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Freie Tribüne · 1919-09-13 · 34 (13.9.1919) · page 1

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Journal
Freie Tribüne
Volume
1 (1919)
Issue
34 (13.9.1919)
Date
1919-09-13
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Unverschämt ist es daher, wenn Funder und Benedikt zugleich über den „Siegfrieden", den sie erstrebt und die anderen errungen haben, entrüstet tun. Und es ist geradezu unglaublich, ja empörend, daß in der Nationalversammlung sich niemand gefunden hat, der den tollgewesenen Siegfriedlern gesagt hätte: das ist ja Euer Friede, der Siegfriede, wie Ihr ihn geplant und bei der ersten Gelegenheit in Brest Lstow. k auch diktiert habet. St.-Germain ist ja nichts anderes als Bf est-Litowsk. Dort gingen ja Euere eigenen Wünsche in Erfüllung. Ihr wolltet ja keinen „weichen Frieden". Für die Zauberformel der russischen Revolution ..ohne Annexionen und ohne Entschädigung" habt Ihr bloß Hohn und Spott übrig gehabt und für den Sieger die Palme gefordert und heute, da der „Sieger" die Palme auch errungen, spielt Ihr die Entrüsteten, in ihrem „Rechte" Gekränkten. Ihr habt ja »Rechi* behalten, es ist ja kein w e i c h er F r le d e und das deutschösterreichische, Volk fühlt jetzt nur allzu gut, wie hart der F r i.e d e ist. Ihr wolltet diesen St. Gertnain-Frieden dem französischen Volke auferlegen und nun haben es Euere Gesinnungsgenossen im feindlichen Lager verstanden, unser Volk für Euere Sünden büßen zu lassen. Toll und verbrecherisch waren und sind ja die Siegfriedler aller Länder und Sprachen, nur waren die französischsprechenden die Fähigeren, die Mächtigeren. Und aus Euerem Laster, Euerer Unfähigkeit und Ohnmacht wollt Ihr jetzt eine Tugend machen! Heute, da Ihr unterlegen seid und das eigene Volk in den Abgrund gestürzt habt, jammert Ihr über die harte Ungerechtigkeit, über die bestiale Vergewaltigung, über den Brest-Litowsker — will sagen St. Germainer — Frieden. Ihr seid ja die reinsten Hottentotten. Es war auch niemand in der Nationalversammlung, der , den Herrschaften gesagt hätte, daß sie, wie sie seinerzeit, als sie sich in der Rolle der Siegfriedler wohl fühlten, kein Recht hatten, im Namen der österreionischen Völker zu sprechen, genau so heute gar kein Recht dazu haben, das deutschösterreichische Volk zu repräsentieren ' und in dessen Namen zu jammern oder gar zu drohen. Und das Wichtigste. Es war in der ganzen Volksvertretung keiner anwesend, der, anstatt sich in ohnmächtiger Wut gegen den unbarmherzigen „Sieger ' zu ergehen, direkt, zum deutschösterreichischen Volke — zu den arbeitenden und >chaffenden. Massen — gesprochen hätte. Und diesem wäre zu sagen gewesen, daß ein anderer als der St. Germainer Frieden gar nicht zu erwarten war; daß insolange die ehemaligen Siegtriedier, ins Parlament gewählt, zu Wortführern, \a zu „Oberhäuptern - der Republik erhoben bleiben und das Schicksal derselben Oestimmen können, solange auch iceine Wendung zum Besseren eintreten kann. Denn, wenn Pichon dem Plener diktiert —, selbst wenn die:, auf dem Umwege über den bemitleidenswerten Karl Renner geschieht —, hat das französische Proletariat gar keinen Anlaß, einzuschreiten und das Diktat zu mildern. Es sind ja ■„Siegfriedler" untereinander. Dem deutschösterreichischen Volke wäre von der Parlamentstribüne tierunter zu veranschaulichen, wie schädlich der während dt-s Krieges geübte Fatalismus war; wie schwer es heute dafür büßen muß, daß es sich bisnun durch die Schwarzen und die Weißen — die Deutschnationalen und Christlichsozialen — hat vertreten lassen. Und es wäre die Pflicht der Vertreter des Proletariats, die Arbeiteiscluft und die gesarnte.arDeiter.de und schaffende Bevölkerung auf die Lehren dieses „Gewaltfriedens" in gehöriger Weise aufmerksam zu machen. Aber so eine parlamentarische Rede müßte in die Losung ausklingen: Hinweg mit den Schwarzen und Weißen! Sie dürfen uns nicht mehr vertreten; sie dürfen nicht mehr unser Schicksal mitbestimmen. Das wäre jedoch eine sozialistische parlamentarische Arbeit. Das würde die Koalition gefährden. Und so wurden auch besm Friedensschluß die Klasseninteressen des Proletariats auf dem Altar der Koalition geopfert. So wurde der Tag der großen Abrechnung mit den schwarzen Mächten zum Tag der großen Versöhnung. Durch den „gemeinsamen" Schmerz über das vergewaltigte deutschösterreichische „Volk". Dies angesichts der vor aller Welt offenbarten Hetze der Christlichsoziaien und Deutschnationalen gegen den Anschluß an Deutschland, In St. Germain ist nun der letzte Akt der von Berchtold begonnenen blutigen Tragödie des ehemaligen Oesterreich-Ungarn zu Ende geführt. Das deutschösterreichische Volk — das arbeitende Volk - muß aus dieser Tragödie letztem Akt die einzige Lehre ziehen: Hinweg mit allen, die die verruchte Politik BerchtolfJs mitgemacht, und dessen blutige Erfolge umjubelt haben. Hinweg mit allen gewesenen Kriegshetzern. Sie haben uns nach St. Germain geführt. Wir folgen i n nenn i e h t w e i t e r. Das arbeitende Volk muß von nun an seinen eigenen Weg gehen. Den Weg des völkerbefreienden Sozialismus. einer Beratung heran- Zum zweiten male veröffentlicht die deutschösterreichische Landesregierung eine Kundmachung, in der ausgeführt wird, daß mit Rücksicht auf die zunehmende Unzulänglichkeit der Lebensmittelversorgung, ferner im Hinblicke auf die drückende Wohnungsnot und die Arbeitslosigkeit sämtliche Nichtdeutschö4erreicher bis zum 20. September 1919 das Staatsgebiet verlassen müssen. Die erste Kundmachung ist ebenso überraschend gekommen* wie raschestens zurückgezogen worden. Es haben sich bei unseren Interventionen an kompetenten Stellen besonders die sozialdemokratischen autoritativen Funktionäre der Republik gar "nicht der Einsicht verschließen können, daß die Kundmachung zwar ein erwünschtes Losungswort für die antisemitische Hetzpropaganda, aber keineswegs geeignet ist, irgendwie zur Linderung der Wohnungs- oder Lebensmittelnnt beizutragen. Indem wir energisch betont-n, daß wir mit größter Freude die Ausweisung der Kriegsgewinner, Schleichhändler und Schieber aller Sorten und jeglichen Charaktefs vom Hotel Gut diesseits bis Imperial jenseits des Donaukanals begrüßen und der Polüeidirektion es wärmstens anheimstellen, mit derselben Findigkeit und Schlauheit, mit der sie alle kommunistisch angehauchten oder sonstwie politisch anrüchigen Menschen zu erfassen weiß, auch diesen interteiritorialen Diebsgesellen beizukominen und an die Grenzen der Republik abzuschieben; indem wir sogar forderten, daß diese Prasser und Wohnungswucherer im Interesse des hungernden und obdachlosen Proletariates raschestens entlernt werden, verwahrten wir uns aufs eindrückhehste dagegen, daß man die Aermsten der Armen, die Proletarier, der Willkür der Abschuborgarh durch solch ein generelles, übrigens auch undurchführbares Ausweisungsdekret preisgibt. Wie gesagt: die Kundmachung wurde widerrufen. Wir erhielten bindende Versprechungen, daiS bei den notwendigen Maßnahmen, die zu ergreifen sein werden, nach genauer statistischer Erfassung der in Betracht kommenden Fremden, nichts geschehen wird, ohne daß die jüdischen Arbeiterorganisationen, d. i. unsere Partei und die Fraktion der poalezionistischen Arbeiterräte gezogen werden. Nun kam die zweite Kundmachung. Für die trägt schon offenbar das Staatsamt des Inneren die Verantwortung. Also ist man wohl auch entschlossen, sie durchzuführen. Aber wie? Sind denn schon die notwendigen statistischen Erhebungen abgeschlossen? Weiß man schon, wieviel und wen man auszuweisen hat? Hat man es nicht mehr für notwendig befunden, die jüdische Arbeiterorganisation zu befragen? Die technischen Schwierigkeiten beim Erfassen aller in der Kundmachung erwähnten Fremden — zarte Umschreibung für die Juden aus Galizien, die Opfer der habsburgischen Hausmachtpolitik, — konnten janochnicht überwunden werden. Was wird man also tun? Wird man nach de«m 20. September Razzia s veranstalten, um die Aermsten, die nicht wie die Schleichhändler und Schieber Mittel und Wege finden werden können, um nachzuweisen, daß ihre „Anwesenheit im öffentlichen Interesse gelegen-' ist, einzusperren und im Zustand der Haft auf die Abschaffung warten zu lassen? Vereinbarungen mit dem polnischenStaatezurVorbereitungder Uebernahrne und zweckmäßigen Repatriierung der Ausgewiesenen sind nicht getroffen worden. Transportmittel-fehlen. Viele Hunderte, die seit Monaten^chon in ihre Heimat wollten, warten vergebens auf einen Platz in den spärlich verkehrenden Flüchtlirigszügen. Kurzum, durchgeführt kann die Kundmachung nicht werd en. Wozu ist sie darm -erlassen-worden-?. Weil man ein Objekt benötigt, um die durch die Not und das Elend aufgewühlten Proletäriermassen von den wirklichen Schuldtragenden abzulenken. Man zeigt mit dem Finger auf den Juden. Treibt ihn hinaus und ihr habt Lebensmittel und Wohnungen, die euch fehlen! Für eine gewisse Zeit soll der Erregung dadurch ein Blitzableiter gegeben werden. Denkt da jemand daran, daß die, die prunkhafte Paläste besitzen und in wahnwitzigem Prasserleben die Lebensmittel durch den Schleichhandel dem Markte entziehen und so entsetzlich verteuern; die, die Fremde bleiben wollen, um sich der Vermögensabgabe zu entziehen; daß diese schon rdas öffentliche Interesse" an ihrem Hiersein „entsprechend" werden dokumentieren können? Und da man doch nachweisen muß, daß jemand ausgewiesen wurde, also kommt Ihr schwachen, wehrlosen, Ihr armen jüdischen Proletarier, laßt euch zusammenpressen in Viehwagen; in Hunger und Elend sollt Ihr qualvolle Tage und Wochen ,auf den Rangierbahnhöfen verbringen; wie wilde Tiere in plombierten Waggons durch ungastliche Länder geführt; bis Ihr, dezimiert von Hunger und Krankheiten, Totenskeletten gleich, an den Grenzen des „Heimatlandes (wo ist eure Heimat?) den Hallerschen Pogromhelden zur „weiteren Behandlung" übergeben werdet. . . . * Gegen diese Perspektiven muß mit Anwendung aller zur Verfügung stehenden Mittel angekämpft werden Bei der Beratung beim Staatssekretär des Innern, bei den mehrmaligen Rücksprachen im Staatsamte, in der Landesregierung und im Polizeipräsidium haben wir energisch gefordert, daß die produktiv arbeitenden, die Arbeitslosen und die Armen nicht ausgewiesen werden In der Kundmachung ist das teilweise zum Ausdrucke gekommen. Das genügt uns aber nicht! Es sollen nicht auf dem Wege der Ausnahmen die jüdischen Proletarier verschont werden. Es muß zum Grundsatz erhoben werden, daß ausnahmslos alle jüdischen Proletarier dort bleiben können, wo sie arbeiten wollen und ihr bescheidenes Leben fristen Die durch eigener Hände Arbeit sich schwer ernähren, sollen nicht berührt werden! Man hat unseren Genossen, die interveniert haben, bindende Versprechen gegeben, daß die Forderungen vollauf berücksichtigt werden. Wir würden darüber wachen! Aber vor allem erwarten wir von der Solidarit ä t der deutsch Österreichischen Arbeiter- Genossen und Genossinnen! Leset und verbreite! die „Freie Tribüne".

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