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Freie Tribüne · 1919-06-28 · 24 (28.6.1919) · page 1

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Journal
Freie Tribüne
Volume
1 (1919)
Issue
24 (28.6.1919)
Date
1919-06-28
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Proletarier aller Völker vereinigt Euch* REDAKTION und VERWALTUNG s Wien II, Ölockengatse 6 Tür 17. Erscheint jeden Samstag. Freie Tribüne BEZUGSPREIS samt Zustellung i Ganzjährig . . . K 15.— Halbjährig . . . K 7.50 Vierteljährig . . K 3.80 Einzelnummer 30 Heller. Organ der jikdisoben sozialistischen A*toeitex*pa.:rtei Poale Zion in Deutschösterreich L Jahrgang Wien, 28. Juni 1919 Nr. 24 Die NofwendigtiBit und die aufgaben ) tu Sowohl die ökonomische Ausbeutung als auch die nationale Unterdrückung der jüdischen Massen vorzieht sich1 in konkreten, eigentümlich:ii Formen. Die Bedingungen, in denen sich die jüdische Produktion entwickelt, Bedingungen des Erwerbs und kteir Kultur, sin|d vob der Entwicklung tijetr die Juden umgebenden Völkerorganisme>.i in einer derart übermäßigen, die allgemeine Entwicklung dler Weltwirtschaft überwuchernden Weise abhängig, daß d'as! jüdische Wirtschaftsleben beinahe nicht (mehr ausschließlich1 jsleiaieh eigenen, inneren, organischen Gesetzen, sonidierhi in gewissem Grade d|en ihm von außen diktierten Gesetzen fol'gf. Daher idiie häufigen Schiw!ankung|e[n, die hastige Ufcibiestän- $|gfkeit und die krankhafte! Anpas'süngsfähigkett der jüdischen wirtschaftlichen Entwickiunig. Trotz dieser Abhängigkeit von der Umgjebiung aehien1 wir jeidfoe'h überall dort, wo ein werktätigler Teil dies jüdischien Volkes in kompakteh Massien wbhnt, daß dieselben eine se|hr eigentümliche, den umgebenden Völkerschaften nicht ift allem ähnel'n d e wir'tschiaftlichie Entwicklung durchmachen und Waher auldW eine eigene nationale Kultur schaffen. Die Tatsache!, daß d|as jü|disohe Profetariaft im großen undl ganzem nicht im der Urproduktion, d. hL nicWt in dein die Roh'prod[ukte' iiitaft Produktionsmittel1 erzeugenden Wirtschaftszweigen, sondern vornehmlich djer Peripherie, d. h. :h dlerjenigieri Produktion1, die die Verarbeitung: i-feijÜ djie Verteilung innehat, sleinle ökonomische Funktion alfei gesellsdhaftlidhlel Klassie ausübt, bledingt die Rüdkiständlgikeit der ökonomischen Position des jüdischien Prol'etäriers1, a. 1' s ein z e 1 n p n, sowie sieine verhiältnis'mäßigje Sehwiächie: als geseilst c hl aftlü lc hie Klasse. •Esl muß ja jedem leinteuehten, daß die Ausbeutung im Handel1, Kleingewerbe uftd ikf der Heimarbeit sidh wesientlichi schlimmer und iunerträigltchler als1 djie in. der Giroßinld'ustrte) lund i|m Bergbau, [gestaltet; ferner daß dies!© maßloseste Ausbeutung sich in einer uhlgünsttgjelni die Klassengegensätze vertuschendeir Weis'e vollzieht, in dpr die Ausigebeutetien nur sehr schwer un,d| sehr längs arn idasi Bewußtsein ihreir Ki'asseniunterdrückuinig erlctigen. Ist doch der Berg]- und Fabriksarblejter von vornherein in delr ^glücklichen" Lage[, kraft seinier besonderen VWjpigikeit für die Aufrechte rhaitüng; der Produktion bieslserie Arbbitsbe:ding[u:ng;e|n: zu gjeniefien, Igdleidhzeitig aber den offenbarsten krassesten Klassengegensatz zwischen sich) und (dem1 Bergbau- oder, Fabriksbesitzer wahrnehmen zu könheh. Der jüdischie Proletarier aber, hauptsächlich an der Peripherie der Produktion beschäftigt, muß sich! mit dem* besdhränkte'sten Existenzminimum begnügen und, 'da er meistens niuir dem' kleinjefa Unternehmer gegenübersteht, werden die Klasseng|egie|nsätze sielhr oft vertuscht, sein Klassenbewußtsein daher getrübt. Diese soebengprläutietrte Tatsache der anormalen jüdischen Wirtschaft bedleutet ab!e!r auch eine unüberwindliche Hemmung für die Entwicklurig des gesamten jüdi'schiein werktätigen Volkes. Denn idie eigenartige soziale Sdhichtungi — das1 Fehlen jeglichen Bauernstän'de& einerseits uWd die unverhältmäßige Zähl! der Mittelklassen anderseits! —- machen einie normale Entwicklung der Produktivkräfte, und feio'mit auch der nationalen (im be'sseren Sinne des) Wortes) Kultulr nur sieht sehlwer möglich1. Die!wi r t s> chaf t IiiicbIh e|r rsich,e nden Klassen im jüdischen Volke) ihrerseits trachten aber 4en größten Teil der dürdh die anormale soziälle Lage auf dlem jüdischen- Volke lastenid'en Sdh>wiere auf die wirtsdhaftlidh schwächsten Schichten des eigenen Volkes; abzuwälzen, indem sie jdie ökonomisehle Ausbeutung noch unerträglicher gestallten. Hiedurdh bringen sie aber der jüjdisidfoeh Arbeiterschaft dais! Beiwußtsein ihreir doppelten Unterdrückung, alsi ausgebeutete 'Klasse eines unterdrückten Volkes', anscTiaulich bei. 'Die nationale Unterdjrückunig des jüdischen Proletariats kommt sbnach nicht nur in der kultuilelilen Rückständig'keit, in! der politischen Recht- *) Siehe „Freie Tribüne« Nr. 18 u. 19. l'osigkeit, sondern auch unmittelbar in ökonomischer Exploitation zum Ausdruck. Die jüdischen arbeitenden Massen leinen allmählich verstehen, daß däs! jüjdjische Problem keinesfalls bloß ein k u 11 u r e 1 l'ie s oder gar ein solches der politischen Demokratie ist; das jüdische Proletariat muß dann die jüdische Frage in ihrem ganzen Umfange, und zwar in erster Linie als soziales Problem erkennen; als Problem des eigenartigen sozialen Schicksals1, der eigenartigen Stände und Klassenstruktur, des eigenartigen nationalen (völkisdhjen) Seins. So muß das jüdische Proletariat im Prozesse der Elrlangung sieinels: Klassenbewußtseins allmählich erkennen, daß, wenn es tatsächlich frei werden spül1, es nicht umhin kann, der besonderen Eigenart der Klassenschichtung innerhalb d e s j ü id i $; c h' e n V ,o 1! k e s R e C; h n u n g z u t r a - g en u n d Iden K1 a s'sen kämpf in entsprechend konkreten Formlen zu gestalitein!. So entsteht die jüdische Arbeiterbewegung als sielbständige Bewegung des jüdisdhen Prolieitairiats, die in dem großen Strom der internationaüen. Arbeiterb'ewegung o rga n i s c h und h a r m o n islch mündet. Nicht die Absonderunig1 von den Proletariern, anderer Völker, sondern die Zusamme'nfassulnig, des; jüdischien Proletariats in ein organisches Ganges und Verknüpfung dessidben mit den geschlosslenen, ebenfalls organisch1 zusammengefaßtejn'j Arbeiterbewegungen anderer Völker, strebt die jüidisdhe Arbeite rblewegung an,. Nidht die Vertuschlungi d:elr Klassengeg^nsätzic innerhalb' des' jüdisdhiein Volkes, sondjeirn deren möigüich'St s'ich'arfe und konkrete Kris'ta Hijs'ie rungi a|uf de!m! Boden der jüdischie n Wirkliilclliiikeit ist Aufgabe; der jüdisdhen Arbeiterbeweigutfg. Nur dann, wenn Idas Proletariat sich auf dieseto konkreten, wenn auch steinigen Bode|n d,er jüdische" Wirkliidhkeit organisltert, wenn es; den internatipnälien Inihalt sieiniefs! Klassenkampfes! konkrete, nationale! (im besseren Sinnjei des Wortes: völkische) Form' verlieiht, nur djanni kann .esi gelingen, die breitesten Massen d|e|r jüdSsdnemi' Arbeiterschaft zu umfassen, die jgroßen (un|d kleinefn Probleme der )üd(isdh!en Arbeit.eirkl'asSe im' Giejiste des' Sozialismus' zu 'lösen lundi 'die jüldisdhie' Arbeitelrblewegung', als voll- und igleich'wertigelsi Glied der internationale zu gestalten1. Der blutige Sonntag im Hiener flrüBiterrate. *. Was der Krers arbeiterrat begonnen, das hat er in seiner dritten Sitzung zu Ende geführt. Nachdem er den maßgebenden Behörden die Blanko-Vollmacht zum Einschreiten am 15. Juni gegeben hat, hat er es nicht unterlassen, trotz anerkannter Ueberschreitung der "Vollmacht, ihnen das volle politische Absolutorium zu erteilen. Die Resolution Fritz Adler, die die Zustimmung der überwältigenden Majorität im Wiener Ar.beitarrate fand, hat feststellen wollen, daß die beteiligten Behörden ihre Maßnahmen im besten Glauben und im proletarischen Geiste getroffen haben. Um jedoch künftighin Mißverständnisse auszuschalten, verlangt die Majorität, daß dem Polizeipräsidenten ein Vertrauensmann des Kreisrates beigegeben wird, der bei politischen Fragen mitzuraten hat. Es ist wohl von vornherein allen Einsichtigen klar,' daß dieser Vertrauensmann vor den hervorragenden Sachkenntnissen des altbewährten Schober kleinlaut wird zurückweichen müssen, ebenso wie es dem Genossen Eldersch passierte. Begreift man nicht, daß es nur dieses System der politischen Spitzel und der gezüchteten Arroganz der übrigen Wachorgane ist, welches diese ganze Institution als eine über der Gesellschaft stehende, diese bloß maßregelnde und schuhriegelnde Körperschaft erscheinen läßt, und daher Folgen zeitigen muß, wie diese vom blutigen Sonntag? Die Volkswehr ist eine — wie von allen anerkannt wird — treue Sehutzwehr des Proletariats; warum soll nicht diese, wie die Kommunisten es verlangt haben, den Sicherheitsdienst übernehmen? Es soll nicht unerwähnt bleiben, daß die Resolution Friedrich Adler von ihm in einer ganz ungewöhnlichen Art eingebracht wurde, nämlich nach Schluß der Debatte und mit dem Hinweis darauf, daß manches aus dem Antrag der Kommunisten, den wir nachstehend zum Abdruck bringen, in derselben enthalten sei. Tatsächlich enthält die Resolution nichts vom Antrag ,der Kommunisten, denn der Unter suchnngsausschaß, welcher von diesen verlangt wurde, sollt die ganze Frage vom politischen und rechtlichen Gesichts" punkte prüfen und aus . dem Ergebnisse dieser Unter" suchung sollten die nötigen Konsequenzen gezogen werden. Das einzig erfreuliche, was die Debatte offenbarte, ist, daß es in den Köpfen einzelner Sozialdemokraten zu dämmern anfängt: eine ganze Reihe von Genosen rechneten mit „Arbeiter-Zeitung" ab, wobei sie darauf hinwiesen, daß alle bürgerlichen Zeitungen das Material für ihre Hetze ans der Rüstkammer der „A.-Z." entnehmen. Besonders aufreizend wirkte der objektive, das ganze Verschulden der Polizei aufdeckende Bericht des Mitarbeiters der „A.-Z.u, den der allgewaltige Austerlitz einfach nicht zum Abdrucke bringen wollte. Rudolf Goldscheid zählte-die Sünden der Koalitisnsregierung auf, und zeigte, daß die Ursache für die Möglichkeit solcher Ereignisse, wie der vom Sonntag, in der zaghaften Haltung der sozialdemokratischen Partei in der Regierung zu suchen ist, die jede soziale Arbeit sabotiert und dem Bürgertum die Mauer macht gegen die Kommunisten. Charakteristisch ist, daß es niemand für nötig gefunden bat, ein Wort für die Verteidigung der „A.-Z." oder die Haltung der Partei in der Regierung einzulegen. Die Resolution der kommunistischen Arbeiterräte. Die kommunistischen Arbeiterräte erklären hier: Wir verstehen die deutschösterreichische Sozialdemokratie, die „Arbeiter-Zeitung", ja den Wiener Kreisarbeiterrat nicht mehr. Eine Partei, deren Mitglieder als Minister es nicht verhindern, daß auf waffenlose, friedlich demonstrierende Arbeiter gesohossen wird; eine „Arbeiter-Zeitung", die es zu Wege bringt, einen wenn auch kleinen, jedoch überzeugungstreuen Teil des deutschösterreichischen Proletariats zu verleumden, die Abschlachtung schuldloser Arbeiter gutheißen und dann die Schuld auf die schuldlosen Opfer selbst abzuwälzen; ein Arbeiterrat, der es wagt einem Teil (und nicht den schlechtesten) der von ihm vertretenen Arbeiterschaft in den Rücken zu fallen, der Willkür monarchisch gesinnter „Ordnüngsmacher" auszuliefern und der nach wie vor stürgkisch-gearteten Polizei die monarchische Vollmacht für die Niedermetzlung kommunistischer Arbeiter erteilt,, bilden eine große Gefahr für die Weiterentwicklung der proletarischen Revolution. .-, Wir, die wir bestrebt sind, die jetzige Umwälzung zu einer sozialistischen Weltrevolution weiterzntreiben, die wir überzeugt sind, daß dies einzig und allein durch die sofortige Ergreifung der ganzen politischen und wirtschaftlichen Macht durch die frei gewählten Arbeiterräte verwirklicht werden kann; die wir andererseits jede wie immer geartete putschistisclie oder anarchistische Taktik ablehnen und mit unserer ganzen U e b e r" z e u g u n g bekämpfen, erklären: Einzig und allein die Koalition der Sozialdemokraten mit den Christlichsozialen treibt das revolutionär gesinnte Proletariat auf den Weg der Verzweiflung und in die Arme der Putschisten. Wohin die Koalition mit den konterrevolutionären Bürgertum führt beweist der letzte blutige Sonntag. Nicht die kommunistische, nach vorwärts strebende und t drängende klassenbewußte Arbeiterschaft ist es, die dieses Blutbad verschuldet hat; die Regierung der Sozialdemokraten allein und die dieser Regierung seitens des, durch die Sozialdemokratie irregeführten Arbeiterrates erteilte moralische Vollmacht ist es, die den vergangenen Sonntag zu einen blutigen gestaltet hat. Es bestätigt sich nochmals, daß, wann und wo immer ein B r i a n d und Miller and in einer bürgerlichen Regierung sitzen, sie vor der schrecklichsten Konsequenz der Unterdrückung jeder selbstständigen Regung der Arbeiterschaft durch brutale Gewalt nicht zurückscheuen. Sie können' dann auch nicht umhin die Schuld der aus allen Wunden blutenden Arbeiterschaft zuzuschreiben. Mit vollem Bewußtsein unserer Verantwortlichkeit als klassenbewußte, revolutionäre Proletarier, nach genauer Kenntnis der sonntägigen Ereignisse, erklären wir hier: das Arbeite rblut das geflossen ist fällt auf das Haupt der schwarz-roten Koalition Das böse Gewissen macht die Bourgeoisie zittern, wenn Arbeiter, besonders aber kommunistisch gesinnte, auf die Straße gehen und ihren Willen kundtun. Sie maij; sich selbst den Teufel an die Wand, es bangt ihr vor dem Schreckgespenst des Kommunismus und sie ist daher geneigt, jede solche Willensäußerung als den Versuch eines sofortigen Umsturzes (in der Sprache der bürgerlichen Presse : eines Putsches) aufzufassen und ihre bezahlten Söldlinge tragen das ihrige bei diese verleumderische Auffassung auf allen Ecken und Enden auszustreuen. Genossen und Genossinnen! Leset und verbreitet die „Freie Tribüne".

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