Freie Tribüne
- Journal
- Freie Tribüne
- Volume
- 1 (1919)
- Issue
- 30 (9.8.1919)
- Date
- 1919-08-09
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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P/POA^rAA/f A AiZ-fÄ /i^WO£-£2, -V£&.£//w/ Q r £"0»C/-// Organ der jüdischen sozialistischen Arbeiterpartei Poale Zion in Deutschösterreich. REDAKTION und VERWALTUNO: Wien. II., Glockengasse Nr. 6. Tür 17. Bezugspreis samt Zustellung: Ganzjährig K 15.— .... Halbjährig K 7.50 .... Vierteljährig K 3.80 .... Einzelnummer 80 Heller Erscheint jeden Samstag. 1. Jahrgang Der Sturz der utopischen Räterepublih. Ein Freudengeheul durchtobt die bürgerliche Presse; in den vornehmen Bars und Restaurants der Innern Stadt fließt der Champagner; verhaltene Genugtuung im Lager der Sozialdemokratie: Die Rätediktatur in Ungarn ist gestürzt. Der Stein ist ins Rollen gekommen, auf die Regierung der Gewerkschaften folgt ein legitimer Herrscherjosef von Habsburg. Hoffnungen, die im Busen tief begraben waren, erwachen wieder in den Herzen der feudalen Müssiggänger. Die Zeit der Adelsprädikate und Privilegien, die Zeit der Latifundienwirtschaft und der Herrschaft des Finanzkapitals kommt wieder. Sie sollen nur frohlocken. Sie werden sich bald besinnen, daß die Zeit der Freude für sie noch nicht gekommen ist. Mögen die Sozialdemokraten siegessicher erklären, daß die Rätediktatur zusammengebrochen, weil das System an sich unhaltbar sei. Wir wissen und das gesamte revolutionäre Proletariat weiß es mit uns, daß der Sturz der ungarischen Räterepublik das \rVerk des beutegierigen Imperialismus und des räuberischen Bonapartisnius der rumänischen Dynastie war. Es ist aber auch darüber Klarheit-geschaffen wprdeiv welch eiji ^erbürfdeter .-die Entente ist: Auf che E&la7üngJ^ die1 Entente wolle sich iri die inneren Angelegenheiten Ungarns nicht einmischen, ist der Stürz der Regierung der Gewerkschaften gefolgt, trotzdem sie die »Demokratie« wieder herzustellen bemüht war. Josef von Habsburg ist an die Spitze Ungarns gestellt worden, um das Prinzip der Legitimität zu retten. So sieht der Kampf um die Wien, 9. August 1919 Demokratie aus. Die Banden des Königs von Rumänien stürzen sich raubend und plündernd auf das durch den Krieg ausgesogene Land. So wird das Versprechen der Entente, bloß die Erfüllung der Waffenstillstandsbedingungen garantiert zu wissen, eingehalten. Daß die Bürgerlichen triumphieren, kann niemanden wundernehmen, daß aber auch die Sozialdemokraten nun den Beweis erbracht sehen, daß die Rätediktatur zu nichts tauge und die Zeit für die Liquidierung des Bolschewismus gekommen sei, beweist nur ihre Verständnjslosigkeit und Blindheit gegenüber den politischen Verhältnissen. Wenn es auch klar zutage liegt, daß die ungarische Räterepublik nicht aus Gründen, die dem System anhaften, zusammengebrochen ist, sondern durch den äußeren Feind, so hat die Demokratie den Beweis ihrer vollständigen Unzulänglichkeit voll und ganz erbracht. Die Demokratie sollte der Welt den Frieden wiedergeben, aber es wird weiter Krieg geführt: die Polen kämpfen gegen die Ukrainer,. die Italiener?gegen Franzosen und Südslawen, die deutschen gegen Letten und Esten und alle gegen das Räterußlancl. Die Demokratie hat nirgends das Zaubermittel gefunden, c(ie Produktion wieder in dang zu bringen : Die Länder der Sieger, wie die der Besiegten werden täglich von Streiks erschüttert, die einen nie dagewesenen Maßstab angenommen haben. W«* wojj$n :&c£jt igfe" mpraljscftß' jfcdeutung des Sturzes der ^ted$t|toyr-lür ^i^^iw^ii^^e^^ mindern. Er bedeutet eine zeitweilige Niederlage $gs revolutionären Proletariats. Aber es ist von unvergleichlich größerer Bedeutung für die Weltreyol'u^pn, daß die Demokratie jetzt ihr wahres Gesicht enthüllen mußte, daß sie bloß den Deckmantel für die Interessen der Kapitalisten|dasse abgibt. Der fall von Räte-Ungarn muß das dem Proletariat der Nr. 30 Entente-Staaten zum Bewußtsein bringen, und sie werden einsehen müssen, daß nur die S o 1 i d a r it ä t des internationalen Proletariats den Sieg des Sozialismus verbürgt. Die Verfassung der Iftgpnpevpiiitioii'). ,,Die Verfassung, das sind die Kanonen." Mit diesen lapidaren Worten ist alles gesagt. Diese Verfassung, diej in Weimar vollendet worden ist, wurde nur möglich dadurch, daß die Kanonen und Maschinengewehre der Gegenrevolution die Empörung der Arbeiterschaft niederhielten. Sie ist ebenso der Ausdruck dieser Tatsache, wie der in Gesetzesform gekleidete Wille, diesen Zustand zu verewigen. Die Verfassung wäre die Besiegelung der Niederlage der Revolution in Deutschland, wenn sie wirklich Lebenskraft erhielte; und für die Dauer das Grundgesetz der staatlichen Organisation des deutschen Volkes werden sollte. Die verfassunggebende Nationalversammlung konnte ihr Werk vollenden* weil sich in den ersten Wtochyan der Revolution der gegenrevolutionäre Wille des Bürgertums begeg-, nete mit der Furcht der Rechtssozialisten vor dem .Sozialismus und der wirklich revolutionären Arbeiterschaft. Die Revolution auszustreichen und dort anzuknüpfen, wo die Revolution die Entwicklung des parlamentarischen Kompromisses zwischen den Rechtssözialisten und den bürgerlichen Parteien unterbrochen hatte, das war die Aufgabe, die ihr von dem Bürgertum \vie von den Rechtssozialisten vorgeschrieben wurde. Die parlamentarische Entwicklung vor der 4tevoMtio.a^^ in der etwa nach dem1 Vorbild des englischen Demagogien; Lloyd George der Arbeiterschaft gewisse soziale Zugestand-, , nisse gemacht wurden, während im übrigen die Grund- *) Wir entnehmen diese interessanten Ausführungen der „Freiheit", dem Organ der Unabhängigen Sozialdemokratie Deutschlands. Die Red. Feuilleton. Berlin. (Notizen eines Durchreisenden). Wer Sehnsucht danach hat zu empfinden, welch ein Gefühl es ist, an Atemnot zu leiden, der reise nach Berlin, Wo Rufte und Ordnung herrscht. Ruhe und Ordnung, die die Kehle zuschnüren und das Atmein unmöglich machen. Noske und seine Gardisten tragen Sorge dafür, daß diese Ruhe und Ordnung nicht gestört werde. Fürwahr! Herr von Jagow, der doch seinerzeit der schneidigste Polizeipräsident Berlins war, ist dieser Ordnungsmacherei gegenüber unschuldig wie ein Neugeborener. Die mit Sturmhelmen und Handgranaten ausgerüsteten Gardisten in der Begleitung von Maschinengewehren, sind schon zu einer Selbstverständlichkeit des Straßenbildes geworden. Sie machen ihren Dienst mit jener preußisch-militärischen Gründlichkeit, die lebhaft an die Gründlichkeit, mit der die Vernichtung blühender Städte an den verschiedenen Fronten besorgt wurde, erinnert. Herr Noske selbst scheint um die Erhaltung seines kostbaren Lehens, für dajs deutsche Volk, sehr besorgt zu sein. Beinahe besorgter, als es Wilhelm II. war. Die Gegend in der er seine Wohnung ha.% erinnert an Europas) Schützengrabenvergangenheit. Spanische Reiter, weitgezogene Stacheldrahtzäune, bis an die Zähne bewaffnete Gardisten, Maschinengewehre und kleine Geschütze bilden den eigentümlichen Kontrast zur sommerlichen Tiergartenidylle. Armer Noske!. Deutschland streikt! Der erste Blick in die Morgenblätter gilt der» Streiknachrichten. Auch die sind zur Alltäglichkeit geworden. Beinahe so alltäglich wie die Berichte des großen Generalstabs in der glorreichen Zeit. Vekehrstreik, Landarbeiterstreik, Generalstreik am 21. Juli, Eisenbalinerstreik in Berlin, Streik der Arbeiter in den Siemens-Werken u. s. \v. Wenn der eine aufhört, bricht der andere aus'. Den kleinen und großen Spießbürgern sind die fortwährenden Streiks der wichtigsten Industrien sehr ungelegen. Stören sie doch die bequemen Gewohnheiten ihres täglichen Lebens. Ihre machtlose Empörung äußert sich in naiv-dummen Flugblättern, welche die Bevölkerung Berlins auffordern, die streiklustigen. Straßenbahner durch Entziehung des Trinkgeldes eines Besseren zu belehren. Doch auch den ernst denkenden Sozialisten erfüllt die Entwicklung der wilden Streikbewegung, welche zu einer Gefahr für Deutschlands ohnehin zusammengebrochene Wirtschaft ausartet, mit wachsender Besorgnis. Des öfteren lediglich1 wirtschaftlichen Charakter tragend, sind doch die sinn- und zwecklosen, unzusammenhängenden Arbeitsniederlegungen der klarste Ausdruck des im Prole. tariate vorherrschenden Grolls und Mißtrauens gegenüber der Regierung, die von Noske-Garden gehalten, auch Noske halten muß. Der Arbeiterrat, Schöpfer und Schöpfung der Revolution in Deutschland, ist entzweit. Mehrheitssozialisten und Demokraten sind ausgeschieden. Statt eines Arbeiterrates gibt es nun zw ei. Der Bruderkampf im deutschen Proletariat wird schärfer und nicht schwächer. Die erste Sitzung der Vollversammlung der Berliner Arbeiterräte ohne die Mehrheitssozialisten und Demokraten. Unabhängige und Kommunisten füllen den Saal. Der zufällige Zuhörer dieser Sitzung hofft auf eine Einigungv des radikalen Flügels der Berliner Arbeiterbewegung, jetzt wo die Gegensätze nicht so scharf sind wie früher. Vergeblich. Das einigende Band des Sozialismus ist auch hier hoch nicht vorhanden. Auf der Tagesordnung steht die Beratung^ über die Kundgebung am 21. Juli. Ein» Moment, mehr aneinander zu kommen. Die Fraktion der Unabhängigen Beantragt vollständige Arbeitsruhe. Prinzipiell sind beide Richtungen für die Arbeitsruhe, doch die Motivierung ist bei jeder anders. Der Redner der Kommunisten spricht temperamentvoll und aggressiv, das Wort der Ei n i g u n g, es wird nidht" gehört. Trotz des prinzipiellen Einverständnisses fängt die große Diskussion an. Je länger sie währt, desto mehr wird aneinander vorbeigeredet. Die Arbeitsruhe wird beschlossen, doch die Hoffnung auf eine einheitliche Kundgebung, des radikalen Flügels der Berliner Arbeiterschaft, ist auch bei dieser selten wiederkehrenden Gelegenheit nicht erfüllt worden. „Peir^e ris bu,rg tanzt", so hieß es einst in der „wohlunterrichteten:" deutschen Presse, die sich in lang-, atmigen und Ekel erregenden Schilderungjen über das angeblich tolle Leben in Petersburg zur Zeit der bolschewistischen Revolution erging. Tatsächliches über jene Zeit wissen wir noch heute nicht. Sicher aber ist es, daß die Berichte von damals heute durch eine Aenderung der Ortsbezeichnung wahr werden. In Berlin herrscht das Proletariat noch lange nicht. A,ber an Tollheit und geiler Lebensfreude steht es längst über allen Schilderungen der deutschen Presse des Lebens in Moskau und Petersburg. Man muß es mit eigenen Augen gesehen haben, um daran glauben zu können. Unzählbar sind die Tanzsäle, Kabaretts, Konzerthäuser und sonstigen „Nepplokale" wo das tollgewordene Kriegsgewinnler-* und Schiebertum seine Orgien feiert. Es ist, als ob diese Auswürfe der Kriegszeit und Parasiten des Friedensschlusses! ihr nahes Ende ahnen würden. Ihr Tanzen ist das Tanzen des Generalstabes in der glorreichen Zeit. Verkehrsstreik1 auf einem Vulkan, dessen Ausbruch nicht ferne sein kann. An Folgeerscheinungen der Reaktion fehlt es au<di in Deutschland nicht. Die Alldeutschen Kriegshetzer sind auf der Suche nach einem Ajbleiter für die Volkswut und sie* die Deutschlands Ruin herbeigeführt haben und straflos ausgegangen sind, verbreiten 'jetzt eine neue Seuche: Jen Pog r o m. Kaum ein Tag vergeht, an dem njeht verhe^eöde Genossen und Genossinnen! Leset und verbreitet die »Freie Tribüne".