Freie Tribüne
- Journal
- Freie Tribüne
- Volume
- 1 (1919)
- Issue
- 17 (10.5.1919)
- Date
- 1919-05-10
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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Proletarier aller Völker vereinigt Euch! REDAKTION - und VERWALTUNG! Wien IX, Glocken gasse 6 Tür 17. Erscheint jeden Samstag. Freie Tribüne BEZUGSPREIS samt Zustellung 3 Ganzjährig . . . K 15.— Halbjährig . . . K 7.50 Vierteljährig . . K 3.80 Einzelnummer 30 Heller. Ox»|£ajr£ dei^ jiidLisoHei* aozialiBtis c*li^rtoeiterpartei toale Zioxi in De^itso]^öst4Bs*i?<eicliL I. Jahrgang Wien, 10. Mai 1919 Nr. 17 Der Dornenweg der proletarischen München gefallen! Spartakus Tod! Budapest vor cliem Fall! Sowjet-Ungarn kapituliert! ' Also jubeln die Schergen des „siegreichen" und des! schmählich zusammengebrochenen Impeiialismus'.! üjiid die giesamle Wiettzeile von eisen tapfe!re;nj „■Volkbimperialistien" bis zu den „gottesgläubigfcn" Linken sekundiert in einem Ted der kühlen Begonnen heit: „Aber ihr Sturz ist nicht aufzuhalten imicl man kann irur hoffien, daß die Regierung rechtzeitig selbst abtritt und für eint geordnetle Nachfolge vorsorgt, damit das ungarische Proletariat, das durch dien Leichtsinn seiner Führer im schwere Hejdrängnisl geraten ist, aus der entsetzlichen Lage bakTuud ohne Ungemach 'herauskomme/' Die seit dem 4. August 1914 so oft besungienei uuid „glänzend "bewährte" n at i o n a 1 e Eitiheif feiert heute ihren höchsten Triumph. Moritz Benedikt, Benno Karpcles und Friedrich Austerlitz (vor* Hanls Uebershergier und was noch schwarzer ist,, als1 Idi'e finstere Nacht, nicht zu redien) stimme^ alle, darin übe nein, "daß das Bubenspiel" der leichtsinigiejx .'Fiühner, das ungarländis'che Proletariat ins Unheil gleführt hat. Welch' großartiges1 Schauspiel! .Welch leldle Gesinnung! Es' „bewähre" sich der M ann ... 'Mit der leinheitlichen Front von Geschichtsfälsch^rn und Leichen schau de r'ii z;ii recfhtiehi, fällt uns gär; inicht ein. Djenn so 1 amljgjie dieisje Edllieh in: der v'tä^e""Äl, "'cfile'' hleiligien Komm;unaren m .sstrafeta^ wieiridien sie es sich nicht nehmen rass'en; deirehi Held'entatien zu 'höhnen. Was soll man jedoch von leinenr sozialdemoloratischen Blatte halten welches' einer, in beispielloser . Heldierihaftigkeit ausharrenden proletarischen Reh gielrung rat, r le c h t z e i t i g a b z u t r e »• e nun IT für eine geordnete „Nachfolge" zu sorgen? Welche Meinung soll' man von eiheir Arbeite rparteji haben, die noch vor wenigen Woc'hejn die »neu begründete nachbarliche Rätieregierung aufs „herzlichste" begrüßte, dabei lebhaft bedauert, cläßis'ite selbst cliem beneidlensweirtlen Beispiel mornen. tan noch nicht folgen kanh. Unld da diese Räte, re&ieriungi von dem wilden, habgieriglein Iimperialis mut? bexliroht ist, den Arbeitern heute weismachein will daß die gefahrvolle Bedrängnis des nachbar laUMi^hen Proletariats auf das Schuld'konto der fiei'ohtsinnigen Führer zu buchen ist? Die proletarischen Revolutionen letscheiniein im Lichte der sozialdemokratischen Qies!dhicihts!s'€hrieibung als böse Farce einiger SChwadhköpfe. „Vlerzwieiflelte Torheit" nannten sie dein Titati'elnkampf deö finnischen Piroletariats geglen sieine eagefcie Bourgeoisie und gegen che von Schleids mann unf eirstlutzten preußischen Junker. Nun triumphierien sie kl ihrer „kühlen Besonnenheit" übler dein Leichtsihn des! ungarländischen Proletariats und seiner Führer. Und diese Männeir sind un'gehaltefci,, wiennj die; Arbeitermasse vom „Verrat" der tfeehtssteh enden Führer spricht. Scheidemann-Noske — meinte ivnlähgjst einer ihrer Besten — Verkörpern ejiwe bestimmte historische Entwicklung. Und. Bela Kun? Hier wäre es am Platze an die Marxschje; Beurteilung proletarischer Revolutionen nochmals zu erinnern.*) Nicht unseren Gegnern! wollen wir es vorbehalten. Wi(r selbst wollen uns noch einmal1 unsier; Bewußtsein schärfen und unsern Willlefr stähllen.. „bürgerliche Revolutionen, wie di|e des: achtzehnten Jahrhunderts, stürmen rascher von Erfolg zu Erfolgt ihre dramatischen Effekte überbieten sich, Menschen und Dinge scheinet! in Fteuerbrillantteli gjöfaßt die Ekstase ist der Geist jledles1 TageS';, aber si'e sind kurzlebig, bald haben sie ihnen Höhepunkt: eirrjefcht, und ein langer Katzenjammler ergreiift 'die Gesiells'chaft; ehe sie dilä Resultate ihrer Drang- und Sturmperiode nüchtern sich aneignen lern|t. *) Karl Marx : 18. ßrumairo. Brofetarische Revolutionen dagegjen, wie die des neunzehnten Jahrhunderts^ kriti sie rieb: beständig sich selbst,, unterbrechen sich fort währendin ihrlem eigenen Laufi kommen auT clas scheinbair vollbrachte zurück, um es wieder von neuem; anzufanglein, verhöhnen grausam-g'ir!un<dli,ch: die Halbheiten, Schwächen und Erbärmlichkeiten ihrer erafjen Versuche,, scheinen ihiren Gegner inur hile.derzuwiejrfen, damit eir neue Krätfe aus der Erdle 'sauge und| sich1 ri'elsenhafter ihnen gegenüber wieder aufrichte^ schrecken stets von neuem zurück vor der unbestirnmtien Un1geheueerlichkeit ihrier e'igieinen Zwecke, bis die* Situation gescTiaffen Ist, die jede Umklehir unmöglich macht unfd djie Verhältnisse selbst rufien; Hic Rhodus^ hic salta! Hieir ist die Rose, 'hier, tanze'!" Welch' prophetischer Geist! Weldi historischie Pleirspektive! Marx .u^itiefllt nicht", Marx lehrt uns1 nur diie Geschichte! zu» verstehlen und deren Sinn zu erkennen. Wi;e nichtig erscheinen von diesleni Gesichts1punkte ausi 'die vagen Uebieirhlebulnigen d'elr allzu Veirniünfti'gen und BesomhieU'e^. Wile kleinlich' die Ratschläge deir patentierten Schulmeister. Die Revolution' geht ihiren iniierlich-lo'gi&dh-inotwichdigcn Weg. Un[d unterbricht sie sich selbst in ihrem eigiehen Lauf, so kommt sie dann später auf dais! scheinbar vollbrachte zurück, um e;s'. von neuemi anzufangiein;. önid scheinen die Gegner nleue Kräftfej aus d;ei\ Erde gesogen urrd sich der Revolution gegenüber noch' riesenhafter aufgerichtet zu hablen ,;so wirld1 dladuiroh auch diejenige Situation iges'ehaffien, die jedlej Umkehr unmöglich macht und die Revolution selbst 'ruft dann: Ich war; ic'h bin; ich werde imm/er;s;ejin. Obf fflaienpuß der arbBftspzeifuitg. Die jüdischien Oisterfei^rtaigie benlütztien diei Koa- Ut ionsm a cht ha b e r in Wien, dazu, einen \v el ß eh, blutlosen Piogroiin auf die ifaliziischen Juidjen zu verajiistalten. Ausigferechhiet am1 3. Ostiertage s'ollte die Judenaustreibting beginnen. Grausamstes' Mittelalter in weißen Handschluhjeni, .Modjell 1919. Das wäre aoier noch nicht das Aerigstie. Uarübfer könnte man demokratisch empört, moralisch entrüstet oder philosophisch beruhigt tun. Der Umstand je'dbcty daß heute genau wie im •finstersten Mittelalter jüdische Renegaten es' süud', die diese geschminkten Judienverfolgen iblesingieln, zwftigt: uns zur Gegienwehr. Daßi man uns Judie^i schlägt, mit oder ohne Naigaika — ist nicht verwunderlich.. Das diese bestiah's'chien Schlägt ,a,ber unter dient „Ma Jufes"-Gesang -der jüdischien Kosmopoliten auf unsere Häupter niedersausen, dagegen müs'seln; wir uns wehren.; ' Wehren! . . wie wehrt man sich gegen einle Wunde, die am eigenen Körper nagt; wie w|ehrt s'ich' der gesunde Körpeir eines1 Manjnesi, d[e|sse(n tollgie-' wordenes Gehirn dien eigiejnen XöirR!er .zeirflieischt. Un[d wie wehrt man sich gegen einea Dieb, der, um! nicht erwischt zu werden, zusammjen %lt 'dem nachlaufenden Öestohleöien: haltet den Dieb! schreit? Und das tat die „Arbeiterzeitung" am 2. Mai 1919. Sie benützte dazu den .Weltfeiertag dies Proletariats, den Tag der Internationale. Die dienkbiar beste Gelegenheit! Nicht wahr? Den „großen Nationalfeiertag" der Sozialdemokratie schimpften die Christlichsozialen und sonstigen edlen Bundesgenossen „dien Judiehfeiertag! an der Wienzeili'e." Diesen* mit Recht oder Unrecht erweckten Velrdacht, wähnte die A.-Z. nur dadurch verwischten zu köinnen, indem sie in dem allgemeinen antisemitischen Chorus harmonisch' einstimmt und: „haltet den Dieb" ruft. An der Maifeier der Köntmunisten weiß die A. - Z." nichts anderes auszusetzien, als — ja, man höre und erschaudere — alis, dlaß sie „einen sehr starken ga 1 izis'chen „Einsch 1 ag" hatte. Die Feier begann damit, — man höre und erzittere — „da ß in poIinis ch er Sprache die „Ro'te Fahne" gesungien wurde". Wahrhaftig, hat man es je gehört, daß aufl dem geheiligten Boden der Reichshaupt- und Riejsklielnizstacit am 1. Mai, dem internationalen Feiertage, internaftictiallei Lieder, und noch' dazu in pdl(nischer Sprache gesungen wurden! Hat sichs je lereiginet, daß am 1. Mai ,ein Pol;e zu den rein ^ernianischein' Arbeitern WienS' jjnf polnischer Sprache gesproclhien hatte? Und, was das schrecklichste ist, undf was 'im i[e;- dem guten Sozialdemokrat3en Grauen erwecken muß^ - eini Jude, — ja, ein lebend^glcr, jüdischer Komimlunist, ein Vertneter der „v eir häHnis m ä ß igj großen jüdischnationalieri (?) Gruppe dler Kommiunfsten", hat auch teil^enonimeln an dieteiemj int,er-/ nationalen Feste. Ja sogar „mit siecht Fahmenf und St an da rt e n, v oih d;enien f ühf mit" ■—>. höre gutmütiges Wien und bieg-reife t— ^heblr äilschen Lettern biemalit waren." Ist das nicht eine Schmach?. Ist das1 nicht eiinie) Besudelung des großen soziaMeimokratisehlen Nationalfeiertages? Ja so was in unsjerem erzdeutschert» gänzlich konfessionslosen WieJi'! Da hört siojh allje Gemütlichkeit auf! Es scheint fast,*als' ob,die Sozialdemokratie Idiaü Monopol auf alleinigen Besitz von Juden erwor'blenj und sich durch das Auftauchen jüdischer Kommunisten tief gekrankt und im Besitzrechiie benachtieiligit? fühlt. Das wäre aber noch ibegreiflieh. Amüsant wirkt der Ausdruck „'jüdischnationalen Gruppe der Kommunisten". Das* soll dein An;- sche.n erwecken, als ob es sich umi ^JüdisChnaitionale", d. Ii. um leine bürgerliche Partei,; die sich kommunistisch gebärdet, handelt. Die „A.-Z." will d£i die Leser glauben machen, es Jiiandle .sich um Mjiie sdh'warz-gelb'en St ricker-Leute, drie htm zum1" Kommunismus gestoßen sind'. Nein verehrteste Schriftleitung! Es sind dies! keiue Jüdischnationakn, wie sie es< wissentlich entstelen. Es sind' vielmieihr jüdis'chle Sozialisten, die) biei d'er Wahl in die Nationalversammlünjg gegiert dlej Jiüdischnationalen aufopferungsvoll! gektämpfi uhd für die sozialdemok^ aig^- tiert haben. Ja, es sind diesÄien jüdischejnl Sozialist en, mit dienen rbre soz.ndlem. arischem Vertrieteir arrt letzten Berner Kongreß —;zu 'frommen; dteir jg|esamten InternatiQnale und zum Aerger ,der d;.-ö. So-. zialdemokratie — gemeinsam; b^i Tisch saßen. Ja^ dieselben jüdfüsdhien Sözialist{eh hdWfi sich jetzt von1 der zweiten toten IntftrMationaV aiblgeweindeit jtrjnä sidb der dritten völke^ieftieier^ien ilirtjernätiohal.ei m<- gesChlossien. ' ' '' ■ ' Und wenn diese jTijd'iscnein Sozialisten keinch! a.ndenen, gewichtiger;en Ofuirid für ihre Abkehr Von der zweiten Internationale, hätten, so nrußte dier, brüderlidhe Maieugruß, 'der ,yA. Z.'r sie jedenfalljs! davon überzeugen, daß sie mit tflem d.-ö.- Flügel dler Internationale nichts', aber schon gar nichts gemeinsames :häbien. An dem Tage, der diie Verbrüderung der Proretarier aller 'Völkier beku;nden soll, (hat es die, wAr.- bieiter-Zeituing" für angeimessien eraöhtiet, an di.el Instinkte des finstersten Mittelalters zu appelliieretn. So: groß ist ihr Haß gegen alle Sozialisten, welche ohne' Rücksidht auf bourgeoise Wohl'meinungen utnjeintwegt die Fa'hne des Klassienkampifies1 (hochhalten, d|afl sie nidht davor zurückisdhredkt, die lArbeit^rklasisje) eines andenen Volkes verächtlich zu imache^, derjen Sprache mit irgend einem i,Jargon*" izu idjeiritifizierein. Das Wiener antisemitisdhe Lokalkolorit Jiat leüiie n|eü^ Note erhalten und... nen(rit mai^ die Namen de'n Judenverächter, so darf der Redakteure dler )\rbeftterzeitumg.nicht vergessjein werdein. Neu dürfte es allerdings sein, daß) die „Arbeiter-Zeitung" die Argumente für ihren Kampf gegen die Kommunisten, dem Arsenal der^Reichs'- post" entlehnt. Es soll, der Versüch, vvenW auch mi| den unlautersten Mitte,lu|, giemacht1 werden/ djjei gesamte kommiunistische Bewegung aM jüdischies Erzeugnis darzustellen^ um' so durch Entfes'selutriig der niedrigsten Instinkte, die heimische Boürgieöisiei zu schützen. Wir erinnerlni, daß -diies^l'bie Taktik seinerzeit gegen die, Sozialdemokratie selbst angeiweintdet' wiurde; der Erfolg ist (bekannt. Ebenso muö d i e s e s Unterfangen ah dem' Rillen djer Massieni zum Sozialislmjus zu Schanden w;erd|en. Der Schände; werdeji aber auch jene üherlie,f!ert we(rden, weicht an die Spitzje der sozialistisc'hen Bewegung gestallt, das heilige Feuer d^r proletarischen Eintracht nicht hüteten, sondern der finstersten Reaktion Vorschub leisteten.