Freie Tribüne
- Journal
- Freie Tribüne
- Volume
- 1 (1919)
- Issue
- 12 (4.4.1919)
- Date
- 1919-04-04
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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REDAKTION und VERWALTUNG 9 Wien II, Alockengasse 6 Tflr 17. Erscheint jeden Freitag. Organ des? j&cU&ehen. ie Tribüne eozia»ldLexntolsi*atisolien Partei ,,i?o»le Zion" Proletarier aller Völker vereinigt Euch! BEZUGSPREIS samt Zustellung! Ganzjährig . . . K 15.— Halkjährig . . . K 7.50 Vierteljährig . . K 3.8t Einzelnnmuier 30 Heller. I. Jahrgang Wien, 4, April 1919 Nr. 12 Folg» der Revolution. Die Revolution in] Ungarn hat nicht bloß das ungarische Piroletariat zur Macht erhöhten, sie ist der empfindlichste Sehlag, der idiglm räuberischen Imperialismus der -siegreichen Ententekapitalisten versetzt werden konnte.! Die Wut, die 'sie erfaßte, als die Arbeiter, Rußlands ihnen die Gefolgschaft kündigten! und: im! revolutionärer Selibstheifrlidhkeit d(en "Krieg; abbrachen, tfie Ohnmacht, die sie immer meih'r ausfüllte, als! all ihre „Maßnahmen", Rußland auf den rechten. Weg zu bringen, versagten, vereinigen sich jetzt in der Seele der vveltbie herrsch enden Militärs und! Bourgeois, sie bald ziur Raserei, bald zur Verzweifi- 'lung bringend'. 1 1 Werden sie nun in dieser aus Grimnii und Impoitenzgefühl erwadhsenden Situation der schwan, - Menden Untätigkeit verharren? Sie; ikönneln dein Sturz dies' Kapitalismus votmJ Throne der Macht in zwei Uändern nicht verwindien urijqjsie wagfctat andererseits nicht den offenem Kampf, aus Fiurdht, selber im Wien Abgrund zu| stürzen. So 'ist Ihne Haltung, unsicher und ihrei Tatkraft gelähmt. "Gaß sie a'bler nicht wach' wer.de, ist die Aufgabe des internationalen P-rioHetariatä, zu der es sich1 Überall mit freudiger Entschlossenheit bekennt. Gewiß sind die Arhieitelr ini allen Län[d|e;i-!n durch! MeinungTsverschiedewlüeitein über die AnweinkÜbajrkeit und den Zeitpunkt djer Anjwendu(n|g der revolutionären Methode geteilt, aber ungeachtet dieser Mieiniin'g'sve'.rschieidiennieitiein stehen dje, sozialistischen Parteien inj jödlem Lande in voller' Elnmlütigkeit auf Seiten der revolutionären Regierungen, 'die proletarische Gegnerschaft gegen jeg- ■ ,)Händ!e weg vom roten Ungarn!" schmettert nicht, nur dbr; Aufruf der kommiunistisehen Internationale, diese Losung erheben alle sozialistischen Parteien und sie widerhallt aus dem Herzen jedes' Pfrolietairiers. Diese Losung revolutioniert üjbeirjall die Arbeitermajssen und die Parteien wetteifern in| dem Best reiben, die entsprechende Geisin!nu;n|g zu betätigen. (Am erfrisdhendlsten geht diese Beiwegung, durch die Reihen des1 tschechjsdhen Prolietäiriats, dessen offizielle Piartei schon arg in dem Netze des nationalen, ja militaristischen ChauviniislmUs verstrickt zu sein schien, die aber heute in nicht mißzuverstehfender Weise der tsdheehischien Bourgeoisie die Solidarität mit deml ungarischen Piroletariat offenbart. Der tscheehisidhe Militarismus sollte der Vorspann für die; Interessen! des Entenjteimpeirialisimus sein, aber die tschechische Sozialdemokratie zerstört diese Hoffnung. In ebensolcher Weise verhält sieh der Sozialismus in Siüdslawien und iefese zielbewußte Stellungnahme ist so, sehr das Be>djürfn,is; dler gesamt en (Arbeiterbewegung, daß dank ihr Jdie im Kriege zerrissene, internationale Solidarität njicht nur wieder - •hergestellt, sondern audh wiieider eine, reale internationale Kraft wird. Das internationale Proletariat!häti wiedier gemein,- same Interessen, die heute sdhon überall durchgesetzt werden müssen, gemeinsame Interessen zum Schutze der revolutionären Regierungen und diese Solidarität des Handelns,; nidht bloß der Ziellei, ist sb, Ibe'dieiütiUings'voW, daß sie! allüe Richtungen dies Sozialismus einigen mluß. iSiie schafft und! festigt! die Grundlagen der neuen Internationale. Der Zionismus vor dir FriedeisbonfBPinz. Als überall' die Hoffnung blühte-, daß nach dem furchtbaren Kriege das Leben der Völker auf der Grundlage der Sellbstbestimni'ung und Freiheit neu aufgebaut werden Würde, da glaubte das jüdisdhie Volk auch sein e Zeit gekommen. Als oh die Welt 'Wetteifern wollte, an dler Aufrichtung und Erhebung dies jüdischen Volkes1 mitzuwirken1, ergossen sich von) alllein Seiten die Erklärungen für die nationale Selbstbest immune1 ,der Judön. Das Stodkhblnier FriedeJns|m!anife&t der Internatjo^frl^^radh sidh1 in eindeutiger Weise für 'die nationale Autonomie und! für Palläsitjinai aus lujnfci! <—: die gleiche, Entscheidung wurde von der Friedenlsitkonfierenz erwartet, wenni sie diesen Namen verdienen sollte. Aber die „Friedenskoniferenz" hat alles getan!, um ihrem Namen Unehre zu .bereiten. Sie läßt die 14 Pfunkte'WilsOtts auf dem Papier und sie wird 'von allen guten Geistern verlassen. Gerechtigkeit sollte von ihr ausströmen!, a!ber bis nun halt siel nur Verderben ausgestreut. Oder lassen wir ,uin|s: vom Gefühl hinreißen, id'as von unserer Ungeduld! erzeugt wird? Ist es noch verfrüht, über die Friedenskonferenz zu urteilen!, e!he sie ihr Urteil1 gesprochen hat? Nun, die bürgerIidhe jüdische Demokratie kennt uinse re Qualen nidhlt und sie denkt so wenig an die imperialistisdben Strömungen im' Lager der Sieger, daß sie alles Heil für däjs1 judische Voilk auf jeden Fall vom Friedensvertrag erwartet. So wurde die jüdische Frage vor die Friedenskonferenz gebracht. Freilich wurde sie nicht in ihrer ganzen Breite aufgerollt und nicht die a 11 s e i tigern Lebensbedürfnisse des jüdischen Volkes wurden zur, Sprache gebracht, sondern nur die zionistischen, Forderungen. Als ob .diel Palästina hestrebunlgen, ohne die nationale Freiheit in den Ländern der Massensiedlüng irgendwelchen Wert hätten! Doch die Pariser Friedenskonferenz hat ihre besondere Auffassung! vom Leben und den Entwicklungsbedingungen der Völker und sie wollte „vorerst" nur die zionistischen . Fo rde rumge n -hören. Sie wurden von Ohajim Weitzlmann1 vorgetragen und hatten fügenden Inhalt: I. daß sie den historischen Anspruch des jüdischen Volkes auf Palästina; und das Recht der Judlen); in Palästina ihre nationale Heimstätte wieder zu errichten, anerkeniift, II. daß die Grenzen Palästinas entsprechend einer beigefügten Karte fesfgefsetzt werden sollen.'*) III. daß der souveräne Besitz Palästinas .dem Völkerbund übertragen und! Großbritannien als Mandatar des Völkerbundes mit der Verwaltung beauftragt; wird,; . IV. daß dies Mandat folgenden besonderen Bedingungen unterworfein sein soll: a) Palästina; muß unter solche politische:, administrative und wirtschaftliche Bedingungen gestellt werden, daß die Errichtung der jüdischen' nationallen Heimstätte gesichert wird, und daß später die Schaffung eines autonomen Gem'einwesenö (aiitoniomous camm|oriwealth) ermöglicht wird, wobei zu versteihlen Ist, daß nichts gle^an iwerdlem so\% Was die religiösen odler iburgejrlidhen Rechte bestehender nidhtjüdiseheir Gemeinsichlaften in Palästina! oder die Redhte und die politische Stellung der Juden in irgend einem anderen Lande beeinträdhtigen könnte. 'b) Zu diesem Zweck soll die Mandatarmadht unter anderem: I. die jüdisehe! Einwanderung und1 geschlossene' Ansiedlung auf dem Lande, fördern, wobei die begründeten Rechte der gegenwärtigen nichtjüdisehen Bevölkerung gleidhmäßig glelwahrt werden sollen; *) Zwecks Unzerreißbarkeit des Landes.. Feuilleton. Ein Menschenhaufe. (Straßenbild.) Von Duwed Pinski.*) Ein Pferd stürzte. „Daß es der Teufel' hole," fluchte der Fuhrmann, ein kleines, mageres Männchen, mit einem giel'ben, dünnen Bärtdhen und machte sich diaran^ vom Wagen herunterzusteigen. Einige Passanten bllielben stehen. Kinder liefen hierbei und ahmte« währendtl^ßsen einem) Pferdie taadh, indem sie ihre Füße' krümmten und ihren Kopf nadh rückwärts;bbgen. Der Passagier sprang von deir Droschke herunter, bestieg eine andere und mähhlte dien Kutsdher!zu rasdher Fathrt. Er ibeeilte sich1 und alle wußten es, dejnn ier faltete die Stirn un|d: machte eine (sehr unzufriedene Miene. Der Fuhrmann sandte ihm einen bösen, stechenden Blick voll Verachtung nach. „Den 'haliben Weg schon gefahren, psia Krew." Das Menschenhäuflein spürte die Ungeredhtigkeit, die jeder Einzelne von ihnen auch begangen 'hätte. »Ein feiner Fährgast!" flüchte das Menschen^ Wäufltein, Der Fuhrmann sdhütteite seine ganze Wut auf das Pferd. Mit voller Wucht stieß er seinen großen Stiefel gegen den Bauch des Pferdes. Es s'dbien ihm, daß dies nicht sehr sdbmerze und) ier *) Anlaßlich seines «5jährigen Schriftstellerjubiläums. Die Red. stieß mit deml Absatz sleinies Stiefels stärker zu. „Krankheit über didh1!" Das Häuflein wartete auf den dritten Stoß, ihn schon im voraus spürend. Das P/ilerd erbiete am ganzen Lfcib, blieb phlegmatisch und faul' liegen und stierte gleichgültig unid kaltblütig in die Ferne. Es wollte liegen bleiben, kormme, was will. Es kümjmerte sidh nicht um Idas Miensc'henhäufl!ein und schien es äudh gar nicht zu bemerken,. Der Fuhrmann ergriff die Zjügeil1, hieb! mit der Peitsche wahllos hin uihd schalt: „Nu, nuj, nju! Krepierein sol'list du! Die Pesti üiber didh!" Aus dem Häufl'ein Höste sidh ein junger Manln heraus. Er gl'au'bte z[u Wislseln, wie man deim| Pfeirdle aufhlelfen könne. Er wollte hier seine Meisterschaft beweisen, erfaßte den Sdhweif dies pfierdieß und riß an i hm . » Das Häuflein sah ihm zu und verfiel auf gute Gedanken. Von allen Seiten! kamen Ratschläge. Noch einige Hände grifflein zu. Ein Bursche schling mit einem Stock drauf los unid sdhrie: „Nu, nu» nu!" Kr hätte: das angenlelhmei Gßfiuihl1, als (o!bi das' Pferd lief!© und er hinterdrein antrielbe, wie bei einer Spazierfahrt. Das Pferd lag ruhig da. Es empfand, es 'nur ein wenig unan'gCnehm'j daß jesmahd es an seinem. Schweif zupfte, als wollte man ihn herausreißen, und daß jemand mit seiner Faust auf den Bauch einhielb', als wollte ier dort! ein Loch schlagen. Der Fiulhrmann versuchte, auszuspannelni. Das Häuflein begriff plötzlidh, daß dies d(as beste Mittel sei. „Ausspannen!"' erschollen [Stimmen. Man glaubte, das Plferd welrde jetzt jäh aufspringen und trat zurück. Der junge Mann ließ den Schweif entmutigt lös. Das ausgespannte Pferd spürte die Erleichterung und ibliob mit derse|lb|ein faulten' Miene! liegen. Nun htegann das Schleppen1, Stoßen, Schreien, Schlägen von neuem. Das Häuflein 'blickte gespannt. Verzweifelt sdhlüg der Fuhrmann1 mit den Füßen los, wohin er nur traf. „Die Pest jübter dich!" Das Mensdhenhäufchen spürte diiS Weh!, spürte die Schläge. „Ein Raniberl" munmeltei es.' Der Fuh'rmann hielt eine Weile inhje, sah auf das Pferd un|d| s,ann um Rat, Ihlmi tat Idas Herz twe!h!. Wieinen mödhlte, er und sich das Haar ausraufen; das Pferd küssen un$ es anflehen, aufousteheni und fortzugehen. Und iblütig schlagen möchte er es. Und diese Müßiggänger hier, was wollen sie? Kommie die Pfest übter sie, über das Pferd^ übieri ihn seilbist und iüber diel ganze Welt! Er schlug nas Plflerd mit seinicm! Fuß gjejgjem dfcfn Baueh und griff Inach1 dem Hafers^ckchem. Er slchlüttete eine Handvoll Hafer vor das Pferd! hin. Das IMenschenhäufltein kam wieder auf gute Einfälle. „iEn ausgehungertes Ftferd, eine Sünde Gotte$i, hier werdein Schläge nidhts fruchten. Füttern muß man es, damit es Kraft häbe^ aufzustehen." Das Pferd beachtete iden Hafer nicht einmal* Der Fuih'rmann drückte dein Kopf des Pferdes zum Hafer hin. Doch es griff nidht danach, „Es krepiert," besdhlöß der Menschenhaufien. Man ließ nach, vom Rütteln, Schlagen und Stoßen. Der junge Manu wischte sich den Schweiß vom Gesicht. IW" Organisiert Euch politisch und gewerkschaftlich!