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Freie Tribüne · 1919-04-12 · 13 (12.4.1919) · page 1

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Journal
Freie Tribüne
Volume
1 (1919)
Issue
13 (12.4.1919)
Date
1919-04-12
Page
– (sequence 1)
Language
German
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REDAKTION und VERWALTUNGs Wien II, Glockengasse 6 Tür 17. Erscheint jeden Samstag. Freie Tribüne BEZUGSPREIS samt Zustellung i Ganzjährig . . . K 15.— Halkjäkrig . . . K 7.50 Vierteljährig . . K 3.8t Einzelnummer 30 Heller. Organ der jüdLiBolxe&in Bozialdemokratisohen Partei „Pomle Zion" Proletarier aller Völker vereinigt Euch! I. Jahrgang Wien, 12. April 1919 Nr. 13 Anmerkungen zur TiMifcfraiB. Das wirtschaftliche Lebien des jüdischen Volkes. Hat wohl' mannigfächie (Eigenartigkeiten und aus) ihnen entspringen die besonder en "Foriderujngen und Bestrebungen des jü(d'ischen Proletariats. Auf dem Gebiete der Taktik jedoCh kennt es ktine B^s on;d er hie itien, So daß die Taktik der internationalen Sozialdemokratie immer auc*h die seinem ist. Denn der jüdsiche Sozialismus beruht auf diem Klassenkampf!; seine Grundlage ist der Klassenkampf .des jüdischen Proletariats im jüdischen Leben. Wenn es in den taktischen-F ragen, die allein! hier in Rette stehen., trotzdem etwas Auszeichnenides für :den jüidischen Sozialismus jjabi so war es die Tatsache,, daß jener sozialistische Opportunismus, der unter dem Namen Revisionismus und Reformismus, in den letzten' zwei Jahrzehnten aufkam, in.dien jüdischen sozialistischen Parteien keine Wurzel schlug. Nattirrich ist diese Tatsache nicht etwa inv einer besonderen Einsicht der jüidischen Proletarier begründet, sondern einfach darin, daß ihnen die VersuvChung des Ministerial'isrnus oder verwandte Versuchungen nicht begegnen konnten. Was immer.aber der Grund für die Beibehaltung des ursprünglichen Radikalismus sein mag — der jüldische Sozialismus „war stets, nicht nur ,in seinen 'Zielten,; sondern au'Ch im - andel'n von diem Gefühl erfüllt, das! in den '(berühmten Worten Bebels ausgedrückt ist: <,Wir sind und bleiben Todfeinde der bürgerlichen Gesellic'haft". Nun aber soll es nicht bloß bei der- Deklarierung diesier Glesinnitilnig] fsie'in Bewenden 'Hatyeph >*s £ilt vielmehr si<e in die Tat umzusetzen, von allem aber sich zu entscheiden, welcher Weg zum Ziele! führt. '-------Die fetzten Monate -haben, üns. in dieser: Beziehung einen anschaulichleren Unterricht erteilt, als es1 sonst Jahrzehnte vermocht hätten. Die alltej Losung von der D i k t a t u r des P r o 1 e t a r 1 a t e s;, früher ein abstrakter Begriff,,, ist Fleisch und Bllut! geworden,, sie1 ist in 'den leibe neigen Schöpfungen, der Revolütion, in den A r,b e i t e r r ä t e n verkörpert. Es ist überflüssig* hier alle1 Argumente zu wiederholen, die die Diktatur desi Proletariates als' eine unumgängliche Voraussetzung für die Zerstörung des bürgerlichen Staates und für den IJe'bergang zum Sozialismüs begründen. Es ist zur Genüge er- *) Anm. der Kod. Gedruckt auf Grund des freien Wortes, aus Anlaß der bevorstehenden Parteiberatung. wiesen worden, daß die w aji r e TD e m o k r at i e unter der Herrschaft des Kapitalismus nicht (möglich ist, daß sie zur vollen Tatsache nicht1 schion diunch die politische, sondern erst durch die ökonomische Gleichheit wird;, daß aber hiezu zur Beseitigung der wirtschaftlichen Ungleichheit die Diktatur des Proletariates notwendig ist. Wenn die iüdische Auflleibüngsbewegung so sehr der politischen Freiheit bedurft hat, so müssen! (wir jüdische Sozialisten die Erkenntnis gewinnen,, claß die Diktatur des Proletariats es, wenn sie eine des ganzen P r o II-et ar i ates ist und nicht eine G c* wal'thcrrschaft eines Teiles jegliche Ent* taltung der arbeitenden "Massen nicht nur nicht hindert, sondern in unvergiieichlich gesteigertem Mäße geradezu zur Follge Trat und daß daher! auch unsere Auflelbüngs!b!ewegung neue Kräfte gewinnt. Sie wird1 erst mit der fortschreitenden Verwirklichung der sozialen Gerechtigkeit und nur unter ihrer Herrschaft all ihre Ideale erfüllen. Welche besondere Bedeutung für 'das jüdische Proletariat die elementar entstandenen unld nun zur gewichtigsten Rolle berufenen Arbeiterräte haben, lehrt das Beispiel von Polen, wo diese! das gemeinsame Organ der polnischen und jüdischen Arbeiterschaft sind, da eine jede ihre Delegierten in sieentsendet und auf diese Weise; die reale, Verbind'ltng zwischen beiden als Massen "hergestellt ist. So also ist unsere "Stellüing prinzipiell klar. Aber die revolutionäre'Ungediuil'd', die ein Quell von: unversTeglieber Kraft sein kann, darf uns nicht in Illusionen versetzen. Namentlich vor zwei Dingen glauben wir warnlen b.u1 sollen. Das eine1 ist die völlige Abkehr vom Parlamentarismus, der von Vielen auch alls1 Mittel des Kampfes verworfen, wird. Nun, 'der Antiparfamentaris'miuis ist im Emanzipationiskampfe;d^rp*o?eT^ Jedem Sozialisten ist .namentlich die Rolle vdes> französischen Syndikalismus bekannt, tler den Ministenälismus zu seinem Widerpart hatte. boTlen wir aa ain eile besonderen jüdischen Verhältnisse verweisen,, die es natur notwendig rnit svCh bringen werden,, daß diem Antiparlämentarismus der Einen der kleinbürgerliche Nationaltsmus der Anderen folgen wird? Wir dürfen uns nicht darüber täuschen, daß wir nur eine schmale Schicht der so 'breiten 'Masse des jüdischen Proletariats erfaßt haben und daß es die große Masse! erst zu gewinnen gilt. Freilich ist "bei der von!,der deutschesterreichisehen Sozialdemokratie in der juidenfrage eingenommenen Stellung, die in den Wahlkämpfen mögliche Aufklärungsarbeit sfehr erschwert. 'Aber sollen wir die tausende jüjdisc'hen Angestellten den 'bürgerlichen Zionisten untätig überlassen? Man wenldej nicht ein,, daß wir unlsTmit antiparlämentarischer Aufklärung an sie wenden sollen, denn die verschwindet gegenüber der Versuchung der nationalistischen Instinkte,, wenn zur Erklärung für den Sozialismus nicht auch bei den Waibl'en! die Möglichkeit, die Notwendigkeit existiert. Man denke nur an die allzu!- vielten, noch von der bürgerlichen ,KlaF Israel-Pisych'ol'og'ie erfüllten Bank- und Bürobeamten, an die, so zahlreichen von ihrer Hände Arbeit, aber doCh; in kleinbürgerlicher Ideologie lebenden Mäidchen und Frauen und man wirld ermessen, wie wir die Balsis unserer Wirksamkeit uns durch' die AbLstinenz entziehen. Nein, die auf diem Parteitag der Unabhängigen angenommene Entschließung, die den Parlamentarismus a/s Kampfmittel mit einbezieht soll' auch für. uns gelten. Die zweite Illusion a'ber, vor der wir; uns hüten sollten, 'betrifft die Ste'lung, die wir zu den ariderem sozialistischen 'Parteien einnehmen sollen. Es ist sicherlich unbestritten, daß die Partei alte Ganze auch in der sozialen Revolution bestehen muß, um $ie Sprecher'0 dle3' jüjdischen Proletariats zu isein„ das erst dann alle seine; Fragen wirid flösieftif können. Trotzdem wird die obige Frage erhobe'in. Sie erscheint abier, wenn' sie mehr als' einen geistigem Verkehr,, wenn sie eine förmliche Verlbindung bezweckt, überflüssig. "WpHH ist das Proletariat überall1 gespalten, aber wenn■-Steine Stunde schlagen soll!, m,Ui<ß< eä gjeietnigff! ' sein. Darum war ofoiein vioni der Diktatur; Bes' Prol'e- *t&$iäte!gj^^^ Teiles" die Rede. Nur wer sdie letztere will', wird! die jüdische Sozialdemokratie auch auf die extr;em'ej Partei des Landes festlegen wollen. Wer aber an die Ei nig k e it des revolutionären Proletariates' gläuM, wird dieser Festlegung entbehren, Diesen Standpunkt diktieren aber auch die Tatsachen. Den "Beweis liefert Ungarn, wo "Hie kommunistisehe und soziaFdemökratis'che Partei verschmolzen unld dieselbe Lehre wirtt wohl aulCh München liefern. Was Deutschösterreich seliber betrifft, «enugit! auf die radikale Richtuingl in der Sozialdemokratie (Artikel! von Max Adler) hinzuweisen, um zu erkennen,, daß die Herrschaft des Proletariats nicht Feuilleton. Zug der Zwerge . . . Vortragsabend Josef G r o 1) (Aus eigenen Schriften). — Verein „Kanaan11 : Jüdischer Autorenabend. Eigene Dichtungen lesen vor: OitoAbeles, Friedrich P o r # e s, Z. F. F in k e ls t e in und Josef Grob. — Leseun' Redehalle jüdischer Hochschüler: Vortragsabend Z. F. F i n k e 1 s t e i n (Aus den (!!) deutschen und jiddischen (?) Schriften. — Literarischer Abend: Siegmund S c Ii o r v (Eigene Schriften) —-- Ist's ein böser Traum? Ach nein, es ist die Iböse Wirklichkeit. — Abschaum redaktioneller Papierkörbe, Schund-Fetzen der kunstlosen Presse, lächerliches graphomanes Gekritzel und anämische deutschgeschriebene, jüdischgefühlte, kjunstfremde Gesinnungsgenossenkurist wird unter d|er Marke „moderne jüdische Literatur" ausgekramt und d|ann: spricht die „Wiener Morgenzeitung" (27. März) von einem großen Nutzem für"die Popularisierung d'er jüdischen Kunst, wenn sich häufiger solche „jüdische Schöpfer" dem Publikum zeigen und demlselben „persönlich ihre Produkte (!) übermitteln würden. Wir le'ben ja im Zeichen der "Surrogate und nun sind sie auch 'bei uns auf dem literarischen Markte durchgedrungen. Aber ist es nicht genug, daß ein ganzes, breites Feld jüdischer Kultur, das Theater vom Schund! überwuchert wurde und in einen fechier "hoffnungslosen Zustand der Verwahrlosung geriet? Muß man dem nun auch ins literarische Lager sich einschleichenden Schund untd' der Talentlosigkeit so ruhig lUnd von mancher leider sich!berüfen dünkender Seite gar_ wo'hiwoI'Jend und fördernd entgegenkommien? Man sollte meinet: "Ein national-jüdisches Organ, das seinen fachkundige»n Referenten für Sport besitzt, müßte doch auch einen ha'ben, der in Sachen der jüdischen Literatur ein 'bißchen besser orientiert wäre, als das übrige; Kollegium führender Geister, bei denen Unkenntnis der echten jüdischen Kultur (und nicht bloß der modernen) fast ausnahmslos1 Regel ist. Findet sich alber kein einziger unteri-diesen Herren, dem jüdische Kunst ebenso studierenswert und pflegenswürdig erscheint, wie z. B. "die Kunst der Wahlmacherci - -- dann Hände weg! und nicht sich der Gefahr aussetzen, daß eines schönen Tages an zwei-drei Graphomanen, von denen mancher nicht einmal der jüdischen Schrift soj recht kundig ist, die Salbung und Krönung zu jüdischen Dichtern durch einen zufälligen Freund des' Blattes umd dier nieuentdeckten „Kunstjünger" vorgenommen werde. Was die paar Herren anbetrifft, die auf Grund ihrer deutschen „Schriften" unter der Flagge der modernen jüdischen Literatur segeln möchten, will ich hier mir "folgendesbemerken: Jüdis che Literatur wird he!bräjsch oder jüdisch geschriebeu. Was nicht , in der Sprache des jüdischen Vokles gedichtet wird, gehört auf keinen Fall zu jenem Schrifttum, das: m(an als die moderne! jüdische Literatur kennt, jüdische Themen in fremden Sprachen dichterisch verarbeitet, gehören ebensowenig, der jüdischen Literatur an, als z. B. Heines „Grenadiere" der französischen, Maarten, Maartens englisch geschriebene Schilderungen aus dem holländischen Leben ~ der hollänldisthen Lafcadio Hearns ^Koko-ro" der japanischen oder des Grafen Gobineau „Les pleiades" der deutschen Literatur angehören. Wer jüdisches Leben in deutscher Sprache schiÜdert — muß sich im Lager der deutschen Literatur nach Lorbeeren umschauen, ganz mit demselben Rechte wie derjenige, der deutsches Leben, amerikanisches, süd- oder nordlänidlisches in deutsche Kunst umsetzt. Einem Wassermann gelingt es ebensogut mit dem ailmens'chlichen „Kaspar Häuser", mit denn ,Gol'- denen Spiegel", wie mit den „Juden von Zirndorf". Einem Schnitzler bringt das unerschrockene jüdische Thema von „Professor Bemhardi" unverwelkiiche Lorbeeren gerade von der deutschen Kritik und! > gerade zu einer Zeit, wo an allen Enden über die Verjudung der germanischen Literatur Zeter und Mordio geschrieen wird. Man sieht also, daß echte, große Kunst ihre Anerkennung finden muß, auch wenn oder trotzdem der; Dichter ein Juidje ist und ein ihm naheliegendes jüdisches The'ma in der fremden Sprache verarbeitet. Sollen nun die Herrein Abeles, Piorg.es und wie alle d|ie übrigen Grünaus unld Zlocistis noch heißen, einmal versuchen,, die Lo'beelrkränze für ihre Dichtungen bei jener Literatur zu holen, in deren Sprache sie schreiben! Hic Rhtodus, hic salta! Wenn sich die Herren dort die Sporen verdienen, dann wir}d djais jüdische Volk sie dem deutschen neiden und1 stolz sein auf düe uns entsprossenen Dichter, die die fremSden Gärten so!herr- )!ich zum Blühen bringen. So neiden wir der deutschen Literatur unsere großen Söhne wie Heine, Börne, Auerbach,, Wassermann, Schnitzler, Karl Kraus und die vielen anderen, dleren Aufzählung. zLu\ viel Raum einnehmen würde und die in nicht geringem Maße den Stolz des jüdischen Lölkes als der Stolz einer fremden Literatur bilden. Solcher großen Juden, um deren Dichtungen wir fast jede fremde Literatur!benei{dein müssen, gibt es so viele, daß wenn sie alle uns in der jüdischen Literatur erstanden wären — unsere Literatur wahrlich zum herrlichsten 'Tempel1 "unter allen geworden wäre. Nun sie abier als Dichter den Fremden angehören, trösten win uns mit dem Stolz auf sie lüHr* Organisiert Euch politisch und gewerkschaftlich! ~3M

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