Freie Tribüne
- Journal
- Freie Tribüne
- Volume
- 1 (1919)
- Issue
- 11 (28.3.1919)
- Date
- 1919-03-28
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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-REDAKTION und VERWALTUNG i Wien II, Glockengasse 6 Tür 17. Erscheint jeden Freitag, Freie Tribüne BEZUGSPREIS samt Zustellung] Ganzjährig . . . K 15.— Hattjährig . . .K 7.5* Vierteljährig . . K 3.8t Einzelnömmer 30 Heller. Organ de* jüdisolien aozialdleniokvatiselien Piuetei „Poale Zion" Proletarier aller Völker vereinigt Euch! I. Jahrgang Wien, 28, März 1919 Nr. 11 Die Revolution in Ungarn. In Ungarn hat das! Proletariat alle Macht ergriffen und die,Diktator der Räte aufgerichtet. Das' Land, 'dessen herrscbemdief Klassen einst dem' russischen Zarismus in der Niederhaltung, deir Arbeiterklasse und tter unterdrückten Völker nachstrebten, steht heute an der Selite des revolutionärem Rußland. ' Zu Tode regiert haben sich die feudalen und bürgerlichen Klassen und in völliger Ohnmacht Waben! sie das Feld der einzig llelbendfcgen "Kraft, dem' sozialistischen Prolletariat Überlassem1. Sie '■hatten, k a m1 p f 1 o s abgedankt, weil1 sie dem Bntelnteimperialisimus, dier die gemarterte Menschheit mit leieren iPihrasen und voller Munition .erlösen will, keinen Widerstand leisten können. |ümd ■weil1 sie ihn 'mit dient rotem Proletariat strA-eckenwollen!; abieir dieses wird irn&t dem Ausbeutern im der Enteinte und den Ausbeutern im eigenem: Larid zugleich Abrechnung haften. Es mag sein, daß heute die, bürgerlichem Klassen in Unjgarnnur von Schadienfreudie über die Bestürzung der ebenso heuchlerischen wie machtgierigein Alliiertem: erfüllt sinldj; aber dieses: nromentane Wohlgefallen! der Gejginer 'des! Proletariats kann dessen Triumph nicht*" verkkineirn, denn die bis gestern in Unigarn noch* herrschenden KÜasslem Wa'bein nicht nur vor 'dem' äußeren nationalen Feind, sondern auch' vor dem1 inneren Klassengegner kapituliert. } Wieinm so die ^proletarische Herrschaft auf ari- 'dlere Werste ins Leibleln trat iaills> in; Rußland, so h!at :die ungarische Revolution! vor der russischen dias eine yoraiujs, olaß sie von allem1 Anklang, an |m ~;£h]ein?1ä!^^;h)e|it, vor sich! geht. Der erstlei Sieg dier Bolsehlewi- ^tten war übler Sozialisten'erriungein und der gewaltt ätige Kampf von; Sozialisjtein gegen Sozialisten konntte die Herzten des intelr nationalen Proletariates nicht gewinnen;; der Riß1 in den Reiih'en dies /russischen Pirolletariates ging durch! die Herzein des in.ternatiostaleim; die Einmütigkeit der ungarischein Arbeiterkl'a'sse mjuß uns a 11 e ierhebeln. Aus dem Gefängnis wurdien die Kommuniste!n geholt und zusammeni mit dem Sozialdemokraten ha'blem sie, 'di;e prolet arischiel sEinheitsflront1 hergestellt; was' im Deutschland tweglemi idesl Verhaltens dier Mehrm!eitsi$Ozialistem nicht möglich1 war, umd worin die Umialbhlän]gigen auf ihrem' letzten Parteitag ihre programilmatischie Erklärung ausklingew ließen, kam also in Ungaimi zustande. Darum1 ist die ungarische Resolution nicht niur1 eine bedeutsamie! Tat im Kampf -gegen1 die UnterjochlumiglsigelMste der kapitalistischen Entente, nicht nur ein gewaltige-r Schritt vorwärts auf dem1 Weg zur sozialen Gerechtigkeit, sondern; auch1 ein Vorbild der proletarischen' Solidarität, die! alle sozialistischen Parteien, unter welchen Bedingungen uh!d in welchen Formen sie auch kämpfen müssen, zu verwirklichen1 gezwungein sein werd!en|. Jüdischer flrbeiterliongriß in flmeriha. \ Im Jänner fand in Newyork ein Kongreß der' amierikanisch-jüdischen Arbeiterschaft statt, von:dem es noch' ungewiß ißt; o!bi ier eine] ständige Institution •bleiben wird, der aber .auf! jelden 'Fal'l von jBedeutung äst. Dejnlni in; Amierika gibt es wohl* mächtige jüdische Gewerkschaften, deren Kämpfe oft für die ganze Arb'eitersehiaft (des Landeis vorbildlich sind, auch sinid'iauf deta' Gebiete deir sozialen und kulturellem 'Fürsorge starke jüdiischiei Aribieiterorganis'ationen, wie der Arbeiteirring un'd der Arbeiterverband vorhanden, allein einen politisch organisiert en Gesamt willen des jüdischen Proletariats gib* es nicht; es ist zwar durchwegs' sozialistisch und ihm' dient eine weitverbreitete jüdische sozialistische »Preiste, eine entsprechende jüdische Sozialdemokratie aber beisteht nicht. Sollte der Arbeiteirkomigrelß einien Ersatz darstellen? Welche AnschaUiumgeln sollte er zur Geltung bringen? Um1 Klarheit darüber zu, gewinnen, m|uß man sich dessen, bewußt sein, daß im Lande1 zjwjei RiChtumigen miteinander ringeni, die große Masse d|es Proletariats für ihre Foridleruü©^ zu gewinnen: Die „Pöale Zion" und die „Föderation jüdischelr Sloziaiisrten". , , :Aiuf.'. Initiative; -.icBer .«ppalie. *2io:ri'" wurde nun] ^lÄorif^^jMh^ E'netz Israel labjgelhälteu/lajuif dielm» leine Viertiel MÜlion organisierter jüdischler "Arbeitelr (Trade Ünions, Arfbleitierrinjgi-Arbeitervielrb'anids^weige) sich1 für einiei i n t e r n a t i o n a f g a r a n t i e r t e, u n a b h ä n ig i g e j jül di s c h e; R ep |ub11'i k i n Pi a iä s t i n a erklärte. Die Einberufung des1 jetzigein Arbieiterkongressleisging voniden lAniWängierhi der Födielration aus, der, jeidoch die Bedieutiung dels Arbleiterkonlgressies für Erez Israel' nicht erreicht hat und zwar weder was d!ie Zähl der vertretenem Organisatio^ijein; noch' waö die prinzipielle Klarheit btetrifft. Die Föderation! ist ein Abklatsch des „Bjund", ohne jedoch dpe! Rfolle zu spielen^ die dle'r vBunld" für die jüidische,Arbleite rschaft in Rußland: gjehabt' hat1, und zum' Teilte! noch' hat. Die Föderationisteute sehen ihre Hauptaiu%abe darin, die. von Idjer „Ploall'e Zion" verfochten© J^llarheit in der nationaljein! Frage zu bekämpfen. Trotzdem wurde auf jdem kongresser unter dem Einfluß der „Ptoale Zion" in der Frage deir n a t i o n a - malen Rechte einet Resolution anigenommen, die die Einführung, (der n a t i o n a 1 p e r s o n a I e ni Aiutonomie fordert, e'benso wurdeln die von der „Pioale Zion" so oft vertrete nein Vorschläge ju'ber! die Regulierung der Immigration1 regiuliert umldiv sdhließrich1 sprach sich der' Arbeiterköngreiß dafürv aufs», d[aß auf VerÜanjgehi .der Elter|n in| den öffentlichen Volksschulen die jüdische Sprachief, Literatur uinid Ges'chich'te gelehrt wejrdem soll. ' In der Minderheit blieben die „Pioale Zion" in der Palästinafrage. In dier Resoliütionskom!missioin( hatten sich ^war alle Richtungen für eine Resoliitiom gieeinigt, die sich' dahin ausspricht: „daß Palästina als freies, neutrales Land erklärt werde, in welchem dem jüdischen Volke die Möglichkeit desAnfbanes eines nationalen H e i m w e s e n s garantiert werde unter der Bedingung, daß dies nicht geschehe auf Kosten der bürgerlichen, politischen und nationalen Rechte einer anderen Nationalität in Palästina; jedenfalls solle jeder Nationalität die Möglichkejt der vollen nationalen Existeaz und Entwicklung auf gleicher rechtlicher Grundlage gegeben werden". Gegen diese Resolution wurde j.edjoc'H von den Föderationisten eine Entschließung eingebracht, die den Ausdruck „nationales H ei m wesen" meieret, die aber dem1 Zionismius eintgegemkommen muß. Sie besagt: „daß in Palästina keine Nation, ob Majorität oder llnrorität spezielle Eechte habem dürfe, daß aber durch den Fliedensvertrag internationale Garantien geschaffen werden müssen, die der jüdischen Nationalität die Möglichkeit geben, sich frei zu entwickeln und ein freies, ungestörtes, nationales Leben auf gleichem rechtlichen Grundlagen mit anderen Nationalitäten in Palästina zu führen, wobei die Möglichkeit der freien Emigration und Koloaisation inbegriffen sei". _ ' ' ' DiÄ'feöllSiÖnt- WüÄ^ Ä ' i237 ^^n k Stimmen anigenommen. Weil1 siel keine ausgesprochen zionistische ist, wird der jüdische Arbeiterkotnigneß in unsieren bürgerlich-zionistischein. Blättern totges'dhiwiegfen. Jede! proziomistisch'e Phrase einieir hbhem Persiömlidhkeit wird aus tausend Trompeten in die Welt hinaus geblasien, jeide auch nur im'<ieringsteu unangenehme Mielinung ignoriert. Nun, auch die P,al!ästinaresölütion des jüdischenj Aribieiterkomgrteslsesi ist' eSne Tatsiache. Sie beweist, daß die Gegner d(eis Zionis'musi hoch Einfluß besitzen, sie beweist aber auch1 delren Zuriückweichem, d|e|nm auch sie mußlten vom mational'en Leben des jittidiiIs^Chen Volkes im P,a l'läst in-a und von Im« ternation;,alern Garantien rediein. : » Die Abstimmung zeigt aber (auch1, daß 148 Delegierte für die ab^ellehlnte Resolution waren, denn ein größer Teil1 der jüdischem Arbleiterorganisatio- Feuilleton. Jüdische Elegien. Von Duwed Einhorn. " Man skann diesefn stillen, absieitigen Meister eines verinne|rlidhten! und in djer jiddiisChjen Lyrik vor ihmi' 1 umgehörteln Klangles einem Romantiker nennen und damit nur literarkritisoh d,e|n Ort bestimmen, an den er inlnieirh'alb einer sich erst entwickelnden Dichtung hinjgjeh'ört. Damit wäre das' Inhaltliche 'djer r^inhornis'c'h'cln Lyrik angezeigt, wie sie sich in seinem bisherigien Bücherlm: ^.Stille Gesangen" und „M'ane Lidejr" uns! id(arstellt und nodh nicht auls!- gles'agt, daß Einhorn sprachlich und|vformal ejine B"ereichelrung der jididischen (Literatur bedeutet. Ein Romantiker innerhalb einer auf das Vergangene! eingestellten Volkspsydhe wäre gewiß keine Neuhelit und — wenn man noch die hebräisdh[e Pjoesie/ des -Mittelalters (Jehujdia Halevy) als die Aeußelrungen dersielben Grund'Stim'mung "ansieht — vielmelh'r der Fortsetzer einer alten Trajdjition. Aber geradef dK.es ist Einhorn nicht. Er ist ein Romiantiker, abejr einer der. jüd[isdhen Gasse, des Städteis, «dieS verhärmten unri blassen MädchenSv. Das bedeutet, daß Einblorfi dieses Milieu bereits verloren hat und dtaß aus ihm ^die Selhnslucht nach Vergamgenemi singt. Nun we[iß man, daß tili es es Ghetto'— natürlidh wird jdSs'ruinter nur diel geschlosslene Siedeliung eimer kulturell uniformem Masse verstam- Ö'eh; — für viejle, für jdlie Verlcüjndet d'er neuen Judemheit geradiej, der ertd(hafte Griund ist, in dem; sie wurzeln. * Einhorn dagege[n scheint idiiesie volkshafteni und unmittelbarein Säfttnur für dein Aufbau seiner Spradhe, s'ejiner Rhythmik zu verwerten, während sie sidfo izu schwach! eirweisen, noch1 den Inhalt in volle Lebendigkeit aufzulösi'en. Däritm1 ist ihm noch immer sejine Landschaft mit fcKer Ghlettomauer umisftiellt, an (die! .idiasi Klostejr stößt, über das; er ebienso fräu'mt, wie über die AJltagsdingie. Der einsame Klang seinels Liedes bleibt ih!m| Oh'r. Kein Stern tiiem! Himmel1 (überstrahlend!, aber ein Jurzätlechtl, das keiner (missen mödhite, der die Schul liebt. / K.'K. Die hier übersetzten Gedichte wollen eine Probe von Einhorns lyrischem Schaffen geben und sind seinem Gedichtbande „Mane Lider" entnommen. D. R. « I. Uralter Ahnen Schwermut nagt an mir, Das1 Leid schnitt in die Stirn mijr blutige Zeichein; O Teuere^ wer wieäß, o'b| imich d|ennJ ijei Der Hornruf dex Erlösung wird erreichen? IdhJ weiß nicht, teluere, was härter ist Ob' Abieis Tod, obi Kainsi unendlich Leben — Mich aber strafte, zwiefach hart mein Gott: ' Er hat idie Qualetn beider mir gegeben. Vereinsamt stehe ich und bin veiridlammt Die Sünden aller Kreiatur zutragen. — Wo ist (denn, sag'3i Wo ist dfie Kraft \yon eünst:;* Pur Gott Izu glühen, auch1 wo Schafotte ragefn? .— Ii. Vor uns1 liegt lieferen Raum,' der Weg wird endlos siein ... Begib Dich irge/ndwo, in Traumversunkenheit. Niehl] harre!s|einer mehr, er wird nicht kommen — Wund liegt er an d(en Plforten. Romls', dem Tod geweiht ... Ifn'dfcein ErbarWeh mehr, deir Himmel ist'.verriegelt; . Die Schechina ist entflattiert und: ließ uns allein. Und groß ist unser Leid, es überflutet Welten!t- Und wy-, iwie isind: wir miüd vor ih'm, wie sind wir klein. Die Ahnen sind schon tot, in Schuht verlöscht;die Flamme; Das letzte Aug,' fällt zu, 'die letzte Wand zers'dhe'lltt^ Nur noch ein Trost verbleibt: es wird mit Unsl i zusammen In Nichts1 versinkein auch1 das letzte Heil der Welt. Nachdichtung aus dem Jiddischen von Isaac Schleyer. Organisiert Euch politisch und gewerkschaftlich!