Freie Tribüne
- Journal
- Freie Tribüne
- Volume
- 1 (1919)
- Issue
- 23 (21.6.1919)
- Date
- 1919-06-21
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Proletarier aller Völker vereinigt Euch t REDAKTION und VERWALTUNG t Wien II, filockeng&sfe 6 Tür 17. Erscheint jeden Samstag. Freie Tribüne IBEZUGSPREIS samt Zustellung, Ganzjährig . . . K 16.- 1 Halbjährig . . . K 7.50 Vierteljährig . . K 3.80 I Einzelnummer 30 Heller. Organ dLos» jüdischen soziaiistiseine» Arbeiterpartei Poale Zion in Deutschösterreich Jahrgang Wien, 21. Juni 1919 Nr. 23 Brudermord oder Kiassenftrieg. Nim hat Arheiterbfut die S t r a ß ,e n Wiens gefärbt., Profetarierblut vergossen.....durch und jfn|d für die Koalitionsregierung, i Sechzehn Tote, an die Hundert sdhwerverwun- : iet-e Proletarier — dies sinjdl die Opfejr, die aulf em Altar der schwarz-roten Nationalversammlung 1 angebracht wurden. Dargebracht von einer Regierung, in» der Soafdemokraten sitzen, in Her Soziat- (e nto k r a t e n diktier e n. j Jawohl! Am Samstag, den 14., und am Sonnjag, den 15. Juni haben die Sozial!d>emokraten äb-f bst h'e r r Ii cW üb'er die Sieherhleitsvorkehirunn Wiens un$ ganz Dieutsch'österreiichsi verfügt. Friejdrich Adler hat es: unzwei;d(eSutig gewildert : am Samstag! Nachmittag wären die1 maßbeajdjen Genoslselnj von der Sozialdemokratie, zu- [mtmieniget r.eten, um üblelr die seitens, des! Polizeijäsjldienten vorgesdhl'agenleini Sichte rheitsvorkehrun- ':n zu beratet! und' zu'beschlieißerj. Nicht die Koaionsiminisiter waren; bets;amme^, slonderh die soilldemokratisdhen Minister mit Gejiosisieinl Seitz an er Spitze. Staatssekretär Eld&rsdh! vertrat die Vor- Mägp des Polizeipräs|ident{efn, id[a!hiln!gehefl{d: man ijögie die Kommunistehführer ftjeiute ver>häftten unjd iorgien ein Viersammlungsverbot;e,!rlas'senj. Friedchl Adler trat 'denn entgegen unidi esi wu,rdje n$dti ngien, schwierigen! unjd zeitiraubendefo Aiu&dnanidfctijzungen beschlossen', vonj d'en Gewalttm'aßrer ela Abstand zu neih'm'ie% Der Polizeipräsitnt wartete bis' spät! abends aiutf;diie In&truk£jon|eni ines1 Chiefs, desi Staatssekretärs Eldersdhl> unidj uißte sein Konzept gdmiäß djefm1 Besch'Rissie der zialldlemjokratis'chen1 Konferenz abänjdern. Die Sozialldemokratien! allein, verfügten1 also Samstaig, unfi Sonntag über die Gewalt unjd & wurde gebraucht ..... geen die komm u- | s t i s c h! ,e Ar best le r s c 'hl a f r. Wie es kam? Friedrich' Adler meinte durdh' De ganze Reihte! von „traurigenj Mißverstandlös'en". Jeder, der d|er verhängnisvollen Freitagsitzunjg 2S Wiener Kreisärbieliterrates bleigewohnt und die miaßendein Drohiuinjgie'n Friedriefo Adüiersi mit akihört hat, wußte : am) Sonntag! wird Arbeite rlblujt ßen. : Wenn maw dem alten^ von lutaten bis! obiejn durch il durch Stür^khödhien Polizeiapparfat von vornjjrein die moralische Bläriko-Vollmädht dlejsi soeben I Gericht über die Kommunisten glelsesSsfeniemj Krieis!- jbeiterrate's ertrdlt, kann umW: darf man| später cht verwundert tufo daß $e Polizei vonj dieser^ DHmacht mit Wöllulst Gebrauch macht und „keine1 »aide übt". Das erste Mißverständnis bestand njach dem irstoelünigen Frie^ridh1 Adlers1 fcilarini, daß e[r diesje ter das Schicksal! der Kommunisten e^tstohleidenjdje fczxungi der soziaMeihokratisdhlen Machthaber in r festen Ueb^rzeujgungi veriijejß, daß sowohl die plante Verhaftung der KomimtiWist^nphrer als dh däsi Verlsaimimlujigsverbot endgültigi fallen gießen wurden, wählreM ,$er Staatsslejcretär El- , r^dh' der Meinung War, djaiß blbß dfaisi Versammr bgisverbot rüdkgänigi,g geinadht, die VerhäftuWg! |tr, Kommunistenführ,e,r aber vollzogen, werdenj soll. Diesem Mißversitänld'nis folgjte tfutnj in der Nadhttzuwg des1 Vollzugsaju^sdhusselsi de|r Soldatenrättj im Polizeipräsidenten Sdhbfhje:r eim zWeit(eis*. Dte >rt abwesenden Solldjate^äte mit^ Gonessjcfrii Friey, ( der Spitze behaupten toämidhl d'^ß: ki\ dfetm1 Moent, aüsi sie von der Veirihaftiijnlg hjörtlejr^ sie die- Ibe mißbillig^ iuiidi alsi grpblen FeMleir verurteilt :ben; die anwieseindje|q| Polizisten hihgiegiein wollen « derartigem Protiest der Solldjatjenr^te nichtis: >g)e- »rit Ihaben. IDais dritte und letzte Mißverslfcänjdiais is,t, daß rnitiidhe maßgebende GlejioisSeii ~ vonj Adler bdsl itz! — von der wahnsWnjigien Verhaft^g einst it vormittagis,, uirfd zwa!r zu dnem1 Z,eitp,upkte, i das Verfiängnis >Mdht mehr abzuiwieinjden wars 'aWren haben. Niim wöh'll wir wollen alf dem" rücldiaftlbsi Glautt sehen kein. AUHnj, feimanid nrulß dodhi djeisjesi uttbaid uamittelblär versicMdeft Wblen. Das! es die eingesperrten Kommunisterijführer nidht unmittelbar verschuldeten, ist für jed^en Unbefarjgen.ch klar. Wer ist dann schuldig? Darauf antworten! wir: die Koalitionsregierung und jdjte inj derselben vertretenen Sozialldemokrten'. Das unglückselige KoalitionsSsystem; ist es, dasi in jeder selbständigen Reigunjg d|er Arbeiterschaft einen „Putsch" befürchtet, un|d die! Regierun(g ist es, die zur Aufre'dhterhaltung dieses fluchwürd|ig|en Systems nicht zurücksdheut, gegen die Arbeiterschaft Gewalt anzuweniden. Die jämmerliche Rolle, d^e die Sozialdemokratie dabei spielt, wird erst offenbar, wenn m'am steh vergegenwärtigt, daß jeder bürgerliche Minister, der den Befehl djer Kommunistenverhafturijgi erteilt hätte, sofort zurücktreten müßite, wäihrieind es ein soziaHdemokratischeir Minister sidh nidht nur^träuenj darf im Arbeiterrat zu erschein|e)n, sonderrf audh 'dort selbst als Ridhter aufzutreten. Es gienügt ihmi ja, bloß auf seine 32jährige politis'dhe Karrieire zu verweisen mjA er ist vor allje(n Anjg(riffen gjefieit', sielbst der schwersten — der Beschulidüigung, ein|einj Arbeitermoifa verursacht zu haben. Dazu taugt eben die Koalition. Ein bürgerlicher Minister darf sich heutzutage n i c h t trauen, auf Arbeiter schießen zu lassen. Ein altbewährter Sozialdemokrat, besonders, wenn er arischer Abstammung ist, darf sich auch diesen Luxus gestatten. Er bleibt im Amte und „erwartet Aufträge". Alles haben die Sozialdemokraten auf dem Altar der Koalition geopfert. Politische Freiheit, die internationale Pflicht, die selbständige sozialistische Politik, die So2ialisierung; und nun noch: sechzehn Arbeiterleichen und an die Hundert schwer verwundeten Proletarier. Dabei stehen die Bürgerlichen ganz beiseite. Nicht die christlichsozialen Minister haben verhaften und schießen lassen. Nein. Sie haben es ihren sozialdemokratischen Kollegen überlassen, mit den Kommunisten fertig zu werden. Nein. Man mag über das unheilvolle „Direktorium" denken wie man will, man muß jedoch gerechterweise von einer Polizei, die die Kommunisten mit „Spitzeln" buchstäblich umgarnt und über jeden Schritt des „Direktoriums" so gut informiert war, verlangen, daß sie auch weiß, ob und wann die Kommunisten ihren „Putsch" aufgeben. Daß die Kommunisten tatsächlich den Putschgedanken in letzter Stunde aufgegeben haben, und daß die Polizei davon wußte, unterliegt für jeden der in die Dinge Einblick hat, gar keinem Zweifel. Und so fällt die schwere £chuld auf das Haupt der Regierung, die das alte absolutistische Spitzlsystem nicht nur übernommen, sondern sogar noch vervollkommt. hat; die die politische Freiheit nicht geachtet und den Drang der Arbeiterschaft nach einem sozialistischen Regime mit Gewalt unterdrückte. Die Koalitionsregiererei hat die Proletarier auf dem Weg der Verzweiflung, in die Arme der putschistischen Abenteurer getrieben. Das Blut der Opfer ruft den Sozialdemokraten zu: kehret um! Betretet wieder den Weg des unentwegten Klassenkampfes! Dann gibt es keinen Bruderkrieg — dann gibt es nur noch Klassenkrieg. Es gilt zwischen beiden zu wählen. Eine Rede in der konstituierenden Vollversammlung des Kreisarbeiterrates, die nicht gehalten wurde. Mit einem Gefühle der Zuversicht ist wohl ein jeder von Euch Genossen zur ersten, konstituierenden Vollversammlung des Wiener Arbeiterrates gegangen, in der Ueberzeugung, daß hier ein Instrument des revolutionären Willens des deutschösterreichischen Proletariates in Aktion tritt. Wir mußten uns sagen, und zwar alle, ohne Rücksicht auf die prinzipielle Anschauung über die Machtbefugnisse, die dem Arbeiterrat eingeräumt werden sollen, daß es im Wesen dieses Instrumentes der kämpfenden Arbeiterklasse liegt, daß, wenn es in Aktion tritt, die Macht schrankenlos ausüben wird. Denn das ist der natürliche und logische Gang der Entwicklung einer jeden gesunden Körperschaft, der nicht im Vorhinein die normale Expansionsfähigkeit unterbunden wird. Nun, wie ist es hier damit bestellt? Der Wiener Arbeiterrat tritt spät, sehr spät zusammen. Alle reaktionären Kräfte organisierten sich indessen zusehends, um so rasch als nur möglich die Revolution zu liquidieren. Er tritt spät zusammen und auch in einer Zusammensetzung, die des unmittelbaren Kontaktes mit dem revolutionären Willen des Proletariates entbehrt. Denn zwischen der Ausschreibung der Wahlen in den Bezirksarbeiterräten und der Delegierung der Kreisarbeiterräte liegt manche bittere Enttäuschung des arbeitenden und darbenden Volkes. In der Ernährungsfrage, in der Wohnungsfrage, in der Sozialisierungs- und Enteignungsfrage usw. usw. erwartet das Proletariat nichts mehr von den jetzt gesetzgebenden und noch viel weniger von den ausführenden Körperschaften des Staates und alles von den Arbeiterräten. Es wird wohl ein jeder mit uns klar empfinden, daß man den in den Arbeiterrat gewählten heute ganz andere Mandate auftragen würde, als es vor beinahe drei Monaten geschehen ist. Und aus diesen Arbeiterräten wurde in indirekter Wahl der Kreisarbeiterrat Wien zusammengestellt. So ist die revolutionäre Energie auf diesem Wege gründlich wegdestilliert worden.' Nun sei es dem, wie es sei, der Arbeiterrat ist da, ist zu seiner konstituierenden Vollversammlung zusammengetreten. In der Arbeit, im bewußten Willen zur Arbeit, wird wohl auch der Arbeiterrat seinen revolutionären Weg finden. Es ist also ganz natürlich und nur zu begrüßen, daß die Konferenz der Obmänner der Bezirksarbeiterräte die K o m p e t e n z f r a g e auf die Tagesordnung der konstituierenden Vollversammlung gestellt hat. Der Arbeiterrat sollte sich darüber sofort klar werden,, wie weit er seine Machtbefugnisse selbsttätig umreißen will. Die Diskussion darüber hat im Auftrage der Obmännerkonferenz Gen. Dr. Friedrich Adler eingeleitet. Und er hat klipp und klar alle Kompetenzen gegenüber einer Partei, die der Kommunisten für den Arbeiterrat in Anspruch genommen. Für den Referenten stand also nur die eine Kompetenzfrage offen: darf die kommunistische Partei die breiten Massen des Proletariats rufen, oder darf das nur der Arbeiterrat? Wir verstehen den Anlaß. Begreifen auch die Eile, mit der man zur Klarstellung dieser-Frage getreten ist. Ja, glauben Sie jedoch nicht, Genosse Friedrich Adler, daß diese Frage, wie wichtig sie ihnen auch erscheinen mag, erst als Schlußring in eine Kette vieler anderer, wichtigerer, brennenderer Fragen beantwortet werden kann? Daß vor allem der Arbeiterrat seine Kompetenz gegenüber der existenten Gesetzgebung, der Regierung, der allerwidhtigsten Forderungen der Arbeiterklasse, ja vor allem gegenüber der großen Aufgabe des Aufbaues der sozial i*s tischen Gesellschaft reklamierenmuß. Zeigt der Arbeiterrat hier seinen einheitlichen konsequenten, revolutionären Willen, dann kann er wohl auch die Frage der Kompetenz gegenüber den aktiven revolutionären Parteien innerhalb des Proletariats aufwerfen und auf den Erfolg rechnen, der durch die kommunistische Losung: „Alle'Macht den Arbeiterräten"! ja im Vorhinein gegeben ist. Eine Anmaßung ist es jedoch, Genosse Fritz Adler, das Recht die Massen aufzurufen., nur für den Arbeiterrat zu beanspruchen, solange er in den brennendsten Fragen sich nicht als Farsprecher der revolutionären Energie des Proletariates deklariert. Es muß den Parteien und auch den Einzelnen unbenommen bleiben, an die Massen zu appellieren, wenn der Arbeiterrat seinen Aufgaben nicht gewachsen erscheint. Es muß eben nur das Proletariat entscheiden, ob der Arbeiterrat noch seinen Willen vertritt, oder ob ein neuer an seine Stelle zu wählen ist. Die wichtige Frage der Kompetenz des Wiener Arbeiterrates ist in falsche und nebensächliche Bahnen gelenkt worden. Das Referat darüber war lediglich durch enge parteipolitische Gesichtspunkte geleitet. Und das war im Vorhinein verfehlt. Ein Arbeiterrat, der nicht arbeitet, oder sagen wir, lieber noch nicht arbeitet, kann nicht Richter über die Politik und Taktik einer Partei sein. Er hat zweifelsohne das Recht, ja die Pflicht, das Schicksal der Arbeiterklasse in die eigenen Hände zu ergreifen und durch eigene Gesetzgebung und eigraie Durchführung es zu sichern. Damit ist jedoch nicht gesagt, daß, wenn der Arbeiterrat es nicht energisch und zielbewußt in die Hand nimmt, enossen und Genossinnen! Leset und verbreitet die „Freie Tribüne«