Der jüdische Wille
- Journal
- Der jüdische Wille
- Volume
- II (1919-1920)
- Issue
- Heft 3 (November 1919)
- Date
- 1919-11-01
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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VOM FALSCHEN GEIST DES JUDENTUMS Durdh unfere Reihen geht jetzt ein merkwürdiger und beinahe etwas komifcher Streit. Es hat lidi nämlidi eine lebhafte Diskuffion darüber entfponnen, was man als die konfiituierenden Merkmale einer Nation betrachten müfle. Man fühlt lieh dabei etwas in frühere Jahre verfetzt, wo wir den Difput über diefe akademifche Frage mit Gegnern durchzufechten hatten. Da pflegten nämlidi beide Gruppen berühmte Staatsrechtslehrer und fonfiige Autoritäten zu zitieren, mit deren Hilfe regelmäßig fdilagend nachgewiefen werden konnte, daß die Juden keine Nation, beziehungsweife daß lie doch eine feien. Mit der Zeit wurde uns diefer Streit zu dumm, und wir hielten fchließlich die Tatfadie unferer Exißenz für einen fchlagkräftigeren Beweis als die fchönfien Argumentationen des feiigen Bluntfchli. Und jetzt ergibt fich die fonderbare Tatfache, daß das beinahe fchon vergeffene Feldgefchrei in unferen eigenen Reihen aufs neue ertönt, daß -wieder fchwere Autoritäten von zwei Seiten aufgefahren werden, kurz: daß wieder ein fehr wiflenfchaftlicher Aufwand getrieben wird, um einer fehr un* wiflenfchaftlichen Sache zu dienen. Wozu das heute gefchieht, läßt fich nicht mit zwei Worten er** klären. Ich könnte zwar fagen, daß es um die Definition des Nationaliudentums als eines formal oder material zu beßimmenden geht und könnte mich dann für eine der beiden Richtungen mit ge* lehrten Gründen einfetzen. Aber es würde fich ergeben, daß wir zum Schluß genau fo klug find wie vorher. Mit diefer Methode nämlich hat Herr Dr. Abraham Schiefinger <im »Juden« IV, 4> die Frage be* handelt / er ifi dabei in fehr gründlicher und gelehrter Art verfahren: hat die Anfichten derer, die unferen Nationalismus rein formal, und derer, die ihn inhaltlich befiimmen wollen, dargeßellt, hat die Argumente für und wider abgewogen, hat dann noch einmal die entgegenfiehenden Meinungen, unabhängig von ihren Argumentationen geprüft und fchließlich den inhaltlich befiimmten Nationalismus auf der ganzen Linie fiegen lallen. Die Arbeit ifi verdienfivoll dadurch, daß fie das vorhandene Material zum erften Male überfichtlich ordnet und zu* fammenfiellt. Im übrigen aber bleibt fie unfruchtbar, weil die rein theoretifche Behandlung befienfalls die technifche Vorausfetzung bedeutet und weil das eigentliche Problem dann erfi beginnt. Nach fechzehn Druckfeiten deutet Herr Dr. Schiefinger zwar noch fchnell an, daß es hier im Grunde gar nicht um eine theoretifche, fondern um eine eminent praktische Angelegenheit ginge, aber was er dann