Der jüdische Wille
- Journal
- Der jüdische Wille
- Volume
- II (1919-1920)
- Issue
- Heft 1 (April 1919)
- Date
- 1919-04-01
- Page
- – (sequence 35)
- Language
- German
- Belongs to
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KUTZlNSKt DIE LEHREN BLÜHERS 33 DIE LEHREN BLÜHERS i Alle unfere Verfuche, jüdifch zu leben, bleiben problematifch. Die Ablehnung jeder Aflimilation wird uns nidit aus diefem Kon* flikt erlöfen. Nicht nur, weil wir in einer unferem Urfein fremden Weife leben, fondern vor allem, weil viele Werte der Umwelt von uns nidit ohne Weiteres als fremd abgelehnt werden können. Was wir in der Diafpora an fremden Erfahrungen erlebt haben, können wir nicht von uns weifen, nur aus dem Bewußtfein heraus, es feien fremde Werte. Es kommt auch hierbei garnicht entlcheidend darauf an, welche Inhalte wir uns aneignen, fondern wie wir diefe unferer Art gemäß verarbeiten. Es wäre überdies auch eine Selbfttäufchung, wenn wir wähnten, unfere Lebensführung könnte unabhängig von der Umwelt geßaltet werden. Auch die jungjüdifdie Bewegung der neueften Zeit trägt die Merkmale der fremden Umwelt. Es ift nicht etwa fo, daß jüdifihe Literaten die Poftulate der neuen Richtung geformt haben, welche die jüdifihe Jugend dann fpäter aufgenommen hat. Die neuen Ideen, wie fie fich z. B. in der Richtung der Aktiviften kund tun, werden von einem allgemeinen, nicht ans Räumliche gebundenen Zeitgeift getragen. Die Not des Problems liegt in unferer Aufgabe, Fremdes und Eigenes zu einer Einheitlichkeit zu verbinden. Diefer Verfuch ift fchon einmal geicheitert, als es fich um die Synthefe von Juden* tum und Hellenismus handelte. Wenn ich über Blüher, der mir einer der felbftändigften und innerften Kämpfer der neuen Ideen zu fein Icheint, berichte, fo be* itimmt mich dazu die Frageftellung: was von feinen Complexen ift geeignet, von uns Juden übernommen und verwertet zu werden? Aus der Entwicklung Blühers, foweit fie aus feinen Schriften hervorgeht, ift erfichtlich, daß er vom Einzelerlebnis ausgeht. Er gehörte zu den Gründern des Wandervogels. Im Rahmen der Gefchichte diefes Bundes, feines Aufgangs, leiner Blüte und feines Nieder* figs, formuliert er feine erften aufrührerilchen Grundideen. Der andervogel ift nach Blühers Auffaflung kein gewöhnlicher Jugend* bund, er ift romantifihen Geblüts. Er hat in feinen Anfängen niemals eine einheitliche Tendenz gehabt. Er war immer nur der Proteft der Jugend gegen die Verbildung des Gemüts, wie fie in Schule und Haus geübt wird. Die Schule verfolgt nur den Zweck, die Jugend zu Staatsbürgern zu erziehen. Infolge diefes Prinzips herrkht eine unfagbare Verlogenheit, eine tiefe moralifihe Korruption. Der Wandervogel verdankt feine Entftehung dem Verlangen nach Wahrhaftigkeit und Einfachheit. Die Jugend fei irre geworden an der Generation ihrer Väter und Erzieher. Sie fühle fich mit fremden Dingen gequält, dadurch komme fie zur Unwahrhaftigkeit. Das bisherige oyftem hat im fogenannten klaffifihen Ideal das Erziehungs* ziel gefehen, das fich aus der Kultur Roms, Griechenlands und