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Freie Tribüne · 1919-10-18 · 39 (18.10.1919) · page 1

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Journal
Freie Tribüne
Volume
1 (1919)
Issue
39 (18.10.1919)
Date
1919-10-18
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Wahlberechtigt isft jeder Parteigenosse, der am 1. Oktober in der Partei organisiert war. (Ausgenommen ölind diejenigen, die am Wahltage noch zu den Symtpathikern zählen.) 2. Gewählt wird nach WähllerKsften in geschlossenen Organisation®-, bzw. BerufSver* Sammlungen durch! geheime Stimmenabgabe. ß. Die Wahl' erfolgt durch gebundene Listen nach demi ProporzSysItem!. A. Die geSamte Parteimitgliedschaft bildet einen Wahlkreis;. 51 Die Zahl der Delegierten wird nach der Zahl1 der wahlberechtigten Mitglieder be- ' sitiihmfö. '• ' ■ - -. 6. Auf je zwanzig Wahlberechtigte entfällt ein Delegierter. Eine Ueberzahjl von elf gilt als! mandatberechtigt. Die BezirkfeforganisMionen werden aufgefordert, die Fragen der Tagesordnung auf den Mitgliederversammlungen zur Dislkusteäon zu Steifen und die Vorarbeiten für die Durchführung der Wahlen in Angriff zu nehmen. Anträge zur Tagesordnung sowie Korreferate sind raschest anzumelden. Unsere Bruderparteien im! benachbarten Ausland werden hiermit eingeladen, an unseren Beratungen durch Entsendung von Delegierten teilzunehmen. Die Parteileitung. Koalition ist Die Richtlinien der Poiiik Deutschösterreichs für die nächste Zeit sind festgelegt. Die Fraktion der sozialdemokratischen Abgeordneten hat sich grundsätzlich für die Koalition mit den Christlichsozialen erklärt. Der Arbeiterrat Wien bestätigte diese grundsätzliche Erklärung. Die Reaktion hat einen groien Sieg errungen! Denn das darf nicht aus den Augen gelassen werden: die Bourgeoisie, mit der das Proletariat als Macht gegen Macht in Verhandlung getreten ist, kämpft zielbewußt und auch zielsicher für die volle Verdrängung der Arbeiterklasse aus allen errungenen Positionen. Es geht ihr ums Oanze! Und sie weiß es auch, die Vertreter des Proletariates ins Hintertreffen zu jagen. Die Bourgeoisie, von den christlichsozialen Machtpolitikern geführt, ist nicht mit einem solch überfeinen Verantwortungsgefühl beschwert, wie die Führer des Proletariates. Ihr ist die Not des Volkes, der Hunger und die drohende Katastrophe, ihr der ganze furchtbare Zusammenbruch nur willkommener Anlaß, um kampflos die ganze politische Macht im Staate erringen zu können. Die Bourgeoisie scheut gar nicht vor dem Bürgerkrieg zurück. Sie kämpft ihn ja sehr konsequent und energisch tagtäglich aus. Man lasse sich doch nicht täuschen. Es ist vielleicht kein offener Bürgerkrieg, aber als schleichender erweist er sich ja für sie desto aussichtsreicher. Hinter Verhandlungen und Kompromissen, hinter Koalitionen und Vereinbarungen binden sie ja nur das Proletariat und machen es kampfunfähig. Für sich und ihre Ziele weiß die Bourgeoisie sich schon beide Hände freizulassen. Und solange nicht alle Errungenschaften der Novemberrevolution, vor allem die A r b e i t e r r ä t e, vollständig ausgemerzt sein werden; solange das Proletariat noch Waffen in der Hand und wirksame Instrumente des Klassenkampfes besitzt, solange wird das Bürgertum nicht ruhen noch rasten und vor keinem Mittel zurückscheuen, auch wenn es scheinbar in der Koalition an demselben Strange zu ziehen sich verpflichtet. Das Proletariat ist ins Hintertreffen geraten, weil seine Führer die ganze Verantwortung für den kommenden Zusammenbruch auf die eigenen Schultern geladen und dadurch die Offensive im latenten Klassenkrieg dem Klassengegner überlassen haben. Man sehe doch, wie den Christlichsozialen durch die Passivität der Arbeiterschaft der Mut wächst. Die Tinte der Koalitiosvereinbarung ist kaum vertrocknet und sie wagen schon einen offenen Vorstoß gegen das Proletariat. Die unzweifelhafte Mehrheit der werktätigen Schichten Wiens verlangt, daß auch ein Vertrauensmarin der Arbeiterschaft im Arbeiterrat in den Wohnungskommissionen zui Behebung der Wohnungskalamität mitarbeiten soll. Das will das Bürgerturn nicht dulden. Sie betrachten den selbstverständlichen Beschluß als Kriegsfall, verlassen denOemeinderat und wollen an dessen Beratungen nicht mehr teilnehmen. Wohlan denn! Den Krieg sollen sie haben! Und das Proletariat sehe zu, daß wenn schon der Zusammenbruch unvermeidlich sein soll, die Bourgeoisie sich gründlich verrechnet. Das Verbleiben in der Koalition bedeutet dasTVörs^hübTelsten^ die Christlichsozialen zu einem offenen Konflikte drängen, so möge das Proletariat erkennen, daß das Zurückweichen in diesem Moment einem Selbstmorde gleichkommt Die m o na rc'histische Reaktion, die von Ungarn naht, darf durch die Schlaffheit der Arbeiterschaft nicht diese um alle Früchte der Novemberrevolution bringen! Zur Popteiberatung. IL D<er Ursprung all unisleres Seinsi all» Teil der internationalen Arbeiterbewegung is|t die sozialistische Idee des Klassenk'am'pfe». Die .Urlslache unserer Existenz als1 selbständig wirkende jüdische Arbeiterbewegung ist die Erkenntnis1, daß der Klassenkampf in geschichtlich verschieden gearteten nationalen Organismen auch verschiedenartige Formen annimmt Der KlasSenkamipf ist demnach der Inhalt, die konkrete jüdische Organisation desselben die Form unserer jüdischen Arbeiterbewegung. Diese Erkenntnis wird uns die Lösung der Frage: Internationale -- Weltverband möglich machen. Sobald wir den Klassenkampf als den Inhalt, die Organisation alS die Form der Arbeiterbewegung richtig erkannten, dann wird unsi jede Organis'ationsform1 nur solange befriedigen, insolange dieselbe — unserer Ueberzeugung nach — vom richtigen unverfälschten Inhalt erfüllt isft. Wird es aber einmal offenbar, daß1 die gegebene Organisationsform' des Klassenkampfes und siomit ihres eigenen Inhaltes bar ist, dann muß die Arbeiterbewegung neue OrganiSationsformen suchen. Speziell die jüdische Arbeiterbewegung ist an Solchem ununterbrochenen Suchen nach neuen, den KlasSenkamfpf in allen seinen Erscheinungen umfassenden OrganiSations'form'en reicht. Das jüdische Proletariat strebte eben danach, daß der Inhalt der gesamten Bewegung — der Klasserikäm'pf — unverfälscht auf allen Gebieten defs* jüdischen, gesellschaftlichen Lebens! zum Ausdruck gebracht werde. Wie steht es1 nun mit der heutigen Organisationsform unserer Weltbewegung? Unsere Bewegung hatte zum Inhalt den sozialistischen Klassenkampf auf allen Gebieten des jüdischen öffentlichen Lebens1. Ebenso den Klassenkampf Schulter an Schulter mit den Proletariern aller Völker und Länder, überall dort, wo dasj jüdische Proletariat lebt und wirkt. Nun, da das) Weisen des Klas&enkam{pfes, dessen Mittel und Ziele, afejo der Inhalt der Arbeiterbewegung selbst, verschiedenartig beurteilt und ausgelegt wird, so gilt es1 für jede Arbeiterbewegung — demzufolge auch für unsere Weltbewegung, in erster Linie zu entscheiden, welche Mittel und Ziele, welche Art des Klassenkampfs! wir zum Inhalt unserer Bewegung machen. Haben wir darüber entschieden, dann muß Sich die Organisations-Formi diesem selbst bestimmten Inhalt anpassen. * Unsere deutNchös|terreichischfe Partei hat auf ihrer Gründungs-Konferenz zum' Inhalt unserer Be* wegung den Klassenkampf, wie er von der dritten Internationale aufgefaßt und gepredigt wird, ge- Wiählt. Es ist selbstverständlich), daß unsere Partei auch danach streben muß;, die OrganiSations-Form! demi Inhalte unserer Bewegung anzupassen. Nun siagt man uns!, wir seien ein .Verband mehrerer in der ganzen Welt verstreuten Parteien und' müssen demnach erst trachten, die Mehrheit .dieser Parteien von der Richtigkeit unsierer Anschauung) zu überzeugen, d. h1. wir müsS'en zur Weltkonferenz! gehen, und uns deren Beschlüssen, selbst ,wenn dieselben im Widerspruch mit unserer Anschauung stünden, unterordnen. Das! würde bei Entscheidungen innerparteiischer Fragen oder Solcher rein taktischer Natur WohlS zutreffen. ^«^iAndeJSi^jedoidh1 in diesem1 Falle. Wenn ein Teil des Weltverbana^ k'au, der andere Teil1 den ^8(5^3^1^, wie ttm ■ B r a n t i n g auffaßt, zumi Inhalt unserer Bewegung machen will, dann sSnd eis! eben zwei verschiedenartige Inhalte, zwei verschiedenartige Bewegungen, und werden Sich nur Sehr schlwer in der alten, vor der Spaltung der internationalen Arbeiterbewegung entstandenen Organisjationsforlmi zusamimenfasfslen lassen. Dieser, einem' Teil unserer Genossen als ketzerisch1 und gefährlich Scheinende Gedanke, ist zuersfti von unserer russischer Bruderpartei laut ausgesprochen worden, um1 dann von einem führenden realdenkenden Mitgliede unseres .Verbandsbüros in Stockholm aufgegriffen und formell auf einer Sitzung in ernstliche Erwägung gezogen zu werden. Kein ernster Sozialist kann eine bereits bestehende Organisation der Arbeiterschaft leichtfertig zertrümmern wollen; kein ernster Sozialist darf aber den Bestand der gegebenen O r g a n i S a - tionsform höher Stellen, als den, seinerseits als einzig richtig erkannten Inhalt der Arbeiterbewegung. Jede Arbeiterorganisation, ob sie Internationale, ob sie Weltverband heißt, kann nur solange auf Unantastbarkeit Ansjpruch erheben, insolange Sie zu ihrem ausschließlichem Inhalt den unverfälschten Klassenkampf macht. Haben wir nun den, mit beiderseitiger Leidenschaft aufgehäuften Schutt weggeräumt, haben wir unsijeinmal von allen ,fcUeberlieferungen" und noch so schönen „Traditionen" befreit, dann können wir eS versuchen, die vor uns aufgetauchte Frage zu beantworten. Unser Weltver'band, der So und soviele Landesparteien umfaßt, hatte zur Aufgabe, den Klas/- senkampf des jüdischen Proletariats auf allen Gebieten des jüdischen Lebens zu organisieren, damit; die organisierte jüdiSche Arbeiterbewegung in den großen Strom der internationalen Arbeiterbewegung« münde, zusammen m[\ dieser die kapitalistische Wirtschaftsordnung niederreiße und die sozialistische GeSeilschaft errichte. Solange über Mittel und Ziele der internationalen Arbeiterbewegung keine mit einander unvereinbaren Anschauungen in der sozialistische.! Welt und somit auch in unserem Verbände bestanden haben, insolange war die bisherige Organisationsforml Genossen und Genossinnen! Leset und verbreitet die „Freie Tribüne".

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