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Freie Tribüne · 1919-01-24 · 3 (24.1.1919) · page 4

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Journal
Freie Tribüne
Volume
1 (1919)
Issue
3 (24.1.1919)
Date
1919-01-24
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Seite 4 Freie Tribüne Nr. 3 Von der Partei. Brief ans Chemnitz. lAut Einladung der Ortsgruppe Chemnitz der jüidtstrten, sozialistischen Arbeiterpartei Poale-Zion sprach Sonntag, den 8. Dezember im! großen Saal!des kaufmännischen Vereins, Genosse Salman Rubasthow aus Berlin über: „Jüdischer Sozialismus". Er führte tn jüdis'cher Sprache aus, daß nun das alte national-gleichgültige Judentum " zusammengebrochen sei und daß das nationale Juidemtumi, dias inder letzten Zeit überall aufgeblüht sei, neben dem Wiedererwachen des nationalen Selbstbewußtseins bei den Juden auch' ein Aufblühen des sort al tstischen Gedankens im1 nationalen Judentum mit sich gebracht habe. Es war kein Zufall, daß gerade der Jude Karl Marx, der Aufrufer zur Befreiung des Proletariats geworden ist, denn aireh jetzt ist die proletarische Verknechtung nirgends schlimmer als gerade bei dem1 j üd|is chlen {Proletariat; an dieser Achtung für Karl Marx im1 sozialistischen Judentum ändert auch die Tatsache nichts, daß Marx selbst (vielfach dajs Judentum! als den eigentlichen Träger Ideß Kapitalismus bekämpfen zu müssen glaubte; heute kommt es nur auf diciVereinigunlg des sozialistischen und national-jüdlischem Gedanken an. Ohne Sozialismus kein nationales Wiedererstehen des Ju- Idejntuimfe und ohne nationales Wiedererstehen des Judentums kein wahrer Sozialismus für die Judjen! Dieser jüdis'ch-soziial'istisehe Gedanke ist kein erklügeltes! Gelehrtenerzeuignts, sondern er ist aus iden Massen des! jüdischen Proletariats selbst hervorgewachsen.. 6 Am1 Schlüsse erwähnte der Redner noch die Welle jüidischer Pogrome, die jetzt durch Galizien luinid Polen geht, mit der dasi wi cid ervereinigte Pptem seine junge Freiheit unauslöschlich befleckte., iunjd die jedes menschlich Ifühlenide Herz mit Em!- ipörung ,unid Erbitterung erfülle. Das jüdische Volk ShSabe in der EndukLüng solcher Verfolgungunjd iDrangsalierung zwei Staldien durchgemacht, das der (willenlosen Ergebung in: 'die Grausamkeitem seiner. iPein ige r und dann, aus! Mamfgel an Machtmittelm1, idas des passiven; Heldentums, das sich selbst vernichtet, um' dem rohen Feind keinem Triumph zu gönnen,. Jetzt käme das dritte Stadium. Dßs gesamte pdische Volk dürfe auf diese Greuel nicht mehr friit Protesten antworten, sondern geschlossen' in dem Ländern, tu dfemen sie wohnen, und auf der mähenden Friedens koinferenz die Fordierumg vertne,- tem und ihr zur Anerkemjtiung verhelfen;: Gleich- Iberechtigumg, sowie nationale Autonomie, überall, wo die Juden sie verlangen;. Es: entspann sich hierauf eine lebhafte Diskussion;. Als erster kam1 Rabibtnelr Dr. Fuehjs izu Wort, der die letzte Protestnote der Deutschen Staatsbürger jüdischen Glaubens und die unhaltt>are Position dieser Juden als bloße Religionsgeimeins'chaft zu verteidigen versuchte. Er führte Folgemdes aus: Er fühle sich kieshalb ganz als Deutscher, weil er, seine Eltern, ja schon seine Ahmen; nier in 'Deutschland aufgewachsen wären, seit 150 Jahren hier lebten. Er habe deutsche Schulen besucht deutsche Kultur genossen, sein ganzes Wesen isei [vomi Deutschtum durchdrungen und er müsse sagen, daß er für Idte Juden als Volk nichts empfin-;dem könne. Da stünde er ihnen ganz fremd gegenüber. Nach ihm1 ergriff der sozialistische Stadtpräsidemt Gen. Hermann K r aiin o ld das Wort. Er sagte: „Ich als Deutscher muß meiner Entrüstung (über diese Anschauung Ausdruck geben, die soeben ein jüdischer Rabbiner vorzubringen dem Mut hatte. Ich drücke dem1 jüdischem Volk', das lange genug tffür die Freiheit anderer gekämpft hat und nun »ich auf seine eigene besinnt umid auf dem' Weg ist, die Fesseln seiner Knechtschaft zu zerbrechen, meine iviollste Sympathie und die des arbeitenden deutschem ^Volkes aus.. Wenn die Juden aller Ländler (nicht jetzt, in der Zeit, in der auch die kleinste Nation; ihre Rechte geltend macht, sich auf (sich selbst besinnen und ihre Forderung nach Anerkennung als einer Nation zum Durchibruch verhelfen weriden, dann werden sie idiese Anerkennimg weder jemals erlangem,, noch Vierdienen. Aber ich selie mit warmer Freude .den das jüdische Volk beseelenden Williem. Lassen Sie sich auf dem1 mühevollen Weg zur nationalen Autonomie in dem Ländern, in denen Sie wohnen, ,und zur jüdischen, sozialistischem Republik in Palästina nicht entmutigem. Es gibt überall1 Rückschläge, aber das Ziel, die Befreiung, der Ju^den von jeglicher Knechtschaft und die Errichtung des sozialistischen Staates in ihrer alten Heimat ist Ihnen bei festem1 Willen sicher," Stürmischer Beifall dankte dem' Redner für seine Worte. Nach einer Rede des Dr. Sichel bekam1 dier Referent 4as Schlußwort. Er sagte, er habe seit seiner frühesten Jugend immer nur Ehrfurcht vor, (dem Rabbiner gehabt. Aber angesichts einer solchem Auffassung eines jüdischen Rabbiners von dem Wesen des "Judentums, könne sich dieses Gefühl nur in Entrüstung verhandeln. Man solle doch die Deutschen selbst fragen, ob sie die Juden als unlöslichen Teil des deutschen Volkes empfänden? Er sei erstaunt, daß Jahrtausende gemeinsam erlebter jüdischer Geschichte so spurlos vergehen konnten, während 150 auf deutschem Boden verlebte Jahre Herrn Dr. Fuchs so entscheidend beeinflußen konnten, daß er sich nur als Deutscher fühle und sein Volk als erlöschen, zu einer bloßem Religionsgemeinschaft 'geworden betrachte. Den temperamentvollen, von Herzem kommenden, zu Herzen gehenden Ausführungen des Rettmers hätte man gern noeh lamge zugehört, wenn die Polizeistunde es röcht verboten hätte. Brief aus Frag. Am 14. Jänner hatten wir im Vereinslokale eine große Parteiversammhing mit der Tagesordnung: Bericht über den jüdischen Natiomalkongreß. Ueber Pre;sse: Ref. Gen. Fischl, der mitteilte, daß die Versammlung beschlossen habe, eine Tageszeitung in tschechischer Sprache herauszugeben, welche die Aufgabe haben wird, die Oeffentlichkeit über die jüdfsehen Strömungen zu informieren,. iWeiter daß die Exekutive der P. Z. beschlossen hätte, ein Wochenblatt herauszugeben (in tschechischer Sprache). lieber Seh(u 1 weisen: Ref. Gen. Dr. Kohn, /verlangte, daß die Ktnjcfcr in jüdischen/Schulen un|i von [jüdischen Lehrern unterrichtet und im jüdftschen Sinne erzogen werden. Ueber soz. Fürsorge: Ref. Gen. Hugo. Waldstem. Er teilte auch imit, daß sich einige Komitees im- Rahmen des jüdischen Nationalrat gebildet haben: wie Wohnungsrec'htsschutzkomitee, um die jDtftsch'e Bevölkerung vor ungerechten! und gesetzwidrigem1 Kündigen zu schützen, Mieteaufbesserumg usw., Schaffung eines Jugendamtes, Schutz {gegen Tuberkulose, Schaffung von Erholungsstätten usiw. U e be r O, r g(am üs at i o n: Ref. Gen. Rud. Kohm, welcher uns die" Resultate klarlegte, welche wir in der Organisationsfrage durchsetzen wollten und durchgesetzt haben.Tn der Schlußrede betonte Gen, Rud'. Kohm, daß die „Poale-Zion" bei jeder Kommission, welche vom1 Kongreß gewählt wurde, je einen Vertreter unserer Partei gehabt hat und iwir trotz der riesigem Minorität alle unsere Forderumgen durchgesetzt haben, welche wir für das jüdische Proletariat für wichtig ansehen. Brief aus Budapest. Die große Not und die Arbeitslosigkeit dier jüdischen Arbeiter in Polen umd Galizien nötigte viele jüdische Arbeiter ihre Heimat zu verlass(en und in der Fremfde Arbeit zu suchen. In Ungarn aber riß der Krieg die Arbeiter aus den Fabriken und Werkstätten heraus und1 trieb stiem die Schützengräben. Deshalb stellte sftch hier ein großer •SE^mgel an Arbeitskräften ein. Um1 die arbeitslosen Arbeiter Polems und Galiziens für die ungarische Industrie zu gewinnen, schlickte die umgarisfehe Regierung Agenten nach Polen, um' von dort Arbeiter zu bringen. Die Agenten versprachen ihnen Berge ^voll Gold, aber die Ausbeutung war ohnegleichen. Die jüdischen Arbeiter mußten schwer arbeiten und bekamen geringeren Lohn und wenn sie sich zu diesen Bedingungen wicht bereit erklärten, zwang man sie mit militärischen Mitteln, Unter dem eingewandertem jüdischen Arbeiern bcf«rö(Jeji $i<fh' auch unsere Genoslsem. Sie spähen bald ein, wie sehr es nottut eine eigene Organisation zu schaffen, die unsere jüdischem Arbeiter vereinigen und sie mit der allweltlichen jüdischem, proletarischen Bewegung verbinden solle'. Zu diesem1 Zwecke schufen sie ein Komitee, das eine Reihe von Versammlungen veranstaltete mit der. Tagesordnung: „"Die Notwendigkeit einer 'Organisation." Es referierte der Genosse Jeschaje Se|iler, aus Lemberg. Bald traten auch eine große Anzahl jüdischer Arbeiter bei und wir bschlossen unser Parteiorgan „Der jüd. Arbeiter" zu verbreiten. Am 13. Oktober referierte Gen. Seiler, über die Organisierung des jüdischen Proletariats. An der Diskussion nahmen teil die Gen. Großmann, Nachbin, Efraim Kremladorf und Bridniewski. Am 20. umd 27. hielten wir eine Versammlung mit dem Thema: „Die Lage des jüdischen Proletariats" ab. Am' 3. November, 3 Tage mach der siegreichen ungarischem Revolution beriefen wir eime große, Versammlung mit der Tagesordnung: „Die siegreiche Revolution und das jüdiische Proletariat". Es referierte Gen. Seiler, welcher in gelungener, Weise auf die Klassenmomente in der ungarischem Revolution bewies, daß wir jüdische Proletarier den Sieg des ungarischen Proletariats warm begrüßen und sich mit ihmen in eime Reihe stellen müssen'. Nach den Ausführungen des Gen. Großmamn. cter auch in diesem Sinne gesprochen hatte, wurde eine Begrüßungsresolution an die ungarische Sozialdemokratie angenommen. Die Massenversammlung wählte eine Deputatton bestehend aus den Gem. Seiler, Großmann und Nachbin, die die Begrüßsumg dem Vorstande der ungarischen Sozialdemokratie persönlich zu übergeben hatte. Die Resolution wurde in den Organen der ungarischen soz.-dem. Partei wiedergegeben. Am 5. November beschlossen wir auch einen Vortrag über „Die Kultur und die Arbeiter" abzuhalten, Kurse einzuführen und einen Lektorenklub zu begründen. Der 1. Kurs über politische Oekonomie macht gute Fortschritte und es beteiligten sich an ihm eine große Zahl von Genossen. Am 10. November hielten ^wir ein Referat ab über „Unsere Beteiligiung an 'der Proklamierung der Republik" und wir beschlossen mit einer roten Fahne zu marschieren. Am 16. November, dem großen historischen Tage des imgarischen Volkes, als die freie Volksrepublik proklamiert wurde, und das ungarische Proletariat an diesem Feiertage teilnahm, demonstrieten wir jüdischen Arbeiter mit unserer eigenen Fahne. Mitten unter allen Fahnen der proletarische!!! Prgamis&tionejnj beim Parlament, flatterte auch unsere jüdisch-sozialistische Fahne, die Fahne der bewußten jüdischen Proletarier in der Pjoale-ziomstischen Organisation. Nebenbei: die hierortige Presse rühmte unsere Gruppe und unsere Fahne. Nach der Demonstration hielten unsere Genossen flammende und begeisterte Reden. Dieser Tag wird lange im1 Gedächtnis der hierortigen Arbeiter, fortleben. Am 23. November veranstalteten wir im Saale der Neologen einen „Mendale-Mojicher-SfurimirAbemd" anläßlich der erstem „Jahrzeit" unseres „Seide". Das Programm war reichhaltig und der Abend verlief sehr schön. Es' sprachen Gen1. Seiler. 'Es beteiligten sich auch die Gen. Löwy und Ribok, Salomon. Nachbin, wie auch diie Herren Schmuss, 'Reder und Kantor. Wir drücken hier auch allen Beteiligtem unseren Dank aus. Am 27, November beriefen wir eine Protestversammlung gegen die Lemberger Pogrome. Gem. Seiler hielt eine scharfe Protestrede, in welcher, er auf die Ursachen der polnischen Pogrome, auf die' judenfeindische Haltung des polnischem Volkes umd auf die umsöziausfische Stellung der P. R $v zur jüdischem Frage verwies und daß die polnische Politik .eiqne Gefahr sei für dierganze internationale Demokratie. Der Referent besprach auch die Aktion unseres yerbiandsbüros in Stockholm1 umd auf . die mutigem, brüderlichen Proteste .aller sozialdemokratischen Parteien in Westeuropa. Er wendete sich an die Vertreter des ungarischen Proletariats, daß auch sie die Pflicht der internationalem Solidarität erfüllen und scharf gegen die Taktik' der polnftfschem 'Pogromstifter und der polnischen Sozialdemokratie protestieren mögen. Die Rede machte einen starken Eindruck auf das zahlreich erschienene Publikum'. Am 30. November sprach die Genossin'Löwensohn aus Lublin über „Die Strömungen im jüd- Proletariat"; am der Diskussion beteiligten sich die t Gen, Großmann, Nachbin umd Czernichowski. Josef Brahmann. Voranzeigen. Vereinigung jüdischer Sozialdemokraten „Poale^ Zion", Wien, I., Schottenring 12 (Cafe Adler). Mitgliederauij nähme von 6 bis 7 Uhr abends. - Samstag, den 25. Jänner 1919, um 7,6 Uhr abends, im Soutersamlokal dea Caf6 Solly, I., Werdertfiorgasse, Vortrag des Gen. Dr. öokal über: „Was wollen die jüdischen Sozialdemokraten?" Sozialistische Vereinigung jüdischer Hochschüler- Vereinslokal: Cafe City, IX., Porzellangasse. Freitag, den 24 Jänuer 191.9, Diskussionsaoend mit Vortrag von Genossen Dr. Bienonzucht über i „Der Sozialismus uad der jüdische Student". Jüdischer sozialistischer Arbeiterverein „Poale Zion«, Wien, XX., Wallensteinstraße 62 (Privatlokal, Eingang von ' der Straße). Sonntag, den 26. Jänner 1919, Vortrag des Genossen Dr. Nagler über: „Eine jüdische Sektion in dar Internationale". Anfang 3 Uhr nachmiltags. Dienstag, den 28. d., Vortrag des Gen. Rudel über: „Die Konferenz der „Poale Zion" in Warschau"• Beginn 6 Uhr abends. Donnerstag, den 30. d., 6 Uhr abends, Vortrag des Gen. Hytnik: „Politische Tagesfragen". Allgemeiner jüdischer Arbeiterverein „Poale Zion", Wien, II., Stefaniestraße 2, Tür 34. Sonntag, den 26. d.' 3 Uhr nachmittags, Versammlung mit der Tagesordnung: „Zextfragen". Redner Gen. Alexander. Montag, 6 Uhr abends: Diskussion über politische Tagesfragen. Mittwoch, den 29. d., findet im Cafe Adler, I., Schotteuring 12, ein Schule m- Alechem Abend statt. Mitwirkende: tfrau Graf, Herr Prof. Ehrlich, Herl' Haber, Herr Ufschitz und Herr Lubin. Karten ä K 3.— und 2.— im Parteilokal, Wien, II., Glockengasse 6, Tür 17. Arbeite** und A^beife^i^ne^ gebet Eure Stämmen für» die iCandidateailiste , der Sozialdemokratie £ Herausgeber und verantwortlicher Redakteur Arnold D e u t s e h. Druck von Jo»ef H o y e r, Wien, IX., Uechtenstefawtraße 3

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