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Der jüdische Wille · 1919-04-01 · Heft 1 (April 1919) · page 74

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Journal
Der jüdische Wille
Volume
II (1919-1920)
Issue
Heft 1 (April 1919)
Date
1919-04-01
Page
– (sequence 74)
Language
German
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72 EINZELHEITEN und Menfchen der Biedermeierzeit ge« troffen. Felix Holländer verfuchte fich — künftlerifch und jüdifch gleichermaßen unzulänglich — an der Gründerperiode. Landsberger bediditet die Gegenwart in unerfreulichen Schlüflelromanen und fchwächlichen Satiren. (Des Nichtjuden Heinridi Mann »Schlaraffenland« ift/ was man auch lagen möge, nur eine maßlofe, antifemitelnde Verzerrung, die auch als bloße Karrikatur genommen, nicht wertvoller wird.) Dabei kann es für einen der Berliner Judenheit entfproflcnen Schriftfteller kaum einen dankbareren Stoff geben als diefen! Aber die paar vielleicht Berufenen haben Anderes zu tun. Georg Hirfch^ feld fdireibt lieber fdilechte Romane aus Adelskreifen,- Ernft Liflauer, der zubaufe gebliebene mofaifche Römer von 1914, muß Reventlowlche Leitartikel in kalte Verfe bringen. Da ift es denn fchon erfreulich, daß man bei Audnal wenigftens gute Sachkunde — mindeftens auf dem engeren Gebiete eines Teils des weltlichen Stadt^ vierteis — und nicht ganz unzureichende Mittel zu erkennen vermag. Zwar ift der Hauptheld, eine deutfdijüdifdie Siegfriedgeftalt, natürlich ein Privat^ dozent, der ohne Taufe nicht Ordinarius werden kann, viel zu blaß und fchemen^ haft geraten. Die anderen Perfonen indes, insbefondere die weiblichen Neben^ figuren, find gut, zum Teil fogar vor* züglich getroffen. Desgleichen ift das gefamte Milieu des getauften oder noch nicht getauften Wildweft mit teilweife photographifcher Treue wiedergegeben. Freilich vermiffen wir gänzlich ein Ein* gehen auf das geiftige. und äfthetifche Gehabe diefer Kreife, das doch unbedingt zu einem richtigen Gefamtbilde gehört. Der außenstehende Lefer wird vielleicht geneigt fein, mancherlei für kindlich übertrieben oder in krafler Tendenz gehäuft zu halten. Das ift nicht der Fall. Diefer ganze Wuft von Snobis* mus, Hohlheit, LInficherheit, Verderbnis und vor allem grenzenlofer Torheit ift bis ins Kleinfte der traurigen Wirk« lichkeit entnommen. Freilich ift es auch Audnal ~ und daher ebenfo den Helden und Heldinnen des Buches — bisher nicht geglückt, zu feinem Hauptproblem eine klare Stellung zu gewinnen. Andauernd reden all diefe abfoluten Freigeifter von der jüdifchen »Glaubensgemeinfchaft«, die man nicht feige verlaffen dürfe. Daß es aber außer dem Ekel vor Tauferei und Juden« haß noch etwas pofitivere jüdifdi^menlcn^ liehe Lebensinhalte auf der Welt geben könne, fogar für moderne Menfchen in der Bendlerftraße und am Kurfürftendamm, davon haben fie offenbar noch nie etwas gehört, obwohl fie f;ch Tag und Nadit mit der Judenfrage abquälen. Der Zionismus wird gefprächsweife in einem Sätzchen berührt wvA zugleidi abgetan, weil nämlidt die Juden zu lange in Europa feien, um fich noch in den Orient einfügen zu können. Wir find wohl über den Verdacht erhaben, das Werk eines jüdifchen Schriftftellers, der fich mit dem jüdifdicn Problem — fei es auch nur mit dem des modernen Berlin — dichterifch aus*- einanderfetzen will, danach zu bewerten, wie er fich zu dem zioniftifchen Parteiprogramm Hellt. Es fcheint uns aber, als ob folch Verfuch heutzutage ohne eine Fühlungnahme mit dem Sehnen und Ringen, dem Hoffen und Erleben des Jungjudentums, das doch noch einige Dinge außer der Kolonisation Paläftinas umfaßt, auch auf dem Gebiete rein künftlerifcher Darfteilung nicht mehr gelingen könne. Wenn Audnal — ob fich hinter diefem Pfeudonyni eine Frau verbergen mag? — lieh entfdiließen könnte, diefen Weg, der ihm im Grunde garnicht mehr fo fern liegt, zu be* fchreiten, fo würde das für ihn and auch für uns ein Gewinn. »Der Holzweg« ift als erfter Teil einer Romantrilogie »Das Recht des Stärkeren« gedacht. Wir fehen den kommenden^ Bänden mit liebevollem Interefle entgegen und empfehlen den vorliegenden trotz allem mit gutem Gewiifen zur Lektüre. Leider werden ihn gerade die Kreife, die fchon aus der Betrachtung ihres Spiegelbildes Nutzen für ihre unfterblichen Seelen ziehen könnten, doch nicht lefen, da Audna! nicht zu denjenigen gehört, die man gelefen haben muß. Uns anderen aber ift es gut, von Zeit zu Zeit zu erfahren, wie lieh die VerhältnilTe dem Auge nicht bewußt national empfin* dender Juden darfteilen, fofern dies Auge offen ift. Überdies kann das Buch den Vielen unter uns, die ~ glück! ich er weife oder leider — jene Welt nur vom Hörenfagen kennen, immerhin auch als Erweiterung ihrer jüdifchen Kenntnifte dienen. Freilich nicht der angenehmften. CONRAD KAISER Buclidruckerei Wilhelma R. Saling 8t Co., Berlin SW. 6S, Hollmannstr. 10

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