinstraße 62 Dienstag, 21. Okt., 6 Uhr Bez.-Org. II. (jiddisch) II. Cafe" Stefanie Mittwoch, 22.0 kt., 6 Uhr Bez.-Org. I. (deutsch) I. Cafe" Adler Donnerstag, 23. Okt. Michael Mitgliederversammlung Kohn Grundsätze des Poale- Zionismus Michael Palästina u. die soziale Kohn Revolution Fortsetzung der Diskussion Ober die Parteiberatung Tagesordnung: 1. Die Parteiberatung. 2. Die Arbei terratswahlen Uraufführung Gordins «Mirele Efros> Mitglieder- Versammlung Komödienhaus Samstag, 25. Okt., 6 Uhr Bez.-Org. II. (jiddisch) II. Cafe Stefanie Sokal II. oder III. Internationale Die Kulturkommission hält ihre, regelmäßigen Sitzungen jeden Montag pünktlich ab ya7 im Parteilokale, Glockengasse, ab. Die Delegierten Genossen Glücksmann, Leitner, Lieber, Schechter ersuchen wir dringend, Montag, 20. d. M, bestimmt zu kommen; den „Aka4. Verband', und die „Jagend" bitten wir, ihre Delegierten gleichfalls dortbin zu entsenden. Michael Kohn, Czuczka, 12. Preßfonds-Ausweis. Gen. S. Lapter t 5.—, J. Berger K —. 60, Schwinder Ire K 1.50. Tillinger K —.50, Schiller Oskar E 4.-, Haftel M.K6-, M. Laber K 5.—, Zar warnt zer K.5.-, Zarwanitzer 2.20, Saas Adolf K 5.-, Goldschmidt E 15 —, B. Horowitz K 4.—, Klügler J. E 10.—, Spindler, Erakau E 20.—, Glücks mann K 10.—, Gen. J. Blum und Rosa Roller verlobt und .spenden E 10.—. Zusammen E 102.70. Bisher E 2731.9t, Gesamtbetrag E 2884.6* Abonnenten! Jeder der tfasl Blatt unregelmäßig oder überhaupt nicht erhält, Wolle dies ujnter genauer Angabe seiner Adresse der Administration mitteilen, damit Abhilfe getroffen werde; Verein „Freie jüdische Volksbuhne«. Nach langer Zeit hat der Verein seine Tätigkeit wieder aufgenommen und führt am 25. d. M. im Bürgertheater „Zerikgekimen", Drama in 2 Akten von Schalom Asch und „A genten", Lustspiel in 1 Akt von Schulim Aleichim auf. Freikartenausgabe an Mitglieder ab 21. d. M. täglich zwischen 7 bis 8 Uhr abends im Vereinslokale Cafe" „Rembrandt" IL, Untere Augartenstraße 11. Innerhalb des Rahmens des Vereines ist ein Dilettautenklub gebildet worden, in welchem Dilettanten von bewährten Lehrkräften ausgebildet werden. Interessenten mögen sich melden. Student der Moskauer Universität, unterrichtet gründlich die russische Sprache. Pension Körner, IX. Höfergasse 18, Berscholz. AUg. jüd. Arbeiterverein Poale Zion, II., Stephanicstrafie 2. Samstag, den 18. Oktober 1919, findet eine AKADEMIE In den Reichshallen, I., Dorotheergasse 4, unter Mitwirkung der Herren Oberregisseur Egon Brecher, Opernsänger Ignatz Körner, Konzertsänger Jolowitsch und Rezitator Schwager statt. Karten an dei* Kassa. — Beginn 5 Uhr naohnt. Die Mitglieder des Festkomitees werden aufgefordert, Samstag um 4 Uhr nachmittags in den Reiehshallen z« er- TDie von der Bezirsorganisation „Innere Stadt" im Komödienhaus, Wien, IX., Nußdorf erstraße, veranstaltete Uraufführung von Jakob Gordins „Mirele Efros" findet Donnerstag, den 23. Oktober 1919 statt. Karten an den Kassen des Komödienhauses, im Kartenbüro »AkUt' IL, Taboratraße 5, im Parteilokal, II., Glockengasse 6/17 und Lokal der jiid. Arbeiterküche, IL, ßlumauergassse 1. Sammelt tauten »r im Blatt! ^Ä1«, WTTZ- Herausgeber und Yerantwortlicher Redakteur Arnold Deutsch Druck fon Josef H o y a r, Wien, IX, Liachten*tdia«traSe 3

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