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Freie Tribüne · 1919-09-27 · 36 (27.9.1919) · page 1

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Journal
Freie Tribüne
Volume
1 (1919)
Issue
36 (27.9.1919)
Date
1919-09-27
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Immer und immer wieder - haben wir es laut und vernehmlich' genug gesagt: Judenhetze is t Gegenrevolution. Die leiseste, noch so minimial'e Beschränkung der Judenrechte ist eine schwer sich rächende Konzession an die Reaktion. j Bei der Schaffung und bei der Handhabung des „S t a a t s b ü r g e r r e c W t e s" haben wir es gesagt. Beim! Auftaudhen des ersten Gerüchtes von „Fre'mdenausweisung" 'haben wir es wiederholt. Bei der offiziellen „Enquete" haben wir es1 unfers!tr!ic'h'en. In unzähligen Beratungen imit dem soziardemokratisChten Ministern haben wir nachdrücklichst gewarnt1. I!mi ReidhSiarbeiterrat haben wir zur Erfüllung internationaler Solidaritätspflicht gemahnt. . ' >aub wären alle! Handelte sich es' doch bloßi uim! „die Interessen eiher einzigen öruppe Proletarier" und die mußten sich „den Interes sen des< G es am t p r o 1 e t a - riatls unterordnen." Und nun genießen wir die Früchte dieser verhängnisvollen Politik1. Nun konnten sie alle, zu denen wir vergebens1 appelliert 'haben, die Ueberzeugung gewinnen, daß1 wir redht hatten. Sichfon seit langem! rüstet die Reaktion zu einem, entscheidenden Sdhlag, einem gegenrevolutio nären Putsch- Allein es* fehlte ihr die geeignete, größere Mas'sen anziehende Losung. Mußten doch die erzreaktionären bürgerlichen Parteien ein offenes Bekenntnis zur Republik ablegen, bevor sie überhaupt Einfluß1 auf die Staatsgesiohäfte gewinnen könnten. Weder der Zusä'minenbrueh1 der Kriegspolitik, noch! die Friedensausisi'chten, noch auch! (die immer schrecklicher werdende Not des Volkes1 konnte einen reaktionären Putsch Inhalt und Formi verleihen. 1 Da Wafm1 die Koalitio ns'regierung der iReakt'io-n zu Hilfe. Kraft ihrer widernatürlidhen Zusammensetzung war die Regierung nfCht in der Lage, die wachsende Not der arbeitenden Massen durch das einzig mögliche Mittel der VergeMlscWaftung der Produktion zu lindern. Sie sann nach anderen, weniger radikalen, dafür aber auch ylmslo weniger erfolgversprechenden Mitteln. Zunächst sollte Bitten und Betteln bei der Entente 'herhalten, dann der Ruf nach „M e h r a r b e i t" und als* diesJ alles die Not nur nodh gesteigert hat, da flüsterten die schwarzen Kräfte der Koalition der Regierung ins Ohr: Hinaus1 mit den F r e m'- d en! In ihrer gänzlichen Ohnmacht griff die Regierung nach diesem verzweifelten, gefährlichen Mittel und wurde daimlit Sofort der Gefangene der Reaktion. Nun diktierten die Schwarzen die Ereignisse. Sie hatten eine legitimierte populäre Losung und gruppierten um! dieselbe alles was1 volksfeindlich' fett. Die „Regierung" mußte die gesamte uniformierte und nicht uniformierte Wehrmacht aufbieten, uml diesen PutsChf abzuwehren. Sie hat gesiegt'; Durohl die Krallt des Proletariers im Waffen- und im) Arbeitsrock. Aber damit der Sieg nicht unfruchtbar bleibt, müssen die Vertrauensmänner der Arbeiterschaft in der Regierung sichs merken: J u d e n h e t z e ist Konterrev o 1 u t i o n! Caveant consules — — — n-;Es war eine Zeit —- die sogenannte Revolutionszeit — in der dasl Proletariat die einzige organisierte und zielbewußte Macht in dem! neugeschaffenen Deutsehösterreich darstellte. Damals konnte die Arbeiterschaft die gesamte politische Macht an sich nehmen, und selbst das Land regieren., Die Wortführer desl Proletariats glaubten jedoch diesen Schritt nicht wagen zu dürfen und wollten keine Klassenregierung errichten. Das Bürger- und das1 Bauerntum' hingegen wür* de damals gerne die gesamte Staatsgewalt an siCh genommen Ihaben, (sie waren jedoch durch den Zusammenbruch der Monarchie vollständig desorganisiert, daher 'mjaChtlbs* und sahen mit Bangen dem' geschieht Ifchen Geschehen entgegen. Da ka'm die Sozialdemokratie, nahm: die durch die 'Kriegspolitik bis auf die Knochen kompromittierten Parteien — Deufs'dhnationale und Christ- 1'iChisoziaIe — unter die Arme und ging mit ihnen zu Dritt in die .... provisorische National'versaJrhmlung. iDa'mäls, als! die bürgerlichen Parteien durch die i r r e g e f ühr t e proletarische Revolution in den Regierungssartel gehoben und zur Mit a r b e i t herangezogen wurden, da fragten sie nicht darnach!: wer regiert. Sie begnügten sich vielmehr mit einem! Sdhatten, mit einer Statistenrolle^ damit sie nur mit regieren dürfen. So war esf, bis es der Sozialdemokratie gelungen war, den inneren Ruf der Arbeiterschaft nach der proletarischen Diktatur durch das Schreckgespenst sowie durch Almosen der Entente zu betäuben und eine „definitive" Nationalversammlung zu schaffen. Mußten auch die bürgerlichen Parteien unter dem Eindruck des imposanten Wahlerfolges der Sozialdemokratie int erslten Moment gute Miene zum1 bösen 'Spiel machen und Bich 'mit einem Kabinett Renner-Bauer zufriedengeben, so unterließen sie es jedoch nicht, gleich bei der erslten Gelegenheit durdh. den Mund 'desl faniiosen Wutte die Sozialdemokratie aufzuklären, welche Rechte slie für sich r ek l'ainlie re n. (Ate dann später die Arbeiterschaft sich auf sidh seihst besann, reale Garantien für die Weiterführung der Revolution, sowie für deren Ausnützung im' §inne des Sozialismus energisch forderte, und zu diesem' Zwecke an die Schaffung von Arbeiterräten schritt, da mußten die Bürgerlichen angsterfüllt erkennen, daß' das Proletariat diesmal nicht geneigt ist, sich uml die Früchte der Revolution bringen zu lassen, daß es vielmehr gewillt ist, dieselben voll und ganz selbst zu genießen. Indessen haben die bürgerlichen Parteien vor, während und nach den Wahlen ins' Parlament, Landtag und Gemeinde den Kontakt mit den konservativen und reaktionären Schichten der Bevölkerung wieder hergestellt. Sie haben es auch verstanden, sich der Unterstützung der gestern noch feindlichen Entente-Bourgeoisie im1 Kampfe gegen dasl „eigene" „vaterländische" Proletariat zu vergewissern. Und so schritten sie zum' Angriff. Durdh die arevolutionäre Kompromißpolitik der Sozialdemokratie im' Innern gestärkt, von der mächtigen Entente-Bourgeoisie im! Rücken gedeckt, lau* fen „Bürger" und „Bauern" Stürm' gegen die einzigen, letzten und wirklichen Errungenschaften der Revolution — gegen die Arbeiterräte. Und es' ist s^fmlptömatlischl, daß IstLcjh der Angriff nicht etwa gegen einen hyperrevolütibnären Arbeiterrat, sondern gerade gegen denjenigen Arheiterrat wendet, der durch dick und dünn mit der regierenden Sozialdemokratie geht. Das Bürgertum bekämpft hier eine Arbeiterratsinstitution, die nich* nur nicht daran denkt, die ganze Macht sofort an sich zu nehmen, sondern diese n G e d a n k e n d e r Rä t e ma c ht e n e r g i s c h, nicht s? e lt e n durch brutale G e w alt, b ekämpft. Und gerade darin offenbart sich am. deutlichsten der wahre Charakter der gegenrevolütionären Offensive des Bürgertums. Nicht etwa deswegen rennt das Bürgertum' gegen die Arbeiterräte an, weill es! in denselben eine Gefahr für das Weiterbestehen der Koalition erblickt, sondern gerade deshalb, weil es/, durch *die bloße Existenz der Arbeiterräte, sich gezwungen sieht;, der Sozialdemokratie beträdhtl'ichen Einfluß auf die Regierungs!- geschäfte einzuräumen. Jede Form des Mit- . regiere ns der Arbeit erschaft, nicht nur die Diktatur, ist dem' neu erstarkten Bürgertum heutzutage lästig. Bürger und Bauern wollen heute selbstherrlich regieren. Deswegen zettert (man gegen Arbeiterräte, die nichts' anderes wollen, als' auf Grund der bestehenden Gesetze den Wucher bekä'mjpfen, Spielhöllen ausheben und in gefahrvollen Molmenten die demokratische Republik vor deiml kommunistischen Gespenst retten". Deshalb stürmt man gegen eine Sozialisie. rungskömmiission an, die nichts sozialisiert. Man Mobilisiert gegen die angeblidhe „einseitige Klassenherrschaft des1 Proletariats", weil man diese: für sich in Anspruch' nrmlmjt. Das; isjt der wahre Sinn der Fragestellung: w e r regiert? Und hier wird es der Sozialdemokratie nicht gelingen, mit der allgemeinen Phrase von der „Verteidigung der revolutionären Errungenschaften" aufzukommen. Die November-Revolution hat eben zweierlei errungen: erstens; die Koalition, an der s'ich nunmehr bloß1 die sozialdemokratische Partei festklammert, von der jedodh sowohl die Bürger, als' auch 'die Bauern, als' auch die Arbeiter nichts! mehr wissen wollen; zweitens die Arbeiterräte, die wohl1 nidht immer auf der Höhe ihrer Aufgabe stehen, die jedoch1 die einzige reale Errungenschaft der Revolution darstellen. Heute, da die beiden „Revolutionsgeschwister" Sich die Erstgeburt streitig machen, wird die Sozialdemokratie sidh entscheiden müssen: f ü r d i e K o afition, oder für die Arbeiterräte. Die II. 5. P. in der internationaleiVoi der internationalen Konferenz in Luzern stellte 'der nachmalige Delegierte der ,U. S. P. Rudolf Hilferding die Grundsiätze für den Aufbau der Internationale auf. Er konstatiert, daß infolge des Krieges eine wahrhaft revolutionäre Situation für dasl Weltproletariat gegeben sei, in der'das Proletariat an die (Beseitigung der kapitalistischen Wirtschaftsordnung schreiten müsse, deren Voraussetzung, die Eroberung der politischen Macht sei. Da der Aufbau der sozialistischen Gesellschaft nur auf internationaler Basis 'möglich ist, darf die Unurhgänglichkeit des Festhaltens an der internationalen Kampfgemeinschaft des Proletariats nicht nur auf eine auf theoretischem, Wege vermittelte Einsicht der Arbeitermassen aufgebaut sein, sondern muß zur .Voraussetzung der proletarischen Taktik jeder einzelnen Nation werden. Die Notwendigkeit des gemeinsamen Handelns ist durch die letzten Ereignisse genügend bewiesen, und so muff südh der „Gedanke der internationalen Solidari - tfät zur Notwendigkeit der internationalen sözialisxisfchfcn Tat steigern. Und ip der Tat greift der Gedanke von der Notwendigkeit der int. Aktion in immer weiteren Kreisen des Proletariats der Sieger — wie der besiegten Staaten Platz; daher müsse die wiederaufgerichtete Internationale ,,Ausdruck und Zusammenfaslslung dieser Bewegung, ihr ver. bindendes und führendes Organ werden. Und einheitlich und umfassend wie dies!e jBewegung selbst, wie die revolutionäre '^Bewegung isc'lbst, muß' sie sein, soll sie ihre Aufgaben erfüllen können*" Dann zählt Hilferding einige prizipielle Voraus. Setzungen auf, die erfüllt sein 'müßten, wenn die U, S. P. an der Internationale teilnehmen soll. Zunächst Genossen (und Genossinnen! Leset und verbreitet die „Freie Tribüne".

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