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Freie Tribüne · 1919-04-04 · 12 (4.4.1919) · page 4

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Journal
Freie Tribüne
Volume
1 (1919)
Issue
12 (4.4.1919)
Date
1919-04-04
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Seite 4 Freie Tribüne Nr. 12 Denn frier, wo es eine große jüdische Volksimasfse gibt, ist das Redlem doppelte Pflicht und |die hiesigen Parteiinstanzen werden; ihr nicht entgehen, .auch dadurch1 nicht, daß sie glauben, mit einem* Bericht SiWer Deutschlands Stellungnahme fertig zu Iwierden.! Denm sonst werdein auch die njaiven Leser an die ^Arbeiterzeitung" einmal die nahtelie&ende Frage gfeHlen: „Wo Meibt die eigene Stellungnahme,?" Dbp ipplaudierte Mord. Nach fast 5 Jah're(n wuridle das Urteil1 über dien ÜVtörder von J,aure& gelallt. Der Tojd dies Mannes, Her das Gewissen! d|er Wirft war, djessien gliihendle Materlawdlsli^bie eins war mit seiner unendlichem Lieble izur ganze n Menschheit, hätte gewiß nicht gelslüfont werden können!, .wenäü der Mörd(er seine iTiat hätte büßen müssen. Aber daß die Geschworenen dien Ruchlosen! f reigesprochen;, das ist Salz auf die noch' heute1 off etilen Wunidien dies Proletariates, fid|as! 'ist einj frevlerisch'er Hohn auf steine heiligsten öeflühle. In Frankreich, wo im Kriege die Gerichte!, pawtar nicht in de'mi Gräfte wie bei uns1, aber, dioch fun- «netnls'chHdh gewütet haltten, wurde jetzt ein Freifcpmch geüällt, 'der nlidhtsi anderes ist als ein schallender Beifall! zur Tat des Mörders ViilHain,, ein Beifall! der eh'auvinistisdhen, kapitalistischem Bourgeoisie ffijer 'ctte Ermordung iates' Friedtensapostels undr Mejnischhteitsvte rtei digers. Eint Frobi auf's Exempel ibiietet ein in der Berliner bJ:üdäsichlen Rundschau" [(Nr. 21) enthaltemes Interview mit H. Idelsohn^ einiem ibürgelrlicihen Politiker aus Petersburg, über id'as Jüdische Leib'eln in Rußland. Während alle bürgerliehen Blätter bisher nur schwarz malten, findet an an im Idefeoh'ns! Au|sfiührun|ge3i veirschietdene Far- 'bleira ujnid: lohne ,a|U|s! den spärlichien Anigaibeini SchilußfOilgeruingeni ziehen zu wollen;, 'bringen wir die Schilderung ü'ber die imimlelrhin erhebliche Tatsache, des) Bestandes einer jüdischen V o 1 k s u; n i v e r s> i t ä t in) Pietrograd. Die Entstehungsgeschichte dieses Bildungsinstitutes ist einigermaßen merkwürdig. Ein reicher jüdischer Bourgeois hatte Angst, daß ihm die bolschewistische Regierung sein Haus wegnehmen würde und beschloß infolgedessen die Gründung einer Volksuniversität. Zur Gonehmigung dieses Institutes hatte man sich an den zuständigen Kommisiär für jüdische Angelegenheiten wenden müssen, der in jedem örtlichen Sowjet existiert. Diese Kommissäre sind in ihrer Stellungnahme zu jüdischen Dingen von keinerlei Weisungen abhängig. Je nach ihrem persönlichen jüdischen Standpunkt sind sie für Jiddisch oder für Hebräisch, gestatten „jüdische Arbeit oder verhindern sie auch. In sehr vielen Fällen stehen sie allem Jüdischen feindlich gegenüber. Dagegen ist der Kommissär für Volksaufklärung im Zentralsowjet ein Herr Grünberg, - ein ausgezeichneter Jude, der ohne weiters für jede Art von jüdischer Arbeit zu haben ist. Wie in zahlreichen anderen Fällen wandte man sich auch in diesem an ihn, und er genehmigte die Volksuniversitfit. Ihr Etat wird von der Sowjetmacht getragen; die Professoren werden als Staatsbeamte besoldet. Dozenten sind u. a. Brutzkus, Dubnow usw. Die Schule hatte.zahlreiche Hörer, in letzter Zeit mußte sie ihren Betrieb etwas einschränken, da ihre Kurse nur abends stattfinden können und zu dieser Zeit der Sfraßenbahnverkehr in Petrograd nicht mehr besteht. Die Universität ist durchaus von zionistischem Geist erfüllt. Bedenkt man, 'daß H. Idelsote ein Gegner der Bolsdhewiki ist, so wird' man seine Biemierkungeni Übler die Wil'lkür der Komniissläre für jüdische Ange- Beigen'heiiteri, auch wenn sie richtig sein; sollen,, mit der nötwendigen Resiefve auifnlelh'meln' müssen. Man ersieht jedoch', daß alle Nachrichten über eine Erstickung al'lels1 jüdischen kulturellen Lebens erlogen warein1. Denm wenn eime jüldischie Vol'ksuniversität aus staatlichen Mitteln erhallten 'wird, so wird dies sicherlich nicht im Gegensatz zuim gesamiten kulturellen Leiben der Juidieu sitehjein. Das Zeugnis des He-rrn IdelsbWns' enthält nichts übler die wirtsch'aftlichei, also die entscheidende Seite dies Bolschewismus1 und kann daher nicht für odier gießen si«j vierWelrtdfet werden, flibler es zeigt einen Liehtibl'ick im kultüneHlen^ Leben und1 straft in dieser Beziehung alle ibolschewikif^indliehen Berichte . Ijü'giem. Aus der Bewegung. Brief ius Lemberg. Die Lage in Leimherg ist jetzt u'm1 vieles ärger äalisf zur Zeit des Kriejgels mit Rußland, ja zuweilen yiodh! ärger ate während de|r russischen Invasion!. Noch immer dröhnen die Kanonieini, sodaß die Bevölkerung aus der lAngst lum ihr nacktes Leiblen nicht tmiehr herausko'mnTtt. lelbens'mittiel' sind zur Se lt enttileit gewordein und man weiß oft' nicht, ob die foesdhleidene Menge, die von den1 Behörden zugewieslen Wird, wirklich noch am näldhstjen Hage! wird aus-' . gefolgt werden. Doppelt sdhlwier lastet dieser uintert tägliche Druck auf der jüdischen Bevölkerung utad insbesondere1 auf der jüdli'sdhleni Arbeiterschaft. Zul den Leidem der gesamten Bevölkerung gesellt sidb die Angst vor neuen Piogfromen, dazu die Verfolgungen der militärischen Behörid|en, die gegen jede Selbsthilfe und Sicherungsmaßnahmen der Beivölkerujng mit den schärfsten Mitteln vorgeht. N Unter solchen Umständen imUß es wirklich Wunder nehmen, wenjni unsere Genossen den Mut und die Energie aufbringet, ihre großzügiigje<: HiTfsi- und Kulturarbeit durchzuführen. Als erste und wichtigste, Arbeit betrachten wir die wirtschaftliche Hilfe für die große Zahl jüdischer Arbeitsloser, die sich nicht dazu hergeben wollten, von den verschiedenen philanitropischen Komitees entwürdigende Almosen und Unterstützungen anzunehmen. Unsere erste Arlbeit war die Gründung 'einer jüdischen Arbeiterküche, die mehrere tausend Personen täglich zu verpflegen hat. Dieser Küche schloß sich1 naCh kurzer Zeit eine Aribjeiterteehiallei an, die sehr stark besucht wird. Um fdiie Approvisiotiierung der Arbeiterschaft zu erleichtern, wurde von uns ein jüdischer Arheiterkon]sumvcrein geschaffen, der schon in den ersten! Tagen Jsejmies. Bestanidies mehr als 4000 Mit|glied(qr zählte. Eine .Volksbäckielrei, die als Produktivgenossenschaft der Bäckerarbeiter gegründet wird, soll den Konsumverein von, den kapitalistischen Bäckereibesitzern unabhängig machen und ihm die Möglichkeit geben, der Arbeiterschlaft das Brot zu billigleren Preisen zu liefern. Eine zweite wichtige Arbeit war die gewerksdh'aft liehe Organisierung der Arbeiter, die verhindern sollte, daß die, ohnehin große Arbeitslosigkeit nicht zur Lohndruckerei und stärkeren Ausbeutung Anlaß werde. Wir gründeten daher professionelle Viereine der Metalllairlbieiter, Budhdrucker, Schuster, Schneider, Kellner, Kürschner, Händel'sangestellten, Privafbeamten^ Bäcker u. a, Diesie Gruppen Umfassen außer dem1 größten Teil der jüdischen Arbeiter auch viele Christliche Arbeiter, da die P.!P. S., 'die noCh imni'er iml Wahne! der großen, Politik (befangen ist,!bis beute nichts! auf dem gewerkschaftlichein Gebiict untiernomfmlen hat. Dijp einzelnien Fachvereinei sind zu iciuem Verbände zusamimiengesehlossien, der ein kostenloses Stelleniveirmittluingsjbiüro eingerichtet hat, das gute und nützliche Arbeit Heisteit. Trotzdem diese wirtschaftliche Tätigkeit fast alle unsere Kräfte albsorbierit, führen wir auch eine ausgedehnte 'kulturelle Arbeit. Die von uns errichtete Volks'bibliot'hiek steht allen Arbeitern zur Verfügung und wird sfelh'r stark 'benutzt'. In unserem Viereins lokale werden Kurse und Vortrage .3.1-- ■ -i ten, die alle .einen massembaft p Die von uns igie'sicWaffene1 judisc \,1 koib Gordin" hat bereits leine :; . ,;^ , ^; 'vollem literarischen Vorsteil' n ausgedehnte Tätigkeit fuhrt1 1, > ragen^ bleitervierein. Wiertvolle Ur^ /i\ng lv 1 11 . •. Ar'bleit finden wir von deir x \mt*> b meic '« ,M gierjün deten akademis'dhle- \ ( Organ „Das1 Vollcslblat't' v.-,.: n;wcii.;i so daß die Administriati . r^wit-j 1 •. kauften Nummern ziurtücl ■■ m :". - friedigen zu können1. Wenn wir uns;erei vS--- 1 '■-■'■.'•^ i ar'beit, die mit jeldlelmi Ta,; ,! V weiterführen sol'leni, tnul Genossen im Auslände i , . ^■ werden. Die Ar'bieitsl'os'igkeit ist unge'hieuer groß , uinld die Erhaltung unserer Hilfsinisititutionen erfordiert uinge'heure Mittielll, diel Wir hieirl nicht! 'mehr lange werden aufbringen könlnjen. Wir ridhtien an; alle jüdischen Arbeiter, insbielsbndiene an unsere Genossien ini Amerika und Engtljanld1 die Bitte, in diesen schweren Tagen es zu biöwleisien, daß die Solidarität1 unldl Verbundenheit des jüdischen Proletariats' aller Länder nicht nur auf dem Pfcpiier.e besteht, sondern: sich atich in werktätiger Hilfe 'beweist. Wien. Zu den jetzt vorzunehmenden Arbeiterratswahlen erließ das Wiener Lokalkomitee in jüdischer und deutscher Sprache folgenden Aufruf: Das deutsChösterreichische Proletariat schreitet zur Wahl seiner Arbeiterräte. Der Kapitalismus' hat die Menscheit in den ruchlosen Krieg gestürzt. Aus! dem ,Elenld|, das dieser angerichtet hat, sucht die arbeitende Menschheit den Weg zur neuen Ordnungu zum Sozialismus. Das bisherige Wirtschaftssystem, das auf Planlosigkeit beruhte, aus1 der Ausbeutung der Proletarier lebte, muß der planmäßigen Organiesierung der Wirtschaft Pülatz machen. Es müssen; die Naturschätze und die von den arbeitendien Menschen erzeugten Produktionsmittel den jiänden der Bourgeoisie entrisslen werden. Die Produktion mußi von der Gesellschaft für die Gejsel;lsch!aft, betrieben werden. Es gilt also die Wirtschaft zu sozialisieren. Um diesen revolutionären Prozeß durchzuführen, hat sich die Arbeiterschaft ihre eigenen Organe! gesdbaffen. Mit »elementarer Gewalt sind idiej Arbeiterräte als Instrument des1 Kampfes und des Aufbaues ins1 Leben getreten. Diese urwüehjsjgeu Klassenorganisationen unld nur sie können (den! Sozialismus verwirklichen! Im Bunde mit den kapitalistischen Blassen gibt es keinen Aufbau des Sozialismus. Die Befreiung der Arbeiterklasse kann nur das Werk der Arbeiter selbst Sien. Dazu sind die Arbeiterräte berufen. In diesem historischem Werke müssen die jüdischen Arbeiter mit den deutschen Arbeitern mitkämpfen und mitarbeiten. Das jüdische Proletariat, das' in allen Revolutionen den tätigsten Anteil genommen, muß auch! hier alle seine Kräfte in den Dienst des Sozialismus stellen. Die internationale Solidarität gab uns immer SChwung und Begeisterung. Sie muß uns' auch jetzt beseelen. Unsere tätige Anteilnahme ist doppelt notwendig, da in dem großen Prozeß des' Umbaues! dier Gesellschaft unsere eigenartigen wirtschaftlichen und kulturellen Bedürfnisse ihre Erfüllung finden! müssen. Die jüdischen Proletarier sind der produktivste Teil des jüdischen Volkes^ und ihre geschichtliche Sendung liegt darin1, lb|eim Neuaufbau Idter Gesellschaift ,für sidh und die große jüdische Volksmasse dias Recht auf Arbeit und die P(flicht zur Ar,beit zu reklamieren. Die heute so unnormale Berufgschichtungr der Juden darf kein Grund zum Ferinlbleibem von der Umgestaltung sein. Sie muß im Gegenteil Ansporn? für uns werden, an deim Produktivierungsprozesse teilzunehmein, um unsere Volksmassen in ausgiebigstem Maße dem sozialistischen Wirtschaftsleben zuzuführen-. Im Kampfe um unsere wirtschaftliche Befreiung werden auch wir die Erfüllung und volle Befriedigung unserer kulturellen Bedürfnisse in Gemeinschaft mit den deutschen Arbeitern erlangen. So müssen die jüdischen Arbeiter an dem Ausbau der Arbeiterräte teilne'Wmen, um der internationalen Solidarität der arbeitenden Menschheit und der allweltlichen, zu einer unl'öslbaren Schicksalsgemeinsdhaft zusiammiengesehmiiedeten jüdischere Arbeiterklasse zu dienen. Jüdische Arbeiter! Stellt Euch in die Reihen des kämpfenden Proletariates! Euer Vertrauensträger sei der hingebungsvolle Fürspruch des internationalen. Sozialismus, des jüdischen Proletariates. . t ut In*/ " K J V>i< , . w.^liiiü. ....iistag, ...i-. o. «. ja., o unr aoends, wichtige Mitgliederversammlung mit der Tagesordnung : „Wahlen zum Arbeiterrat". Dienstag, den 8. d. M., 6 Uhr abends: „Wochenschau". Donnerstag, den 10. d. IT., Gen. Alexamder: „Die Gesckichte der jüdischen Arbeiterbewegung in Rußland". Verein jüd. sozialistischer Hochschüler „Cheruf*. Sonntag, den 6. d. M., 3 Uhr nachm., Cafe* Jägerhof, IX., Porzellangasse 22: Pltnarsitaung bezügl. der Parteiberatung Sonntag, den 13. d. M., emtfällt die Plenarsitzung wegen der Parteiberatung. Sonntag, den 20. d. II., Gen. Michel Kohn: „Die exterritoriale Lage des jüdischen Proletariats". Sozialistische Vereinigung jüdischer Hochschüler. Samstag, S.April, 5'/« Uhr, im „Künstlercaft", I, Franzensring 18, vis-a-vis der Universität, Dr. E. 0. Kraus: „Sozialismus als Weltanschauung". Dienitag, 8. April, 5'/2 Uhr, im Parteisekretariat, IL, Glockengasse 6, 2. Stock : Seminar. Leiter Dr. Bienemzucht. Samstag, 12. April, 6 Uhr, im Cafe „Wien", I., Franzensring, vis-a-vis der Universität, Diskussionsabend. Thema: „Bürgerlicher und proletariseher Zionismus*. Referenten Dr. Schwadron und Dr. Nagler. Stets Gäste willkommen! „Pinski-Feier" im Wiener Komödienhuus. Donnerstag, den 24. April 1919, l/46 Uhr abends, veranstaltet der Jüdische Verein „Nord-Ost" im Wiener Komödienhaus anlässlich des 25jährigem Dichterjubiläunaß eine „Pinski-Feier". Zur Aufführung gelangt i» „deutscher Sprache" (übersetzt von Martin Buber") das bekannte Arbeiterdrama „Eisik Schottel" unter Spielleitung des Herrn Oberregisseurs Egon Bresher. Karten sind im Vorverkauf zu haben an den Theaterkassen Nussdorferstrasse und Basar Kotenturmstrasse. An die Genossen und Genossinnen in Wien und in der Provinz! Wer den direkten Vertrieb der „Freien Tribüne" übernehmen will (gegen Bezahlung), wolle sich an die Administration, Wien, II., Glockengasse 6, T. 17, wenden. Genossen und Genossinnen sammelt für den Pressfond! Herausgeber und verantwortlicher Redakteur Arnold Deutsch. Druck ron Josef H o y e r, Wien, IX., Liechlenstuinstrafte 3

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