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Freie Tribüne · 1919-04-19 · 14 (19.4.1919) · page 4

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Journal
Freie Tribüne
Volume
1 (1919)
Issue
14 (19.4.1919)
Date
1919-04-19
Page
– (sequence 4)
Language
German
Belongs to
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Seite 4 Freie Tribüne Nr 14 drängenden, immer Sieh bewegenden und stets von Heuern "Schaffenden? Und werden um diese Unerschrockenen nicht, mit Recht, beiseite liegen lassen oder gar . . . ,. mit Verachtung über unsere -zertretenen Körper hinwegsitürmen? Werden wir dann das Recht haben, in das gelobte Land zu gelängen, okijer gar auf die Gestaltun[g desselben in unserem jüdischen, Arbeiterinteresse Einfluß zu nehmen? Werden wir dann nicht immer sitzen bleiben .... an dier Schwelle. Undi, sind wir doch einmal .aufrichtig. "Uns, - dem jüdischen Piroletariate gegenüber. Hat die sogenannte Novemberrevolution in der. jüdischen Gasse gesiegt? Hat sie: dias jüdische Leben befruchtet oder auch nur berührt? Hat man ihren Flügelschlag In dem jüdischen tjhetto überhaupt vernommen? Q, ja. Die negativen Wirkungen dieser vermeintlichen Revolution hat das jüdische Proletariat am! eigenen Körper in gesteigertem Maße zu spüren bekommen. Die Arbeitslosigkeit, die Armut, die Geldentwertung, die Lahmlegung ganzer Wirtschaftszweige,, und endlich - als politische Auswirkung dieser sozialen Erscheinungen - der Antisemitismus, lasten auf dem jüdischen Proletariat mit erdrlückendier Schwere. Wo bleiben jedoch auch nur die scheinbaren Symptome der sonstigen bürgerlichen Demokratie? Wo bleibt unsere demokratische Volksgemeinde als Symbol der innerpolitischen, wo unsere ,demokratische" von der republikanischen Obrigkeit anerkanntei nationale Autonomie als1 solche dier außenpolitischen Befreiung? ( Hat das; deutschxisterreichische Proletariat von seinen Renner-Gümther nichts zu erwarten, vvas sollten sich die jüdischen Proletarier von ihrer Stricker- Steirn-Repräslentanz noch versprechejni? "Oder sollten wir als jüdische sozialistische. Arbleiterpartei ujnsere Aufgable djarin erblicken, d'ie erzreiaktionäre;, jüdische Bourgeoisie nach „links" zu treiben? Es ist klar. Erscheint die Diktatur des Proletariats für die P>r olletarier aller Ländler und Völker als die einzig mögliche Voraussetzung ihrer Befreiung von kapitalistischer .'Herrschaft,, so ist dieise'Diktatur.für das doppelt geknechtete jüdische Proletariat die Voraussetzung aller Befreiung überhaupt. 'Denn auchijirn Kampfe f!ü;r: seine nationale Emanzipation - und das sei hier laut und vernehmbar verkündet -ihat und kann! diajs jüdische Proletariat ntelmafö irgend ein gemieihisames Interesse mit der jüdischen Bourgeoisie ha'ben. DaS nationale Ideal d|er jüdischen Arbeiterschaft ist die (internationale Solidarität der sowohl von ka- Ipitalistiseher Ausbeutung als' aiuidh von nationaler .Unterdrückung 'befreiten PfroletaVier aller Völker. DaS nationale Ideal1 der jüdischen Bourgeoisie ist die dauernde und grenzenlose Ausbeutung des jüdischen Proletariats:, ohne dalbiei von der benachbarten Bourgeoisie jgesit'ört" zu werden. Und damit wir unser Idleal verwirklichen, ■bleibt uns nichts anderes übrig, als' gemeinsam mit dient deiUtschösterrieiclhisohen proletariate für die soziale Revolution zu kämyife'n unddiitrch idie Diktatur des' Proletariats die endigiültige Befreiung! möglich zu machen. Dann und nur dann ist erst die Voraussetzung geschaffen,, in der wir jüdischen Proletarier auch mit unserer eigenen Bourgeoisie fertig werden können. Erst, wenn! die jüdische ^Bourgeoisie nichts mehr darein zu reSen liat, können wir, jüdische Arjbeiter, daran schreiten die an dem Leben umseres arbeitlen den Volkes wuchernden; und nagenden Probleme der Unproduktivität verhältnismäßig großer jüdischer Massen, der 'Exterritorialität des gesamten jüdischen schaffenden Volkes in unserem profetarischen Interesse und sozialistischem Geiste zui Küsten.; Wagen wir es nun,, Genossen! Uebers'chreiten wir kühn und selbstbewußt die aus altern^ von der Niederreißung der bürgerlichen Ideologie zurück fjeftßettenen Schutt, künstlich err/Chtetfe Schwelle. Höret, schon nahen die Proletarier'brüder aller Völker» schon setzen sie ihre sidhleren Fußtritte auf dieise Sdhwelle/seid bereit und ihr werdet die Schritte der sozialistischen Weltrevolution vernehmen. Alexander Serpow. Wirtschaft und Freiheit. Die soziale Revolution, wtelche von'Kußland ausgehend, siCh1 übler 'Ungarin uinid Teile von Deutschland verbreitet hat und von der niemand wissen kann, dbl und wo sie ihren' Stilfetajid finden' wird, sie hat in dem Ideerikomplex des: Sozialismus, der von so einheitlichem Gefüge schien, einen Widerspruch zutage gefördert, den man früher nicht bemerken konnte, weil es kein' b!eg rif flieh er Widerspruch ist. Diese Erscheinung ist Regel. Das ganze Leben läßt sich in ieüi logisch1 geschlossenes System nicht einfügen, wiell die Zahl |s!einfer kotnstituienundien Elemente unendlich1 ist und weil ihre möglichen «(omlbinationen daher unendlich in einem noch hohleren Grade sind. Das System1 erfaßt Inur einen; Ausschnitt; und wenn es meint alle Probleme gelöst zu haben, so nur solange, als es nicht; konkretisiert werden soll. In dem "Momente jedoch, wo es! seine Verwirklichung erfahren soll, enthüllt sich un.vorausgesehene Problematik. Der Widerspruch', der im Ideenkomplex des Sozialismus eben jetzt zutage tritt! dort wo er verwirklicht werden soll, ist der zwischen Freiheit und Wirtschaft. Der Sozialismus war "immer als eine freiheitliche Bewegung gedacht, ist doch nach dem Erfurter Programm das Endziel der Sozialdemokratie die Aufhebung „jeder Art der Ausbeulung und .Unterdrückung,, richte sie sich gejgten eine Klasse, eine Partei, ein Geschlecht, eine Rasse". Nun soll hier nicht das Problem „Diktatur des Proletariats oder Demokratie" erörtert werden. Nicht darum handelt esi sich;, denn treffend wurde kürzlich die Diktatur des Proletariats die Demokratie de r Produktiven genannt. Aber klar war es iedenfal'fo daß tilajs Proletariat selbst Freiheit erlangen sollte. Dies war 'das End'ziel,, und die Ve rges ellschaftlichung der Produktion nur uas Mittel' hiezti. Erstens einmal sollte dadurch der Mehrwert c'tem Proletariat selbst zufließen und überdies durch geregelte Produktion für die tatsächlichen Bedürfnisse der arbeitenden Klassen 'ihre wirtschaftliche Lage eine Besserung erfahren. Damit wäre die Lohnsklaverei des Proletariers gebrochen und ihm zugleich auch eine gewisse Unabhängigkeit von der Notdurft dies Lebens gewährleistet. Diese Unabhängigkeit von der Notdurft des Lebens, diese Lösung aus'der Ar'beitssklaverei, wurde von vielen 'sozialdemokratischen Schriftstellern im den glänzendsten Farben geschildert. Bebel und Kautsky ins'besonderei wurden nicht müde, die wirtschaftliche Lage im Sozialistischen Zukunftsstaat zu preisen. Und so wurde „Hebung des wirtschaftlichen Niveaus" die zentrale Idlee und Befreiung f von der kapitalistischen Herrschaft das' Mittel. Denn da die Entwicklung gezeigt hatte, daß die Vergesell'schaftliChung der Produktion, wie sie der Kapitalismus gebracht hatte, die Pirodiuktivk'raft vielfach vermehrte und ungeheure Reichtümer erzeugte, wenn diese auch nur den rechtliehen Besitzern der Produktionsmittel zugute kamen, so war nur notwendig, daß die Produktionsmittel vergeseilschaftlicht wurden, die Kapitalisten expropriiert, das Proletariat von der Herrschaft des Ausbeuters befreit wurde, damit dieser Reichtum den arbeitenden Klassen seinst zugute Käme.- Nun kam die soziale Revolution. Die Fesseln fielen,, aber die wirtschaftlichie Lage blessierte sich nicht. Vielmehr: sie sank. Uebereinstiminend „melden Berichte aus "Rußland von Stillstand der Fabriken, Flucht aus den Städten und in Ungarn wurde erklärt: die Arbeiter dürften nicht erwarten, daß es ihnen nun besser gehen Würde, sie müßten ihrem! Freihettsideal auch wirtisChialftliche Opfer zu 'bringen bereit sein. Die Bergarbeiter wollen nicht in die Schächte fahren, die Hochöfen werden ausgeblasen: es tritt eine industrielle Abrüstung ein. Es wurde von verschiedener Seite versucht, dem' entgegenzutreten. Kautsky rief: „Wichtiger als die Vergesellschaftung der Produktion ist die Produktion selbst". Trotzky forderte zur Disziplin auf un,d am radikalsten vertritt Neurath den Standpunkt „Wirtschaft gegen Freiheit". Mit Hilfe eines industriellen Militarismus will er die Produktion aiüfrecht erhalten; der Arbeiter soll zur Arbeit gezwungen werden können, sowie er seinerzeit zum' Heeresdienst gezwungen worden Worauf ist diese ' Erscheinung einer mit eintretender Freiheit automatisch sinkenden Produktion zurückzuführen? Marx schöpfte seine Anschauungen über den Gang der sozialen, Entwicklung aus~den Verhältnissen wie sie sich ihm in England darstellten. Es' war die Epoche, in der dort die moderne Großindustrie ihren Sieg über das Kleingewerbe und die Manufaktur erfocht. Die Kraftquelle war die Dampfmaschine, die Ret riebstech nik ihr angepaßt, und der Mensch nichts als ein Maschjneneieme(n|t. Ein m i <ß h' a n d e 11 e s Mäschinenelement, weil leicht ersetzbar, aus den Beständen der industriellen Reservearmee. Diese Mißhandlung war empörend und Marx fand glühende, brennende Worte um dieser Empörung Ausdruck zu verleihen. Aber die Betriebstechnik selbst war ihm kein Problem, konnte, ihm keines sein. Die Ve rges ellschaft lichung der Produktion hatte der Kapitalismus vorgenommen und er hatte seine Betriebstechnik gewählt,, indem er die menschliche Kraft rein mechanisch bestimmt in Rechnung stellte. Dies war ihm aber nur möglich* weil die Träger dieser Kraft, die Menschien1, g ez wuivgen waren,(sich einer solchen Betriebstechnik einzufügen. Der Irrtum war zu glauben, daß eine Betriebstechnik, die mit Menschen, die tinter Zwang stehen» rechnet, direkt übernommen werden Kann für Menschen, die das Bewußtsein ihrer Freiheit haben. Eben dies ist die Wurzel des Widerspruches, der jetzt zutage tritt. Das, was man yjSozialisielrung der Betriebe" nennt, ist nichts als Sozialisierung dex Gewinne. Aber der Arbeiter hat die psychologische Einstellung verloren, die ihn geeignet machte, in solchen Betriehen Gewinne zu produzieren. Können wir die Losung akzeptieren, die Neurath vorschlägt? Kann die Revolution Zwang heißen? Revolution ist Freiheit und dieses Freiheitsstreben; wird sich nicht aufhalten lassen. Der Arbeiter atmet auf in dem Bewußtsein;, endlich frei zu seini (ujniä er wird durchhalten, auch wenn er 'Fetzen um seine Füße wickeln muß, weil er keine Schurre hat, so wie er durchgehalten hat, weil1 die Produktion 4 Jahre lang auf Minen und Granaten anstatt auf Gegenstände seines Bedarfes' eingestellt war, * eine Abrüstung unseres industriellen Produktionsniveaus ist unvermeidlich, falls nicht die Revolution durch eine Diktatur der Bourgeoisie abgelöst wird. Aber der Widerspruch zwischen Wirtschaft und Freiheit wird gelöst werden müssen. Er wird seine Lösung finden durch eine Revolutionierung der Produktion. Sozialisierung der Betrie*he ist richtig verstanden: Errichtung einer sozialen ^etriebstechnik. Und so ist Verwirklichung des Sozialismus nicht nur ein politisches und (ein soziales* sondern auch ein betriebstechnisches Problem. Bibliographisches. „Ejgeus". Sammelbuch — Kiewer Vorlag, 1919 f Es ist tragisch, daß wir dieses Buch nnr durch einen Zufall iu die Hand bekommen. Es ist das einzige Exemp]^ .in Wien. Symptomatisch für die Bedingungen, unter denen sich jetzt die jiddische Literatur entwickelt. Kein Zu8ammen_ hang, keine kongruente Linie im Gang ihrer Entwickle Nur Gruppen, denen ihre Führer ihr Gepräge geben. Das große Lager mit dem Vortragszeichen Wilna zerfiel viertünffach: Amerika, Kiew, Warschau, Lemberg, rekte Wien und vielleicht auch Moskau — wer weiß es. „Ejgens" redigierte Dawed Bergelsohn, er ist der Führer und das ist gut, er ist der Führer und das ist monoton Bergelsohu ist ein Erzähler von außerordentlicher Begabung aber ein Phlegmatiker. Er zeichnet seine Helden scharf und mit Genauigkeit. In langen Sätzen entwickelt er ihre Seelenkämpfe und zwingt sie sogar, wenn sie ihm nicht folgen nach seiner Note zu leben. Und gerade dies macht sie uninteressant. Die Sprache Bergelsohns ist reich und vollendet, sie ist rein jiddisch. Der im Buch „Ejgeus" veröffentlichte'Anfang eines Romanes „In fartynkelte 2ajtenu trägt in sich alle oben erwähnten Vorzüge und Nachteile Bergelsohns. Der Nister gab zwei symbolische Erzählungen. Er verrannte sich in seinen Symbolismus. Absichtlich zerbricht er oft seine Sprache, die sonst schön und voll wirken könnte, wenn er sich von den gesuchten Firlefänzen eines erklügelten Wortgefüges befreien wollte. Immerhin aber bedeutet er eine Hoffnung für die jiddische Literatur. Noch eine symbolistische Schöpfung befindet sich in diesem Sammelbuche; diese schrieb Alter Kazisne. Sie wirkt weder durch ihr Thema, noch durch ihre Form erhebend. Hier fehlt Klarheit! Leib K witk o und J.Dobr uschin, beide unverkennbar unter ' dem Einflüsse S. J. Imbers stehend, Dawed Hofstein, üb eher Schwarz mann und Peres Markisch gaben Gedichte. Durchwegs begabte Dichter, deren Namen fast noch unbekannt sind. Diese jungen Leute ahnen die Weltliteratur, ahnen dort im fernen Osten das Lied des Westens, das Lied der Welt. Ein neuer Hauch geht durch diejiddische Literatur. Es ist die Sprache des Heute, die hier geführt wird, die nackte, unverblümte, die sich kein Rosenblatt vor den Mund hält. Der Verlag kündigt weitere Bücher an; man darf sie mit Spannung erwarten. M. & Voranzeigen. Allgemeiner jüdischer Arbeiterverein „Poale-Zion" IL, Stefaniestraße 2. Ein jeder der Genossen und Genossinnen des IT. Bezirkes wird ersucht, seine genaue Wohnungsadresse mittels Korrespondenzkarte schleunigst bekanntzugeben. Parteilokal II., Glockengasse 6/17. Samstag, den 26. d. M. um l/27 Uhr abends Vortrag» des Gen. Alexander: Geschichte der jüdischen Arbeiterbewegung. Sozialistische Vereinigung jüdischer Hochschüler. Freitag den Si5. d. M. um 6ya Uhr abends im „Wiener Ringeafe", Stubenring 18, Vortrag Dr. Heinrich Glanz: „Die sozialpädagogischen Aufgaben des jüdisch-sozialistischen Studenten*. Gäste willkommen! Akad. Verein „jüdische Kultur« und Lokalkomitee der jfid. soz. Arb.-Partei „Poale Ziona veranstalten Sonntag, den 20. April um 5 Uhr nachmittags^ im kleinen Musikvereinasaal einen Rezitationsabend moderner jüdischer Lyrik, an dem Jakob Mestel nnd Melech Rawitsch Diebtungen der repräsentativen jüdischen Lyriker aus Amerika, Rußland und Galizien lesen werden, Moses Gross die literarische Conference halten nnd Isak Deutsch jüdische Lieder und Volksmotive singen wird. Die letzten Karten an der Abendkasse. Für Studenten einige ermäßigte Karten. Hnzeigeri. Benjamin Apfelschnitt (Drohobycz) und Reg. Caoezkes (Kopeczynee) verlobt. 5. Preßfond-Ausweis. Purimfaicr K 100.—, Frau 8. Kohn K 63.—, Älingcnberger K 10.-, N. N. K 2.-. O. Lerner K 24.-. Zusammen K 109.-. Bisher K 17*8.60. Gesamtbetrag K 19*7.60. Die Genossen werden gebeten, die gesammelte» PreSfondgelder sofort abzuliefern. Heraasgetor uad verantwortlicher Redakteur Arnold D « * t s c h »ruek von Josef H y e r, Wien, IX., Liechtenateiostrate S

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